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Zwerg (Mythologie)

Zwerg (ahd. twerc / gitwerc, zwerc, and. dvergr', schw. dvärg, norw. dverg, dän. dværg, nl. dwerg, engl. dwarf, ae. dweorg von idg. dwergaz)

Als Zwerge werden mythologische, zumeist unterirdisch lebende Wesen bezeichnet. Häufig wird ihnen übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt. Sie gelten als schlau und zauberkundig, bisweilen listig. Ihren Ursprung haben sie in der germanischen Mythologie.

Erwähnt werden sie vor allem in der Edda sowie in vielen altnordischen Sagen. Zwerge spielen auch in manchen Märchen des 14. und 15. Jahrhunderts eine Rolle, und heutzutage findet man in moderner Fantasy-Literatur oft Zwerge.

Die Etymologie des Wortes Zwerg ist unsicher. Vielleicht steht es im Zusammenhang mit Trugwesen, vgl.: ahd. gidrog („Gespenst“), auch altind. dhvaras („dämonisches Wesen“). Manche Zwerge haben Namen, die darauf hinweisen, dass sie ursprünglich Totendämonen waren, zum Beispiel Nár („Leiche“), Bláinn („blau“ symbolisiert die Farbe des Todes), Dáinn („Tod“).

Inhaltsverzeichnis

Klassische Mythologie

Zwerge sind in der nordischen Mythologie kleinwüchsige, menschenähnliche Wesen, die ein altes Handwerk ausüben. Sie wohnen unter den Bergen und Felsen sowie in Erdhöhlen, wie die skaldischen Kenningar aus dem 11. und 12. Jahrhundert und die Sagen des 13. und 14. Jahrhunderts berichten. Die Menschen dachten, dass Zwerge die geheimnisvollen Naturkräfte im Inneren der Erde repräsentieren. Eine (kategorische) Vermischung von Alben und Zwergen muss angenommen werden. Heutzutage werden sie auch oft mit Heinzelmännchen (tomtegubbar), Bergtrollen und anderen Wesen vermischt.

Über den Ursprung der Zwerge gibt es in der Edda unterschiedliche Versionen. Die Völuspá beschreibt die Erschaffung der Zwerge aus dem Blut des Riesen Brimir und den Knochen des Riesen Bláinn im Rahmen der Kosmogonie:

Þá gengu regin öll
á rökstóla,
ginnheilög goð,
ok um þat gættusk,
hverr skyldi dverga
dróttir skepja,
ór Brimis blóði
ok ór Bláins leggjum.
Þar var Mótsognir
mæztr um orðinn
dverga allra,
en Durinn annarr.
Þeir mannlíkön
mörg um gørðu,
dvergar, ór jörðu,
sem Durinn sagði.(standardisiert)
Then sought the gods
their assembly-seats,
The holy ones,
and council held,
To find who should raise
the race of dwarves
Out of Brimir’s blood
and the legs of Blain.
There was Motsognir
the mightiest made
Of all the dwarves,
and Durin next;
Many a likeness
of men they made,
The dwarves in the earth,
as Durin said. (Bellow's Übersetzung ins Englische)

Snorri berichtet, dass die Zwerge Maden im Fleisch des Urriesen Ymir waren, die dann von den Göttern mit Verstand ausgestattet wurden. Er setzt sie mit einer Untergruppe der Alben, nämlich den Schwarzalben (svartálfar), gleich, also den Elfen zugehörig. Dass man sich Zwerge ursprünglich als besonders klein vorstellte, ist nicht belegt. Erst in den nordischen Sagas werden Zwerge allgemein als kleine, hässliche Wesen mit langen Nasen und Bart sowie schmutzig brauner Hautfarbe beschrieben. Charakteristischer ist ihre Weisheit, die sich auch in den Namen belegen lässt: Alvíss, Fjölsviðr, Rásviðr, (vgl. die in der Edda aufgeführte Alvismal).

Manche Zwerge haben auch kosmologische Bedeutung wie Nýi oder Niði, die die Mondphasen steuern oder Norðri, Suðri, Austri und Vestri, die den aus Ymirs Schädel gebildeten Himmel tragen. Mit Hilfe eines magischen Huts (Zwergenhut oder huliðshjálmr), manchmal auch durch einen Mantel, konnten sie sich unsichtbar machen. In der Alvíssmál bringt Thor den Zwerg Allvis (Alvíss) dazu, sein großes kosmologisches Wissen preiszugeben; als die Sonne aufgeht, erstarrt dieser zu Stein. Anderen Erzählungen nach scheinen die Zwerge allerdings unempfindlich gegen Sonnenstrahlen zu sein.

