Rekatholisierung
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Rekatholisierung

Rekatholisierung bezeichnet einen Vorgang innerhalb der Geschichte der Reformation und der Gegenreformation. Die Gegenreformation war "eher" eine Bewegung der geistigen Auseinandersetzung mit der Reformation mit dem Ziel, deren Wirkung zu begrenzen und schließlich sie aufzuheben. Die Rekatholisierung hingegen stellte stärker einen seit den 1540er Jahren mit machtpolitischen Mitteln durchgeführten Versuch dar, protestantische Gebiete für den Katholizismus zurück zu gewinnen, nachdem die zumeist geistige Auseinandersetzung mit dem Protestantismus zu keinem Ergebnis in diesem Sinne führte.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Überblick

Seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 galt im Reich der Grundsatz, dass der Landesherr die Konfessionszugehörigkeit seiner Untertanen bestimmte (Cuius regio, eius religio). Hintergrund dieses Prinzips war die gemeinsame Überzeugung der Zeit, ein gemischtkonfessionelles Territorium sei nicht lebens- und friedensfähig und keinesfalls wünschenswert.

Rekatholisierung bedeutete in diesem Zusammenhang die Wiedereinführung des katholischen Gottesdienstes in einer Pfarrkirche bzw. in allen Pfarrkirchen eines Gebiets, in denen zuvor lutherischer oder reformierter Gottesdienst gehalten worden war, auf Weisung des katholischen Landesherrn.

Konkret geschah das durch die Vertreibung der lutherischen oder reformierten und die Einsetzung katholischer Pfarrer. Die "Eingepfarrten", für die der Bekenntniswechsel oft ohnehin nicht nachvollziehbar war – gerade die lutherische Reformation behielt die meisten kirchlichen "Zeremonien" bei und trat nur durch Priesterehe und Laienkelch unmissverständlich ins Bewusstsein –, galten damit ipso facto wieder als katholisch.

Mit dieser kirchenrechtlichen Rekatholisierung ging ein Prozess der Glaubensunterweisung einher, der oft weniger eine Neu- als vielmehr Erst-Katechese war und in den katholischen Territorien vielfach den Jesuiten anvertraut wurde.

Man sagt, nur kleine Minderheiten gerieten durch Rekatholisierung mit ihrem Gewissen in Konflikt und wurden zur Auswanderung gezwungen. So tat sich Ferdinand II. (1578-1637) durch radikale antiprotestantische Deportationsmaßnahmen im österreichischen Bereich hervor. Noch im 18. Jahrhundert kam es zu konfessionell begründeten Vertreibungen (z.B. der Salzburger Lutheraner 1732), und die konfessionelle Geschlossenheit von Dorf- und Stadtgemeinden blieb bis weit ins 19. Jahrhundert der auch von der Bevölkerung begrüßte Normalzustand. Schon im 17. Jahrhundert wurde das Prinzip von 1555, etwa bei Grenzverschiebungen, nicht mehr streng durchgeführt, und Rekatholisierungen (ebenso wie der umgekehrte Vorgang) wurden seltener.

Zur Begriffsgeschichte

Der Hamburger Historiker Arno Herzig hat vor einigen Jahren eine fachliche Definition des Begriffes Rekatholisierung versucht, die einer Neubewertung dieses geschichtlichen Vorgangs innerhalb der Gegenreformation gleich kommt.

Demnach bedeutet Rekatholisierung nicht unbedingt, wie in gängiger Forschungsmeinung oft zu lesen ist, für das 16. bis 18. Jahrhundert einen Versuch, den sich ausbreitenden Protestantismus zurückzudrängen und die Bevölkerung unter Zwang wieder zum Katholizismus zurückzuführen. Herzig definiert den Begriff der "Rekatholisierung" zu Beginn seiner Studie als "weitgehend durch Gewalt herbeigeführte Einrichtung der katholischen Konfession als allein gültige Konfession im Staat". Die katholische Konfession wird hier somit als eine Institution verstanden und damit zugleich als einen Machtfaktor im Staat, unter der man versucht, die zum Protestantismus gewechselten Bevölkerungsteile wieder in den Einflussbereich der katholischen Kirche einzubeziehen. Es ist aber damit nicht eine innere kirchliche Erneuerung gemeint, wie man im Konzil von Trient beabsichtigte. Das wird auch bei Herzig selbst betont. Dieser Prozess der Rekatholisierung als solcher ist schon lange in der Forschung bekannt. Auch ist das Wort Rekatholisierung hierfür seit langen im Gebrauch. Durch Arno Herzig wird er allerdings erstmalig in einer übergreifenden Studie angewendet. Herzigs Rekatholisierung basiert auf dem Begriffsschema der (katholische) Konfessionalisierung, welches von Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling, und dem der Sozialdisziplinierung, der von Gerhard Oestreich geprägt wird. Oestreich spricht auch bei langfristigen Lern- und Transformationsprozessen von "Fundamentaldisziplinierung". Auch das lässt sich letzten Endes in das Modernisierungsparadigma für die Frühe Neuzeit insgesamt einbeziehen.

Die Rekatholisierung bedeutet im Grunde ähnlich wie die Sozialdisziplinierung oder "Fundamentaldisziplinierung, von der Oestreich spricht beziehungsweise der Konfessionalisierung von Reinhard und Schilling ein historiographisches Deutungsmuster für die Frühe Neuzeit. Mit dem Modernisierungsparadigma, in dem diese Prozesse eingebunden sind, lassen sich ähnliche Erscheinungen, so wohl auch die Zielvorstellungen, die später als die eigentliche Gegenreformation abgelaufen sind wie im 17. und 18. Jahrhundert, hier mit zuordnen und erklären.

Tatsächlich handelt es sich hierbei um Maßnahmen der Sozialdisziplinierung, die von verbaler diplomatischer Einflussnahme bis hin zur offenen Gewalt gehen. Die Folge der restriktiven Praxis war die Ausbildung eines sogenannten Kryptoprotestantismus. Bei Herzig ist die "weitgehend konfliktfrei verlaufende Sozialdisziplinierung" in den katholischen Territorien das eigentliche Modernisierungspotential des Katholizismus neben der spezifischen Formen der Kollektivbildung in dieser Epoche überhaupt.

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Literatur