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Simson (Suhl)

Die Firma Simson wurde 1856 von den beiden jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson in der thüringischen Stadt Suhl gegründet.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

1856 bis 1933

Basis des Unternehmens war anfangs ein Stahlhammer, der 1841 von Andreas Bauer gegründet und von den Brüdern Löb und Moses Simson im Jahre 1854 zu einem Drittel angekauft wurde. 1856 folgte daraus die Gründung der Firma Simson & Co, die weiterhin Holzkohlenstahl produzierte, der unter anderem für die Herstellung von Jagd- und Militärwaffen Verwendung fand. Seit 1866 belieferte Simson, dessen Werk in Heinrichs im preußischen Landkreis Schleusingen lag, die preußische Armee mit Gewehren.

Ab 1896 erweiterte Simson seine Produktpalette im zivilen Bereich und stellte die ersten Fahrräder, die englischen Vorbildern ähnelten, her. Die Firma Simson wurde bald zu einem der großen Fahrradproduzenten. 1907 begann die Entwicklung von Personenkraftwagen, die 1908 zur Konstruktion eines unvollkommenen Kleinwagens führte. Erst nach dem Eintritt eines erfahrenen Konstrukteurs gelang 1912 mit dem Simson A der erste produktionsreife Kraftwagen. Wurden 1855 gerade 20 Mitarbeiter beschäftigt, so gab es 1904 schon 1200 und 1918 sogar 3500 Beschäftige beim größten Arbeitgeber Suhls.

Nach dem Ersten Weltkrieg musste die stark expandierte Waffenproduktion eingestellt werden. Allerdings konnte Simson am 25. August 1925 aufgrund des Friedensvertrags von Versailles mit der Reichswehr einen Monopolvertrag zur Lieferung von leichten Maschinengewehren abschließen. Daneben begann das Unternehmen 1924 die Serienproduktion von Automobilen der Luxusklasse, insbesondere des Modells Simson Supra, das auch im Rennsport sehr erfolgreich fuhr. Ab 1930 wurden auch Kinderwagen hergestellt.

Die Stellung als offizieller Lieferant der Reichswehr ermöglichte es Simson die Weltwirtschaftskrise von 1929 zu überstehen, während die lokale Konkurrenz von vielen Firmenzusammenbrüchen betroffen war. Dies führte zu Beschwerden und Klagen über die staatlichen Subventionen sowie zur Forderung des Verbandes der Suhler Gewehrfabrikanten e.V., Heeresaufträge nicht nur an die Firma Simson zu vergeben. Die Anfeindungen wurden von den Nationalsozialisten aufgegriffen, um die „jüdischen“ Geschäftsführer Arthur und Julius Simson anzugreifen und zu diffamieren.

1933 bis 1945

Noch im Januar 1933 gründeten die Eigentümer die Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH, um den Familiennamen aus dem Firmenamen zu entfernen. Aber schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten startete der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel ein Untersuchungsverfahren mit der Begründung, das Deutsche Reich sei durch das „jüdische“ Unternehmen bei der Abrechnung der staatlichen Aufträge übervorteilt worden. Obwohl der Reichsrechnungshof keine übermäßigen Gewinne feststellen konnte, kam es auf Initiative von Sauckel 1934 in Meiningen zu einem Schauprozess gegen Arthur Simon und einige leitende Angestellte wegen „Übervorteilung des Reiches“. Allerdings mussten die inhaftierten Angeklagten ein Jahr später aus Mangel an Beweisen in allen Punkten freigesprochen werden.

Noch während des Prozesses wurden die Gebrüder Simson gezwungen, die Rechtsform ihres Unternehmens zu ändern und den Berliner Kaufmann und NSDAP-Mitglied Herbert Hofmann an der dann unter Kommanditgesellschaft Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke Simson & Co. genannten Gesellschaft zu beteiligen. Dadurch war ihnen die Kontrolle über ihre Firma entzogen worden und auf den Treuhänder Hoffmann übergegangen. Zwecks Arisierung wurde das Unternehmen mit einem Wert von zirka 18 Millionen Reichsmark und einem Jahresgewinn 1934 von rund 1,6 Millionen Reichsmark Friedrich Flick für einen Preis von 8 bis 9 Millionen Reichsmark angeboten.[1] Flick lehnte dies aber nach längeren Verhandlungen ab.

Im August 1935 erwirkte Sauckel ein Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Jena, diesmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das endete mit einem Schuldspruch und einer Geldbuße von 9,75 Millionen Reichsmark gegen die Inhaber.[2] Der angebliche Übergewinn wurde durch die deutsche Revisions- und Treuhand AG errechnet. Das nötige Geld konnte nur durch einen unter Waffengewalt erzwungenen Verzicht der Eigentümer Julius und Arthur Simson auf das Werk beglichen werden, so dass am 28. November 1935 das Unternehmen auf Fritz Sauckel übertragen wurde. Die Familie Simson konnte 1936 ins Ausland fliehen und wanderte in die USA aus. Der Name Simson wurde schließlich aus der Firmenbezeichnung gestrichen.

Das Werk lieferte in der Folge den Grundstock für die 1936 gegründete Wilhelm-Gustloff-Stiftung. Am 1. September 1934 wurde die Automobilproduktion eingestellt, 1936 erstmals das Leichtmotorrad BSW 98 gebaut. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges begann die Produktionseinstellung von Fahrrädern, Kinderwagen und Motorrädern. 6000 Mitarbeiter fertigten in den Gustloff-Werke - Waffenwerk Suhl Kriegswaffen, unter anderem in Suhl allein im Jahr 1944 61.450 Stück vom Maschinengewehr Typ 42.

1945 bis 2002

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Werke von den Alliierten als Rüstungsbetrieb eingestuft, das Werk 1946 weitgehend demontiert und als Reparationszahlung in die Sowjetunion transportiert. Mit dem Rest wurde die Produktion von Jagdwaffen, Kinderwagen und Fahrrädern wieder begonnen. 1946 wurde Simson & Co. Suhl, Fahrradfabrik der sowjetischen Aktiengesellschaft für Spezialmaschinenbau in die sowjetische Aktiengesellschaft SAG Awtowelo (AWO) eingegliedert. Ab 5. März 1947 hieß der Betrieb Staatliche Aktiengesellschaft "Awtowelo" Werk vorm. Simson & Co; Suhl (Thür.).

Ende 1948 erhielt das Werk von der sowjetischen Militäradministration (SMAD) den Befehl, ein seitenwagentaugliches Motorrad mit 250-cm³-Viertaktmotor zu bauen, die legendäre AWO 425. Dieses Modell ähnelt der EMW beziehungsweise BMW R25, jedoch sind die Fahrzeuge kaum ersatzteilkompatibel.

Am 1. Mai 1952 wurde das Werk als VEB Fahrzeug und Gerätewerk Simson Suhl ein volkseigener Betrieb in der Industrieverwaltung 19 Fahrzeugbau der DDR, der späteren IFA - Industrieverband Fahrzeugbau der DDR, eingegliedert. Produziert wurden neben der AWO 425 (von da an als Simson 425 bezeichnet) auch Mopeds, Mokicks und Roller.

1964 wurde die Produktion der Simson 425, im Volksmund respektvoll „Dampfhammer“ genannt, zugunsten der kleineren 50-cm³- bzw. 70-cm³-Mokicks eingestellt. Die Motorradproduktion in der DDR wurde vom MZ allein übernommen. Diese Aufteilung der Marktsegmente blieb bis zum Ende der DDR bestehen.

Ab dem 1. Januar 1968 hieß Simson nach dem Zusammenschluss mit dem "VEB Ernst-Thälmann-Werk Suhl" (einer Jagdwaffenfabrik) VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann Suhl (FAJAS).

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde Simson, das von 1955 bis 1990 über 5 Millionen Kleinkrafträder produziert hatte, von der Treuhandanstalt abgewickelt, aber sofort wieder neu gegründet als Suhler Fahrzeugwerk GmbH.

Die Mokickbaureihen wurden modernisiert und man engagierte sich im Automobilbau, indem man das in Ibach im Hotzenwald entwickelte viersitzige Elektroauto namens „Hotzenblitz EL-Sport“ produzierte. Allerdings wurde das Modell nur in einer kleinen Serie von 140 Stück gefertigt, da es kaum Kaufinteressenten gab.

Nach mehreren Beinahe-Insolvenzen musste die Firma am 28. Juni 2002 endgültig Insolvenz anmelden; der Firmenbesitz wurde im Mai 2003 versteigert. Die Ersatzteilversorgung ist vorerst gesichert durch diverse Teilehändler. Einer der Hauptkäufer ist ein Großhändler, der mittlerweile auch wieder einzelne Teile in Suhl produziert.

Simsonfreunde aus ganz Deutschland treffen sich mittlerweile einmal im Jahr zum Herrentag (Vatertag/Christi Himmelfahrt) für drei Tage in Suhl.

Hergestellte Produkte und Fahrzeuge

Zeitleiste der Simson-Modelle von 1950 bis 2002
Typ 1950er 1960er 1970er 1980er 1990er 2000er
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Mofa SL1
Mokick SR1 SR2 Spatz Habicht S50 S51 S53
Star
Kleinroller KR50 Schwalbe
(KR51, KR51/1, KR51/2)
SR50 Star 50
Motorroller SR80
Leichtkraftrad Sperber S70 S83 Schikra
Motorrad AWO 425
Lastendreirad SD 50

Fälschlicherweise wird das dreirädrige Duo oft auch Simson hinzugerechnet, da viele Teile aus dem Baukastensystem der sogenannten Simson - Vogelserie stammten. Dieses wurde jedoch nie von Simson gefertigt.

Unter Führung der Familie Simson

Automobile 1914-1934

Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
Typ A (6/12 PS) 1914-1915 4 Reihe 1462 ccm 22 PS (16,2 kW) 55 km/h
Typ C (10/28 PS) 1914-1915 4 Reihe 2614 ccm 28 PS (20,5 kW) 65 km/h
Typ D (14/45 PS) 1919-1923 4 Reihe 3538 ccm 45 PS (33 kW) 90 km/h
Typ Bo (6/22 PS) 1919-1924 4 Reihe 1570 ccm 22 PS (16,2 kW) 65 km/h
Typ Co (10/40 PS) 1919-1924 4 Reihe. 1613 ccm 40 PS (29 kW) 80 km/h
Typ F (14/65 PS) 1923-1924 4 Reihe 3613 ccm 65 PS (48 kW) 100 km/h
Supra Typ S (8/50 PS) 1924-1926 4 Reihe 1970 ccm 50-60 PS (37-44 kW) 120-140 km/h
Supra Typ J (12/60 PS) 1925-1926 6 Reihe 3120 ccm 60 PS (44 kW) 95 km/h
Supra Typ So (8/40 PS) 1925-1929 4 Reihe 1970 ccm 40 PS (29 kW) 100 km/h
Supra Typ R (12/60 PS) 1926-1931 6 Reihe 3130 ccm 60 PS (44 kW) 95 km/h
Supra Typ RJ (13/70 PS) 1931-1934 6 Reihe 3358 ccm 70 PS (51 kW) 95 km/h
Supra Typ A (18/90 PS) 1931-1934 8 Reihe 4673 ccm 90 PS (66 kW) 120 km/h

Während des Nationalsozialismus

Unter sowjetischer Besatzung

Als Volkseigener Betrieb

Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
SR1 Moped 1955–1957 2-Gang-Handschaltung 47,6 cm³ 1,5PS 45 km/h
SR2 Moped 1960–1964 2-Gang-Handschaltung 47,6 cm³ 1,8 PS 40/45 km/h
KR50 Vorgänger der Schwalbe Kleinroller 1958–1964 2-Gang-Handschaltung 47,6 cm³ 2,1 PS 50 km/h
Vogelserie
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
Spatz SR4-1 Moped 1964–1970 2-Gang 49,6 ccm 1,7 kW (2,3 PS) 50 km/h
Star SR4-2 Mokick 1964–1975 3-Gang-Fußschaltung 49,6 cm³ 3,4 PS 60 km/h
Sperber SR4-3 Leichtkraftrad 1966–1972 4-Gang-Fußschaltung 50 cm³ 4,6 PS 75 km/h
Habicht SR4-4 Kleinkraftrad 1971–1975 4-Gang-Fußschaltung 50 cm³ 3,4 PS 60 km/h
Schwalbe KR51 Kleinroller 1964–1980 3-Gang-Handschaltung 49,6 ccm (3,4 PS) 60km/h
Schwalbe KR51/1 Kleinroller 1964–1980 3 -Gang Handschaltung 49,6 ccm (3,4 PS) 60km/h
Schwalbe KR51/2 Kleinroller 1980–1986 3/4-Gang-Fußschaltung 49,9 ccm ( 3,7PS) 60 km/h
die sportliche Serie
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
S50 Mokick 1975–1980 3-Gang-Fußschaltung 49,6 cm³ 2,21 kW ( 3,6 PS) 60 km/h
S51 Mokick 1980–1990 3/4-Gang-Fußschaltung 49,9 cm³ 2,21 kW (3,7 PS) 60 km/h
S70 Leichtkraftrad 1983–1990 4-Gang-Fußschaltung 70cm³ 4,1 kW (5,6 PS) 75 km/h
SL1 und SL1S Mofa 1970-1972 1-Gang Automatik 49,6 ccm 1,18 kW (1,6 PS) 30 km/h
GS50 Geländemotorrad 4-Gang-Fußschaltung
+ Vorgelege Handschaltung
49,6 cm³ 4,8kW (6,5 PS) 80 km/h
moderne Roller
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
SR 50 Kleinroller 1986–1990 4-Gang-Schaltung 50 ccm 2,72 kW (3,7 PS) 60 km/h
SR 80 Roller 1986–1990 4-Gang-Schaltung 69,9 cm3 4,1 kW (5,6 PS) 75 km/h

Nach der deutschen Wiedervereinigung

Leichtkrafträder
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
Simson Schikra Leichtkraftrad 1999-2002 5-Gang Fußschaltung 125 ccm 10kW (13,6 PS) 105 km/h
125 / 125 RS Leichtkraftrad 6 Gang Fußschaltung 125 ccm 10,5 kW (13,6 PS) 110 km/h
die sportliche Serie
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
S53 Kleinkraftrad 1990–1994 4-Gang Fußschaltung 49,9 cm³ 2.24 kW (3,7 PS) 60/50 km/h
S83 Leichtkraftrad 1991–1994 4-Gang Fußschaltung 69 ccm 4,1 kW (5,6 PS) 75 km/h
Sperber 50 Sport 1999
Habicht 50 S 1997–1998
moderne Roller
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
SR 50 Motorroller 1992–199? 3/4-Gang Fußschaltung 50 ccm 2,72 kW (3,7 PS) 60 km/h
Star 50 SRA 50 1996–2001
Gewerbefahrzeuge
Bezeichnung Typ Bauzeitraum Getriebe Hubraum Leistung Höchst-
geschwindigkeit
Lastendreirad SD 50 Lastendreirad 1992–2002 4-Gang-Schaltgetriebe/Automatik-Getriebe 50 ccm 2,4 kW /3,7 kW (3,25 PS/5 PS) 45 km/h


Ein bis zum 28. Februar 1992 erstmals zum Verkehr zugelassenes Simson Kleinkraftrad darf laut §76 Absatz 8 c) der FEV in der Regel mit 60 km/h fahren, wobei andere Mopeds meist nur bis 50 km/h bzw. ab 2001 bis 45 km/h zugelassen sind.

Siehe auch

Quellen

  1. Wolf Gruner (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Bd. 1., Deutsches Reich 1933 - 1937. München 2008, ISBN 978-3-486-58480-6, Nr. 165 / S. 435ff
  2. Monika Gibas (Hg.): Quellen zur Geschichte Thüringens „Arisierung“ in Thüringen Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933–1945. (2 Halbbände); 2. überarbeitete Auflage Erfurt 2008, ISBN 978-3-937967-06-6, S. 34 ff.

Literatur