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Trotzkismus

Der Begriff des Trotzkismus ist ursprünglich in der politischen Auseinandersetzung mit der Linken Opposition innerhalb der III. Internationale als Kampf- und Propagandabegriff geprägt worden. Abweichler von der Parteilinie der KPdSU wurden oft als Trotzkisten bezeichnet, so zum Beispiel in den Moskauer Prozessen 1936 bis 1938, in denen unter anderem ehemalige Mitglieder des Zentralkomitees verurteilt wurden. Von den Gegnern Trotzkis wird der Trotzkismus definiert als:

Trotzki selbst definierte ihn in den zwanziger Jahren:

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Der Begriff „Trotzkismus“ bezieht sich auf den Revolutionär Leo Trotzki, Mitglied des Zentralkomitees der Russischen Revolution, nach dem Sturz der bürgerlichen Regierung Kerenski Volkskommissar des Äußeren (Außenminister) und Kriegskommissar (Kriegsminister) im Bürgerkrieg auf kommunistischer Seite. Nach dem Tod Lenins entwickelten sich ideologische Auseinandersetzungen zwischen der Linken Opposition um Trotzki und den Anhängern des Stalinismus über den zukünftigen Weg. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „Trotzkismus“ vom herrschenden Triumvirat, Stalin, Sinowjew und Kamenew, zur Bekämpfung der politischen Gegner angewandt. Karl Radek gab dazu 1927 das Zeugnis ab:

„Ich war bei dem Gespräch mit Kamenew anwesend wo L.B.“ [gemeint ist Kamenew] „sagte, daß er vor dem Plenum des ZK offen erklären würde, wie sie, das heißt, Kamenew und Sinowjew, sich zusammen mit Stalin entschieden, die alten Uneinigkeiten zwischen L.D.“ [gemeint ist Trotzki] „und Lenin zu nutzen, um dadurch Genossen Trotzki nach Lenins Tod von der Führung der Partei fernzuhalten. Überdies habe ich wiederholt aus dem Munde von Sinowjew und Kamenew die Erzählung darüber gehört, wie sie den Trotzkismus als einen aktuellen Slogan ‚erfunden‛ hatten.
K. Radek
25. Dezember 1927“ [3]

Zum Zweck der „Erfindung“ des Trotzkismus schreibt Trotzki selbst 1932 in „Lenins unterdrücktes Testament“ weiter:

„Ähnliche geschriebene Zeugnisse wurden von Preobrashinski, Pjatakow, Rakowski und Eltsin abgegeben. Pjatakow, der gegenwärtige Direktor der Staatsbank, faßte Sinowjew's Zeugnis in den folgenden Worten zusammen:
‚‚Trotzkismus‛ war zu dem Zweck erfunden worden, die wirklichen Meinungsunterschiede durch fiktive Unterschiede zu ersetzen, das heißt, vergangene Unterschiede zu nutzen, die keine Auswirkung auf die Gegenwart hatten, die aber zu dem oben erwähnten, bestimmten Zweck künstlich wiederbelebt wurden‛.“ [4]

1925 rühmte sich Sinowjew auch gegenüber Rakowski seiner erfolgreichen Taktik gegen Trotzki und bedauerte nur, „dieses Kapital schlecht angewandt und vergeudet zu haben“.[5]

Ab 1926 kam es dann innerhalb der KPdSU, der III. Internationale und den in ihr zusammengeschlossenen Parteien immer wieder zu Säuberungen von oft als „Trotzkisten“ bezeichneten „Abweichlern“ von der herrschenden „Generallinie“ der KPdSU. Teilweise wurden die Anhänger der Linken Opposition aus der Partei entfernt, andere in die Verbannung geschickt und weitere gingen ins Exil.

Nach den Parteiausschlüssen und dem Schock über die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland wurde 1938 die Vierte Internationale gegründet, die sich als marxistische weltumspannende Organisation verstand. Die inhaltliche Grundlage wurde durch Arbeiten Leo Trotzkis ergänzt.

