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Pharisäer und Zöllner

Das von Jesus von Nazaret erzählte Gleichnis Vom Pharisäer und Zöllner illustriert die richtige Art des christlichen Gebets. Es wird in den Evangelien im Neuen Testament der Bibel lediglich durch das Evangelium nach Lukas überliefert (Lukas 18, 9-14).

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Ein Pharisäer und ein Zöllner gehen in den Tempel zu Jerusalem, um zu beten. Der Pharisäer dankt Gott in seinem Gebet dafür, dass er Pharisäer ist und hebt hervor, dass er sich - in seinen Augen - vorbildlich verhält - und nicht so wie etwa Räuber, Ehebrecher oder eben der Zöllner neben ihm. Er lobt seine Leistungen beim Fasten und beim Geben des Zehnten und sieht keinen Anlass, sich vor dem Höchsten als Sünder zu bekennen. Der Zöllner hingegen schlägt sich gegen seine Brust, wagt dabei nicht aufzusehen und bittet Gott darum ihm, dem Sünder, gnädig zu sein. Im Gegensatz zum Pharisäer ist er sich seiner Sündhaftigkeit bewusst und voller Demut. Das Gleichnis wird abgeschlossen von den Worten Jesu, der erklärt, dass der Zöllner im Gegensatz zum Pharisäer gerechtfertigt nach Hause ginge, denn jeder, der sich selbst erhöhe, werde erniedrigt werden, wer sich aber selbst erniedrige, werde erhöht werden.

Deutung

Im Gleichnis "Vom Pharisäer und Zöllner" will Jesus seinen Zuhörern klarmachen, dass es beim Gebet nicht darauf ankommt, wie der Pharisäer Gott aufzeigen zu wollen, wie vorbildlich das Leben ist, das man führt. Da gemäß der Bibel in den Augen Gottes alle Menschen ohne Ausnahme Sünder sind[1], sollte man Gott wie der Zöllner seine Fehltritte bekennen, Reue zeigen und ihn um Vergebung bitten. Damit deckt sich das Anliegen dieses Gleichnisses mit einem wichtigen Aspekt des von Jesus gelehrten Mustergebets, dem Vater Unser, wo es unter anderem heißt: "Und vergib uns unsere Schuld". Der Zöllner im Gleichnis zeigt dabei in seinem Verhalten Parallelen zum reumütigen Handeln des Zachäus beim Besuch Jesu in Jericho.

Das Jerusalemer Bibellexikon sieht den "sündigen, aber bußfertigen Zöllner Gott näher als den stolzen Gerechten".[2] Das Nachschlagewerk Einsichten über die Heilige Schrift bemerkt dazu, die Pharisäer "brüsteten sich damit, gerecht zu sein (in Wirklichkeit waren sie selbstgerecht), und blickten auf das allgemeine Volk herab... Die wichtigeren Dinge — das Recht, die Barmherzigkeit, die Treue und die Liebe zu Gott — ließen sie außer acht."[3] "Der Steuereinnehmer gab demütig zu, dass er ein Sünder war, und er bereute, der Pharisäer hingegen war eingebildet und dachte von sich, er sei gerecht."[4]

Die traditionelle Deutung des Gleichnisses führte zu einem klischeehaften Bild der Pharisäer, das sie pauschal mit Heuchlern gleichsetzte.[5] Neuere Deutungen betonen zum einen, dass das tatsächliche und ehrliche, keineswegs heuchlerische Streben der Pharisäer nach einem gottgefälligen Leben gewürdigt werden muss. Zum anderen nehmen moderne Theologen häufig eine sehr viel größere Nähe Jesu zu den Pharisäern als zu anderen jüdischen Gruppen an.[6]

Historischer Kontext

Während des ersten Jahrhunderts n.Chr. stellten die Pharisäer eine angesehene Gruppe unter den Juden dar und waren dafür bekannt, sich streng an die Gesetze des Moses und zudem an die mündlich überlieferten "Vorschriften der Vorfahren" zu halten. Zöllner hingegen zählten als sozial geächtete Gruppe, da sie mit den Römern als Besatzungsmacht kollaborierten und als Steuereintreiber Geld von der Bevölkerung pressten. In diesem Gleichnis werden die beiden Gruppen entsprechend dem Stereotyp ihrer Zeit dargestellt, dann aber mit einer für die Zuhörer unerwarteten Wendung versehen.

Liturgische Verwendung

In der klassischen Perikopenordnung der Westkirche (und bis heute in der Lesordnung der EKD) wird das Gleichnis am 11. Sonntag nach Trinitatis/12. Sonntag nach Pfingsten als Evangelium gelesen und gibt dem Sonntag sein charakteristisches Thema. Johann Sebastian Bach schuf als Meditation dazu die Kantate Mein Herze schwimmt im Blut.

In der heutigen römisch-katholischen Leseordnung wird das Gleichnis im Lesejahr C (Lukas) am 30. Sonntag im Jahreskreis gelesen.

In den orthodoxen Kirchen dient die Lesung der Vorbereitung auf die Fasten- und Passionszeit. Der Sonntag vom Pharisäer und Zöllner ist der fünfte Sonntag vor dem Anfang der österlichen Fastenzeit.

Quellen

  1. "Denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes" ( 3,23)
  2. Jerusalemer Bibellexikon, S. 957
  3. Einsichten über die Heilige Schrift, S. 586
  4. Einsichten über die Heilige Schrift, S. 1027
  5. Symptomatisch hierfür ist die Entstehungslegende des Begriffs Pharisäer als Getränk.
  6. Auch viele jüdische Forscher sehen Jesus heute in großer Nähe zum Pharisäertum: [1].

Siehe auch