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Jungtürken

Die Jungtürken (türkisch Jöntürkler) waren eine politische Bewegung im Osmanischen Reich, die seit 1876 illegal auf liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform hinarbeitete. Ziel war die Stärkung des außenpolitisch geschwächten und innenpolitisch vom Zerfall bedrohten Reiches durch systematische politische, militärische und wirtschaftliche Modernisierung. Ab 1923 wurden die meisten Mitglieder der Jungtürken in der neu gegründeten Republikanischen Volkspartei (CHP) aktiv, die heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale ist. Die wichtigste jungtürkische Partei war die İttihad ve Terakki (Einheit und Fortschritt).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Träger der Bewegung

Träger der Jungtürken-Bewegung waren modernistische Teile der gebildeten Eliten. Eine gemäßigte Richtung besaß Verbindungen bei Hofe und wurde vom Prinzen Sabaheddin, einem Verwandten des kaiserlich osmanischen Hauses, angeführt. Wichtiger aber waren durch moderne Bildung in die Funktionseliten des Staates (Beamte, Lehrer, Offiziere) aufgestiegene „kleine Leute“, die nach der jungtürkischen Revolution von 1908 sehr bald den Ton angeben sollten. Es entwickelte sich - vor allem nach der zweiten Machtübernahme der Jungtürken 1913 - ein Bündnis zwischen radikalen Intellektuellen (Ziya Gökalp, Dr. Nazim) mit zivilen Bürokraten (Talat Pascha) und den letztlich entscheidenden Offizieren (Enver Pascha, Cemal Pascha).

Cemal Pascha

Die niedrige soziale Herkunft der wichtigsten jungtürkischen Führer führte dazu, dass sie sich nach außen hin mit politischen Ämtern in der "zweiten Reihe" begnügten und repräsentative Führungspositionen Personen aus höheren Kreisen überließen: In der ersten jungtürkischen Regierungsphase von 1908-1912 waren dies der jungtürkischen Politik mehr oder weniger nahestehende Repräsentanten der alten politischen Elite, in der zweiten Regierungsphase von 1913-1918 zunächst zu den Jungtürken gehörige Militärführer (Marschall Shevket Pascha, Großwesir 1913) oder Prinzen (Prinz Said Halim Pascha, Angehöriger des vizeköniglichen Hauses der Khediven von Ägypten, Großwesir 1913-1917).

Erst in der Schlussphase des jungtürkischen Regimes stieg mit Talat Pascha ein Mann von "ganz unten" 1917/18 zum Großwesir auf. Damit wurde kurzfristig die Führung der Regierung und der Partei eng miteinander verklammert, während sie zuvor nur lose vernetzt war - was dazu führte, dass Großwesir und Teile der Minister durch Beschlüsse des Zentralkomitees der Jungtürken und einzelner Minister, die darin Sitz und Stimme hatten, oft übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt wurden.

Über in Konstantinopel (seit 1930 Istanbul) lebende deutsche Intellektuelle wie Alexander Parvus (von 1910 bis 1914 in der Stadt) und Dr. Friedrich Schrader ("Ischtiraki", von 1891 bis 1918 in Istanbul tätig) gab es schon sehr früh Kontakte zur deutschen SPD. Die Nachfolgepartei der Jungtürken, die CHP (Republikanische Volkspartei), ist heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale.

Darüber hinaus wurde die jungtürkische Bewegung von liberalen Publizisten wie Ernst Jäckh und Friedrich Naumann unterstützt, die sich neue Expansionsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft durch ein deutsch-türkisches Bündnis erhofften. Der junge Theodor Heuss war während des Ersten Weltkrieges als Mitarbeiter des von Jäckh geleiteten Deutschen Werkbundes in Istanbul tätig. Diese regen Kontakte zwischen Jungtürken und demokratischen Intellektuellen in Deutschland waren mit eine Ursache für die starken wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der türkischen Republik nach 1945, die mittelbar auch Grund für die Einwanderung von mittlerweile zwei Millionen türkischer Staatsangehöriger nach Deutschland seit den fünfziger Jahren waren.

