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Dialektik

Dialektik (griechisch διαλεκτική (τέχνη), dialektiké (téchne), eigentlich: „Kunst der Unterredung“; gleichbedeutend zu lateinisch (ars) dialectica: („Kunst der Gesprächsführung“)) ist die Lehre von den Gegensätzen in den Dingen bzw. den Begriffen, sowie die Auffindung und Aufhebung dieser Gegensätze. Dieses allgemeine Schema kann sich unter anderem auf die Gegensätze zwischen Begriff und Gegenstand in der methodischen Wahrheitsfindung, auf Gegensätze zwischen den Diskussionsteilnehmern in einer Diskussion und auf reale Gegensätze in der Natur oder der Gesellschaft beziehen.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der Begriff Dialektik stammt ursprünglich von dem griechischen medialen Deponens dialegesthai, das ein Gespräch führen bedeutet. Dialegesthai setzt sich zusammen aus der Präposition dia und der Wurzel leg-, die in logos (Grundbedeutung: Rede; auch: Rechnung, Verhältnis, Vernunft) und legein (sagen, reden) enthalten ist. Der Infinitiv dialegesthai wird bei Herodot, Thukydides und Gorgias im Sinne des Gesprächs gebraucht. Dialektikê tritt zuerst bei Platon adjektivisch[1] und als Substantiv[2] auf und wird hier und in der Folge zu einem technischen Terminus einer Methode bzw. zur Bezeichnung einer Wissenschaft.[3]
Dialektik ist ein schon in der Antike nicht einheitlich gebrauchter Begriff. Bis in die Neuzeit jedoch behält er im wesentlichen die Bedeutung einer auf einem Gespräch fundierten Disziplin oder Methode bei, die zur Wahrheitsfindung dient. Seit dem 18. Jahrhundert hat der Begriff viele andere Verwendungen erfahren.

Geschichte

Antike

In der antiken Philosophie wird mit dem Begriff "Dialektik" eine Methode oder Disziplin bezeichnet, um Wissen zu erwerben oder zu überprüfen. Zunächst und zumeist wird dabei von einer Frage-Antwort-Situation ausgegangen. Argumente sind Fragen in einer Gesprächsituation oder werden als in einer Gesprächsituation befindlich aufgefasst. Der Argumentationsfortschritt ergibt sich allein dadurch, dass die vom Fragenden ausgesagten Prämissen vom Antwortenden bejaht oder verneint werden (oder als bejaht oder verneint gedacht werden).[4] Nach Aristoteles ([fr. 65] nach Diog. IX 25ff und VIII 57) soll der Erfinder der Dialektik Zenon von Elea gewesen sein.

Platon

Zum ersten Mal findet sich der Ausdruck "Dialektik" bei Platon. Er grenzt die Dialektik von dem rhetorischen Monolog und der Eristik der Sophisten ab, welche er als Methode zur Durchsetzung beliebiger Meinungen betrachtet.[5] Platons Dialektikbegriff ist vieldeutig: In den frühen Dialogen ist Dialektik eine argumentative Form der Gesprächsführung: Sokrates stellt unter der Verwendung des Elenchos (Prüfung) eine ungeprüfte Meinung eines Proponenten auf den Kopf bzw. widerlegt sie. Oft enden diese Gespräche in einer Aporie, d.h. nach dem dialektischen Gespräch ist nur bewiesen, dass die alte These zu verwerfen ist, aber eine neue ist dadurch (noch) nicht gefunden.

In späteren Dialogen (insbesondere dem Phaidon, der Politeia, dem Phaidros und dem Sophistes) ist Dialektik Platons Fundamentalwissenschaft. Sie stellt die Methoden bereit, mit der in der Philosophie sachgerecht unterschieden werden soll und Wissen über die Ideen - insbesondere über die Idee des Guten - erlangt werden soll: das Hypothesis-Verfahren und das Dihairesis-Verfahren.

Der Terminus "Dialektik" enthält bei Platon also mehrere Bedeutungsdimensionen. Da es äußerst viele, sich teilweise stark widersprechende Deutungen der Dialoge gibt, erscheint es sinnvoll, einige wichtige Textstellen zur Dialektik zu zitieren, damit sich der Leser seine Informationen direkt aus der Quelle schöpfen kann. Folgende Einteilung ist nicht kanonisch, sondern dient nur zur Orientierung.

Erstens bedeutet "Dialektik" schlicht Philosophie und philosophische Haltung:

Du nennst doch den Dialektiker, der von jeglichem den Begriff seines Wesens fasst (ton logon hekastou lambanonta tês ousias).“ Pol. 534 b 3 – 4, Übers. Rufener „Der zu fragen (erôtân) und antworten (apokrinesthai) versteht, nennst du den anders als Dialektiker?“ Krat. 390 c 10 - 11 „Es ist aber wohl das Dialektischere (to dialektikôteron), nicht nur auf wahre Weise zu antworten (talêthê apokrinesthai), sondern auch auf solche Weisen, von denen der Fragende bestätigt, dass er sie versteht.“ Men. 75 d 4 – 7

Zweitens heißt "Dialektik" - in einer spezielleren Bedeutung - Ideenforschung; hier fällt der Begriff teilweise mit den modernen Themen der logischen Analyse ("Dihairesis" heißt wörtlich "Teilung, Sonderung"), der Semantik und der Syntax zusammen:

"FREMDER: [...] Das Trennen nach Gattungen (to kata genê diarheisthai), dass man weder denselben Begriff (eidos) für einen anderen, noch einen anderen für denselben halte, wollen wir nicht sagen, dies gehöre für die dialektische Wissenschaft (dialekikê epistêmê)? – Das wollen wir sagen. – Wer also dieses gehörig zu tun versteht, der wird eine Idee (idea) durch viele einzeln voneinander gesonderte nach allen Seiten auseinandergebreitet genau bemerken, und viele voneinander verschiedene von einer äußerlich umfasste und wiederum eine durch viele Ganze hindurch in einem zusammengeknüpfte, und endlich viele gänzlich von einander abgesonderte (dihorismenas). Dies heißt dann, inwiefern jedes in Gemeinschaft treten kann und inwiefern nicht, der Art nach zu unterscheiden wissen.“ Soph. 253 b 9 – e 2"

Drittens ist Dialektik das, was heute als Metaphysik bekannt ist, nämlich die Suche nach den Grundstrukturen und Urgründen der Welt; vom "Hypothesis-Verfahren" kann man in diesem Zusammenhang sprechen, weil die Dialektik gerade die unhinterfragten Voraussetzungen - Hypothesen - der anderen Wissenschaften untersucht:

„Einzig das dialektische Verfahren (dialektikê methodos) [...] hebt die Voraussetzungen auf und macht sich auf den Weg dorthin: zum Anfang selbst, um festen Stand zu gewinnen. Und sie zieht allmählich das Auge der Seele aus dem barbarischen Morast, in dem es tatsächlich vergraben war, hervor und richtet es nach oben. Dabei nimmt sie als Mitarbeiterinnen und Mitleiterinnen die erwähnten Fächer [nämlich Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Harmonik] zu Hilfe.“ Pol. 533 c 9 – d 5, Übers. Rufener

Dialektik hat bei Platon nichts mit Widersprüchen zu tun; Platon selbst hat im "Staat" den Satz vom Widerspruch explizit formuliert:

„Offenbar ist doch, dass dasselbe (tauton) nie zu gleicher Zeit Entgegengesetztes tun und leiden (tanantia poiein ê paschein) wird, wenigstens nicht in demselben Sinne genommen und in Beziehung auf ein und dasselbe.“ Pol. 436 b 8 – 9

Aristoteles

Von Aristoteles liegt die erste schriftlich ausgearbeitete Dialektik vor, die sich in seiner Topik findet. Dialektik ist eine methodische Argumentationsanleitung, die er folgendermaßen beschreibt:

ein Verfahren, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, über jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen (endoxa) zu deduzieren und, wenn wir selbst ein Argument vertreten, nichts Widersprüchliches zu sagen.[6]

Dialektische Argumentationen sind Deduktionen. Sie unterscheiden sich formal dabei nicht von wissenschaftlichen, sondern nur durch die Art ihrer Prämissen: wissenschaftliche Prämissen sind besondere, nämlich „wahre und erste Sätze“, dialektische hingegen anerkannte Meinungen, d.h. Sätze, die

entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten oder den Fachleuten und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden. [7]

Der Dialektiker operiert in der Argumentation mit verschiedenen argumentativen Werkzeugen und insbesondere mit den Topen. Letztere sind Argumentationsschemata für bestimmte Argumentationsszenarien, die gemäß der Eigenschaften der in den Prämissen verwendeten Prädikaten vom Dialektiker aufgefunden und angewandt werden.

Nützlich ist Dialektik nach Aristoteles als geistige Gymnastik, bei Begegnungen mit der Menge, und auch durch das Durchspielen entgegengesetzter Positionen bei der Erörterung philosophischer Probleme.[8]

Hellenistische Philosophie

Die megarische Schule wurde als „dialektisch“ bezeichnet, da sie sich dadurch besonders auszeichnete logische Probleme sowie Trugschlüsse zu behandeln. Teilweise wurde das dortige Vorgehen auch „eristisch“ genannt.

Die skeptisch geprägte Akademie des Arkesilaos fasste Dialektik auf als ein Verfahren, jede These, jede Behauptung von Wissen mit einem Argument für die gegenteilige These zu entkräften.

Nach stoischem Sprachgebrauch ist Dialektik (neben der Rhetorik) ein Teil der (im weiteren Sinne als heute verstandenen) stoischen „Logik“. Sie wird (vermutlich durch Chrysipp) definiert als: „Wissenschaft von dem, was wahr, von dem, was falsch, und von dem, was keins von beiden ist.“[9] Die Dialektik ist damit das Instrument des Stoikers zur Unterscheidung wahrer und falscher Vorstellungen und umfasst dabei insbesondere auch die stoische Erkenntnistheorie. Die Gliederung der stoischen Dialektik in ein Gebiet „Über die Stimme“ und „Über das Bezeichnete“ zeigt jedoch, dass auch andere heutige Disziplinen wie Phonetik, Semantik, Sprachphilosophie und Stilistik unter sie fallen.

Mittelalter

Boethius knüpft an die Topik von Aristoteles und Cicero an und entwickelt aus den locus besondere Maximen des Argumentierens. Berengar von Tours, William of Shyreswood und Petrus Hispanus entwickeln weitere Ansätze.

Neuzeit

Transzendentale Dialektik bei Kant

Kant kannte eine transzendentale Dialektik, die ansetzt als eine Logik des Scheins. Das sind die erklärbaren - aber nicht auflösbaren - kosmologischen Widersprüche, in die sich die reine Vernunft verwickelt, wenn sie ausschließlich auf Basis der transzendentalen Kategorien und ohne Zuhilfenahme von Anschauung Fragen wie Was war vor dem Anfang der Welt? stellt. Diese natürliche Dialektik wird kritisch einer transzendentalen Vernunftkritik unterzogen, mit der die "endlosen Streitigkeiten der Metaphysik" beendet werden sollen.

Nach Kant

Kants Dialektik wurde von späteren Philosophen wie etwa Schopenhauer als abgeschlossen angesehen. Andere gingen davon aus, dass Kants Auffassung der Dialektik durchaus noch verbessert werden könne, so etwa Serol, Fichte und Schelling.

Hegels Dialektik

Für Hegel ist bereits der antike Philosoph Heraklit ein früher Dialektiker. Der Logos als das Prinzip der Welt, besteht für Heraklit im Streit ("polemos") als "Vater aller Dinge". Die sich ständig wandelnde Welt ist geprägt von einem Kampf der Gegensätze, vom ewigen Widerspruch der Polaritäten. Im Gegensatz zeigt sich eine "tieferliegende, verborgene Einheit, ein Zusammengehören des Verschiedenen". Hegel verbindet seine Methode mit dem Begriff der Dialektik. Seit der Phänomenologie des Geistes gilt ihm die dialektische Bewegung als das eigentlich Spekulative, „den Gang des Geistes in seiner Selbsterfassung.“[10] Darin ist die Dialektik „das treibende Moment des Vernünftigen innerhalb des Verstandesdenkens, durch das sich der Verstand schließlich selbst aufhebt.“[11] Was oft Hegels Dialektik genannt wird, ist für ihn Logik. Das Wahre oder der Begriff, er sagt auch das Logisch-Reelle, besteht dabei wesentlich aus drei Momenten. Diese können nicht voneinander abgesondert betrachtet werden.

"Das Logische hat der Form nach drei Seiten: α) die abstrakte oder verständige, β) die dialektische oder negativ-vernünftige, γ) die spekulative oder positiv-vernünftige."[12]
  1. das endliche, verständige Moment: Der Verstand setzt etwas als seiend.[13]
  2. das unendlich negative, dialektische Moment: Die Vernunft erkennt die Einseitigkeit dieser Bestimmung und verneint sie. Es entsteht so ein Widerspruch. Die begrifflichen Gegensätze negieren einander, d.h. sie heben sich gegenseitig auf.[14]
  3. das unendlich positive, spekulative Moment: Die Vernunft erkennt in sich selbst die Einheit der widersprüchlichen Bestimmungen und führt alle vorherigen Momente zu einem positiven Resultat zusammen, die in ihr aufgehoben (aufbewahrt) werden.[15]

In der Spekulation schlagen die negierten Gegensätze in ein positives Resultat um. Der Kern seiner Methode ist die Negation. Sie macht die dialektische Darstellung als "voraussetzungsloser, selbstbewegter und selbstbestimmter Entwicklung der Sache selbst, nach dem omnis determinatio est negatio."[16] Die Negation der Negation oder doppelte Negation ist wieder etwas Positives. Hegel nennt sie Affirmation.

Max Weber stellte in seinen Arbeiten zur Wissenschaftslehre im Anschluss an Heinrich Rickert und Emil Lask der analytischen Logik die emanatistische Logik gegenüber, als welche er eine Begriffslogik verstand, die sich an Hegels Dialektik orientiere.

Materialistische Dialektik

Karl Marx stellt die Dialektik Hegels vom Kopf (Hegels Idealismus) auf die Füße (Materialismus) und setzt sie auf historisch-materialistischer Grundlage als Methode zur Kritik der politischen Ökonomie ein.

Marx äußert sich in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844 über die Hegelsche Dialektik, überhaupt und wie sie in der »Phänomenologie« und »Logik« von Hegel ausgeführt ist, und deren Rezeption durch die Junghegelianer. [17] Ludwig Feuerbach sei der einzige, der hierzu ein kritisches Verhältnis bewiesen habe und als Überwinder Hegels gelten dürfe. Denn Feuerbach habe nachgewiesen, dass Hegels Philosophie die Theologie fortgesetzt habe.[18]. Hegels Idealismus habe Feuerbach den wahren Materialismus und die reelle Wissenschaft entgegengesetzt.

Das »unglückliche Bewußtsein«, das »ehrliche Bewußtsein«, der Kampf des »edelmütigen und niederträchtigen Bewußtseins« etc. etc., diese einzelnen Abschnitte enthalten die kritischen Elemente - aber noch in einer entfremdeten Form - ganzer Sphären, wie der Religion, des Staats.[19]

Das Große an der Hegelschen »Phänomenologie« und ihrem Endresultate - der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip - ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift.[20]

Für Marx ist nichts anderes als die gesellschaftliche Wirklichkeit die Grundlage für den „Gang der Sache selbst“. Nicht die Entwicklung der Begriffe oder des Geistes bestimmen die Wirklichkeit, sondern das Handeln der Menschen, orientiert an der tatsächlichen Befriedigung der Bedürfnisse und der durch die ökonomischen Verhältnisse bestimmten Interessen, bestimmen ihr Denken und damit die Entwicklung von Ideen.

Gemäß Marx ist die materialistische Dialektik zugleich logisch und geschichtlich. Der Widerspruch vereint nicht zwei Gegensätze zu einem höheren Dritten wie bei Hegel, sondern löst einen Prozess der historischen Durchsetzung der logisch besseren und stärkeren Verhältnisse aus, die so in der menschlichen Praxis als Triebkraft der Geschichte wirken. In der gesellschaftlichen Praxis gestaltet der menschliche Wille die soziale Wirklichkeit, durch willentliche Beeinflussung der gesellschaftlichen Prozesse und der vorgefundenen Verhältnisse entsprechend historisch bestimmten Gesetzen der sozialen Entwicklung.

