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Alfred Dreyfus

Alfred Dreyfus, in französischer Aussprache: [alˈfʀɛd dʀɛˈfys] (* 9. Oktober 1859 in Mulhouse/Mülhausen (Elsass); † 12. Juli 1935 in Paris) war ein französischer Offizier, dessen ungerechtfertigte Verurteilung wegen Landesverrats 1898 die „Dreyfus-Affäre“ auslöste.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Alfred Dreyfus war der neunte Sohn eines jüdischen Mülhausener Textilunternehmers (dessen Familiennamen übrigens eine Abwandlung des Ortsnamen „Trier“ darstellt, wie z. B. auch die Namen „Treves“, „Trivas“ usw.). Als das (damals noch deutschsprachige) Elsass 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg zum neu gegründeten Deutschen Reich kam, optierten seine Eltern (wie auch andere Angehörige der städtischen Eliten) für die Beibehaltung ihrer französischen Staatsangehörigkeit und siedelten 1872 mit einem Teil der Familie über nach Paris. Hier legte Dreyfus die Reifeprüfung (Baccalauréat) ab und bestand 1878 die Aufnahmeprüfung zur traditionsreichen École polytechnique, die damals hauptsächlich technische Offiziere, z. B. für die Artillerie, ausbildete. Er wurde Berufsoffizier als Artillerist und absolvierte 1890 einen Lehrgang an der Kriegsschule (École de Guerre). Im selben Jahr verheiratete er sich mit Lucie Hadamard (1869-1945), Tochter eines wohlhabenden Diamantenhändlers - der Mathematiker Jacques Salomon Hadamard war sein Schwager. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Pierre (1891-1946) und Jeanne (1893-1981).

1893 wurde Dreyfus, inzwischen zum Hauptmann befördert, zum Generalstab versetzt.

Dreyfus-Affäre

Im September 1894 gelangte der französische Geheimdienst, angeblich durch eine in die deutsche Botschaft eingeschleuste Spionin, in den Besitz eines handgeschriebenen Schriftstücks, in dem ein offenbar gut informierter anonymer Insider dem deutschen Militärattaché geheime militärische Informationen, insbesondere über die französische Artillerie, auflistete und zu liefern versprach. Der Verdacht fiel schnell auf den Artilleristen Alfred Dreyfus, den seine Herkunft als Jude und dazu quasi Deutschstämmiger zum Verräter zu prädestinieren schien, zumal er im Vorjahr, wenn auch nur zur Beerdigung seines Vaters, nach Mülhausen, also ins Deutsche Reich, gereist war.

Am 15. Oktober wurde er in das Dienstzimmer des Generalstabschef bestellt, aufgefordert, nach Diktat einzelne Worte und Satzfetzen zu schreiben, und anschließend verhaftet.

Am 31. Oktober waren Voruntersuchungen abgeschlossen, einen Tag später wurde Dreyfus bereits in der Presse als Verräter genannt. Am 3. November wurde er vor einem Kriegsgericht in Rennes wegen Landesverrats angeklagt. Bei dem nachfolgenden Prozess diente als Hauptbeweismittel seiner Schuld ein graphologisches Gutachten des bekannten Anthropologen und Kriminologen Alphonse Bertillon, dem die Richter folgten, trotz dreier anderslautender Gutachten und trotz der Tatsache, dass Bertillon nachweislich über keine Erfahrung auf dem Gebiet der Schriftvergleichung verfügte.[1]

Dreyfus, der vergeblich seine Unschuld beteuert hatte, wurde am 22. Dezember 1894 mit einstimmigem Richtervotum für schuldig befunden und zu lebenslänglicher Verbannung und Haft im Straflager auf der Teufelsinsel (bei Cayenne, Französisch-Guayana) verurteilt. Am 5. Januar 1895 wurde er in erniedrigender Form im Hof der École Militaire degradiert und wenig später Richtung Teufelsinsel abtransportiert, wo er im April eintraf und Einzelhaft erhielt.

Dank der Hartnäckigkeit von Dreyfus' Angehörigen, vor allem seinem älterem Bruder Mathieu, der von der Unschuld Alfreds überzeugt war und diverse Persönlichkeiten aus Politik und Presse für den Fall interessierte, verschwand dieser nicht in der Versenkung. Im Sommer 1896 stieß der neue Geheimdienstchef, Oberst Picquart, auf Indizien, die den Schluss nahelegten, dass ein anderer Generalstabsoffizier, Major Esterházy der Verräter gewesen sein musste. Er wurde jedoch vom Generalstab zum Schweigen genötigt und zur Jahreswende ins ferne Algerien versetzt. Von dort richtete er allerdings ein Memorandum an den Staatspräsidenten, das darüber hinaus in die Hände eines Senators, d.h. hochrangigen Politikers, gelangte. Dessen eher diskrete Versuche, eine Revision des Prozesses zu erreichen, scheiterten am Widerstand der Generäle und der Regierung. Im Herbst 1897 bekam auch Mathieu Dreyfus Kenntnis vom Inhalt des Memorandums und beschuldigte öffentlich Esterházy, der Verräter zu sein. Das Disziplinarverfahren, das dieser daraufhin gegen sich beantragte, endete rasch ergebnislos. Ähnlich ging es mit dem Prozess, der Anfang 1898 pro forma gegen ihn eröffnet wurde. Die Generäle, die gegen Dreyfus als Zeugen aufgetreten waren, zeigten sich nicht bereit, ihre Aussagen zu revidieren. Vielmehr hatten sie nachträglich sogar Beweise zu seinen Ungunsten fälschen lassen.