Eine weitere enge Verbindung entwickelte sich nach 1908 und namentlich zwischen 1913 und 1918 zwischen den jungtürkischen Offizieren der osmanischen Armee und ihren verstärkt ins Land geholten deutschen Militärberatern unter dem jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha.

Aufgrund des jungtürkischen Exil-Schwerpunktes vor 1908 in Paris verfügten jedoch viele jungtürkische Politiker auch über enge Kontakte nach Frankreich, was noch im Frühjahr 1914 zu (vergeblichen) Sondierungen des Marineministers Cemal Pascha über ein osmanisch-französisches Bündnis führte und beim Machtwechsel in Konstantinopel im Herbst 1918 nochmals eine Rolle spielen sollte, als die deutschfreundliche Fraktion der Jungtürken kurzfristig durch die franko- und anglophile Fraktion abgelöst wurde.

Begründung der Jungtürkischen Bewegung (1908 - 1912)

Schwerpunkt der Jungtürken vor ihrer erfolgreichen Revolution von 1908 waren die - von Nachbarstaaten ernsthaft bedrohten - europäischen Provinzen des Osmanischen Reiches, allen voran Makedonien mit dem Zentrum Saloniki. 1907 trafen sich Abgeordnete der sehr verschiedenen Flügel der Jungtürken in Saloniki (heute Griechenland) und gründeten das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (İttihad ve Terakki Fırkası, weshalb die Jungtürken auch „Ittihadisten“ genannt werden). Dort begann 1908 unter Führung von Enver Pascha und Talat Pascha im Juli 1908 eine erfolgreiche Militärrevolte gegen den absolutistisch regierenden Sultan Abdülhamid II. Die Jungtürken erzwangen die Wiederinkraftsetzung der seit 1878 suspendierten Verfassung von 1876 und setzten den nur widerwillig kooperierenden Sultan 1909 schließlich ab, nachdem er einen erfolglosen konservativen Gegen-Putsch unterstützt hatte. Abdülhamids Bruder und Nachfolger Mehmed V. (1909-1918) wurde daraufhin zum machtlosen Werkzeug der jungtürkischen Regierung. In Folge der Orientalischen Frage entwickelte sich bei den osmanischen Politikern die Angst vor dem Untergang des Vaterlandes zu einem Syndrom. Der Auslöser der Revolution der Jungtürken war das Treffen des britischen Königs mit dem russischen Zaren in Reval im Juni 1908. Die Jungtürken glaubten, dass mit diesem Treffen der Augenblick des endgültigen Niedergangs des Reiches gekommen war, den sie mit Einführung des konstitutionellen Systems verhindern wollten, was sich allerdings als Illusion herausstellte: gleich nach der Revolution proklamierte Österreich-Ungarn die Annexion Bosnien-Herzegowinas, Bulgarien erklärte seine Unabhängigkeit, Kreta vereinigte sich mit Griechenland, 1911 besetzte Italien Tripolis und schließlich begann im Oktober 1912 der verlustreiche Balkankrieg.

Die Jungtürken versuchten zu Beginn ihrer Regierung 1908/09, eine parlamentarisch-konstitutionelle Regierung im Osmanischen Reich einzurichten, die auch die Mitbestimmungs- oder Autonomiebestrebungen christlicher und nichttürkischer islamischer Minderheiten im Vielvölkerstaat der Osmanen einzubinden versuchte. Namentlich mit den organisierten Vertretern der Armenier und der Albaner versuchte man zu kooperieren. Diese Bestrebungen stießen vor allem bei fortschrittlichen Intellektuellen dieser Minderheiten auf positive Resonanz, Beispiele sind der armenische Publizist und Hochschullehrer Dikran Kelekian, der 1908 Chefredakteur der wichtigsten Konstantinopler Tageszeitung Sabah wurde und als Professor an der Universität zahlreiche der jungtürkischen Führer unterrichtet hatte. Auch in den Gebieten der Levante stieß die jungtürkische Revolution auf Begeisterung. Der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf beschreibt in seinem autobiographischen Buch "Die Spur des Patriarchen", dass sein Urgrossvater so begeistert von den Jungtürken (und vor allem ihren liberalen Reformbestrebungen) war, dass er seine Grosstante nach einem der Führer (dem späteren Staatspräsidenten der Türkei Atatürk) "Kemal" nannte.