Die materialistische Dialektik bei Marx und Engels kann somit als Methodologie des Marxismus zur Grundlegung des wissenschaftlichen Sozialismus aufgefasst werden. Sie wird in der weiteren Geschichte der kommunistischen Philosophie zum grundlegenden Bestandteil des historischen wie des dialektischen Materialismus, wie er jedoch nicht immer ganz untereinander übereinstimmend bei Friedrich Engels, Lenin oder dogmatisch stark vergröbert bei Stalin anzutreffen ist. Die dialektischen Gesetze existieren hier zunächst unabhängig vom Bewusstsein. Durch revolutionäre Umgestaltung der Produktionsbedingungen und -verhältnisse sowie der dann möglichen Ausnutzung jener Gesetze bestehen diese sodann in Wechselwirkung mit dem Bewusstsein.

Dialektiker der Frankfurter Schule

Hauptwerk der Frankfurter Schule ist die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verfasste Essay-Sammlung Dialektik der Aufklärung.

Adorno entwickelte eine Negative Dialektik. Es geht um eine Kritik am theoretischen Abschluss der Philosophie zu einem System. Philosophiehistorische Grundüberlegungen sind ein gesellschaftskritisches Korrelat.

Positivismusstreit

Die Diskussion im Rahmen des Positivismusstreits war von dem Hegelschen Verständnis des Begriffes, deren Modifikation durch Marx und der Kritik an diesen Positionen geprägt. Nach dem Selbstverständnis der Dialektiker erfasst diese Methode die Grundstruktur der Wirklichkeit. Nur sie kann diese wahrhaft in ihrer Ganzheit erfassen. Der Widerspruch liegt hier in der Natur des Denkens und damit auch in der Sache selbst. Weil das systematische und deduktive Denken Widersprüche kategorisch ablehnt und ablehnen muss, da es an der Basis untrennbar an die Logik gekettet ist, kann es diese Wahrheit nicht anerkennen. Aus dieser Sicht steht es dem dialektischen Denken unvereinbar gegenüber.

Habermas erläuterte diese Problematik an einem Beispiel wie folgt: "Insofern fällt der dialektische Begriff des Ganzen nicht unter die berechtigte Kritik an den logischen Grundlagen jener Gestalttheorien, die auf ihrem Gebiete Untersuchungen nach den formalen Regeln analytischer Kunst überhaupt perhorreszieren; und überschreitet dabei doch die Grenzen formaler Logik, in deren Schattenreich Dialektik selber nicht anders scheinen kann denn als Schimäre"[21]

Kritik

Die dialektische Vorgehensweise Hegels ist von Zeitgenossen und in der Nachfolge kritisiert worden. Schopenhauer sprach von der Philosophie Hegels abschätzig als „Hegelei“. Seit Kierkegaard ist eine Protesthaltung gegen das System der Dialektik nicht unüblich geworden (Existenzphilosophie). Auch der dialektische Materialismus war besonders in der politischen Diskussion des 20. Jahrhunderts heftig umstritten. Es trat insbesondere die Frage auf, wieso sich die ökonomische Gesellschaft zwangsläufig als Klassenkampf darstelle, der sich fortschreitend entwickele.

Die analytische Philosophie kritisierte zuallererst die dialektische Sprache, die sich aus Sicht der Sprachkritik nach der linguistischen Wende nicht an die Standards der Logik halte. Man kann sogar sagen, dass die Feindseligkeit gegen oder Empfänglichkeit für Dialektik eines der Dinge ist, welche im 20. Jahrhundert die anglo-amerikanische Philosophie von der sogenannten Kontinentalen Tradition spaltet, eine Kluft, die nur wenige gegenwärtige Philosophen (darunter Richard Rorty) gewagt haben zu überbrücken.

