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Pariser Kommune

Als Pariser Kommune (frz. La Commune de Paris) wird der spontan gebildete, revolutionäre Pariser Stadtrat vom 18. März 1871 bis 28. Mai 1871 bezeichnet, der gegen den Willen der konservativen Zentralregierung versuchte, Paris nach sozialistischen Vorstellungen zu verwalten. Ihre Mitglieder werden Kommunarden (frz. communards, Sg. communard) genannt. Die Pariser Kommune gilt als Vorbild für die Rätedemokratie.

Inhaltsverzeichnis

Hintergründe des Aufstands

Deutsch-Französischer Krieg

Nach der Niederlage der Franzosen und der Gefangennahme Napoléons III. bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg wurde im Innern Frankreichs am 4. September 1870 die Ausrufung der Dritten Französischen Republik erzwungen, deren Regierung der nationalen Verteidigung Adolphe Thiers als Chef der Exekutive vorstand. Aus Furcht vor einer Radikalisierung der republikanisch geprägten Pariser Bevölkerung wurde von Thiers und dem konservativen Lager ein baldiger Friedensvertrag angestrebt. Die republikanischen Kräfte in der Hauptstadt dagegen betrachteten den Krieg unter diesen neuen Vorzeichen nicht länger als eine Ausprägung monarchistischer Aggression, sondern als einen legitimen Kampf für die republikanische Freiheit gegen die Konservativen und die deutschen Invasoren. Sie favorisierten daher die Fortsetzung des Krieges, wobei die radikalen Befürworter eines guerre à outrance (Krieg bis zum Äußersten) aber niemals eine Mehrheit darstellten.

Die Franzosen wurden von den Deutschen verpflichtet, innerhalb von drei Wochen eine Nationalversammlung zu wählen, die über Krieg und Frieden zu entscheiden hatte. Die Hauptstadt Paris wählte mehrheitlich republikanisch, also für die Fortsetzung des Krieges, während das ländliche Frankreich konservativ, also für den Frieden, stimmte. Diese am 13. Februar 1871 in Bordeaux konstituierte Nationalversammlung war folglich mit 450 von insgesamt 750 Abgeordneten royalistisch dominiert. Die Kapitulation von Paris erfolgte am 28. Februar und gemäß dem Präliminärfrieden von Versailles, der von Adolphe Thiers und Jules Favre ausgehandelt worden war, rückte die deutsche Armee in die Außenbezirke von Paris ein und besetzte die Forts der Stadt. Am 18. Januar war König Wilhelm I. von den deutschen Fürsten im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser proklamiert worden.

Entwicklung in Paris

Dass in Paris zu diesem Zeitpunkt die Keimzelle für einen Aufstand entstand, ist hauptsächlich innenpolitischen Entwicklungen geschuldet. So wurde der während der Belagerung durch die preußischen Armeen entstandene Wunsch nach kommunaler Autonomie noch durch den Umstand gespeist, dass die Nationalversammlung am 12. März von Bordeaux nach Versailles umsiedelte, womit die konservative Regierung zeigte, dass sie das republikanisch dominierte Paris nicht mehr als legitime Hauptstadt betrachtete. Des weiteren fühlte sich das republikanische Bürgertum durch die ländlich dominierte Nationalversammlung zunehmend wirtschaftlich und politisch bevormundet.

Revolutionäre Strömungen waren innerhalb der Republikaner und auch innerhalb des im Februar 1871 gegründeten Zentralkomitees der Nationalgarde zunächst in der Minderheit. Das Zentralkomitee war zu diesem Zeitpunkt ein reines Organ zur Durchsetzung der Interessen der Pariser Nationalgarden. Diese Milizen waren ursprünglich 1789 geschaffen worden und waren aufgrund der sozialen Unterschiede ihrer Mitglieder in den Stadtbezirken von Paris auch in bezug auf ihre politischen Ansichten äußerst unterschiedlich. Aufgrund der Tatsache, dass die reguläre französische Armee von den deutschen Truppen entwaffnet wurde, stellten die Nationalgarden aber schon zu diesem Zeitpunkt eine signifikante politische Macht dar, da sie ihre Waffen behalten durften.