Dieser demokratisch-parlamentarische Versuch zur Reformierung des Reiches blieb jedoch weitgehend erfolglos. Dazu trugen nicht nur konservative Widerstände in der osmanischen Elite und in Teilen des Offizierskorps bei, sondern auch die enormen Modernitätsdefizite in weiten Teilen der Gesellschaft. Entscheidend aber waren der ungebrochene Wunsch von Minderheitsvölkern nach nationaler Unabhängigkeit und der sich damit verbindende Imperialismus benachbarter christlicher Staaten. Bereits 1908 hatte Österreich-Ungarn die Revolutionswirren im Osmanischen Reich genutzt, um die seit 1878 von ihm verwaltete osmanische Provinz Bosnien-Herzegowina förmlich zu annektieren, und der seit 1878 formell nur autonome und immer noch dem Sultan untertane Staat Bulgarien hatte gleichzeitig seine Unabhängigkeit proklamiert. 1911/12 verlor das von den Jungtürken regierte Osmanische Reich seine nordafrikanische Provinz Tripolis - das heutige Libyen - und einige Inseln in der Ägäis an das angreifende Italien.

Diese militärische Niederlage führte zum Sturz der jungtürkischen Regierung durch ihre konservativen Gegner Mitte 1912. Aber noch in der Endphase des Krieges gegen Italien wurde dem Osmanischen Reich im Oktober 1912 zusätzlich von den Balkanbundstaaten Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro der Krieg erklärt. Im so genannten Ersten Balkankrieg verlor das Osmanische Reich sämtliche europäische Provinzen, sogar die Hauptstadt Konstantinopel war rasch akut bedroht. Diese Niederlagen vernichteten das Ansehen der konservativen, sich "liberal" nennenden Regierung völlig und erleichterten den Jungtürken die Rückeroberung der Macht.

Der Militärputsch des Triumvirats Enver-Cemal-Talat 1913

Die Bereitschaft der konservativen Regierung, in den Friedensverhandlungen zu London den Verlust der wichtigen Stadt Edirne an Bulgarien zu akzeptieren, führte zu inneren Unruhen und veranlasste den Militärputsch der Jungtürken vom Januar 1913 unter Führung von Enver Pascha. Dieser bildete - nachdem der zunächst ebenfalls wichtige jungtürkische Großwesir Marschall Mahmud Schevket Pascha im Juni 1913 einem Attentat der gestürzten Liberalen zum Opfer gefallen war - mit Cemal Pascha und Talat Pascha daraufhin ein "Triumvirat", das seither bis 1918 das Osmanische Reich diktatorisch regierte. (Allerdings schwächte sich die Position Cemals, denn er gehörte, seit er Ende 1914 den Oberbefehl der Mesopotamien-Armee übernahm und seither bis 1916/17 fern von Istanbul agierte, nicht mehr zum engsten Kreis der Machthaber um Enver und Talat.) Außerdem war dieses "Triumvirat" auf andere, weniger bekannte Parteiführer angewiesen, die hinter den Kulissen im Zentralkomitee eine wichtige Rolle spielten: etwa Dr. Nazim oder Dr. Bahaeddin Schakir.

Im Zweiten Balkankrieg (Balkankriege) von 1913, den das übermächtig scheinende Bulgarien allein gegen alle seine bisherigen Verbündeten sowie gegen Rumänien führte und in dessen Verlauf das Osmanische Reich Bulgarien unabhängig davon ebenfalls Angriff in das von bulgarischen Truppen geräumte Ostthrakien (die Truppen waren gegen Griechenland und Serbien im Westen in Einsatz), konnte unter Envers Oberbefehl im Sommer 1913 Edirne zurückgewonnen werden - ein wichtiger Prestigegewinn für das neue Regime. Im vergleichsweise stabilen Kabinett des neuen Großwesirs Prinz Said Halim Pascha (Juni 1913 bis Februar 1917) übernahm Talat schon 1913 das Innenministerium, Enver und Cemal folgten 1914 mit Übernahme des Kriegsministeriums bzw. des Marineministeriums. Talat wurde zwischen Februar 1917 und Oktober 1918 kurzfristig selbst Großwesir, Enver amtierte währenddessen als sein Stellvertreter.

Aufgrund dieser Kriege hatte sich die anfänglich demokratisch gesinnte Jungtürkische Bewegung in eine Diktatur verwandelt. Zugleich hatte der Staat wichtige Provinzen an Nachbarn verloren, die Staatsfinanzen waren durch den Krieg ebenso ruiniert wie die zumeist besiegte Armee. Am schlimmsten waren jedoch die im Laufe des Ersten Balkankrieges an der muslimischen Bevölkerung begangenen Massaker durch die christlichen Aggressoren, wodurch erhebliche Teile der muslimischen Bevölkerung grausam ermordet und die meisten Überlebenden zur Flucht in das verkleinerte Osmanische Reich nach Kleinasien veranlasst wurden. Diese Taten entsprangen jedoch der Erfahrung, dass die Machthaber im Osmanischen Reich nicht zögerten, christliche Bevölkerungsgruppen, die man verdächtigte nicht loyal zu sein, einfach auslöschte, wie etwa in Chios im Jahre 1822. (s. auch Untersuchung der Carnegie-Stiftung 1913) Nach dem Krieg traten bilaterale Abkommen zum Bevölkerungsaustausch hinzu. Unter den Ideologen der Jungtürken setzten sich gegenüber halbwegs pluralistischen (jung-osmanischen) Vorstellungen, die auch den christlichen Volksgruppen Partizipation einräumten, immer stärker türkisch-nationalistische und sogar turko-rassistische Vorstellungen durch. Insbesondere Enver Pascha träumte von der Errichtung eines Großtürkischen „Turanischen“ Reiches unter Einbeziehung Aserbaidschans, Usbekistans und Turkmenistans, ja sogar von Teilen Chinas.

Das besiegte Osmanische Reich hatte jedoch ab 1913 ganz andere Sorgen. In Kleinasien war eine große Zahl von Balkan-Flüchtlingen zu versorgen, die aufgrund ihrer grausamen Erlebnisse und ihrer akuten Notlagen oft starken Hass gegen Christen entwickelten. Zugleich war das verkleinerte Reich durch die Gebietsverluste in Europa, mit denen der Verlust vieler christlicher Untertanen einherging, und durch die parallele Aufnahme moslemischer Flüchtlinge aus Europa viel islamischer geworden als zuvor, was die Lage der verbleibenden christlichen Minderheiten in Kleinasien - vor allem der Griechen und Armenier - ungünstiger und unsicherer werden ließ. Diese Minderheiten suchten daher verstärkte Anlehnung an christliche Schutzmächte, was wiederum das jungtürkische Misstrauen gegen sie verstärkte.

