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Franz Six

Franz Alfred Six (* 12. August 1909 in Mannheim; † 9. Juli 1975 in Bozen) war SS-Brigadeführer, NS-Funktionär und nach 1945 Werbechef der Porsche Diesel Motorenbau GmbH

Inhaltsverzeichnis

Leben

Als Sohn eines Möbelhändlers machte Six auch für NS-Verhältnisse eine Blitzkarriere. Er studierte Zeitungswissenschaft und war Aktivist im Heidelberger Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Nach seiner Promotion 1934 bei Arnold Bergsträsser habilitierte er 27-jährig und wurde ein Jahr später 1937 Professor in Königsberg. 1940 wurde er Dekan in Berlin an der "Auslandswissenschaftlichen Fakultät". Dabei befasste er sich wissenschaftlich mit den Gegnern des NS-Regimes. 1943 wurde er Gesandter erster Klasse im Auswärtigen Amt (Chef der Kulturpolitischen Abteilung), einer Propaganda-Abteilung, unter Joachim Ribbentrop im Range eines Ministerialdirigenten. Propagandistisch - insbesondere bei der Verschleierung und Rechtfertigung der Judenverfolgungsmaßnahmen - arbeitete er eng mit der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes zusammen, die von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell geleitet wurde.

Auch innerhalb der NS-Hierarchie machte er rasch Karriere. 1935 kam er als Chef des Presseamtes zum SD-Hauptquartier in Berlin, 1937 war er de facto Inlands-Chef des SS-Sicherheitsdiensts (SD). 1939 wurde er zum SS-Standartenführer (Oberst) befördert. Er war damit einer der sieben ranghöchsten Führer im gesamten SD-Hauptamt. Six trug maßgeblich dazu bei, dass sich der SD in der Juden- und Rassenpolitik des Dritten Reiches eine Monopolstellung erarbeiten konnte. Er war auch an der Entwicklung der Logistik für die Judenverfolgung mitbeteiligt. Seine Rolle am Holocaust wurde nach dem Krieg völlig unterschätzt bzw. bewusst ausgeblendet. Im Gegensatz zu seinem Untergebenen Eichmann fehlte der Name Six lange Zeit in den einschlägigen Personennachschlagewerken über das Dritte Reich.

Six war zusammen mit Gestapo-Chef Müller auch mit der Durchführung der "staatspolizeilichen Vorbereitungen" des Überfalls auf Polen beauftragt, und war als Mitglied des "Stabs Heydrich" umfassend in die Pläne Hitlers, Himmlers und Heydrichs zur Liquidierung der gesamten polnischen Führungsschicht eingeweiht. Six war zudem 1940 als SD-Befehlshaber in Großbritannien vorgesehen, im Falle einer deutschen Invasion ("Operation Seelöwe"). Am 22. Juni 1941 übertrug ihm Heydrich die Leitung des Vorkommandos Moskau (VK Moskau / SK 7c) in der von Nebe geführten Einsatzgruppe B. Deren Aufgabe war es, "Partisanen, Saboteure, kommunistische Funktionäre im rückwärtigen Heeresgebiet" zu erfassen. Am Ende des Krieges war Six zum SS-Brigadeführer (Generalmajor) und Chef des Amtes II (Gegnerforschung) des Reichssicherheitshauptamtes aufgestiegen. Er war zuständig für weltanschauliche "Forschung" und Auswertung und wollte einen "wissenschaftlichen Nationalsozialismus" entwickeln, einen Think Tank, dem die verschiedenen Nazi-Wissenschaftler in diversen Instituten zuarbeiteten. In seiner "Auslandswissenschaftlichen Fakultät" ließ Six Themen wie die Kriegs-Lageberichterstattung, den Nazi-Expansionismus als "Großraumgestaltung" und die "Ostsiedlung" in den Mittelpunkt stellen.

Six' Funktion als Inhaber einer Schaltstelle für das künftige SS-Europa zeigt seine kleine Schrift Die Bürgerkriege Europas und der Einigungskrieg der Gegenwart, die 1943 auch in das Französische übersetzt wurde, um Kollaborateure zu werben ("Les Cahiers du groupe 'Collaboration' en Allemagne"). Der Nazikrieg wird als Einigung Europas bezeichnet, die Abwehrkämpfe in den besetzten Ländern gegen die deutsche Herrschaft als "Bürgerkrieg".

Nach 1945

Der US-Forscher Christopher Simpson geht in seinem Buch "Blowback" ("Der amerikanische Bumerang") davon aus, dass Six schon 1946 in den Dienst der Organisation Gehlen treten konnte, die ihre Kenntnisse über die Sowjetunion an das Office of Strategic Services (OSS) zu übermitteln und sich so ein Überleben in der Nachkriegordnung zu sichern wusste. Dieses ist zeitlich eher unwahrscheinlich, da Six schon im Januar 1946, nach akribischer Spurensuche eines State-Departement-Teams, von den Amerikanern verhaftet werden konnte. Er hatte sich unter dem Alias-Namen "Georg Becker" auf einem Bauernhof in Hessen versteckt. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war Six, gemeinsam mit seinem Assistenten und späteren "Spiegel"-Ressortleiter Horst Mahnke, von Salzburg aus in den Untergrund gegangen. Six wurde von einem ehemaligen SS-Kollegen, der für das amerikanische Counter Intelligence Corps (CIC) arbeitete, entdeckt und verraten, sodass er sich 1948 im Nürnberger Einsatzgruppenprozess für seine Verbrechen verantworten musste. Six beteuerte, er sei zwar überzeugter Nationalsozialist und SS-Führer gewesen, habe aber mit Erschiessungen von Juden und Partisanen nichts zu tun gehabt. Er wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, aber bereits im Oktober 1952 vom US-Hochkommissar für Deutschland, John McCloy, begnadigt und aus der Haft entlassen. Nach den Recherchen von Lutz Hachmeister in seiner Biographie über Six ist es nicht belegt, dass Six jemals hauptamtlicher Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst war. Allerdings waren einige von Six' Mitarbeitern aus dem SD und dem RSHA Informanten und Mitarbeiter der Vorläufer-"Organisation Gehlen".

Nach seiner Entlassung aus dem Landsberger War Criminal Prison 1952 hielt sich Six eine Zeitlang in Essen und Hamburg auf. 1953 wurde er durch Vermittlung von Werner Best und seines einstigen Untergebenen Ernst Achenbach (FDP) Mitinhaber und Geschäftsführer des C.W. Leske-Verlages in Darmstadt. Eine der ersten Publikationen des Leske-Verlages unter Six war Rudolf Augsteins Buch "Deutschland - ein Rheinbund?", eine Sammlung von Kommentaren, die Augstein in seinem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" gegen die Adenauer-Administration gerichtet hatte. Die Kooperation zwischen dem "Spiegel" und dem Leske-Verlag in der Ära Six wurde mit einigen weiteren Büchern fortgesetzt, so etwa Wilhelm Bittorfs "Automation. Die zweite industrielle Revolution" (1956) oder "1954 - Der Frieden hat eine Chance", publiziert von den Ex-SD-Kadern und "Spiegel" Ressortchefs Horst Mahnke und Georg Wolff. Bereits 1949 hatte der "Spiegel" in einer aufsehenerregenden und detaillierten Reportage ("Merkt Euch den Namen Hirschfeld!") seinen Lesern den ehemaligen SS-Untersturmführer Walter Hirschfeld vorgestellt, der seinerzeit als "Lockspitzel" Six an den CIC verraten habe.

1957 wurde Six Werbechef bei der Porsche Diesel Motorenbau GmbH in Friedrichshafen, deren Führungsebene vollständig von alten SS-Kadern besetzt war. Auch ansonsten machten sich seine Kontakte aus seiner SD-Zeit, z. B. zu Reinhard Höhn bezahlt. So fungierte Six auch als Dozent an der „Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft“, einer der größten europäischen Managerschulen, die auch von Gewerkschaften, SPD-Funktionären und Offizieren der Bundeswehr besucht wurde. Nachdem Six einige Jahre unter Beibehaltung seines Professorentitels in der Bundesrepublik unbehelligt hatte arbeiten können, wurde 1958 in britischen Publikationen zur "Operation Seelöwe" öffentlich, dass Six als SD-Befehlshaber im Falle einer Besetzung Großbritanniens vorgesehen war. Zudem geriet sein Name nun in die Öffentlichkeit, weil ihm der Publizist und Filmregisseur Thomas Harlan auf die Spur gekommen war und ihn der Kriegsverbrechen in Polen bezichtigte.

1961 war Six Zeuge im Eichmann-Prozess, allerdings nicht in Israel, sondern durch eine Befragung in Deutschland, da er befürchtete, in Israel festgenommmen zu werden. Nach der Einstellung der Traktorenproduktion von Porsche-Diesel 1963 arbeitete Six in Essen als selbständiger Unternehmensberater. Am Ende seines Lebens zog er sich nach Kaltern/Südtirol zurück, wo der einstige NS-Architekt Hermann Giesler für ihn ein Haus gebaut hatte. In Gieslers apologetischem Erinnerungsbuch „Ein anderer Hitler“ (1977) findet sich ein Vorwort von Six, das dieser kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Darin schreibt Six, die gemeinsamen Jahre im Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis seien „Jahre der Standhaftigkeit, der Bestätigung einst gewonnener Erkenntnisse und der Richtigkeit der revolutionären Zielsetzungen“[1] gewesen.

In neueren Forschungen der Geschichtswissenschaft zur Funktionselite des NS-Staates und zum Reichssicherheitshauptamt gilt Six wie Werner Best, Reinhard Höhn, Walter Schellenberg oder Otto Ohlendorf als einflussreicher Kader der „SS-Intelligenz“, die auf der „mittleren Ebene der Macht“ (Lutz Hachmeister) erheblichen Einfluss auf die konkrete Politik des Nationalsozialismus nehmen konnte. Literarisch taucht Six in dem Roman „Die Wohlgesinnten“ („Les Bienveillantes“) von Jonathan Littell (2006) auf.

Werke

Literatur

Einzelnachweise

  1. Hermann Giesler: Ein anderer Hitler. Druffel-Verlag, Leoni am Starnberger See 1977, ISBN 3-8061-0822-6, S. 18
Personendaten
Six, Franz Alfred
NS-Funktionär und Kriegsverbrecher
12. August 1909
Mannheim
9. Juli 1975
Bozen