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Wirtschaftswachstum

Unter Wirtschaftswachstum versteht man die Änderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also der Summe der Werte der in einer Volkswirtschaft produzierten ökonomischen Güter (Waren und Dienstleistungen), von einer Periode zur nächsten. Das (nominale) Wirtschaftswachstum nimmt bei einer Abnahme der Produktion negative Werte an, wenn die Preise nicht entsprechend steigen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffe

Reales und nominales Wirtschaftswachstum

Man kann zwischen realem und nominalem Wirtschaftswachstum unterscheiden. Im nominalen Wirtschaftswachstum wird das Wachstum als monetäre Änderung des BIP beziehungsweise des Bruttonationaleinkommens definiert. Dagegen wird beim realen Wirtschaftswachstum die Preissteigerung herausgerechnet. Gemessen wird nach diesem Konzept die eigentliche reale Leistungssteigerung der Gesamtwirtschaft. Die reale Herangehensweise ist also aussagekräftiger.

Bei der Ermittlung von realen Wachstumsraten wird vom unmittelbar gemessenen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts die Veränderungsrate des durchschnittlichen Preisniveaus, die Veränderungsrate des allgemeinen Preisindex, abgezogen. Das Wachstum soll nicht steigende Preise widerspiegeln, sondern nur das Wachstum der realen Produktion. Damit hängt das statistisch ausgewiesene reale Wachstum auch davon ab, wie der Durchschnittspreis des Bruttoinlandsprodukts oder des privaten Konsums, wenn man diesen Preisindex für die Berechnung des realen Wachstums verwenden möchte, berechnet wird. Eine besondere Schwierigkeit liegt bei Qualitätsveränderungen vor. Spiegelt ein steigender Preis nur eine reine Preiserhöhung wieder? Dann darf diese Preiserhöhung nicht als Wachstum erscheinen. Oder spiegelt die Preiserhöhung eine Qualitätsverbesserung wieder? Dann ist es eigentlich keine Preiserhöhung, sondern Wachstum. Das Statistische Bundesamt hat bei der Bestimmung der Veränderung der Preisindizes schon immer Qualitätsveränderungen berücksichtigt. Doch inzwischen soll dies durch die sogenannte hedonische Ermittlung der Preise besser geschehen. In den USA und Großbritannien wurde damit begonnen und ist inzwischen international üblich. Wenigstens in den USA liegen so die Wachstumszahlen höher als bei der bisherigen Berechnung.

Intensives und extensives Wirtschaftswachstum

Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit ist die nach intensivem und extensivem Wachstum. Von extensivem Wachstum spricht man, wenn es auf den Einsatz von mehr Ressourcen, etwa mehr Arbeitskräften, zurückzuführen ist. Bei der Sowjetunion beispielsweise wurde behauptet, dass ihr Wachstum in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass immer mehr Rohstoffe verbraucht wurden, und nur dadurch auch immer mehr produziert werden konnte. Die Arbeitsproduktivität konnte dagegen viel weniger gesteigert werden.

Intensives Wirtschaftswachstum liegt nur vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt. Das bedeutet, dass das Wachstum durch eine höhere Arbeitsproduktivität erlangt wird. Die Wachstumsrate des BIP übersteigt also die Wachstumsrate der Bevölkerung.

Absolutes und relatives Wirtschaftswachstum

In der Regel wird das Wirtschaftswachstums als prozentuale Veränderung zum Vorjahr angegeben. Damit wird das Wirtschaftswachstum als Exponentielles Wachstum verstanden. Mitte der Fünfziger Jahre betrug in Deutschland das bereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ca. 5000 Euro, bei Wachstumsraten um die 10%. Dies entspricht einem absoluten Wachstum von durchschnittlich ca. 500 Euro pro Person. Anfang der Neunziger Jahre lag das BIP pro Kopf bei ca. 25.000 Euro bei einem relativen Wachstum von 2%, was einem absoluten Wachstum von wiederum 500 Euro pro Kopf entspricht - demselben absoluten Wert wie in den Fünfzigern.

Wirtschaftswachstum und Zinsen

Die Goldene Regel der Akkumulation besagt, dass die BIP-Wachstumsrate gleich der Verzinsung des Produktionsfaktors Kapital sein sollte, also gleich dem (langfristigen) Zinssatz. Die Differenz zwischen der Rate des Wirtschaftswachstums und dem herrschenden kurzfristigen oder langfristigen Zinssatz für verschiedene Länder ist in den Abbildungen dargestellt. Demnach lagen bis Ende der 70er Jahre die Zinssätze eher zu niedrig, ab den 80er Jahren eher zu hoch.

Wirtschaftswachstum in Zahlen

Wirtschaftswachstum in Deutschland

Das Wirtschaftswachstum im Deutschen Kaiserreich betrug etwa 3-4% pro Jahr. Durch den ersten Weltkrieg ging es in eine Stagnation über. In den 1920er Jahren schoss es auf 6-8% hoch, weswegen dieses Jahrzehnt auch oft als "Die Goldenen Zwanziger" bezeichnet werden. Nach der großen Depression 1930 wuchs die Wirtschaft wieder mit etwa 6-8%, welches aber nicht auf eine stabile wirtschaftliche Erholung, sondern vor allem auf das Wachstum der Rüstungsindustrie und Lohnerhöhungen auf Pump in der Nazizeit zurückzuführen ist. Im zweiten Weltkrieg schwächte sich das Wachstum bis 1944 ab, worauf dann 1945 die Wirtschaft durch die Niederlage Deutschlands im Krieg einbrach und um zwei Drittel schrumpfte. Im Zuge des Wiederaufbaus der späten 1940er Jahre schoss das Wachstum[1] auf 20% hoch. Nachdem der Wiederaufbau Mitte der 1950er Jahre abgeschlossen war, pendelte sich das Wachstum in den 1960ern und frühen 1970er Jahren auf 5% p. a. ein. Dieses starke Wachstum ist allerdings kaum noch auf den Wiederaufbau zurückzuführen, sondern auf eine wirtschaftliche Hochperiode, die weltweit zu beobachten war. Durch die Unsicherheiten der 1970er Jahre vor allem durch die nicht mehr gesicherte Energieversorgung und das Explodieren der Ölpreise sank das Wachstum auf 2-3% in den 1980ern und 1990ern ab. Ab Mitte der 1990er hat es weiter nachgelassen und wird heute mehrheitlich als eine Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland angeführt. Seit 2006 befindet sich Deutschland in einer Phase erhöhter wirtschaftlicher Aktivität – das Wirtschaftswachstum lag mit 2,7% im Jahr 2006 in etwa auf dem Niveau des Jahres 2000, damit möglicherweise über dem methodisch umstrittenen sogenannten Potenzialwachstum.[2]

Weltweites Wirtschaftswachstum

Da es nationale Unterschiede in der Berechnung des Wirtschaftswachstums gibt, sind die Werte international nicht problemlos miteinander vergleichbar. Aus diesem Grund fertigen Institutionen wie die OECD, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds internationale Vergleichsstudien an.

Im Vergleich zur gesamten Menschheitsgeschichte hat die gegenwärtige Periode hohen Wirtschaftswachstums bisher nur eine sehr kurze Geschichte. Von 1000 bis 1500 lag das weltweite Wachstum des Pro-Kopf-Bruttosozialprodukts bei gerade einmal 0,05%. Von 1500 bis zum Anfang der Industriellen Revolution 1820 wuchs es weiter mit 0,05% pro Jahr. In den Jahren 1820-1870 wird ein Wachstum von 0,53% angenommen und von 1870 bis vor den Anfang des ersten Weltkriegs 1913 dann 1,3%. Zwischen den Weltkriegen bis 1950 sank es auf 0,91%, bis es dann in der Zeit des Wirtschaftswunders 1950-1973, (Nach Maddison auch 'golden age') auf 2,93% hochschoss. In den nächsten 25 Jahren belief es sich wieder nur auf 1,33%. [3]

Von 1900 bis 2000 betrug das Durchschnittswachstum aller westlichen Industrieländer 1,5%. [4]

Bedingungen für Wirtschaftswachstum

Prinzipiell kann man zwischen den eher marktorientierten Ansätzen (Neoklassische Theorie, Chicagoer Schule...) und den eher lenkungsorientierten Ansätzen (Keynesianismus, Neukeynesianismus...) unterscheiden. Bei marktorientierten Ansätzen wird davon ausgegangen, dass das Wirtschaftswachstum umso höher ist, je besser die Faktorallokation funktioniert, also je freier der Markt agieren kann. Rahmenbedingungen (Gesetze) sind zulässig, solange sie nicht auch sinnvollem Wirtschaften zu enge Grenzen auferlegen. Subventionen werden dagegen in der Regel abgelehnt. Bei den lenkungsorientierten Ansätzen geht man von regelmäßig auftretenden Schwankungen aus, deren Ausmaß durch antizyklische staatliche Ausgaben in Grenzen gehalten werden soll, um das durchschnittliche Wachstum höher zu halten und die Arbeitslosigkeit niedriger.

Wesentlich ist auch die Geldmenge der Volkswirtschaft. Ist zuwenig Liquidität vorhanden ("Geldlücke") so leidet das Wachstum, ist zuviel Liquidität im Markt, so besteht die Gefahr von Inflation.

Wachstumsmodelle

Die Wachstumstheorie hat zahlreiche Modelle zum Wirtschaftswachstum hervorgebracht. So z. B.

Bedeutung von Wirtschaftswachstum

Wirtschaftliches Wachstum gilt als eines der Hauptziele staatlicher Wirtschaftspolitik, da angenommen wird, dass es den Lebensstandard der Bevölkerung erhöhe. In Deutschland ist ein stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum neben einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht, niedriger Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation als Eckpunkt des „magischen Vierecks“ im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 als Ziel der Wirtschaftspolitik verankert. „Stetiges“ Wirtschaftswachstum bedeutet, dass die kurzfristigen Konjunkturschwankungen um den langfristigen Wachstumspfad so weit wie möglich vermieden werden sollen. Rezessionen sollen durch staatliche Intervention abgeschwächt und Boomphasen durch Haushaltskonsolidierung eingeschränkt werden. Diese Wirtschaftspolitik wirkt antizyklisch und wurde entscheidend durch den Keynesianismus geprägt. Welche Wachstumsrate „angemessen“ ist, lässt sich nicht pauschal festsetzen. Ein Wirtschaftswachstum von knapp drei Prozent wird jedoch von den meisten Wirtschaftswissenschaftlern als notwendig angesehen, um langfristig die Arbeitslosigkeit abzubauen. Diese Annahmen beruhen auf dem Okunschen Gesetz. Arthur Melvin Okun untersuchte empirisch den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Über die Phillips-Kurve können diese Werte mit der Inflation verbunden werden; jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Lebensqualität

Tibor Scitovsky verband im Jahr 1976 die Entwicklung eines steigenden Konsums ohne eine entsprechend zunehmende Zufriedenheit der Menschen in Wohlstandsgesellschaften mit dem Begriff joyless economy[5] (freudlose Wirtschaft).

Beschäftigungssicherung

Die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum wird vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten Beschäftigungsschwelle diskutiert. Diese versucht anzugeben, ab welchem Wirtschaftswachstum neue Stellen entstehen. Ursache für die Beschäftigungsschwelle sind Rationalisierungen, durch die Arbeitskräfte freigesetzt werden. Um diesen Abbau auszugleichen muss (bei gleich bleibendem Arbeitsangebot) die Wirtschaft wachsen. Bei einem Produktivitäts-Fortschritt von 0 würde auch die Beschäftigungsschwelle auf 0 sinken.
Die Beschäftigungsschwelle lag in Deutschland längere Zeit bei einem Wirtschaftswachstum von etwa 2%. In den letzten Jahren sank sie auf 1% im Jahre 2005. Das liegt immer noch über dem Durchschnitt der EU mit einem Produktivitätswachstum von 0,5% im Jahr 2005. Durch die sogenannten Hartz-Reformen wird von den meisten Ökonomen ein Absinken der Beschäftigungsschwelle erwartet. Als Grund dafür wird angenommen, dass durch die Reform auch entstehende unattraktivere Stellen angenommen werden.

Wirtschaftliche Erholungsphasen führten zu einem in den 1990er Jahren als jobless recovery oder jobless growth genannten Effekt: Erholung und Wachstum ohne Schaffung neuer Arbeitsplätze. Erklärungsversuche beziehen Faktoren ein wie Automatisierung, Steigerung der Produktivität der Arbeitnehmer und Verlängerungen der tatsächlichen Arbeitszeiten. Bei der Interpretation der Verringerung von Arbeitslosenzahlen in wachsenden Wirtschaften müssen die Definitionen von Arbeitslosigkeit und Veränderungen der Methoden, Menschen in Arbeit zu bringen, berücksichtigt werden.

Sicherung gesellschaftlicher Stabilität

Niklas Luhmann[6] sieht im Wirtschaftswachstum eine Wunschvorstellung, die die „unsichtbare Hand“ bereits im 18. Jahrhundert als Fortschrittsgarantie ersetzte. Nach Luhmann werde Mengenwachstum „durch die Art der Allokation“ „produziert“. Die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstum als Bedingung gesellschaftlicher Stabilität betrachtet Luhmann als eine Suggestion an Politiker und die Öffentlichkeit. Die Suggestion funktioniere, da hier mit „zeitlicher Asymmetrie“ spekuliert werde. Das ist eine Anspielung Luhmans auf die Nutzung von Ressourcen in der Gegenwart, für die kommende Generationen erst in der Zukunft zahlen müssen. Wenn das nicht mehr möglich sei, dann müsse man sich mit den externen Kosten und ökologischen Folgen auseinandersetzen.

Wettbewerb, Fortschritt und Sicherheit

Befürworter von Wachstum sehen 'reale' Vorteile: Bestehen im wirtschaftlichen, technologischen und militärischem Wettbewerb; medizinische, soziale, technologische und sonstige Fortschritte; mehr Sicherheit gegenüber Naturkatastrophen usw.

Grenzen des Wachstums: Konsequenzen

Im Wesentlichen gibt es hier zwei Positionen. Die eine Position - vertreten unter anderem von Herman Daly, Träger des alternativen Nobelpreises - geht von prinzipiellen physikalischen Grenzen des Wachstums aus, was langfristig eine Verringerung des Wachstums zur Folge haben müsste, oder sogar Negativwachstum. Die andere Position setzt auf neue Möglichkeiten des Wachstums. Eine Vertreterin letzterer Position ist beispielsweise die Ökonomin Diane Coyle mit ihrer Kritik an den sogenannten „Physiokraten“, die die neuen Chancen einer „gewichtslosen Welt“ [7] nicht verstünden. Mit Bekanntwerden des hohen und wachsenden Energieverbrauchs der Informationstechnik und der Probleme erneuerbarer Ressourcen hat sich die Diskussion über beide Positionen seit 2006 wieder verstärkt.

Wachstumsrücknahme

Seit dem Bericht von Dennis Meadows über die „Grenzen des Wachstums“ wird u.a. vom Club of Rome die Möglichkeit eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums bezweifelt, da die physikalischen Grenzen des Verbrauchs von nicht-erneuerbaren Ressourcen (Rohstoffe und Energiequellen) auch für die Wirtschaft gelten. Einige Kritiker fordern deshalb eine Wachstumsrücknahme.

Neue Möglichkeiten für Wachstum

Als Möglichkeiten zur Überwindung der Grenzen des Wachstums werden zum Beispiel gesehen:

Quellen

  1. R. Reichel: Germany's Postwar Growth: Economic Miracle or Reconstruction Boom?, The Cato Journal 21(3), 427-442
  2. Schnellmeldung Statistisches Bundesamt vom 13.2.07
  3. Angus Maddison: The World Economy, 2002, ISBN 9264022619,
  4. Werner Abelshauser: Seminar Wirtschaftsgeschichte, Universität Bielefeld.
  5. Tibor Scitovsky: The Joyless Economy: The Psychology of Human Satisfaction. Oxford: Oxford University Press. 1976.
  6. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988, S.100, ISBN 3518287524
  7. Diane Coyle: The Weightless World: Thriving in the Digital Age, 1997
  8. http://www.wachstumsstudien.de/Inhalt/Zeitschrift/Heft2/Ausweg_qualitatives_Wachstum.pdf

Literatur