Die Jungtürken im Ersten Weltkrieg

Im November 1914 war das Osmanische Reich auf Seiten der von Deutschland geführten Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg gegen die von Großbritannien, Frankreich und Russland geführten Entente-Mächte eingetreten. Nach schweren militärischen Niederlagen der Osmanen warf die jungtürkische Führung 1915 den christlichen Minderheiten, vor allem den Armeniern, immer stärker vor, den christlichen Kriegsgegner Russland zu unterstützen und dadurch Hochverrat am Osmanischen Reich zu begehen. Aufstandsvorbereitung und Spionage für den Feind waren konkrete Vorwürfe. Doch was für Minderheiten innerhalb dieser Minderheit zutraf, wurde als Kollektivvorwurf dem ganzen armenischen Volke angelastet. 1915/16 veranlasste die jungtürkische Führung vor diesem Hintergrund den Völkermord an den Armeniern, der den Großteil der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich entweder ermordete oder zur Flucht in den russischen Teil Armeniens veranlasste. Wissenschaftlich diskutiert wird, ob die Jungtürken von Anfang an einen Genozidplan verfolgten oder ob ihre antiarmenische Politik im Laufe des Jahres 1915 verschiedene Eskalationsphasen durchlief, die zum Genozid führten. Letztlich scheint es der jungtürkischen Führung um einen Präventivschlag gegen künftige Probleme mit den christlichen Minderheiten gegangen zu sein. Jedenfalls erklärte Talaat Pascha im Juni 1915 einem deutschen Diplomaten, seine Regierung wolle "den Weltkrieg dazu benutzen [...], um mit ihren inneren Feinden (den einheimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden".

Tatsächlich gab es solche Interventionen kaum: Die feindlichen Mächte der Entente protestierten zwar, sammelten unter Leitung des früheren Ministers Lord James Bryce Material über die Genozid-Verbrechen und drohten den Jungtürken mit juristischer Verfolgung, doch hatten sie einstweilen keine Eingriffsmöglichkeiten; die verbündeten Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn wiederum verfolgten insgesamt eine leisetreterische Duldungspolitik, um die jungtürkischen Verbündeten nicht zu verlieren (Rühmliche Ausnahmen bildeten der bald wieder abberufene deutsche Botschafter Graf Wolff-Metternich und der evangelische Geistliche Dr. Johannes Lepsius mit seinem jahrelang erfolgreich arbeitenden Armenischen Hilfswerk, sowie der österreichische Schriftsteller Franz Werfel, dessen Werk Die 40 Tage des Musa Dagh 1933 die Weltöffentlichkeit aufrüttelte). Bis zum Frühjahr 1917, als die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte und damit gegen die Osmanen eintraten, besaß auch US-Botschafter Henry Morgenthau sr. Einfluss, doch konnte er nicht verhindern, was seine viel mächtigeren deutschen Kollegen nicht stoppen wollten oder durften.

Als kriegswichtige Deportationen getarnt und gerechtfertigt, wurden seit April 1915 Hunderttausende gewaltsam aus ihren Wohnorten vertrieben und in weit entlegene Provinzen deportiert - mehrheitlich in den Norden des heutigen Syrien. Von Anfang an wurden diese Deportationen von Mordaktionen begleitet - zunächst durch frühzeitige Massentötung verhafteter Volksgruppen-Führer und Intellektueller, später durch systematische Erschießung aller zum Wehrdienst eingezogenen, dann aber bald entwaffneten und in Arbeitsbattaillonen zusammengefassten männlichen Armenier. Die wehrlosen Frauen, Kinder und Alten hingegen wurden unter größten Entbehrungen auf lange Fußmärsche geschickt, wo sie den Strapazen erlagen, aber auch immer wieder Opfer von Gewalttaten der Begleittruppen oder angreifender Kurden wurden. Es trifft also nicht zu, wenn apologetisch behauptet wird, Todesopfer habe es nur durch unglückliche Begleitumstände der Deportationen gegeben. Bereits Cemal Pascha, einer der Verantwortlichen, gestand im Exil ein, die Opfer seien "teils getötet" worden, „teils unterwegs durch Hunger und Elend umgekommen“. Vergewaltigungen und Raub von Frauen oder Kindern waren grausame Begleiterscheinungen, retteten allerdings den Entführten unter der Bedingung ihrer Islamisierung häufiger das Leben.