Die Zwerge mögen es am liebsten, wenn sie ihre Höhlen schmücken können. Sie schaffen unglaubliche unterirdische Säle, beleuchten Goldadern in den Bergen und lassen diese sich in den Höhlenseen widerspiegeln. Das Interesse für Schmuck und die ständige Jagd nach Edelmetallen hat sie zu tüchtigen Schmieden werden lassen. Ihre Macht über die verborgenen Kräfte der Natur äußert sich besonders in ihrer überlegenen Kunstfertigkeit: Dem Schmiedewesen. Sie versehen nicht nur die Menschen und die Elfen mit allerhand kostbaren Waffen und Werkzeug, sondern schmieden sogar für die Götter selbst die kostbarsten Kleinode. So fertigten die Zwerge für Odin den Speer Gungnir und für Heimdall den Goldring Draupnir. Thor erhielt den Hammer Mjöllnir, für Freyr schufen sie das Schiff Skíðblaðnir, für Siv das goldene Haar, für Freya das Halsband Brísingamen. Weiterhin schufen sie die Fessel Gleipnir für den Fenriswolf sowie den Eber Hildisvíni. Sie treten in ihrer Eigenschaft als Meisterschmiede in vielen Sagen des Altertums auf. In der Völsungasage schmiedet Andvari den Ring Andvaranaut, und sein Sohn Regin schmiedet für Sigurt Fafnesbani zusammen mit dem Schwert Gram. In der Hervorssage schmieden die Zwerge Dulin (Durin?) und Dvalin das Schwert Tyrfing.

Die Zwerge arbeiteten auch mit Holz oder Metall und ihre handwerkliche Kunst wird von keinem anderen Wesen übertroffen. Sie sind außerdem poetisch und romantisch, gleichfalls etwas barsch und kurzangebunden.

In das Bild des tüchtigen Handwerkers und Bergbewohners fügt sich das Bild von Bergleuten und Bewachern von Schätzen.

Zwerge werden oft mit Gnomen verwechselt, wobei der Begriff Gnom im 16. Jahrhundert von dem berühmten Arzt und Naturforscher Paracelsus geschaffen wurde. Welche Vorstellung dem zugrunde liegt, ist nicht bekannt.

Liste von Zwergen in der nordischen Völuspá

Völuspá 10–16 enthält eine Liste mit Zwergennamen.

Aus Brimirs Blut und den Beinen Blainns entstand:
Motsognir, der mächtigste aller Zwerge und
Durin, der zweitmächtigste

Durins Horde

Nyi und Niði, Norðri und Suðri, Austri und Vestri, Althjof, Dvalin, Nar und Nain, Niping, Dain, Bifur, Bofur, Bombur, Nori, An und Onar, Ai, Mjoðvitnir, Vigg und Gandalf, Vindalf, þrain, Þekk und Þorin, Þror, Vit und Lit, Nyr und Nyrað, Regin und Raðvið Fili, Kili, Fundin, Nali, Heptifili, Hannar, Sviur, Frar, Hornbori, Fræg und Loni, Aurvang, Jari, Eikinskjaldi.

Dvalins Horde

Draupnir und Dolgþrasir, Hor, Haugspori, Hlevang, Gloin, Dori, Ori, Duf, Andvari, Skirfir, Virfir, Skafið, Ai. Alf und Yngvi, Eikinskjaldi; Fjalar und Frosti, Fið und Ginnar.

Andere Zwerge

Brokkr, Eitri, Fafnir, Galar, Hreidmar, Ótr, Sindri, Hadhod, Pandar.

