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Sauris

Sauris
Staat: Italien
Region: Friaul-Julisch Venetien
Provinz: Udine (UD)
Geographische Koordinaten: 46° 28′ N, 12° 43′ OKoordinaten: 46° 27′ 59″ N, 12° 42′ 31″ O
Höhe: 1.212 m s.l.m.
Fläche: 41 km²
Einwohner: 419 (2006)
Bevölkerungsdichte: 10 Einw./km²
Postleitzahl: 33020
Vorwahl: 0433
ISTAT-Nummer: 030107
Demonym: Saurani
Website: Sauris

Sauris (zimbrisch-deutsch: Zahre) ist eine Gemeinde in den Karnischen Alpen, Oberitalien, Provinz Udine, Region Friaul.

Gemeindeamt in Sauris di sotto

Inhaltsverzeichnis

Lage und Daten

Die Nachbargemeinden sind: Ampezzo, Forni di Sopra, Forni di Sotto, Ovaro, Prato Carnico und Vigo di Cadore (BL).

Sauris ist eine der deutschen Sprachinseln der Zimbern in Nordostitalien und liegt auf 1200 bis 1400 m nordwestlich der Lumieischlucht (ital. Torrente Lumiei) bei Ampezzo, der Hauptzufahrt zu Sauris. Von Westen aus dem Piavetal/Cadore ist Sauris/Zahre über die Sella Ciampigotto (1.797 m) erreichbar.

Sauris/Zahre besteht eigentlich aus zwei Dörfern: Sauris di Sotto/Unterzahre (1.215 m s.l.m.) und Sauris di Sopra/Oberzahre (1.390 m s.l.m.) mit zusammen 419 Einwohnern (Stand am 31. Januar 2006). Beide Ortsteile der am höchsten gelegenen Gemeinde Friauls sind liebevoll gepflegt und revitalisiert.

Geschichte

Nach den neueren Erkenntnissen der Linguistik und der Regionalgeschichte wurde Sauris etwa um die Mitte des 13. Jht. wie auch die Sprachinsel Sappada (zimbrisch-deutsch: Pladen) aus dem Osttiroler Pustertal und/oder dem Kärntner Lesachtal besiedelt.

Quellen über die erste Besiedlung gibt es fast keine, nachdem ein Brand Mitte des 18. Jht. das angeblich an Dokumenten reiche Pfarrarchiv vollständig zerstört hatte.

In einem Dokument bereits aus dem 12. Jahrhundert ist von der "Contratta de Sauris" (gemeint ist wohl das heutige Sauris di Sotto/Unterzahre) die Rede, so dass man davon ausgehen kann, dass Sauris als Ortsbezeichnung schon vor der deutschen Einwanderung existiert hat. Die deutsche Bezeichnung Zahre wurde demgemäß von dem romanischen Namen abgeleitet.

Jahrhunderte lang führten die Bewohner in ihrem extrem isoliert gelegenen Dorf ein kärgliches Leben als Bergbauern und teilweise Wanderhändler.

Während der Faschistenzeit (1922-1943) wurden die zimbrischen Traditionen und die Sprache nicht nur im öffentlichen, sondern sogar im privaten Bereich unterdrückt und verboten: Mussolini und Ettore Tolomei betrieben wie in Südtirol so auch in den zimbrischen Gemeinden eine rücksichtslose Politik der Italianisierung.

Die Bevölkerung zählte um 1880 noch 800, 1980 rund 500 und heute ca. 600 Einwohner. Im Jahr 1947 wurde der Stausee von Sauris gebaut und damit auch der Hauptzugang zu Sauris di Sopra (Oberzahre) erleichtert. Der westliche Zugang nach Sauris ist auch heute noch sehr mühsam und im Winter monatelang unmöglich.

Heute bestehen enge Kontakte zu den anderen Enklaven der Zimbern, insbesondere zu den am nächsten gelegenen Sappada (zimbrisch-deutsch Ploden oder Pladen, Provinz Belluno) und Timau (Tischelwang, Provinz Udine), aber auch zu den weiter westlich gelegenen Lusern (Provinz Trient), Fersental (Provinz Trient), Sieben Gemeinden mit dem Hauptort Asiago (Provinz Vicenza) und zu den Dreizehn Gemeinden (Provinz Verona) weit im Südwesten.

Seit einigen Jahren baut die Gemeinde den Fremdenverkehr aus und stellt dabei ihre ganz besondere zimbrische Tradition heraus, um so auch die Abwanderung vor allem der jungen Leute zu stoppen und ihnen wirtschaftliche Perspektiven am Ort zu eröffnen. Die Gemeinde hat dabei beachtliche Erfolge zu verzeichnen und erlebt derzeit einen Aufschwung. Neue Projekte - auch mit Unterstützung durch Provinz Udine, Region Friaul und EU - sind geplant.

Als Delikatesse ist der Schinken aus Sauris bekannt:ein Rohschinken mit Gebirgskräutern gewürzt und leicht geräuchert.

Sprache

Die deutsche Alltagssprache ist ein von Osttiroler Elementen geprägtes Zimbrisch, das eng verwandt ist mit dem Idiom der nordwestlich gelegenen Sprachinsel Sappada (Plodn), unterscheidet sich aber von jenem durch einige auf etwas frühere Besiedlung hinweisende sprachliche Elemente sowie durch stärkere romanische Einflüsse. Friaulisch ist teilweise Umgangssprache, Italienisch ist die fast ausschließliche Schriftsprache.

Neuerdings ist umstritten, ob das Zahrische zum Zimbrischen zu rechnen sei, weil es sich von den Idiomen der westlichen Sprachinseln deutlich unterscheidet. Die Zahrer selbst sehen sich aber nach Geschichte und Tradition überwiegend den Zimbern zugehörig.

Etwa 70 Prozent der Einwohner sprechen im Alltag Zahrisch. Allerdings ist der Rückgang des zahrischen Sprachgebrauchs bis in die 80er Jahre evident: Anfang des 20. Jahrhunderts lag das aktive Beherrschen der zahrischen Muttersprache noch bei 100 Prozent und nahm jahrzehntelang stetig ab, um sich seit etwa 1980 wieder zu stabilisieren.

Die Sprache wird auch im öffentlichen Leben verwendet: Vor allem die Kirche ist um die Erhaltung der alten Sprache bemüht. So sind neuerdings Gebete und Gesänge wieder entdeckt worden. Auch im Kindergarten und in der Schule wird heute wieder Zahrisch gelehrt.

Alle Einwohner von Sauris/Zahre – auch die nicht Zahrisch Sprechenden - sind heute stolz auf ihre ganz besondere zimbrische Tradition.

Ortsnamen

Der zimbrische Name Zahre sowie auch sein romanisches Pendant Sauris gehen gemeinsam auf illyr. Savira („Flußlauf") zurück. Neben einigen romanischen Namen wie Lateis geht die überwiegende Zahl der Namen wie etwa die Bergnamen Vesperkofel oder Morgenleite auf deutschen Ursprung zurück.

Bruno Petris hat 1975 über 200 Orts- und Flurnamen gesammelt und etymologisch analysiert: In der Berglandwirtschaft gibt es Bezeichnungen wie "Elble" und "Rösleite", Flurnamen wie "Stanbont" und "Hoacha Laite", Toponyme im Zusammenhang mit Wasser wie "Pam Prünlan" ("pam" heißt "bei dem") und viele andere Ortsbezeichnungen deutschen Ursprungs wie "Pan der Kirch" oder "Ame Khraitz". Besonders häufig sind die Familiennamen Schneider, Plotzer und vor allem Petris.

Traditionelle Lieder und Chorgesang

Eine besondere Tradition in Sauris/Zahre haben religiöse und weltliche Lieder sowie das Chorsingen.

Das älteste Lied in zahrischer Sprache stammt aus dem 15. Jahrhundert: "Bas bolt ein Jäger jagen" (deutsch "Es wollt´ ein Jäger jagen"). Die "Canti del Giro della Stella" (Lieder der Sternrunde) aus der Zeit vom 15. bis 18. Jht. werden noch heute zu Weihnachten gesungen: Am Weihnachtsfest geht eine Prozession um, die einem auf einem Stock befestigten Stern folgt. Der feierliche Umzug führt durch die Dörfer und Weiler, wobei Früchte, Eier, Käse und Speck eingesammelt werden. Die "Lieder der Sternrunde" werden in verschiedenen musikalischen und sprachlichen Varianten gesungen und gespielt - auf Zahrisch, Italienisch, Lateinisch und Friaulisch. Der Chor „Coro Zahre“ begleitet die Prozessionen „Giro della Stella“ (Sternrunde) am 26. Dezember in Sauris di Sotto/Unterzahre und am 29. Dezember in Sauris di Sopra/Oberzahre. Die Traditionen des Chores "Coro Zahre", der vom Ortspfarrer geleitet wird, werden gepflegt und ausgebaut. Der "Coro Zahre" wurde 1975 gegründet und singt die traditionellen Lieder, aber er integriert auch neue Stücke, die dann einen ganz besonderen zahrischen Charakter bekommen.

Der Chor hat sich mittlerweile auch überregional Renommee erworben und gilt als Kulturbotschafter von Sauris/Zahre.

Weitere in Sauris/Zahre heute noch gesungene Lieder sind der "Puer Meus", Kinderreime, Liebeslieder und Soldatenlieder. Der "Puer Meus" wird in mehreren Varianten in zahrischer und lateinischer Sprache an Weihnachten bzw. am Neujahrstag in der Kirche von San Lorenzo in Sauris di Sopra/Oberzahre gesungen. Noch heute ist die Gesangstradition sehr lebendig und dient der Kommunikation und dem Gemeindeleben: Seit 1995 treffen sich fast alle Frauen vor allem von Sauris di Sopra/Oberzahre jede Woche und proben entweder neue Lieder, die sie dann in der Kirche singen werden oder singen einfach nur zum Vergnügen zahrische, aber auch italienische Lieder.

Volkskultur

Ortsbild und bäuerliche Lebenswelt sind von Osttiroler und friaulischen Elementen geprägt. Die beiden Kirchen in Sauris di Sotto/Unterzahre wie in Sauris di Sopra/Oberzahre beinhalten kunsthistorisch bedeutende gotische Flügelaltäre aus dem Pustertal (Nikolaus von Bruneck 1524, Michael Parth 1551). Die Bevölkerung ist sehr musikalisch und hat einige Dialektdichter hervorgebracht.

Zu den bekanntesten Kunsthandwerksarbeiten zählen das Weben und das künstlerische Verarbeiten von Holz. Traditionen wie der Zahrer Fasching mit seinen archaischen Figuren, der zu den ältesten im Alpenraum zählt und am Faschingssamstag und Faschingssonntag stattfindet, wurden wieder belebt.

Die Bauweise von Sauris/Zahre, charakterisiert durch eigentümliche Holzscheunen und Häuser mit typischen Balkonen und Holzläden, unterscheidet sich signifikant vom friaulischen Umland. Der Kulturverein "Circolo culturale Saurano" und die Gemeinde geben die Ortszeitschrift "De Zahre reidet" heraus.

Literatur