Im Gegensatz zu der von Stalin vertretenen These vom möglichen „Sozialismus in einem Land“ stand Leo Trotzki für einen konsequenten Internationalismus. Nach seiner Theorie der permanenten Revolution kann der Sozialismus als Übergangsgesellschaft zum Kommunismus nur auf internationaler Ebene funktionieren, weswegen die ganze Welt durch eine Revolution vom Kapitalismus befreit werden muss. Ausgangspunkt für den Trotzkismus ist aber vor allem auch die von Trotzki 1936 verfasste Studie: Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? Darin arbeitete er eine Analyse der Bürokratisierung der häufig als degenerierte Arbeiterstaaten bezeichneten Länder aus, in denen eine proletarische Revolution stattgefunden hatte. Trotzkisten verstehen sich, wie viele andere marxistische Strömungen auch, als Vertreter des Leninismus.

Die Vierte Internationale erlebte 1953 eine Spaltung in zwei Flügel, Pablisten und orthodoxe Trotzkisten, die sich 1963 zum Teil wieder vereinigten. Splitter dieser Spaltung gründeten zum Teil eigene internationale Organisationen oder beanspruchen teilweise auch den Titel IV. Internationale.

Manche Trotzkisten haben sich ideologisch geöffnet und in einigen Punkten vom orthodoxen Marxismus abgegrenzt. Nach den Studentenbewegungen der 1960er und 1970er Jahre haben sich Trotzkisten auch den sogenannten „neuen Fragen“ zu Ökologie, Patriarchat und Frauenunterdrückung und ähnlichem gestellt.

Bekannte Trotzkistinnen und Trotzkisten

Erwin Heinz Ackerknecht, Tariq Ali, Daniel Bensaïd, Pierre Broué, James P. Cannon, Tony Cliff, Isaac Deutscher, Hal Draper, Raya Dunayevskaya, Chen Duxiu, Ted Grant, Anton Grylewicz, Duncan Hallas, Chris Harman, Gerry Healy, Oskar Hippe, C. L. R. James, Georg Jungclas, Frida Kahlo, Alain Krivine, Arlette Laguiller, Ken Loach, Michael Löwy, Livio Maitan, Ernest Mandel, Jakob Moneta, David North, George Orwell, Michel Pablo, Juan Posadas, Christian Georgijewitsch Rakowski, Vanessa Redgrave, Lucy Redler, Karl Retzlaw, Diego Rivera, Roman Rosdolsky, Tony Saunois, Lew Lwowitsch Sedow, Victor Serge, Max Shachtman, Peter Taaffe, Tạ Thu Thâu, Lynn Walsh, Wang Fanxi, Winfried Wolf, Alan Woods

Ehemalige Trotzkisten

Aufgelöste trotzkistische Organisationen und Parteien

Verwandte Themen

Organisationen und Parteien

Im deutschsprachigen Raum:

International:

Siehe Liste trotzkistischer Organisationen

Einzelnachweise

  1. Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin, 3. überarbeitete Auflage 1978, S. 901.
  2. Trotzki: Die Fälschung der Geschichte der russischen Revolution, Buchverlag und -vertrieb Wolfgang Dröge, Dortmund 1977, ISBN 3-88191-002-6, S. 68.
  3. Trotzki: „Lenins unterdrücktes Testament“, zitiert nach: [1] (englischer Text, eigene Übersetzung).
  4. Trotzki: „Lenins unterdrücktes Testament“, zitiert nach: [2] (englischer Text, eigene Übersetzung).
  5. Trotzki: Stalin Eine Biographie, 2.Auflage, Arbeiterpresse Verlag, Essen 2006, ISBN-10: 3-88634-078-3, S. 446.

Literatur

Überblicksdarstellungen und Nachschlagewerke

Zeitschriften für Trotzkismusforschung

 Wiktionary: Trotzkismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik