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Jamiri

Jamiri (eigentlich Jan-Michael Richter, * 3. Mai 1966 in Hattingen-Blankenstein) ist ein deutscher Comiczeichner und -autor.

Inhaltsverzeichnis

Biografie und Persönliches

Jan-Michael Richter besuchte von 1972 bis 1985 eine Waldorfschule in Bochum. 1985 begann er an der Ruhr-Universität Bochum Germanistik, Komparatistik und Philosophie zu studieren, wechselte aber 1986 in das Fach Kommunikationsdesign an der damaligen Universität-Gesamthochschule Essen.

Jan-Michael Richter lebt seit 1986 in Essen. Im Jahre 2000 heiratete er Beate Kleinschmidt, mit der seit 1990 befreundet war.

Richter ist ein Cousin des bekannten Fußballspielers Mehmet Scholl.

Publizität und Verbreitung

Jan-Michael Richter zeichnet schon seit seiner Kindheit Comics. 1990 begann er, damit Geld zu verdienen. 1992 wurde er zum ersten Mal „Hauszeichner“, also in jeder Ausgabe veröffentlichender Comic-Zeichner einer Zeitschrift, des Ruhrgebiet-Stadtmagazins Marabo.

Seitdem publiziert er ohne Unterbrechung monatlich mehrere Comics in aktuellen Zeitschriften. Am stärksten mit Jamiri identifiziert werden seine Comic-Seiten im auflagenstärksten deutschen Studentenmagazin Unicum. Seit 2003 ist Jamiri Hauszeichner von Spiegel Online, der meistbesuchten journalistischen Website Deutschlands. Seit Anfang 2008 hat er auch eine feste Comicseite in Galore. Zusammengerechnet hat Jamiri monatlich mehr als eine Million Leserinnen und Leser und ist damit einer der meistgelesenen deutschen Comic-Zeichner.

Neben den Beiträgen in aktuellen Publikationen veröffentlicht Jamiri Comic-Alben im klassischen Format (DIN A4 mit 48 Seiten). Seit 1994 sind neun dieser Alben erschienen.

Themen

Nach der Definition von Comics (mehrere aufeinander folgende Bilder) ist Jamiri genau genommen sowohl Comiczeichner als auch Cartoonist, da ein Teil seiner Zeichnungen aus nur einem Bild besteht. Er selber bezeichnet sich aber als „Comiczeichner“.

Jamiris Comics handeln in der Regel von seinem Alter Ego. Die Szenerie besteht aus den Örtlichkeiten, in denen er lebt, und wird besetzt mit den Personen seines Lebensumfelds, an erster Stelle seiner Frau Beate. Viele der gezeichneten Geschehnisse sind tatsächlichen Ereignissen entlehnt. Die Entlehnung ist jedoch eine eher lose. Wie bei vielen Autoren werden die Anstöße aus dem Lebensumfeld umgearbeitet, manches wird auch frei dazuerfunden. Die aus den sehr authentischen Zeichnungen realer Schauplätze und Personen abgeleitete Vermutung mancher Fans, die abgebildeten Personen seien genau so, trifft nicht zu.

Die große Authentizität der Personen und Lebenssituationen verleiht den Comics einen hohen Wiedererkennungs- und Identifikationswert, den die Fans sehr schätzen. Die im Unicum-Hochschulmagazin abgedruckten Comics wurden von vielen Studierenden gesammelt, weil sie den Lebensalltag spiegeln. Der Kampf mit der dominanten Freundin und späteren Gattin Beate, mit widerspenstigen Computern und häufig kaputten Autos, mit abnehmender Geldbörse und zunehmendem Alter wie auch anderen Tücken des Alltags vereint Jamiri und seine Leser als Schicksalsgenossen.

In diesem Kampf ist die Comicfigur Jamiri deutlich als Antiheld positioniert, der viel einstecken muss und regelmäßig Niederlagen erleidet. Mit reichlich Sarkasmus und Selbstironie vermag der Protagonist aber seine Misserfolge zu relativieren oder gar zu feiern und behält so trotz allem das letzte Wort. Die Qualität des Stehaufmannes, der sich von einer widrigen Welt nicht unterkriegen lässt, bietet der Mehrzahl der Leser das größte Identifikationspotential.

Jamiri bewegt sich mit seinen Comics weitgehend auf privaten Themenfeldern. Selbst gelegentliche Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen werden in der Regel in Alltagsszenen verpackt. Trotzdem polarisiert der Autor seine Leserschaft durch zugespitzte Formulierungen und Pointen. Jamiri ist gegenüber der Welt genau so schonungslos wie gegenüber seinem Protagonisten und Alter Ego.

In einem einzigen Fall hat der Zeichner die auch bei gewichtigen Themen bewusst aufrechterhaltene Leichtigkeit des Umgangs verlassen. Anlässlich des „Karikaturenstreits“, bei dem Cartoonisten von islamischen Fanatikern mit der Ermordung bedroht wurden, hat Jamiri in der Unicum-Ausgabe März 2006 anstelle eines Comics den Text Freischwimmer veröffentlicht. Nach der Vorbemerkung, ihm sei vorübergehend der Humor ausgegangen, äußert er sich eingehend zu den aktuellen Ereignissen. Darin bekennt er sich zum Humanismus und zu einer einzigen, universellen Vernunft, die letztlich alle Religionen überflüssig machen werde. Er zitiert den islamischen Denker Averroës, dass die Philosophie die gegenüber der Religion höhere und reinere Wahrheit sei und die Religion im Grunde nur eine – zum besseren Verständnis – bildliche Einkleidung philosophischer Erkenntnisse.

Durch seine Funktion als Hauszeichner des Hochschulmagazins Unicum sowie von Spiegel Online und durch sein Spiel mit bildungsbürgerlichen Inhalten und intellektuellen Versatzstücken gilt Jamiri als der Comiczeichner der deutschen Intellektuellen und Akademiker. Auch hier zeigt er sich als ein Architekt der bewusst gesuchten Widersprüche, indem er regelmäßig intellektuelle Höhenflüge und banale Alltagsaktivitäten verknüpft und zueinander in Kontrast stellt. Bekannt sind gleichfalls seine sprachkritischen Betrachtungen, in denen es in spitzfindiger Übertreibung um das Verschwinden des Genitivs aus der deutschen Sprache oder um den Unterschied zwischen „subtil“ und „sublim“ geht. Philosophie und Psychologie sind ebenfalls regelmäßige Themen. Seit Beginn der Tätigkeit als Hauszeichner für die Mitteilungen der deutschen Mathematiker-Vereinigung wird auch die Mathematik thematisiert. So wird etwa in Großes Kino ein Kinoeingang mit den Filmankündigungen „Das schweigende Lemma“ und „Last Axiom Hero“ gezeigt.

Rezeption

Im Laufe seiner Karriere sah sich der Zeichner nach polarisierenden Darstellungen mehrfach wütenden Leserprotesten ausgesetzt. Zwei Themen haben Leserbriefschreiber besonders gestört: die Darstellung von Gott, der als weißhaariger Herr mit Rauschebart immer mal wieder im Lebensalltag der Jamiri-Comics mitspielt, und der Themenkreis um Frauen und Männer und Beziehungen und Sex, in dem Jamiri oft die handelsüblichen Klischees durch ungenierte Überspitzung ins Rampenlicht stellt. Der Streit entzündete sich in der Regel daran, wie viel Ironie bei solch sensiblen Themen erlaubt sein soll, teilweise wurde die Ironie nicht als solche verstanden.

Gegen kritische Leserbriefe oder Kommentare in Internetforen wurde Jamiri regelmäßig von seinen Fans verteidigt. Es kam mehrfach zu regelrechten Leserbriefgefechten, in denen es im Grundsatz um die Frage ging, was Satire darf. Die Anhänger machten sich für die Freiheit der Darstellung stark, offenkundig schätzen sie an Jamiris Werk gerade den respektlosen Umgang mit der Welt und die von Rücksichtnahmen freie Behandlung sensibler Themen. Viele Fans lobten die vorgelebte Ungeniertheit und regelmäßige Missachtung von Konventionen.

Die unbezweifelbare Lust des Autors an der Provokation erweist sich in der zeichnerischen Reaktion auf solche Auseinandersetzungen. In mehreren Fällen hat Jamiri zu einem umstrittenen Comic einen zweiten und sogar dritten nachgelegt. Am bekanntesten ist womöglich der Comic Oeyn, in dem Jamiri das Auto anhalten soll, weil der auf dem Beifahrersitz mitfahrende Gott mal pinkeln muss. In der Fortsetzung Oeyn 2 diskutiert Jamiri mit Gott im Auto die darauf eingegangenen empörten Leserbriefe, wonach dieser erneut pinkeln muss. In Oeyn returns schließlich piesackt Gott Jamiri damit, dass dieser keine Leserbriefe mehr bekomme, seit er keine Comics mehr über ihn mache. Die beiden geraten in Streit darüber, wer der eigentliche Schöpfer der Druckseite sei, auf der sie sich gerade befinden, worauf der Zeichner zum Beweis seiner Herrschaft über die Seite Gott in eine Ente verwandelt.

Ähnlich fiel die Reaktion auf eine Beschwerde über die Abbildung von Brüsten aus. Auf die Vorhaltung, in dem beanstandeten Comic sprängen „einem gut ausgeleuchtete Titten entgegen“, zeichnete Jamiri in +Lux noch wesentlich bildfüllendere Exemplare und kommentierte sie mit „DAS ist gut ausgeleuchtet“. Die darauf folgende „Rekordzahl“ an Leserbriefen, in denen er unter anderem als „Tittenfetischist“ beschimpft wurde, beantwortete er mit dem Comic Sequel, in dem er nach einer scheinbaren Entschuldigung („ein furchtbares Missverständnis“) einen weiblichen Hintern ins Bild rückte.

Werke

Comic-Alben

  1. Carpe Noctem (1994, Unicum Edition, Bochum; Wiederauflage 2002, Carlsen-Verlag, Hamburg)
  2. Bohème 29 (1995, Unicum Edition, Bochum; Wiederauflage 2002, Carlsen-Verlag, Hamburg)
  3. Homepages (1997, Unicum Edition, Bochum; Wiederauflage 2002, Carlsen-Verlag, Hamburg)
  4. Kamikaze d'amour (1999, Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main)
    Sonderband mit dem Schwerpunkt „Beate & Beziehungen“, gedacht als Auftakt zu einer Reihe von Themenalben, u.a. zu „Spacejamiri“ sowie „Jamiri & Gott“. Die Wiederholung einiger bereits in vorigen Alben gedruckter Beate-Comics mit dem Ziel der Vollständigkeit nahmen einige Fans zum Anlass zu Protesten. Das Konzept der Themenalben wurde daraufhin nicht weiter verfolgt.
  5. Dotcom Dummy (2000, Unicum Edition, Bochum; Wiederauflage 2002, Carlsen-Verlag, Hamburg)
  6. Hypercyber (2002, Carlsen-Verlag, Hamburg)
  7. Richterskala (2004, Carlsen-Verlag, Hamburg)
  8. Pornorama. Uni-Edition, Berlin, 2005, ISBN 978-3937151397
  9. Autodox (2007, Uni-Edition, Berlin)

Sonstige Monographien

Beiträge in Sammelwerken

Hauszeichner von Periodika

Einzelne Beiträge in Periodika

030, Airbrush Art+Action, Berliner Zeitung, Coolibri, Designers Digest, Digital Arts, Hamburger Morgenpost, Häuptling Eigener Herd, Info 3, Magic Attack, Neue Ruhr Zeitung, Petra, Prinz, Ran, taz, WDR online, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Wieselflink

Personendaten
Jamiri
Richter, Jan-Michael (wirkl. Name)
deutscher Designer und Comic-Zeichner
3. Mai 1966
Hattingen