Als Esterházy am 11. Januar umgehend freigesprochen wurde, reagierten viele Personen mit Empörung. Einen wahren innenpolitischen Sturm entfachte dann der offene Brief J'accuse...! (Ich klage an...!), den am 13. Januar 1898 der bekannte Autor Émile Zola in der Zeitung L'Aurore an den Staatspräsidenten Félix Faure richtete, um auf das Unrecht gegenüber Dreyfus hinzuweisen.

Die französische Gesellschaft wurde von der Dreyfus-Affäre, wie sie nun hieß, bis in die Familien hinein polarisiert.

Nachdem der Justizminister zwei Gesuche von Dreyfus' Ehefrau Lucie im Juli und im September 1898 noch abgelehnt bzw. an eine Kommission überwiesen hatte, beschloss die Regierung schließlich doch zu handeln. Ende September wurde der Kassationsgerichtshof mit einer Revision des Verfahrens von 1894 beauftragt. Er hob das Urteil gegen Dreyfus im Juni 1899 auf und verwies den Fall zurück an das Kriegsgericht in Rennes. Bei dem neuerlichen Prozess im August, zu dem er zurückgeholt worden war, wurde Dreyfus zwar wieder für schuldig befunden, erhielt aber mildernde Umstände zugebilligt, und seine Strafe wurde in zehn Jahre Festungshaft umgewandelt. Der neue französische Staatspräsident Émile Loubet bot ihm allerdings sofort die Begnadigung an, unter der Bedingung, dass er darauf verzichtete, Berufung einzulegen. Dreyfus akzeptierte am 15. September, was viele seiner Sympathisanten enttäuschte.

Er zog sich zu seiner Familie zurück und brachte seine Erinnerungen zu Papier, die er 1901 publizierte unter dem Titel Cinq années de ma vie 1894–1899 (deutsch „Fünf Jahre meines Lebens“).

Nach dem Wahlsieg der Linken 1902 begann unter den veränderten politischen Umständen eine neuerliche Diskussion um seinen Fall. Schließlich kam es zu einer Revision auch des letzten Prozesses durch das Kassationsgericht. Das Urteil wurde aufgehoben und Dreyfus am 12. Juli 1906 freigesprochen und rehabilitiert. Unmittelbar darauf wurde er mit einem feierlichen Akt wieder in die Armee aufgenommen, zum Major befördert und darüber hinaus zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Eine Fortführung seiner Karriere als Generalstabsoffizier blieb ihm allerdings versagt. Er fand nur kurz Verwendung als Kommandant zweier Artillerie-Depots im Pariser Umland, in Vincennes und Saint-Denis. Im Oktober 1907 ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand versetzen.

Als 1908 die Asche des 1902 verstorbenen Zola mit einem Ehrengeleit, dem Dreyfus angehörte, in den französischen Ruhmestempel, das Pariser Panthéon, überführt wurde, verübte ein Antidreyfusard aus der Menge ein Pistolenattentat auf ihn. Er wurde aber nur verletzt.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ließ er sich reaktivieren, stand an der Front und wurde zum Oberstleutnant befördert. Mit diesem Rang schied er bei Kriegsende aus der Armee.

Seine Enkelin Madeleine Levy wurde später während des Zweiten Weltkriegs als Jüdin nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Dreyfus nach und nach zu einer Art Ikone der Republik stilisiert. Seit 1988 hat er ein Denkmal im Jardin des Tuileries.

Am 12. Juli 2006, dem 100. Jahrestag der Rehabilitierung, fand eine Gedenkzeremonie in der Pariser Militärschule statt, bei der Staatspräsident Jacques Chirac als Hauptredner auftrat und in Begleitung des Premierministers und vier weiterer Minister Dreyfus „die feierliche Huldigung der Nation“ (frz. l'hommage solennel de la Nation) darbrachte.

Zu der verschiedentlich vorgeschlagenen Überführung von Dreyfus' sterblichen Überresten in das Panthéon kam es bisher nicht.

Eine sehr instruktive und eindringliche literarische Verarbeitung der Dreyfus-Affäre findet man in dem Roman Jean Barois (1913) des Literaturnobelpreisträgers von 1937, Roger Martin du Gard (der z.B. beschreibt, wie Dreyfus während des zweiten Prozesses seine Sympathisanten durch eine unheroische Apathie enttäuschte). Die Affäre spielt auch eine zentrale Rolle in der Filmbiografie The Life of Emile Zola (1937) unter der Regie von Wilhelm Dieterle mit Paul Muni als Zola und Joseph Schildkraut als Alfred Dreyfus. Antisemitische Aspekte werden darin jedoch weitgehend ausgeklammert.

In Deutschland verarbeitete Rolf Schneider den Fall in seinem 1991 erschienenen Roman Süß und Dreyfus.

Werke von Alfred Dreyfus

Literatur

Ausstellung

Quellen

  1. Feix, Gerhard: Das große Ohr von Paris - Fälle der Sûrete. Verlag Das Neue Berlin, Berlin, 1975, S. 167-178
Personendaten
Dreyfus, Alfred
französischer Offizier
9. Oktober 1859
Mülhausen
12. Juli 1935
Paris