Der analytische Philosoph Georg Henrik von Wright hat der Dialektik eine kybernetische Deutung gegeben, indem er Dialektik als Kette negativer Rückkopplungen deutet, die jeweils zu einem neuen Gleichgewicht führen. Anders als die Dialektiker versteht Von Wright die Verwendung logischer Begriffe innerhalb der Dialektik als metaphorisch, wobei etwa ‚Widerspruch‘ für Realkonflikte steht. Damit trägt er der Kritik an den Dialektikern Rechnung, nach der sie einer Verwechslung zwischen logischen Widersprüchen, die nur zwischen Sätzen und Propositionen bestehen können, und realen Gegensätzen unterliegen würden, etwa zwischen physikalischen Kräften oder auch gesellschaftlichen Interessen.

Eine andere Deutung der Dialektik innerhalb der analytischen Philosophie geht davon aus, dass sich die dialektische Methode nur auf normative Systeme bezieht, wo (deontische) Widersprüche tatsächlich vorkommen, nicht jedoch auf die reale Welt. Die fehlerhafte Deutung durch Hegel und seinen Nachfolgern ist demnach auf den Pantheismus Hegels zurückführbar, da die Möglichkeit, sich eine deontisch bessere Welt als die real gegebene vorzustellen, einer Niederlage des Pantheismus gleichkommen würde. Wegen der marxistischen Vorstellung der Entwicklung der Welt hin auf eine deontisch perfekte Welt, die als pantheistisches Element innerhalb des Marxismus deutbar ist, trifft dieser Kritikpunkt auch auf den Marxismus zu.[22]

Ein Philosoph, der das Konzept dieser Tradition der Dialektik immer wieder kritisiert hat, ist Karl Popper. 1937 veröffentlichte er den Artikel „What Is Dialectic“, worin er die dialektische Methode für ihre Bereitwilligkeit kritisierte, sich mit Widersprüchen abzufinden. Popper schloss den Aufsatz mit den Worten: „Die ganze Entwicklung der Dialektik sollte als Warnung dienen gegen die dem philosophischen Systembau inhärenten Gefahren. Sie sollte uns daran erinnern, dass die Philosophie nicht zur Grundlage für irgendwelche Arten wissenschaftlicher Systeme gemacht werden darf...“. Später behauptete[23] Popper (dieser Auffassung hat u.a. Walter A. Kaufmann widersprochen[24]), dass Hegels Denken zu einem gewissen Grad verantwortlich für die Erleichterung des Aufstiegs des Faschismus in Europa ist, indem es zum Irrationalismus ermutigt und ihn zu rechtfertigen versucht. Im Abschnitt 17 seines Nachtrags von 1961 zur Offenen Gesellschaft, im englischen Original betitelt "Facts, Standards, and Truth: A Further Criticism of Relativism", lehnte Popper es ab, seine Kritik an der Hegelschen Dialektik zu relativieren, er argumentierte, dass sie eine große Rolle beim Untergang der Weimarer Republik gespielt hat, indem sie zum Historizismus und anderen totalitären Denkmoden beitrug und dass sie die traditionellen Standards der intellektuellen Verantwortung und Redlichkeit herabgesetzt habe.

Der Kritik folgend können die Grundprinzipien der Dialektik als Bewußtseinszange bzw. Feldbegriff, mit dessen eingebautem Widerspruch, in kürzester Form leicht verständlich gemacht werden. Da sie sehr universell regieren, sollte man diese drei manipulativen Prinzipien, die immer von scheinbar gegensätzlichen Parteien inszeniert werden werden, auswendig lernen - um ihnen zu entkommen. Sie lauten:

  1. Umschlagen von Quantität in Qualität und umgekehrt.
  2. Gegenseitiges Durchdringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Umschlagen, wenn auf die Spitze getrieben.
  3. Entwicklung durch Widerspruch oder Negation der Negation.

Dieses Wenige sei im Hinblick auf eine Mathematik des Denkens, genauer gesagt eine Steuerung des Denkens, bzw. der Massenbewusstseinsmanipulation und der Massenbeherrschung ungeheuer viel, nicht nur im Falle von „links“ und „rechts“. Letztlich würden dadurch Antworten und Lösungen nicht richtig zusammengesetzt und nicht von irrtümlicher oder weniger irrtümlicher Unredlichkeit gelöst. Wer suchet, der könne ganzheitliche Lösungen finden, nur die Unkenntnis von der zerteilenden Methode der Dialektik erleichtere dies nicht.

Quellen

  1. Platon, Menon 75 d
  2. Platon, Politeia, 534e
  3. Rolf Geiger: dialegesthai, in: Christoph Horn / Christof Rapp: Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, Seite 103
  4. Vgl. A. A. Long /D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, übersetzt von Karlheinz Hülser, Stuttgart 2000, 222 ISBN 3-476-01574-2
  5. Rolf Geiger: dialegesthai, in: Christoph Horn / Christof Rapp: Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, Seite 103
  6. Aristoteles, Topik I, 1, 100a 18 ff.; zitiert nach: Aristoteles: Topik übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp, Stuttgart 2004.
  7. Aristoteles, Topik I, 1, 100a 22; zitiert nach: Aristoteles: Topik übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp, Stuttgart 2004.
  8. Aristoteles, Topik I, 2, 100b 25 ff.; zitiert nach: Aristoteles: Topik übersetzt und kommentiert von Tim Wagner und Christof Rapp, Stuttgart 2004.
  9. Diogenes Laertios, 7.42; zitiert nach: A. A. Long /D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, übersetzt von Karlheinz Hülser, Stuttgart 2000, 215 ISBN 3-476-01574-2
  10. vgl. und siehe Lu De Vos:Dialektik, in: Paul Cobben [et al.] (Hg.): Hegel-Lexikon. WBG, Darmstadt 2006, S. 183.
  11. Lu De Vos:Dialektik, in: Paul Cobben [et al.] (Hg.): Hegel-Lexikon. WBG, Darmstadt 2006, S. 182.
  12. G.W.F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, Näherer Begriff und Einteilung der Logik, § 79
  13. "α) Das Denken als Verstand bleibt bei der festen Bestimmtheit und der Unterschiedenheit derselben gegen andere stehen; ein solches beschränktes Abstraktes gilt ihm als für sich bestehend und seiend.", G.W.F. Hegel: ebd., § 80
  14. "β) Das dialektische Moment ist das eigene Sichaufheben solcher endlichen Bestimmungen und ihr Übergehen in ihre entgegengesetzten.", G.W.F. Hegel: ebd., § 81
  15. "γ) Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige fasst die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Übergehen enthalten ist.", G.W.F. Hegel: ebd., § 82
  16. vgl. und siehe Konrad Utz:Negation, in: Paul Cobben [et al.] (Hg.): Hegel-Lexikon. WBG, Darmstadt 2006, S. 335f.
  17. Marx: , S. 197. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 765 (vgl. MEW Bd. 40, S. 568)
  18. "Die Aneignung der zu Gegenständen und zu fremden Gegenständen gewordenen Wesenskräfte des Menschen ist also erstens nur eine Aneignung, die im Bewußtsein, im reinen Denken, i.e. in der Abstraktion vor sich geht, die Aneignung dieser Gegenstände als Gedanken und Gedankenbewegungen, weshalb schon in der »Phänomenologie« - trotz ihres durchaus negativen und kritischen Aussehns und trotz der wirklich in ihr enthaltenen, oft weit der späteren Entwicklung vorgreifenden Kritik - schon der unkritische Positivismus und der ebenso unkritische Idealismus der späteren Hegelschen Werke - diese philosophische Auflösung und Wiederherstellung der vorhandnen Empirie - latent liegt, als Keim, als Potenz, als ein Geheimnis vorhanden ist." [Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 206. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 774 (vgl. MEW Bd. 40, S. 573)]
  19. Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 207. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 775 (vgl. MEW Bd. 40, S. 573)
  20. Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 207. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 775 (vgl. MEW Bd. 40, S. 573)
  21. Jürge Habermas: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik. Logik der Sozialwissenschaften 5
  22. W. Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie Bd. II
  23. Kapitel 12 des zweiten Bandes von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
  24. Walter A. Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method. From Shakespeare to Existentialism: Studies in Poetry, Religion, and Philosophy (Boston: Beacon Press, 1959), S. 88–119

Literatur