Der osmanische Innenminister Talaat Pascha organisierte offiziell lediglich Deportationen, und es gab formelle Befehle, die Deportierten zu schützen und zu versorgen. Inoffiziell jedoch organisierte derselbe Minister eine mordbereite jungtürkische Parteimiliz und setzte möglichst fanatische Provinzbeamte in wichtige Positionen ein (und gleichzeitig zu "gemäßigte" und "humane" Beamte gezielt ab), um die weitgehende Vernichtung der Armenier zu erreichen. Als Oberbefehlshaber im Internierungsgebiet Syrien versuchte Cemal Pascha offenbar, die dort eintreffenden Überlebenden möglichst zu schützen; doch auch hier gab es offensichtlich doppelte Befehlsstrukturen, die diese offizielle Politik wieder konterkarierten.

Der armenische Patriarch in Istanbul teilte der deutschen Botschaft mit, dass in den von Deportationen betroffenen Provinzen etwa 1,2 Millionen Armenier lebten. Der Großteil dieser Menschen konnte nicht fliehen und wurde daher Opfer der systematischen Vertreibungen und Mordaktionen. Hingegen wurden die 80.000 armenischen Einwohner Istanbuls - vermutlich mit Rücksicht auf die dort besonders präsente internationale Diplomatie - nicht deportiert, lediglich etliche ihrer Führer wurden verhaftet und später ermordet.

Über die Zahl der Todesopfer wurde und wird nach wie vor heftig gestritten. Berichte deutscher Diplomaten hielten Schätzungen von 800.000 bis 1 Million Toten für nicht übertrieben. Dies deckt sich mit der Schätzung des US-Botschafters Morgenthau, der 600.000 bis 1 Million Opfer vermutete. Der frühere jungtürkische Minister Cemal Pascha, trotz seiner humanitären Interventionsversuche als Mitglied der Ittihad-Führung ein Hauptverantwortlicher für den Genozid, äußerte im deutschen Exil die niedrigere Schätzung von 600.000 armenischen Opfern, die er zudem mit gleichzeitigen türkischen Opfern armenischer Gegenschläge zwischen 1915 und 1920 verrechnet sehen wollte. Der spätere türkische Präsident Kemal Atatürk ging 1920 einem amerikanischen Diplomaten gegenüber von 800.000 armenischen Toten aus.

Das Morden beschränkte sich jedoch - anders als in vielen Darstellungen - nicht auf die zweifellos schlimmsten Jahre 1915/16. Auch in den syrischen Internierungslagern starben später noch zahlreiche Deportierte. In Ostanatolien führten wechselnde Kriegserfolge der Osmanen und der Russen zu weiteren Massakern: 1916/17 marschierten mit den siegreichen Russen armenische Hilfstruppen gen Westen, die an muslimischen Bewohnern „Vergeltung“ für das Schicksal ihrer armenischen Landsleute übten. 1917/18 rückten nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches die Osmanen wieder nach Osten vor und übten ihrerseits „Vergeltung“ an Christen. Noch im Sommer 1918 kam es bei der osmanischen Besetzung von Aserbaidschan in der Hauptstadt Baku zu muslimischen Massakern an Armeniern. Zwischen 1918 und 1921 versuchten wiederum die Armenier einen eigenen Staat zu erreichten und vertrieben oder massakrierten muslimische Minderheiten, bevor Atatürks Truppen 1920/21 einen Großteil Ostanatoliens eroberten und "Wiedervergeltung" an Armeniern übten. Diese Mischung aus Krieg und Bürgerkrieg hielt in Kleinasien und im Kaukasus bis weit in die 1920er Jahre an.

Schicksal der Jungtürken nach der Niederlage 1918

Im Herbst 1918 wurde das jungtürkische Regime aufgrund der Kriegsniederlage der Mittelmächte und damit auch des Osmanischen Reiches gestürzt. Zunächst musste der deutschfreundliche Flügel der Jungtürken - die Regierung unter Talat und Enver - am 14. Oktober 1918 zurücktreten und dem ententefreundlichen Flügel der Jungtürken unter dem neuen Großwesir Ahmed Izzet Pascha Platz machen. Doch auch diese gemäßigte jungtürkische Regierung musste schon am 11. November 1918 weichen und die Macht an die 1913 gestürzten Liberalen abtreten.

