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Entführung durch Außerirdische

Unter einer Entführung durch Außerirdische (engl. alien abduction) wird in den Para- und Pseudowissenschaften die erinnerte Erfahrung von Menschen verstanden, Opfer einer Entführung durch fremdartige Wesen geworden zu sein.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte des Phänomens

Der erste Fall dieser Art, der Aufsehen erregte, betraf das US-amerikanische Ehepaar Betty und Barney Hill, die im Jahr 1961 angaben, ein UFO gesichtet zu haben. Nachdem Betty monatelang unter Albträumen litt, die den Aufenthalt an Bord eines außerirdischen Raumschiffs betrafen, wurden sie und ihr Ehemann mittels Hypnose behandelt, wobei Barney Hill dann ähnliche Erfahrungen schilderte wie seine Frau. [1] Ein ähnliches Erlebnis hatte in den 70er Jahren Travis Walton, der sich wiederholt Tests an einem Lügendetektor unterzog.

Es ist außerordentlich schwierig, gesicherte Zahlen zu erhalten, aber mittlerweile sind es wohl Tausende von Menschen, die behaupten, sie seien durch Außerirdische verschleppt und in deren Raumschiffen verschiedenen medizinischen Experimenten unterworfen worden. 1992 veröffentlichte das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Roper eine Umfrage, nach der 3,7 Millionen Amerikaner Opfer einer Entführung gewesen seien.[2] Die Validität dieser Untersuchung und deren Ergebnisse wurde mehrfach angezweifelt.[3]

Aufbau der geschilderten Erlebnisse/Erinnerungen

Bei den meisten Opfern treten nach der vermeintlichen Entführung zunächst nur einige nicht sehr spezifische psychische und somatische Symptome auf (wie Schlaflosigkeit, Albträume und Dunkelangst). Erst bei der Verwendung spezifischer Befragungstechniken, insbesondere beim Einsatz von Regressionshypnose durch einen mit dem Phänomen vertrauten Psychotherapeuten, stellen sich Erinnerungen an die Entführungen selbst ein. Die betroffenen Personen berichten dann – im wesentlichen übereinstimmend – über ihre Erlebnisse. Wenn man die von verschiedenen Autoren vorgenommenen idealtypischen Rekonstruktionen als Orientierung benutzt, lässt sich der Ablauf einer solchen Entführung so beschreiben:

  1. Das Opfer sieht zunächst eine ungewöhnliche Himmelserscheinung, vielleicht ein strahlend helles Licht. Bei manchen, allerdings wenigen Entführungen, sahen auch Personen, die nicht entführt wurden, zur gleichen Zeit ein ungewöhnliches Phänomen am Himmel.
  2. Wie aus dem Nichts erscheinen fremdartige Gestalten, die dem Opfer mit unbekannten Methoden Willenskraft und Empfindungsvermögen rauben.
  3. Durch diese Gestalten oder durch eine Art Lichtstrahl (auch Traktorstrahl) wird das Opfer in ein Raumschiff gebracht, wo es sich in einem hell erleuchteten, oftmals mit fremdartigen Maschinen angefüllten Raum wiederfindet.
  4. Hier wird das Opfer – fixiert auf einer Art Tisch oder Bett – verschiedenen, meist sehr schmerzhaften Untersuchungen und/oder Experimenten unterzogen: Es werden Blut und Gewebeproben entnommen, dünne Sonden in verschiedene Körperöffnungen oder durch die Haut eingeführt, manchmal Implantate eingesetzt.
  5. Das besondere Interesse gilt dabei regelmäßig dem Fortpflanzungsapparat der Entführten. Sperma und Eizellen werden entnommen – in einigen Fällen kommt es zu sexuellen Interaktionen zwischen Mensch und menschenähnlichem Alien. Frauen werden manchmal befruchtete Eizellen eingesetzt, die Föten werden bei einer späteren Entführung wieder entnommen.
  6. Während aller Experimente fühlen die Opfer sich von außen kontrolliert. Sie erfahren sich, auch wenn sie nicht mechanisch fixiert sind, als hilf- und wehrlos.
  7. Am Ende der Untersuchungen werden entweder die Erinnerungen an die Ereignisse gelöscht oder der Verstand der Opfer wird so manipuliert („programmiert“), dass sie nicht über ihre Erlebnisse sprechen können.
  8. An den Rücktransport an den Entführungsort (seltener an einen anderen Ort) gibt es meistens keine Erinnerung.

Bei manchen Entführungen berichten die Opfer auch davon, dass ihnen eine gewisse Zeitspanne zu fehlen scheint. Auf Basis dieser strukturell gleichförmigen Berichte hat sich im Laufe der Zeit in den sozialen Netzwerken aus Betroffenen, selbsternannten UFO- und Entführungs-Experten und einigen Wissenschaftlern ein umfangreiches Hintergrundwissen zum Phänomen ausgebildet. Dazu gehören auch Annahmen über die psychischen und psychosozialen Auswirkungen für die Betroffenen und eine entsprechende ethische Bewertung der Erfahrungen.

In einigen Fällen wird von einer eher positiven Wirkung auf die vermeintlich Entführten ausgegangen: Die Interaktion mit den Aliens soll ihnen zu „höheren Einsichten“ über sich selbst oder die Zukunft der Menschheit verholfen haben. In der Mehrheit der Berichte – diese Tendenz verstärkte sich in den 1980er und 1990er Jahren noch – werden die geschilderten Entführungen und ihre Nachwirkungen jedoch außerordentlich negativ beurteilt. Die Entführungen, insbesondere aber die in ihrem Rahmen stattfindenden schmerzhaften und entwürdigenden medizinischen Experimente, werden als traumatisierende „Erlebnisse“ angesehen; entsprechend leiden die Entführungsopfer mehrheitlich unter Symptomen, wie sie die posttraumatische Belastungsstörung beschreibt. Viele Betroffene berichten von mehrfachen Entführungen, die regelmäßig bereits in der Kindheit einsetzten und sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder ereigneten. Als besonders quälend empfinden viele das Wissen, auch in der Zukunft immer wieder Opfer werden zu können.

Der Wissenssoziologe Michael Schetsche fasst die Besonderheiten so zusammen: „Aus dem herkömmlichen Raster individuell zu erklärender Wahrnehmungs- oder Erinnerungsstörungen fallen die Entführungsberichte nicht nur heraus, weil psychologische Untersuchungen bei den betroffenen Personen – von den Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung einmal abgesehen – kaum auffällige Befunde erbringen. Wichtiger ist noch, dass es sich um ein kollektives Phänomen handelt: Meist ohne vorher Kontakt zu anderen Opfern gehabt zu haben berichten die Betroffenen unter Hypnose zwar nicht völlig identische, aber doch strukturell und symbolisch verblüffend ähnliche Erlebnisse. Die Dichte der Erinnerungen und die Konsistenz der Narrationen nimmt dabei mit jeder Therapiesitzung zu. Einmal akzeptiert, prägt die Entführungserfahrung dauerhaft das Leben der Opfer.“[4]

Wissenschaftliche Erklärungsversuche

Zur wissenschaftlichen Erklärung des Phänomens sind in den letzten zehn Jahren eine ganze Reihe von Hypothesen aufgestellt worden, die der Frage nachgehen, welche Vorgänge diese Wahrnehmungen hervorgerufen oder wirkliche Erlebnisse verformt haben könnten. Sie lassen sich zu zwei Typen von Erklärungen zusammenfassen:

Nach einem auch von Teilen der Ufoanhänger akzeptierten Erklärungsmuster sind die Berichte im Kontext kultur-historischer Prozesse einzuordnen und als kollektive Narration zu verstehen:

Nach einem anderen Erklärungsmuster sind die Entführungserfahrungen Folge einer (wie auch immer gearteten) individuellen psychischen oder physiologischen Desorganisation der Menschen, die über solche Erlebnisse berichten. Auch in dieser Gruppe finden sich eine ganze Reihe konkurrierender Einzelerklärungen:

Unabhängig von der Frage, wie der Realitätsgehalt der Entführungserlebnisse aus wissenschaftlicher Sicht einzuschätzen ist, bleibt „der Sachverhalt bestehen, dass Tausende von Betroffenen nach erfolgter ‚Wiedererinnerung‘ subjektiv von der Realität der Entführungen überzeugt sind, ihre Biographien und Familiengeschichten entsprechend zu re-konstruieren beginnen und sowohl ihr Alltagsleben als auch ihre Zukunftsplanung an dieser Überzeugung ausrichten.“[14]

Literatur

Fußnoten

  1. John G. Fuller, Die unterbrochene Reise, ISBN 3-930219-12-3
  2. THE ROPER POLL: UFOs & Extraterrestrial Life. Americans' Beliefs and Personal Experiences 1992
  3. s. z.B. Susan Blackmore: Abduction by Aliens or Sleep Paralysis? In: Skeptical Inquirer 22 (1998), S. 23-28.
  4. Michael Schetsche: Trauma im gesellschaftlichen Diskurs. Deutungsmuster, Akteure, Öffentlichkeiten. (Vortrag 2002)
  5. Jacques Vallée: Dimensionen. München 1996, passim; Keith Thompson: Engel und andere Außerirdische. UFO-Phänomene in neuer Deutung. München 1993, passim.
  6. Keith Thompson: Engel und andere Außerirdische. UFO-Phänomene in neuer Deutung. München 1993, S. 106-111.
  7. vgl. Susan Blackmore: Psychic Illusions. In: Skeptical Inquirer 16:4 (1992), S. 367-376; dt.: Physische Illusionen. In: Gero von Randow (Hg.): Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis. Reinbek 1993, S. 131-139.
  8. Robert A. Baker: Studying the Psychology of the UFO Experience. In: Skeptical Inquirer 18:3 (1994), S. 239-242; dt: Zur psychologischen Untersuchung von Ufo-Erlebnissen. In: Gero von Randow (Hg.): Der Fremdling im Glas und weitere Anlässe zur Skepsis. Reinbek 1996, S. 31-38; s. auch zum Folgenden: Susan Blackmore: Abduction by Aliens or Sleep Paralysis? In: Skeptical Inquirer 22 (1998), S. 23-28.
  9. Nicholas P. Spanos et.al.: Close Encounters: An Examination of UFO Experiences. In: Journal of Abnormal Psychology 102:4 (1993), S. 624-632
  10. Iona Miller/Graywolf Swinney: Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) and the Consciousness Restructuring Process. Asklepia Foundation 2000
  11. Jacques Vallée: Konfrontationen. München 1996, S. 156f., 170-176; Alvin Lawson: Abductions and Birth Memories. 1997ff.; Martin Gardner: The False Memory Syndrome. In: Skeptical Inquirer 17:4 (1993), S. 370-375 (Teil 1) u. 18:5 (1994), S. 464-470 (Teil 2); dt.: Falsche Erinnerungen. In: Gero von Randow (Hg.): Der Fremdling im Glas und weitere Anlässe zur Skepsis. Reinbek 1996, S. 133-157.
  12. Robert Peterson: Are Alien Abductions OBEs?. Aus: Ders.: Lessons Out of the Body. Charlottesville (VA) 2001, Kap. 24
  13. Susan Blackmore/Marcus Cox: Alien Abductions, Sleep Paralysis and the Temporal Lobe. In: European Journal of UFO and Abduction Studies 1 (2000), S. 113-118; Peter Huston: Night Terrors, Sleep Paralysis, and Devil Stricken Demonic Telephone Cords from Hell. In: Skeptical Inquirer 17:1 (1992), S. 64-69; dt: Vom Teufel mit der Telefonschnur gefesselt. In: Gero von Randow (Hg.): Mein paranormales Fahrrad und andere Anlässe zur Skepsis. Reinbek 1993, S. 141-147.
  14. Michael Schetsche: Trauma im gesellschaftlichen Diskurs. Deutungsmuster, Akteure, Öffentlichkeiten]. (Vortrag 2002)