Diejenigen, die revolutionäre Bestrebungen vertraten, waren mehrheitlich Blanquisten, wie Raoul-Georges-Adolphe Rigault und proudhonistische Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation, wie zum Beispiel Eugène Pottier, Charles Beslay und Eugène Varlin. Sie einte zu diesem Zeitpunkt jedoch weder ein Plan noch ein gemeinsamer Wille zur Revolution. Tatsächlich war erst mit der Gründung des Zentralkomitees eine Körperschaft entstanden, die als organisatorisches Zentrum einen Aufstand tragen konnte.

Geschichte der Kommune

Die Kanonen von Montmartre

Zum Zündfunken dieses Aufstands wurde der übereilte Versuch der Thiers-Regierung, die Nationalgarde zu schwächen, von der sie sich zunehmend militärisch bedroht fühlte. Der versuchte Zugriff von Regierungstruppen auf die 227 Kanonen, welche die Nationalgarde aus den Außenbezirken von Paris vor den Deutschen gerettet hatte, schlug kolossal fehl, da die abkommandierten Soldaten, anstatt ihren Befehl auszuführen, mit der Menge fraternisierten. Die Generäle Lecomte und Clément Thomas wurden gar von den eigenen Soldaten getötet, worauf die Regierung mitsamt den Truppen und dem Großteil der Beamtenschaft nach Versailles flüchtete. Daraufhin zogen die verschiedenen Nationalgarden, besonders aus den Arbeiterquartieren Montmartre und Belleville, unabhängig voneinander ins Stadtzentrum von Paris. Teilweise wurden schon zu diesem Zeitpunkt Polizeiposten und Ministerien besetzt, während die bürgerlichen Nationalgarden stillhielten. Dem Zentralkomitee der Nationalgarde war damit plötzlich die politische Schlüsselrolle zugefallen.

Der von den radikalsten Kräften geforderte sofortige Marsch auf Versailles fand allerdings nicht statt. Das Streben nach vollständiger Autonomie und die Furcht vor dem Eingreifen der immer noch in der Stadt stationierten deutschen Truppen überwogen den Willen zu einer vollständigen politischen Revolution.

Die Tage der Kommune

Zunächst übernahm das Zentralkomitee der Nationalgarde die Macht in Paris, schrieb aber, da „es sich nicht anmaße, an die Stelle jener Männer zu treten, die der Atem des Volkes hinweggefegt hat“[1], sich also explizit nicht als Regierung begriff, schnell Wahlen zum Gemeinderat aus. Diese mündeten am 26. März in einen Sieg linksbürgerlicher, kommunistischer und sozialistischer Abgeordneter. Das Zentralkomitee gab damit die Regierungsverantwortung ab, behielt sich aber ausdrücklich die Autorität über militärische Fragen vor. Der Gemeinderat (franz. Commune) verkündete die allgemeine Volksbewaffnung und ordnete die Verteidigung von Paris sowohl gegen die vor den Toren der Hauptstadt stehenden deutschen Truppen als auch gegen die französischen Regierungstruppen an.

Die Reste der Vendôme-Säule, die als Symbol der Herrschaft Napoléons von den Kommunarden umgestürzt worden war; im Vordergrund Barrikaden

Unter den Kommunarden herrschte Einigkeit bei dem Ziel, die gerade erlangte Autonomie von Paris um jeden Preis und notfalls auch mit Waffengewalt zu verteidigen. Des weiteren war man sich in dem Bestreben einig, als gewählte Körperschaft des Volkes die Schaffung von menschenwürdigen sozialen Verhältnissen zur Aufgabe zu haben.

Bei der Frage, wie diese Ziele erreicht werden sollten, darüber standen sich jedoch im Gemeinderat zwei Fraktionen gegenüber: Auf der einen Seite stand der Wunsch nach sofortigen Sozialreformen und einer kompletten Neuordnung der Gesellschaft, was sich durch den Anspruch begründete, sich eine auf föderalistischen, freiheitlichen und humanistischen Prinzipien basierende moralische und soziale Legitimation bei der Bevölkerung zu verschaffen, ohne die der Waffengang mit Versailles nicht gewonnen werden konnte. Die Kommune sollte also als reines unterstützendes Organ der Massen fungieren, jedoch nur bedingt als eine Führungsriege. Auf der anderen Seite wurde gemäß der Absicht des autoritären Flügels der Kommune, Sozialreformen zunächst zu verschieben, die schnelle Unterwerfung der Versaillais zum vornehmlichen Ziel auserkoren. Die Kommune wäre also demnach eher eine Kriegskommission gewesen, die die staatliche Macht auf sich vereinigte und zur Durchsetzung ihrer Ziele auch vor Gewaltmaßnahmen nicht zurückschreckte.

Unter dem Eindruck der steigenden Intensität des Bürgerkriegs erlangte die autoritäre Fraktion bald ein höheres Gewicht im Gemeinderat. Dies wurde zusätzlich durch den Austritt gemäßigter Vertreter begünstigt, nachdem am 4. Mai nach einer Kampfabstimmung ein aus der Revolution von 1789 bekannter Wohlfahrtsausschuss gebildet wurde, der mit quasi diktatorischen Vollmachten ausgestattet war und dessen Mitglieder nur der Kommune verantwortlich waren.

Die Kommune begann mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die die Lebensbedingungen der Bürger verbessern sollten. Als soziale Maßnahmen sind vor allem ein Dekret über den rückwirkenden Erlass von fälligen Mieten, der Erlass über die Rückgabe von verpfändeten Gegenständen, insbesondere von „Kleidungsstücken, Möbeln, Wäsche, Büchern, Bettzeug und Arbeitswerkzeugen“[2] und die Abschaffung der Nachtarbeit für Bäckergesellen zu nennen. Andere Dekrete waren grundsätzlicher Natur und spiegeln den säkularen und sozialreformerischen Anspruch der Kommune wider; dazu gehört beispielsweise die Trennung von Kirche und Staat und das Dekret, wonach von ihren Besitzern bei der Flucht der Regierung verlassene Fabriken in Kollektiveigentum überführt und durch eine „kooperative Assoziation der Arbeiter“[3] betrieben werden sollten. Dazu gehört auch, dass die Kommune den Waisen von bei der Verteidigung von Paris gefallenen Nationalgardisten eine Pension zugestand, egal ob es sich dabei um legitime oder illegitime Kinder handelte. Zu den Verordnungen zählten darüber hinaus auch symbolische Akte, wie die Verbrennung der Guillotine auf dem Plâce Voltaire oder der Sturz der Vendôme-Säule, dem Symbol der Napoléonischen Feldzüge.

Die blutige Maiwoche

Am 2. April begann die Regierung in Versailles mit militärischen Angriffen auf die Stadt, die sich bald zu einer Belagerung entwickelten. Zunächst gelang es der durch den Krieg geschwächten französischen Armee nicht, sich gegen die Kommunarden durchzusetzen. Nachdem die Regierung die auch in der Provinz vereinzelt aufflammenden Aufstände mit Hilfe deutscher Unterstützung durch Waffenlieferungen und Freilassung der Kriegsgefangenen niedergeschlagen hatte, gingen die regulären französischen Truppen aber immer effektiver gegen die militärisch eher unorganisierten Kommunarden vor. Am 21. Mai 1871 drangen Regierungstruppen in die Befestigungsanlagen der Stadt ein. Die Organisationsstrukturen der Kommune brachen damit effektiv zusammen und sie kehrte quasi wieder zu dem Zustand bei ihrer Gründung zurück - als dezentraler Kampf in den Pariser Stadtbezirken. Der verbissene Kampf während der so genannten "Blutigen Maiwoche", der vor allem um Barrikaden in den Pariser Straßen geführt wurde, dauerte bis zum 28. Mai. In den Kämpfen und den folgenden Massenexekutionen wurden etwa 30.000 Menschen getötet und etwa 40.000 inhaftiert. Die meisten gefangenen Kommunarden wurden entweder sofort standrechtlich erschossen, von Schnellgerichten abgeurteilt oder nach Versailles deportiert. Die Regierungstruppen verzeichneten 900 Gefallene, die Kommunarden töteten im Verlauf der Kämpfe rund 70 Geiseln; zur Umsetzung des sogenannten „Geiseldekrets“ vom 17. Mai, wonach die Exekution jedes Kommunarden durch die Regierungstruppen „mit der Exekution der dreifachen Anzahl Geiseln“[4] durch die Kommune beantwortet werden würde, kam es nie. Ein angestrebter Gefangenenaustausch zwischen Paris und Versailles, den Erzbischof von Paris gegen den Revolutionär Blanqui, scheiterte am Widerstand der Thiers-Regierung und endete mit der Exekution des Erzbischofs. Ob die Zerstörung des Pariser Rathauses, dem Finanzministerium und der Tuilerien, dem Wahrzeichen des Despotismus, die während des Todeskampfs der Kommune den Flammen zum Opfer fielen, auf bewusste Brandstiftungen oder nicht doch Petroleumbomben der französischen Armee zurückzuführen sind, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei belegen.

Literarische Verarbeitung

Bertolt Brecht begann unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil 1948 mit Plänen für eine Inszenierung des Stücks Die Niederlage von Nordahl Grieg, das sich mit Aufstieg und Fall der Kommune befasst, entschied sich aber letztlich für eine komplette Neubearbeitung. Brecht verstand Die Tage der Kommune insofern als politisches Lehrstück für ein geschlagenes Land am Scheideweg zwischen Revolution und Restauration, als er die Situation von Frankreich 1871 mit der von Deutschland 1945 verglich. Das Stück wurde einen Monat nach Brechts Tod am 17. September 1956 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) uraufgeführt.

Arthur Rimbaud hielt sich zur Zeit des Kommune-Aufstands in Paris auf und begeisterte sich für die Sache der Kommunarden. Diese Sympathie wird in seinen, im Mai 1871 verfassten, Gedichten Die Pariser Orgie oder Paris füllt sich wieder, Die Hände Jeanne-Maries und Pariser Kriegslied ersichtlich.

Soziologische Betrachtung

Die Kommune des belagerten Paris markierte sozialgeschichtlich den Beginn einer neuen Epoche. Nach Sebastian Haffner ging es dabei „zum ersten Mal um Dinge, um die heute in aller Welt gerungen wird: Demokratie oder Diktatur, Rätesystem oder Parlamentarismus, Sozialismus oder Wohlfahrtskapitalismus, Säkularisierung, Volksbewaffnung, sogar Frauenemanzipation – alles das stand in diesen Tagen plötzlich auf der Tagesordnung.“ Aus diesen Gründen wird die Zeit der Pariser Kommune verschiedentlich auch als ein Manifestationspunkt der Moderne bezeichnet.

Literatur

Sachbücher

  1. Mit Texten von Bakunin, Kropotkin und Lawrow. 1971.
  2. Mit Texten von Marx, Engels, Lenin und Trotzki. 1971.

Belletristik

Verschiedenes

Filme

Siehe auch

Quellenangaben

  1. Helmut Swoboda (Hrsg.): Die Pariser Kommune 1871. München ²1972. S. 59.
  2. Helmut Swoboda (Hrsg.): Die Pariser Kommune 1871. München ²1972. S. 225.
  3. Helmut Swoboda (Hrsg.): Die Pariser Kommune 1871. München ²1972. S. 172.
  4. Helmut Swoboda (Hrsg.): Die Pariser Kommune 1871. München ²1972. S. 252
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