Hintergrund des Zwergenmythos

Es gibt verschiedene Hypothesen über den Ursprung des Zwergenmythos. Eine geht davon aus, dass der historische Hintergrund in der Bronzezeit zu suchen sei: Während dieser Epoche wanderten vor allem Menschen aus dem Mittelmeerraum in den Norden Europas, um Zinn, welches für die Herstellung von Bronze notwendig ist, abzubauen und mitzunehmen. Diese Bergleute waren kleiner gebaut als die Nordeuropäer. Daraus ließen sich auch zwei Tatsachen erklären: Zum einen die, dass Zwerge zu den wenigen mythologischen Figuren zählen, die einer Arbeit im herkömmlichen Sinne nachgehen, zum anderen die Tatsache, dass meist nur männliche Zwerge in Erscheinung treten, da weibliche Bergleute äußerst selten waren. Zudem wurden häufig auch Kinder zu dieser Arbeit herangezogen, da sie leichter in die engen Stollen kamen und Kinderarbeit im Bergbau üblich war (wie heute noch in den Entwicklungsländern). Durch die schwere körperliche Arbeit kam es regelmäßig zu Verkrüppelungen und Wachstumsschädigungen sowie einem Buckel. Dies belegen auch Knochenfunde der Zeit. Die Zipfelmützen waren mit Wolle ausgestopft und dienten dem Kopfschutz.

In Sagen oder Märchen wirken Zwerge oft hilfreich in der Not und vermögen zum Beispiel magische Waffen, Ringe, Schwerter oder Rüstungen herzustellen. Zwerge können sowohl böse als auch gut sein, so dass auf dem von ihnen Bewirkten ein besonderer Segen oder auch ein Fluch oder Verhängnis lastet. Zwerge wohnen meist in Erd- oder Felshöhlen, wo sie die von ihnen hergestellten oder erworbenen Schätze hüten. Besonders prominent wurden die Zwerge in dem klassischen Märchen Schneewittchen.

Fantasy

Zwerge sind ein häufiger Typus der Fantasy-Literatur, sie gehören etwa zu den „Freien Völkern“ in Tolkiens Der Herr der Ringe sowie den handelnden Figuren in vielen anderen Büchern und Rollenspielsystemen wie etwa Das Schwarze Auge (DSA) oder Dungeons and Dragons. Besonders in letzteren werden Zwerge häufig als Bergarbeiter dargestellt, die tief unter der Erde nach Metallen und Edelsteinen graben, außerdem sind sie oft sehr trinkfest und -freudig. Als Waffen bevorzugen sie Äxte oder stumpfe Hiebwaffen, die sie meist zweihändig führen. Trotz einer eher zurückgezogenen Lebensweise gelten Zwerge als überaus kämpferisch; ihre geringere Körpergröße machen sie durch überdurchschnittliche Robustheit, Kraft und ihre Ausrüstung mehr als wett. Ebenso wird ihnen oft eine Ablehnung von Magie (mit einer Ausnahme hinsichtlich der eigenen, meist auf das Schmieden magischer Waffen und Gegenstände beschränkten Magie) nachgesagt.

Zwerge gelten in der Fantasy-Literatur meistens als sehr langlebig, aber nicht sehr kinderreich. Das wird teilweise mit der seltenen Geburt von weiblichen Zwergen begründet. Damit wird auch die vorrangig männliche Erscheinungsform erklärt. Eine andere Erklärung ist, dass männliche und weibliche Zwerge sich in ihrer Erscheinungsform kaum unterscheiden (also das auch weibliche Zwerge Bärte tragen). Dieser Ansatz ist aber umstritten und variiert von Autor zu Autor, barttragende Zwerginnen finden sich oft in eher parodistischen Werken (z.B. von Terry Pratchett). Durch ihre niedrige Reproduktionsrate gelten Zwerge oftmals ähnlich den Elfen als eine untergehende Art, die aber als tragische Helden stoisch ihr Schicksal ertragen und keinen Fingerbreit von ihrem Weg abweichen, um diesem zu entgehen.

In einer bis auf das Nibelungenlied zurückgehenden Tradition werden auch in der neueren Fantasyliteratur Zwerge meist als erbitterte Feinde der Drachen dargestellt, vor denen sie ihre Schätze schützen wollen. Eine große Veränderung von der Zeit der Nibelungensage bis zur Fantasy-Literatur findet sich in der Ausdifferenzierung der Alben: die Alben des Nibelungenliedes differenzierten sich erst später in die Elfen und Zwerge, wie sie heute bekannt sind. Obwohl also ursprünglich ein und dasselbe, werden sie in der modernen Fantasy-Literatur meist als völlig unterschiedliche Wesen geschildert, die oft wenig miteinander anfangen können und manchmal sogar verfeindet sind.

In jüngerer Zeit werden sie gelegentlich auch als technologisch fortgeschritten dargestellt, besitzen z. B. musketenähnliche Gewehre, Kanonen oder Dampfmaschinen, was sie deutlich von anderen, mittelalterlich lebenden Völkern abhebt.

Literatur

Sekundärliteratur

Siehe auch