1919 machten - auf Druck sowohl der siegreichen Ententemächte, die Konstantinopel und einen Großteil des Osmanischen Reiches besetzten, als auch auf Betreiben der innerpolitischen Gegner der Jungtürkenherrschaft - Militärgerichte der neuen liberalen Sultansregierung den Führern der jungtürkischen Bewegung den Prozess wegen des im Weltkrieg verübten Armeniergenozids nach osmanischem Recht. Es erfolgten einige Hinrichtungen, doch etliche Hauptschuldige - darunter das frühere Triumvirat - entzogen sich dem Todesurteil durch Flucht ins Ausland, insbesondere nach Deutschland. Dort entkamen jedoch die Prominentesten den Racheakten armenischer Organisationen nicht: 1921 wurde der ehemalige Innenminister und Großwesir Talaat Pascha in Berlin ermordet, seinen Vorgänger als Großwesir Said Halim Pascha traf dasselbe Schicksal im selben Jahr in Rom. 1922 fiel der ehemalige Marineminister Cemal Pascha, der lange in Berlin gelebt hatte, nun aber nach Tiflis ausgewichen war, einem armenischen Attentäter zum Opfer. Allein Enver Pascha entkam den armenischen Verfolgern; er fiel 1926 in Usbekistan auf Seiten islamistischer Verbände im Kampf gegen sowjetische Truppen - letztlich dann selbst ein Opfer seines Traums vom türkischen Großreich.

Zu den drei jungtürkischen Führern Enver, Talat und Cemal hatte der seit 1920 im türkischen Kleinasien dominierende Mustafa Kemal Pascha, der spätere Atatürk, trotz seiner eigenen Zugehörigkeit zur jungtürkischen Partei ein gespanntes Verhältnis. Diese galten als Hauptverantwortliche für den Armenier-Völkermord; auch deswegen wollte Atatürk sie nicht in den Reihen seiner türkischen Nationalbewegung sehen: 1920 bezeichnete er den Völkermord an den Armeniern vor dem Parlament ausdrücklich als „eine Schandtat der Vergangenheit“. Amerikanischen Diplomaten gegenüber befürwortete Atatürk eine harte Bestrafung der Täter. Enver Pascha hatte zudem aufgrund seiner militärischen Fehlentscheidungen viele Gegner in der osmanischen Armee. Sein Stern verblasste endgültig, nachdem Mustafa Kemal 1921/22 die griechischen Invasionstruppen besiegte und - zusammen mit fast der gesamten griechischen Bevölkerungsminderheit - aus Kleinasien vertrieb. Andere jungtürkische Politiker ordneten sich freilich dem neuen Helden und Befreier unter und setzten ihre Karrieren in der von Atatürk 1923 proklamierten Türkischen Republik fort.

Nachwirkungen der Jungtürken in Atatürks Republik ab 1923

Die frühere Jungtürkische Partei spielte seit 1920 eine dominierende Rolle bei der Organisierung von Atatürks Nationalbewegung. Eine wichtige Trägerschicht derselben waren jene türkischen Staatsbürger, die sich den Besitz der vertriebenen und/oder ermordeten Armenier angeeignet hatten und daran interessiert waren, ihn dauerhaft zu behalten. Sogar solche jungtürkischen Politiker oder Beamten, die als Völkermörder angeklagt waren, konnten Mitglieder der Bewegung Atatürks werden; manche stiegen später bis in Ministerämter auf, darunter der im Weltkrieg für Deportation verantwortliche Ansiedlungs- und Flüchtlingsgeneraldirektor des osmanischen Innenministeriums, Sükrü Kaya (früher: Sükrü oder Schukri Bey), der es nicht nur zum Generalsekretär von Atatürks „Republikanischer Volkspartei“ brachte, sondern zwischen 1927 und 1938 auch als Innenminister der Türkischen Republik amtierte. Indem solche Nationalisten die „Entente-hörigen“ Regierungen des neuen Sultans Mehmed VI. (1918-1922) bekämpften, wehrten sie sich auch gegen die drohende eigene Strafverfolgung für Genozidverbrechen.

Die Tätersuche in der Türkei hatte damit klare Grenzen, zumal „nationale Einigkeit“ in einem Existenzbedrohenden Bürgerkrieg wichtiger zu sein schien. Dieser zwischen 1920 und 1923 geführte Bürgerkrieg, der sich zum Krieg gegen das aggressiv in Kleinasien vordringende Griechenland ausweitete, verhinderte nicht nur die geplante Aufteilung der kleinasiatischen Türkei durch Gründung einer autoritär geführten Türkischen Republik (1922/23), sondern führte auch zur Vertreibung des Großteils der griechischen Minderheit, die der kollektiven Kollaboration mit dem Kriegsgegner Griechenland beschuldigt wurde.

Zugleich schloss Atatürk mit Sowjet-Russland (der späteren Sowjetunion) ein Abkommen über die Aufteilung des seit 1918 kurzfristig unabhängigen Staates Armenien, der sowohl früher russische als auch früher osmanische Gebiete umfasste. Die türkischen und russische Eroberungen führten 1920/21 zu neuerlichen Gewalttaten an Armeniern. Zuvor hatten sich allerdings auch armenische Extremisten ihrerseits an türkischen Bevölkerungsgruppen in Ostanatolien grausam für den jungtürkischen Genozid gerächt.

In der Türkei Atatürks wurden die überlebenden Armenier zu äußerster Zurückhaltung genötigt. Erst in jüngster Zeit wird die verschüttete, aber nicht verloren gegangene Identität zwangsislamisierter Überlebender diskutiert. Doch noch heute weigern sich türkische Politik und ein Großteil der Gesellschaft, die Verantwortung ihrer Nation für den Armenier-Genozid einzugestehen. Lange dürfte dabei das Problem des gewaltsam umverteilten Besitzes der Ermordeten und Vertriebenen eine Rolle gespielt haben. Ein Kernproblem scheint zu sein, dass die Staatsideologie der Türkei Atatürks letztlich auf der türkisch-nationalistischen Variante des jungtürkischen Denkens gründet. Diese wird in letzter Zeit durch den „Reform-Islamismus“ des Premiers Erdogan zwar relativiert, doch auch eine islamistisch-nationalistische Synthese führt nicht zwangsläufig zu anderer Geschichtsbetrachtung und zu größerer Toleranz gegenüber Minderheiten. Gewiss gehört zu einer objektiven Betrachtung des türkisch-armenischen Konflikts die langfristige Geschichte sich gegenseitig aufpeitschender Nationalismen vor dem Hintergrund des osmanischen Reichszerfalls seit etwa 1800 - eine Geschichte in der auch Armenier nicht nur Opferrollen innehatten, sondern vielmehr in der langen osmanischen Geschichte durch viele Verbrechen an der islamischen Bevölkerung Gründe für die Unterdrückung lieferten. Trotz der rechtlichen Gleichstellung der Armenier seitens des Osmanischen-Reiches wurde insgeheim die Oberherrschaft durch die "Türken" nicht respektiert und durch geheime Gruppen versucht einen eigenen Staat zu gründen, welcher auf türkischem und russischem Land gegründet werden sollte. Durch die Vertreibung der ca. 350.000 Armenier wollte die Türkei somit den eigenen Rechtsstaat auf Basis des Laizismus wahren und seine Bürger vor inneren Unruhen schützen.

Sonstige Bedeutung

Im übertragenen Sinn werden heute jüngere Politiker mit radikalen Ideen als Jungtürken bezeichnet, die sie im Rahmen ihrer politischen Gruppe durchzusetzen versuchen.

Siehe auch

Literatur zur Geschichte und Ideologie der Jungtürken

Deutschsprachige Literatur:

Literatur auf Französisch:

Zeitgenössische Bewertung der jungtürkischen Bewegung aus der Sicht der deutschen SPD

Literatur auf Englisch und Türkisch: