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Renaissance-Humanismus

Renaissance-Humanismus [ʀənɛˈsɑ̃s] ist eine moderne Bezeichnung für eine geistige Strömung in der Zeit der Renaissance, die zuerst von Francesco Petrarca angeregt und verkörpert wurde, in Florenz ein herausragendes Zentrum hatte und sich in mehr oder weniger starker Ausprägung über den größten Teil Europas ausbreitete. Prägendes Merkmal war das Bewusstsein, einer neuen Epoche anzugehören, und das Bedürfnis, sich von der Vergangenheit der vorhergehenden Jahrhunderte abzugrenzen. Diese Vergangenheit wurde von den Humanisten als Mittelalter definiert und scharf abgelehnt. Ihm wurde die Antike als schlechthin maßgebliche Norm für alle Lebensbereiche entgegengestellt. Die Gewinnung eines direkten Zugangs zu dieser Norm in ihrer ursprünglichen, unverfälschten Gestalt, die "Rückkehr zu den Quellen" (lateinisch: ad fontes) war ein zentrales Anliegen des Renaissance-Humanismus.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte

Das Wort Humanismus wurde erst 1808 von dem Philosophen Friedrich Immanuel Niethammer eingeführt. Er bezeichnete damit die pädagogische Grundhaltung derjenigen, die den Unterrichtsstoff nicht unter dem Gesichtspunkt seiner praktischen (materiellen) Verwertbarkeit beurteilen, sondern Bildung als Selbstzweck unabhängig von Nützlichkeitserwägungen anstreben. Eine zentrale Rolle kommt dabei der sprachlichen und literarischen Bildung zu. Dieses Bildungsideal war das traditionelle, seit der Renaissance allgemein herrschende. Daher begann man um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die Geistesbewegung in der Epoche der Renaissance, die das Programm solcher Bildung formuliert und umgesetzt hatte, als Humanismus zu bezeichnen.

Als historischer Epochenbegriff für eine lange Zeit des Übergangs vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit wurde „Humanismus“ von Georg Voigt in seinem 1859 erschienenen Werk Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus eingeführt. Einen Anstoß dazu gab die Idee Johann Gustav Droysens, den Begriff Hellenismus für die mit Alexander dem Großen beginnende Epoche zu verwenden.

Das Wort „Humanist“ taucht erstmals gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf, und zwar zunächst als Berufsbezeichnung für Inhaber einschlägiger Lehrstühle, analog zu Jurist oder Kanonist (Kirchenrechtler). Erst im frühen 16. Jahrhundert wurde es auch für außeruniversitäre Gebildete verwendet, die sich als humanistae verstanden.


Selbstverständnis der Humanisten

Ausgangspunkt der Bewegung war das auf Cicero zurückgehende Konzept der Humanität (humanitas) und der auf sie zielenden Bildungsbestrebungen (studia humanitatis). Schon in der Antike war (besonders von Cicero) betont worden, dass der Mensch sich vom Tier durch die Sprache unterscheidet. Das bedeutet, dass er in der Erlernung und Pflege sprachlicher Kommunikation seine Menschlichkeit lebt und das spezifisch Menschliche hervortreten lässt. Daher war der Gedanke naheliegend, dass die Kultivierung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit den Menschen erst richtig zum Menschen macht, ihn auch moralisch emporhebt und zum Philosophieren befähigt. Daraus konnte man folgern, dass Sprachgebrauch auf dem höchsten erreichbaren Niveau die grundlegendste und vornehmste Tätigkeit des Menschen ist.

Davon ausgehend sind die Humanisten zur Annahme gelangt, dass zwischen der Qualität der sprachlichen Form und der Qualität des durch sie mitgeteilten Inhalts ein notwendiger Zusammenhang bestehe, insbesondere dass ein in schlechtem Stil geschriebener Text auch inhaltlich nicht ernst zu nehmen und sein Autor ein Barbar sei. Daher wurde am Mittelalter und am mittelalterlichen Latein heftige Kritik geübt, indem man nur die klassischen Vorbilder (vor allem Cicero) gelten ließ. Besonders die Scholastik mit ihrer eigenen, von klassischem Latein besonders weit entfernten Fachsprache wurde von den Humanisten verachtet und verspottet.

Wer so dachte und empfand und in der Lage war, sich mündlich und schriftlich in klassischem Latein elegant und fehlerfrei auszudrücken, wurde von den Humanisten als einer der ihren betrachtet. Erwartet wurde von einem Humanisten, dass er die lateinische Grammatik und die Rhetorik beherrschte und sich in antiker Geschichte und Moralphilosophie und in der altrömischen Literatur gut auskannte und lateinisch dichten konnte. Vom Ausmaß solcher Kenntnisse und vor allem von der Eleganz ihrer Präsentation hing der Rang des Humanisten unter seinesgleichen ab. Griechischkenntnisse waren sehr erwünscht, aber nicht notwendig.

In der Philosophie dominierte die Ethik; Logik und Metaphysik traten in den Hintergrund. Die weitaus meisten Humanisten waren eher Philologen und Historiker als kreative Philosophen. Dies hing mit ihrer Überzeugung zusammen, dass Erkenntnis und Tugend aus unmittelbarem Kontakt des Lesers mit den klassischen Texten erwachsen, sofern diese in unverfälschter Form zugänglich sind.

Daneben gibt es noch andere Merkmale, die zur Unterscheidung der humanistischen Haltung von der mittelalterlichen angeführt werden. Diese Erscheinungen, die man schlagwortartig mit Begriffen wie "Individualismus" oder "Autonomie des Subjekts" zu erfassen versucht, beziehen sich aber auf die Renaissance allgemein und nicht nur speziell auf den Humanismus.

Oft wird behauptet, ein Merkmal der Humanisten sei ihr distanziertes Verhältnis zum Christentum und zur Kirche gewesen. Das trifft aber so nicht generell zu. Die Humanisten gingen von dem allgemeinen Grundsatz der universalen Vorbildlichkeit der Antike aus und bezogen dabei auch die "heidnische" Religion ein. Daher hatten sie zum antiken "Heidentum" in der Regel ein unbefangenes, meist positives Verhältnis. Es war bei ihnen üblich, auch christliche Inhalte in klassisch-antikem Gewand zu präsentieren samt einschlägigen Begriffen aus der altgriechischen und altrömischen Religion und Mythologie. Die meisten von ihnen hielten das für mit ihrem Christentum vereinbar. Manche waren nur noch dem Namen nach Christen, andere nach kirchlichen Maßstäben fromm. Im Einzelfall ist der philosophische und religiöse Standort eines Humanisten oft schwer zu bestimmen. Es gab unter ihnen Platoniker und Aristoteliker, Stoiker und Epikureer, Geistliche und Antiklerikale und sogar Mönche. Im Allgemeinen war allerdings das Mönchtum (besonders die Bettelorden) der Hauptgegner des Humanismus.

Humanismus und Kunst

Allen Humanisten gemeinsam war eine außerordentliche Wertschätzung der Ästhetik. Sie waren der Überzeugung, dass das Schöne mit dem Wertvollen, dem moralisch Richtigen und dem Wahren Hand in Hand geht. Diese Grundhaltung erstreckte sich nicht nur auf Sprache und Literatur, sondern auf alle Bereiche der Kunst und der Lebensführung. Natürlich galten auch in der bildenden Kunst die antiken Kriterien und Wertmaßstäbe.

Große Anziehungskraft übte der Humanismus auf viele Künstler aus, die mit Humanisten verkehrten. Von konkreten Auswirkungen des Humanismus auf die bildende Kunst kann aber nur dort gesprochen werden, wo antike Ästhetiktheorie für das künstlerische Schaffen bedeutsam wurde und die humanistische Berufung auf die Vorbildlichkeit der Antike auf Kunstwerke ausgedehnt wurde. Das war in der Architektur besonders stark der Fall. Der maßgebliche Klassiker war Vitruv, der in seinem Werk Zehn Bücher über die Architektur eine umfassende Architekturtheorie entwickelt hatte, die allerdings nur teilweise der römischen Baupraxis seiner Zeit entsprach. Vitruv war im gesamten Mittelalter bekannt gewesen, daher war die Entdeckung einer St. Galler Vitruv-Handschrift durch Poggio Bracciolini 1416 nicht sensationell (sicher handelte es sich nicht um das antike Original). Folgenreich war aber die Intensität, mit der sich im 15. und im 16. Jahrhundert in vielen kulturellen Zentren Italiens Humanisten und Künstler (manchmal gemeinsam) mit Vitruv auseinandersetzten. Sie übernahmen seine Begriffe, Ideen und ästhetischen Maßstäbe, so dass man von einem "Vitruvianismus" in der italienischen Renaissance-Architektur sprechen kann. Der Humanist und Architekt Fra Giovanni Giocondo veröffentlichte 1511 in Venedig eine vorbildliche illustrierte Vitruv-Ausgabe. In den folgenden Jahren wurde Vitruvs Werk auch in italienischer Übersetzung zugänglich. 1542 bildete sich in Rom die Accademia delle virtù, die sich der Pflege des Vitruvianismus widmete. Hervorzuheben sind unter den Künstlern, die Vitruv studierten, der Architekt, Architektur- und Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti, Lorenzo Ghiberti, Bramante, Raffael und (während seines Italienaufenthalts) Albrecht Dürer. Auch Leonardo da Vinci bezog sich in seiner berühmten Skizze der menschlichen Proportionen auf Vitruv. Der führende Architekt und Architekturtheoretiker Andrea Palladio entwickelte seine eigenständigen Ideen in der Auseinandersetzung mit Vitruv. Er arbeitete mit dem Humanisten und Vitruvkommentator Daniele Barbaro zusammen.

Künstler, die sich mit Kunsttheorie befassten, wie Lorenzo Ghiberti und Leon Battista Alberti, forderten eine wissenschaftliche Ausbildung des bildenden Künstlers in allen Freien Künsten, also seine Integration in das humanistische Bildungswesen.

Auch in der Malerei und Skulptur spielte die Rezeption der Antike eine Schlüsselrolle:

Italienischer Humanismus

Der italienische Renaissance-Humanismus formte sich im Lauf der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und war um die Jahrhundertmitte in seinen Grundzügen ausgebildet. Sein Ende (als Epoche) kam, als im 16. Jahrhundert seine Errungenschaften zu Selbstverständlichkeiten geworden waren und keine neuen bahnbrechenden Impulse mehr von ihm ausgingen. Als wichtiger, symbolhafter Einschnitt wurde schon von den Zeitgenossen die Katastrophe des Sacco di Roma (1527) empfunden. Etwa damals endete (nach heutiger Einteilung) die Hochrenaissance in der bildenden Kunst und zugleich auch die Glanzzeit des mit dem Renaissance-Humanismus verbundenen Lebensgefühls.

Vorhumanismus

Mit dem nicht genau definierten Begriff "Vorhumanismus" (Prähumanismus) werden kulturelle Erscheinungen in der Zeit vor Petrarca, d.h. im 13. und frühen 14. Jahrhundert bezeichnet, die in manchen Aspekten auf den Renaissance-Humanismus vorausweisen, obwohl die handelnden Personen insgesamt noch dem Spätmittelalter angehören. Da diese Erscheinungen ihre Zeit nicht geprägt haben, kann man nicht von einer "Epoche des Vorhumanismus" sprechen, sondern nur von einzelnen vorhumanistischen Phänomenen im Spätmittelalter.

Dante Alighieri († 1321) war weder Humanist noch Vorhumanist. Unter seinen Zeitgenossen gab es aber bereits Persönlichkeiten, deren Haltung humanistisch wirkt. Der Vorhumanismus ist in Oberitalien entstanden. Begünstigt wurde seine Entstehung von der mittelalterlichen Ars dictaminis, einem schon im 12. Jahrhundert auftauchenden Teil der Rhetorik, der die Regeln eines guten Prosastils in Briefen (Briefsteller) und Urkunden umfasste. Es war eine an praktischen Bedürfnissen orientierte Stilkunst. Sie wurde besonders im städtischen Bürgertum Oberitaliens gepflegt und stand als Teil der Laienbildung im Gegensatz zur Rhetorik der Geistlichkeit. Diese Bestrebungen fanden im Universitätsbereich an der juristischen Fakultät eine Basis; Zentren waren Padua und Bologna. Aber erst als man in den Kreisen der davon geprägten Stilisten begann, die Lektüre der antiken "heidnischen" Dichter offensiv gegen die Kritik konservativer kirchlicher Kreise zu rechtfertigen, kam ein Element hinzu, das als vorhumanistisch bezeichnet werden kann. Eine Pionierrolle spielten die Paduaner Vorhumanisten Lovato de’ Lovati (1241-1309) und Albertino Mussato (1261-1329), die auch schon philologisch arbeiteten, und der in Vicenza tätige Dichter und Geschichtsschreiber Ferreto de’ Ferreti († 1337), der seinen klaren und eleganten Stil der Nachahmung des Livius und Sallust verdankte. Mussato, der die Lesetragödie Ecerinis nach dem Vorbild der Tragödien Senecas verfasst hatte, erhielt 1315 die Dichterkrone. Nach seiner Überzeugung war die klassische antike Dichtkunst göttlichen Ursprungs. So wurden damals bereits Elemente des Renaissance-Humanismus vorweggenommen.

Die Anfänge des italienischen Humanismus

Der eigentliche Humanismus begann um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit Petrarca. Im Unterschied zu den Vorhumanisten stellte sich Petrarca scharf und polemisch in Gegensatz zum gesamten mittelalterlich-scholastischen Bildungswesen seiner Zeit. Er hoffte auf eine beginnende neue Kulturblüte, ja auf ein neues Zeitalter. Dieses sollte nicht nur kulturell, sondern auch politisch an die Antike, an das Römische Reich anknüpfen. Daher unterstützte Petrarca 1347 mit Begeisterung den Staatsstreich des Cola di Rienzo in Rom. Cola war selbst gebildet, von der römischen Antike fasziniert und ein glänzender Redner, womit er ein Ideal des Humanismus verkörperte. Er war die führende Persönlichkeit einer adelsfeindlichen Strömung, die einen italienischen Staat mit Rom als Mittelpunkt anstrebte. Die politischen Träume und Utopien scheiterten zwar an den Machtverhältnissen und an Colas Mangel an Realitätssinn, aber die kulturelle Seite der Erneuerungsbewegung, die der politisch vorsichtigere Petrarca repräsentierte, setzte sich nachhaltig durch.

Petrarcas Erfolg war darin begründet, dass er nicht nur die Ideale und Sehnsüchte seiner Zeitgenossen artikulierte, sondern den neuen Zeitgeist auch als Persönlichkeit verkörperte. Bei ihm begegnen bereits voll ausgeprägt die markantesten Merkmale des Renaissance-Humanismus:

Schwerpunkte im Denken Petrarcas waren außerdem:

Stark von Petrarca beeinflusst war der etwas jüngere Giovanni Boccaccio. Auch er entdeckte Handschriften bedeutender antiker Werke. Echt humanistisch war seine Verteidigung der Dichtkunst. Der Dichtung gebührt nach seiner Überzeugung nicht nur unter literarischem Gesichtspunkt höchster Rang, sondern auch eine Vorzugsstellung unter den Wissenschaften, da sie bei der Erlangung von Weisheit und Tugend eine maßgebliche Rolle spielt; in ihr vereinen sich (im Idealfall) Sprachkunst und Philosophie und erreichen ihre Vollendung.

Die Blütezeit des Humanismus in Florenz

Statue von Lorenzo de Medici "il magnifico" bei den Uffizien

Florenz als herausragende Kunst- und Kulturstätte war die Keimzelle des Humanismus. Von dort gingen entscheidende Impulse sowohl für die Philologie als auch für die Philosophie und die humanistische Geschichtsschreibung aus. Aus Florenz stammende bzw. dort ausgebildete Humanisten trugen ihr Wissen in andere Zentren. Die herausragende Rolle des Florentiner Humanismus blieb bis in die neunziger Jahre des 15. Jahrhunderts erhalten. Dann wirkte sich jedoch der dominierende Einfluss Savonarolas in der Stadt im Zeitraum 1494-1498 auf das Kulturleben und den Humanismus verheerend aus, und die Wirren der Folgezeit hemmten die Erholung.

In Florenz bestand keine starke scholastische Tradition, da die Stadt keine erstrangige Universität hatte. Das geistige Leben spielte sich großenteils in lockeren Gesprächszirkeln ab. Diese offene Atmosphäre bot günstige Voraussetzungen für eine humanistische Diskussionskultur. Das Amt des Kanzlers der Republik war seit Coluccio Salutati (Kanzler 1375-1406) von Humanisten besetzt. Es bot dem Amtsinhaber Gelegenheit, der Öffentlichkeit die Vorzüge einer Verflechtung politischen und literarischen Wirkens und damit den staatspolitischen Nutzen des Humanismus zu demonstrieren. Salutati hat in seinen Sendschreiben und politischen Schriften diese Chance mit großem Erfolg genutzt. Durch seine wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Leistungen machte er Florenz zum Hauptzentrum des italienischen Humanismus. Ein weiterer großer Vorteil für den Florentiner Humanismus war die Vorherrschaft der Familie Medici (1434-1494). Sowohl Cosimo „il Vecchio“ de’ Medici († 1464) als auch sein Enkel Lorenzo „il Magnifico“ de’ Medici († 1492) zeichneten sich durch nachdrückliche Förderung der Künste und Wissenschaften aus. Lorenzo, selbst ein begabter Dichter und Schriftsteller, war das Modell eines Renaissance-Mäzens.

Allerdings hat die angeblich von Cosimo nach dem Vorbild der antiken Platonischen Akademie begründete Platonische Akademie in Florenz als Institution nicht existiert; die Bezeichnung Platonische Akademie wurde erst im 17. Jahrhundert erfunden. Tatsächlich handelte es sich nur um den Schülerkreis des bedeutenden Florentiner Humanisten Marsilio Ficino (1433-1499). Ficino, der von Cosimo unterstützt wurde, erstrebte eine Synthese von antikem Neuplatonismus und katholischem Christentum. Mit großem Fleiß widmete er sich der Übersetzung (ins Lateinische) und Kommentierung von Werken Platons und antiker Platoniker. Zu seinem Kreis gehörte der umfassend gebildete, arabisch- und hebräischkundige Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), der für die Vereinbarkeit aller philosophischen und religiösen Traditionen einschließlich der islamischen eintrat und ein prominenter Vertreter der christlichen Kabbala war.

Unter den berühmten Florentiner Humanisten sind ferner hervorzuheben: Niccolò Niccoli († 1437), ein eifriger Büchersammler und Organisator der Beschaffung und Erforschung von Handschriften; Leonardo Bruni, ein Schüler Salutatis und als Kanzler 1427-1444 Fortsetzer von dessen Politik, Verfasser einer hervorragenden Geschichte von Florenz; Ambrogio Traversari (1386-1439), der aus dem Griechischen übersetzte und als Mönch eine Ausnahmeerscheinung unter den Humanisten war; dessen Schüler Giannozzo Manetti (1396-1459), der u.a. aus dem Hebräischen übersetzte; Angelo Poliziano (1454-1494), der italienisch, lateinisch und griechisch dichtete und sich in der Textkritik hervortat. Weitere bedeutende Humanisten, die zeitweilig in Florenz wirkten, waren Francesco Filelfo, Gianfrancesco Poggio Bracciolini und Leon Battista Alberti. Eine besondere Rolle spielte Vespasiano da Bisticci (1421-1498), der erste Buchhändler großen Stils. Er war außerordentlich findig in der Beschaffung von Handschriften aller Art und ließ sie von Dutzenden von Kopisten kalligraphisch abschreiben, um die Nachfrage von Humanisten und Fürsten zu decken, welche Bibliotheken aufbauten. Außerdem verfasste er eine Sammlung von Lebensbeschreibungen herausragender Persönlichkeiten seiner Zeit, die die Vorstellungen der Nachwelt vom Renaissance-Humanismus stark beeinflusste.

Als Bürgerhumanismus (Civic Humanism) wird der Einsatz humanistischer Publizistik im Kampf für eine republikanische Verfassung und gegen „tyrannische“ Alleinherrschaft eines Machthabers bezeichnet. Dazu gesellt sich eine allgemeine Höherschätzung staatsbürgerlichen Gestaltungswillens gegenüber dem Rückzug in ein beschauliches Privatleben, später auch Bejahung bürgerlichen Wohlstands und Aufwertung des Italienischen als Literatursprache. Diese Haltung machte sich in Florenz geltend. Die republikanische Überzeugung wurde von den Kanzlern Salutati und Bruni rhetorisch wirksam vertreten, eingehend begründet und geschichtsphilosophisch untermauert. Dabei ging es vor allem um die Abwehr der Florenz bedrohenden Expansionspolitik der mailändischen Visconti, die ihre Position ebenfalls von Humanisten erläutern ließen und aus der Sicht ihrer Florentiner Gegner finstere Gewaltherrscher waren. Die Florentiner betonten die Vorteile der in ihrem System herrschenden Freiheit, die Mailänder pochten auf Ordnung und Frieden, die der Unterstellung unter den Willen eines Herrschers zu verdanken seien. Dieser Gegensatz wurde in der Publizistik beider Seiten scharf herausgearbeitet. Der von dem Historiker Hans Baron ab 1928 geprägte Begriff „Bürgerhumanismus“ hat sich eingebürgert, ist aber in der Forschung umstritten. Gegner der „Baron-These“ behaupten, Baron idealisiere die Politik der humanistischen Florentiner Kanzler und folge deren Propaganda, er ziehe aus seinen Beobachtungen zu weitreichende Folgerungen und sein Vergleich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts sei unzulässig.

Humanismus in Rom

Für die Humanisten war Rom der Inbegriff des Verehrungswürdigen. Als Zentrum des Humanismus stand Rom jedoch hinter Florenz zurück und begann erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts zu blühen. Dabei kamen die stärksten Anregungen aus Florenz und dessen Umfeld. Die meisten in Rom lebenden Humanisten waren auf eine Anstellung an der Kurie angewiesen, meist in der päpstlichen Kanzlei, manchmal als Sekretäre der Päpste. Viele waren Sekretäre von Kardinälen. Manche der begehrten Ämter in der Kanzlei waren käufliche Lebensstellungen. Viel hing davon ab, wie humanistenfreundlich der jeweils regierende Papst war.

Einen entscheidenden Anstoß gab dem römischen Humanismus die weitsichtige Kulturpolitik Papst Nikolaus’ V. (1447-1455). Er holte prominente Humanisten an seinen Hof, veranlasste Übersetzungen aus dem Griechischen und schuf als eifriger Büchersammler die Basis für eine neue Vatikanische Bibliothek. Pius II. (Enea Silvio de’Piccolomini, 1458-1464) war zwar vor seiner Papstwahl als Humanist hervorgetreten, unternahm aber als Papst relativ wenig für den Humanismus. Als sehr humanistenfreundlich erwiesen sich Sixtus IV. (1471-1484), Julius II. (1503-1513) und Leo X. (1513-1521). Allerdings setzte schon unter Leo ein Niedergang ein. Ein schwerer Rückschlag war der Sacco di Roma (1527).

Führende Persönlichkeiten im römischen Humanismus des 15. Jahrhunderts waren Gianfrancesco Poggio Bracciolini, Lorenzo Valla, Flavio Biondo und Julius Pomponius Laetus. Poggio († 1459) war der erfolgreichste Entdecker von Handschriften. Er verfasste bedeutende Dialoge (diese literarische Form war bei den Humanisten besonders beliebt), aber auch gehässige Schmähschriften. Wie manche andere Gelehrte auswärtiger Herkunft fasste Poggio Rom nur als vorübergehenden Wohnsitz auf. Valla († 1457), mit Poggio tödlich verfeindet, war Professor für Rhetorik. Er begründete die neuzeitliche philologische Echtheitskritik und stach durch seine unkonventionellen Ansichten und seine Provokationslust hervor. Biondo († 1463) vollbrachte bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiet der Archäologie und historischen Topographie Italiens, insbesondere Roms. Er bezog auch das mittelalterliche Italien in seine Forschungen ein. Mit seiner systematischen Erfassung von Überresten der Antike wurde er zum Begründer der Altertumswissenschaft. In derselben Richtung arbeitete später Pomponius Laetus († 1498). Er gründete um 1464 die älteste römische Akademie, die Accademia Romana, von der wesentliche Impulse für die Altertumskunde ausgingen. Einer seiner Schüler war der vorzügliche Archäologe Andrea Fulvio. Die Akademie geriet 1468 in eine schwere Krise und wurde vorübergehend geschlossen, weil Papst Paul II. einzelne Humanisten aufrührerischer Umtriebe verdächtigte. Das harte Vorgehen dieses Papstes gegen die Akademie war eine untypische, vorübergehende Störung im ansonsten eher unproblematischen Verhältnis zwischen Kurie und Humanismus; im Kardinalskollegium fanden die beschuldigten Humanisten eifrige und erfolgreiche Fürsprecher.

Von den jüngeren römischen Akademien bzw. Humanistenkreisen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts widmeten sich die bekanntesten der Pflege des Ciceronianismus (der an Ciceros Vorbild orientierten Latinität) und der neulateinischen Dichtung. In Rom wurde der reine Ciceronianismus noch nachdrücklicher betont als in anderen Zentren; darin trafen sich die Bedürfnisse der päpstlichen Kanzlei mit den Neigungen der Humanisten. Einen Höhepunkt erreichte diese Strömung mit den streng ciceronianisch gesinnten Humanisten Pietro Bembo († 1547) und Jacopo Sadoleto († 1547), die als Sekretäre Leos X. großen Einfluss an der Kurie erlangten.

Humanismus in Neapel

Im Königreich Neapel lebte der Humanismus von der Gunst der Könige. Schon König Robert von Anjou (1309-1343) ließ sich von Petrarca zu Bildungsbemühungen anregen und legte eine Bibliothek an, aber erst Alfons I. (1442-1458), der glanzvollste Mäzen unter den damaligen Fürsten Italiens, machte den Humanismus in Neapel heimisch. Er schützte Humanisten, die sich durch ihr kühnes und herausforderndes Auftreten anderswo missliebig gemacht hatten. So konnte Valla von Neapel aus heftige Angriffe gegen Klerus und Mönchtum richten. Dort konnte auch Antonio Beccadelli wirken, der sich mit seiner für damalige Verhältnisse sensationellen erotischen Dichtung in kirchlichen Kreisen verhasst gemacht hatte. Um ihn bildete sich ein lockerer Kreis von Humanisten, der (in einem weiten Sinn des Wortes) als "Akademie von Neapel" bezeichnet wird. Alfons’ Sohn und Nachfolger Ferdinand I. (1458-1494) setzte die Förderung des Humanismus fort und errichtete an der Universität vier humanistische Lehrstühle. Der eigentliche Gründer der Akademie wurde Giovanni Pontano († 1503), einer der bedeutendsten Dichter unter den Humanisten; nach ihm wird sie Accademia Pontaniana genannt. Sie zeichnete sich durch besondere Offenheit und Toleranz und eine breite Vielfalt von Ansätzen und Forschungsgebieten aus und wurde zu einem der einflussreichsten Zentren des geistigen Lebens in Italien. Aus Neapel gebürtig war der berühmte Dichter Jacopo Sannazaro († 1530), der am Hof und in der Akademie wirkte; er setzte Pontanos Tradition fort. Die Akademie konnte nach Pontanos Tod unter Pietro Summonte ihren Rang zunächst bewahren, doch in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts setzte der Niedergang ein; 1542 wurde sie geschlossen.

Humanismus in Mailand

Das Herzogtum Mailand, zu dem auch die Universitätsstadt Pavia gehörte, bot unter der Herrschaft des Hauses Visconti (bis 1447) dem Humanismus in der herzoglichen Kanzlei und an der Universität von Pavia einen Nährboden; ansonsten mangelte es an Impulsgebern. Mehr als anderswo stand in Mailand die Rolle der Humanisten als Propagandisten im Dienst des Herrscherhauses im Vordergrund. In diesem Sinne waren Antonio Loschi, Uberto Decembrio und dessen Sohn Pier Candido Decembrio am Hof tätig. Der prominenteste Humanist im Herzogtum war Francesco Filelfo († 1481), der sich durch seine außergewöhnlich vollendete Kenntnis der griechischen Sprache und Literatur auszeichnete und sogar griechisch dichtete. Filelfos vielen Schülern war eine Reihe von Klassikerausgaben zu verdanken. Er lebte aber nur in Mailand, weil er Florenz aus politischem Grunde hatte verlassen müssen, und kehrte im Alter nach Florenz zurück. Unter dem Herzogsgeschlecht der Sforza (ab 1450) profitierte auch die humanistische Kultur vom politischen und wirtschaftlichen Aufschwung, aber als Zentrum des geistigen Lebens stand Mailand hinter Florenz, Neapel und Rom zurück. Die Wirren nach der französischen Eroberung des Herzogtums (1500) waren auch für den Mailänder Humanismus verheerend.

Humanismus in Venedig

In Venedig war der Humanismus von den Zielen und Bedürfnissen des dort herrschenden Adels abhängig. Erwünscht waren Stabilität und Kontinuität, nicht die anderswo üblichen Gelehrtenfehden und Polemik gegen die scholastische Tradition. Die humanistische Produktion war im 15. Jahrhundert zwar beachtlich, entsprach aber nicht dem politischen und wirtschaftlichen Gewicht des venezianischen Staates. Vorherrschend war ein konservativer und konventioneller Grundzug; Gelehrte leisteten solide wissenschaftliche Arbeit, doch fehlte es an originellen Ideen und anregenden Kontroversen. Die Venezianer Humanisten waren Verteidiger des aristokratischen Systems der Stadt. Traditionelle Religiosität und Aristotelismus bildeten eine starke Strömung. Ein hervorragender und typischer Repräsentant des Venezianer Humanismus war Francesco Barbaro († 1454).

Später war die markanteste Persönlichkeit der Drucker und Verleger Aldo Manuzio, der 1491-1516 in Venedig tätig war und auch griechische Textausgaben herausbrachte. Seine Produktion war europaweit für den Buchdruck und das Verlagswesen wegweisend. Sein Verlagshaus wurde zum Mittelpunkt des Venezianer Humanismus. Die Philologen trafen sich in Manuzios Neoacademia. Bei dieser "Akademie" handelte es sich um einen Gesprächskreis, nicht um eine feste Institution.

Zum Venezianer Adel gehörte der führende Humanist, Geschichtsschreiber und Kardinal Pietro Bembo († 1547), der in seinem einflussreichen Hauptwerk Prose della volgar lingua 1525 eine Grammatik und Stiltheorie der italienischen Literatursprache vorlegte.

Sonstige Zentren

An den Höfen, die kulturell miteinander wetteiferten, fand der Humanismus nicht nur in den bedeutendsten Staaten großzügige Förderer. Unter den Herrschern, die sich in hohem Maße für humanistische Bestrebungen aufgeschlossen zeigten, sind hervorzuheben:

Griechen in Italien

Zu den Faktoren, die den italienischen Humanismus beeinflussten, gehört die Krise des byzantinischen Staates, die mit seinem Zusammenbruch im Jahre 1453 endete. Wegen des katastrophalen Verlaufs der Auseinandersetzungen mit den vordringenden Türken suchten die letzten byzantinischen Kaiser Unterstützung im Westen. Angesichts der verzweifelten militärischen Lage ließen sie sich zu weitreichenden kirchenpolitischen Zugeständnissen (Kirchenunion) herbei. Griechische Gelehrte kamen zeitweilig oder dauerhaft nach Italien, teils in politischer bzw. kirchenpolitischer Mission, teils um den Humanisten Griechischunterricht zu erteilen. Sie trugen zur philologischen Erschließung und Übersetzung der griechischen Klassiker bei. Große Mengen von Handschriften wurden von westlichen Sammlern bzw. deren Beauftragten im byzantinischen Reich vor dessen Untergang aufgekauft.

In der Endphase der byzantinischen Geschichte kam es in Byzanz zu Ansätzen eines Humanismus im Rahmen der nach dem damaligen Kaisergeschlecht der Palaiologen „Palaiologische Renaissance“ genannten Kulturblüte. Kennzeichen dieser Strömung waren eine breite, intensive und systematische Erforschung der antiken griechischen Literatur (vor allem der Dichtung), Verbesserung der philologischen Arbeit, Betonung der Rhetorik und Reflexion über die Vorbildlichkeit der Antike. Aus diesem Milieu gingen die Gelehrten hervor, die nach Italien kamen.

Eine Reihe von philosophischen Werken war schon im 13. Jahrhundert aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt worden. Diese spätmittelalterlichen Übersetzungen folgten gewöhnlich stur dem Prinzip „Wort für Wort“ ohne Rücksicht auf die Verständlichkeit, geschweige denn auf den Stil. Daher bestand dringender Bedarf nach neuen, verständlichen, flüssig lesbaren Übersetzungen. Ein Großteil der griechischen Literatur (darunter die Werke Homers, die meisten Dialoge Platons, Tragödie und Komödie) wurde erstmals durch humanistische Übersetzungen und Textausgaben im Westen zugänglich.

Die Pionierrolle kam auch auf diesem Gebiet Florenz zu. Den Anfang machte Manuel Chrysoloras, der 1396 als Lehrer der griechischen Sprache und Literatur in Florenz eintraf. Er begründete die humanistische Übersetzungstechnik. Auf dem Konzil von Ferrara/Florenz 1438-39 gehörten der byzantinischen Delegation bedeutende Gelehrte an, darunter Georgios Gemistos Plethon, der eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Unterschieden zwischen aristotelischer und platonischer Philosophie anregte und einen Anstoß zur Ausbreitung des Platonismus gab, und Bessarion, der in Italien blieb und ein einflussreicher Kardinal und Förderer des römischen Humanismus wurde. Johannes Argyropulos, der 1456 auf einen philosophischen Lehrstuhl nach Florenz berufen wurde, leistete grundlegende Beiträge zur griechischen Philologie und zum Verständnis von Platon und Aristoteles in Italien. Theodoros Gazes und Georg von Trapezunt arbeiteten in Rom in päpstlichem Auftrag als Übersetzer philosophischer, naturwissenschaftlicher und patristischer Werke.

Leistungen des italienischen Renaissance-Humanismus

Da der italienische Renaissance-Humanismus eine im wesentlichen literarische und altertumskundliche Bewegung war, liegen seine Hauptverdienste auch in diesem Bereich. Hier ist zunächst die zum Teil sehr bedeutende eigene literarische Produktion der Humanisten sowohl in lateinischer als auch in italienischer Sprache zu nennen. Große Errungenschaften waren die allgemeine Anhebung des Bildungsniveaus auf dem Gebiet der sprachlichen und historischen Fächer und die Herausbildung einer neuen stadtbürgerlichen Bildungsschicht. Hinsichtlich der Qualität des sprachlichen Ausdrucks wurden neue Maßstäbe gesetzt, die über das Renaissance-Zeitalter hinaus gültig blieben. Zahlreiche bisher verschollene literarische Werke und Geschichtsquellen aus der Antike wurden entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die klassische Altertumswissenschaft wurde begründet; sowohl die Philologie als auch die Geschichtsforschung einschließlich der Archäologie empfingen richtungweisende Impulse und erhielten ihre für die folgenden Jahrhunderte gültige Gestalt. Die Forderung nach "Rückkehr zu den Quellen" ("ad fontes"), zum Authentischen, wurde zum Ausgangspunkt für die Entstehung philologisch-historischer Wissenschaft im modernen Sinne.

Im Zusammenwirken mit Fürsten und anderen Mäzenen entstanden bedeutende Bibliotheken und Bildungsstätten. In den zahlreichen Akademien wurden zukunftweisende Formen des geistigen Austausches und der Zusammenarbeit entwickelt. Zugleich verbreiteten sich die im Mittelalter noch äußerst seltenen Griechischkenntnisse, so dass es erstmals seit dem Untergang der Antike im Westen möglich wurde, die griechische Wurzel der europäischen Kultur in ihrer besonderen Eigenart zu verstehen und zu würdigen. Daneben erwachte auch das Interesse an Hebräisch-Studien und an der Erforschung orientalischer Sprachen und Kulturen. Vittorino da Feltre und Guarino da Verona schufen eine vorbildliche Reformpädagogik. Ferner war den Humanisten eine grundlegende Schriftreform zu verdanken. Ab 1400 entwickelte Poggio Bracciolini die humanistische Kanzleischrift, aus der dann im Buchdruck die Renaissance-Antiqua hervorging. Niccolò Niccoli schuf die humanistische Kursivschrift, auf der unsere moderne Schreibschrift fußt; sie wurde 1501 von Aldus Manutius in den Buchdruck eingeführt und wird dort wegen ihres Ursprungs im Englischen italics, im Französischen italique genannt.

Die Leistung der Humanisten bei der Entdeckung verschollener antiker Werke wird nicht durch den Umstand geschmälert, dass die von ihnen vor allem in Klosterbibliotheken gefundenen Klassikerhandschriften zum weitaus größten Teil mittelalterliche Abschriften bzw. Abschriften von Abschriften waren. Antike Handschriften waren in der Renaissance sehr selten. Fast alles antike Schrifttum, das wir heute besitzen, ist durch die Abschreibtätigkeit der von den Humanisten verachteten mittelalterlichen Mönche gerettet worden. Die Humanistenschrift ist nicht etwa aus einer antiken Schriftart entwickelt worden, sondern durch Nachahmung der frühmittelalterlichen karolingischen Minuskel entstanden, in der viele der gefundenen Handschriften geschrieben waren.

Kritik am italienischen Renaissance-Humanismus

In ihrer eigenen Epoche wurden die Renaissance-Humanisten hauptsächlich von streng kirchlich orientierten Kreisen kritisiert. Es wurde ihnen bzw. manchen von ihnen vorgeworfen, nicht im Glauben verwurzelt zu sein, kirchliche Vorschriften zu missachten, Epikureer, Heiden oder gottlos zu sein, ein ausschweifendes und unsittliches Leben zu führen, Homosexualität zu billigen oder gar zu praktizieren und die Jugend zur Lektüre erotischer Literatur zu verleiten.

Die moderne Kritik richtet sich auf andere Aspekte. Schon Georg Voigt, der Begründer der modernen Humanismusforschung, hat deutlich einige Schwächen aufgezeigt:

Zu beachten ist allerdings, dass diese Kritikpunkte nicht auf alle Humanisten zutreffen. Es mangelt nicht an Gegenbeispielen.

Namhafte italienische Humanisten

Namhafte italienische Humanisten des 14. und des 15. Jahrhunderts waren Cyriacus von Ancona, Giovanni Aurispa, Ermolao Barbaro, Francesco Barbaro, Gasparino Barzizza, Basinio Basini, Antonio Beccadelli, Filippo Beroaldo, Flavio Biondo, Giovanni Boccaccio, Gianfrancesco Poggio Bracciolini, Leonardo Bruni, Filippo Buonaccorsi (Callimachus Experiens), Giovanni di Conversino da Ravenna, Angelo Decembrio, Pier Candido Decembrio, Bartolomeo Fazio, Felice Feliciano, Vittorino da Feltre, Marsilio Ficino, Francesco Filelfo, Battista Guarino, Stefano Infessura, Cristoforo Landino, Antonio Loschi, Giannozzo Manetti, Carlo Marsuppini, Niccolò Niccoli, Matteo Palmieri, Niccolò Perotti, Francesco Petrarca, Enea Silvio de’ Piccolomini, Bartolomeo Platina, Angelo Poliziano, Julius Pomponius Laetus, Giovanni Pontano, Giovanni Conversini da Ravenna, Coluccio Salutati, Palla Strozzi, Ambrogio Traversari, Lorenzo Valla, Maffeo Vegio, Pier Paolo Vergerio und Guarino da Verona.

Für das 16. Jahrhundert sind Pietro Alcionio, Pietro Bembo, Francesco Guicciardini, Francesco Robortello, Jacopo Sadoleto, Torquato Tasso, Ariost und Jacopo Sannazaro hervorzuheben.

Juristischer Humanismus

Der italienische Humanismus stand von Anfang an - schon bei Petrarca - in scharfem Gegensatz zur Rechtswissenschaft. Die Kritik der Humanisten an der Scholastik fand hier eine besonders breite Angriffsfläche, weil Schwächen der scholastischen Arbeitsweise in diesem Bereich besonders augenfällig waren. Das Rechtswesen war durch die ausufernde Tätigkeit der Glossatoren und Kommentatoren (im römischen Recht) sowie der Dekretisten und Dekretalisten (im Kirchenrecht) immer komplizierter und undurchschaubarer geworden, und es war aus humanistischer Sicht voll von Spitzfindigkeiten und lebensfernem Formalismus. Die Kommentare des führenden scholastischen Zivilrechtlers Bartolus de Saxoferrato († 1357) gewannen solche Autorität, dass ihnen faktisch - mancherorts sogar formell - Gesetzeskraft zukam. Die ursprüngliche Rechtsquelle, das antike Corpus iuris civilis, wurde nach Ansicht der Humanisten von der Masse der mittelalterlichen Kommentare verschüttet. Außerdem beklagten sie die sprachliche Schwerfälligkeit der juristischen Texte.

In Italien erwies sich der Juristenstand als konservativ und unzugänglich für humanistische Kritik. Daher begann die humanistische Reform der Jurisprudenz nördlich der Alpen und erst im frühen 16. Jahrhundert. Da die Initiative dazu aus Frankreich kam, wo der humanistische Jurist Guillaume Budé eine Schlüsselrolle spielte, wurde die neue Rechtslehre Mos gallicus (französische Vorgehensweise) genannt zur Unterscheidung von dem traditionellen Lehrbetrieb der italienischen Scholastiker, dem Mos italicus. Budé sah in der Philologie die Grundlagenwissenschaft schlechthin. Im Mos gallicus wurde die humanistische Forderung nach einer Rückkehr zu den Quellen auf das Corpus iuris civilis angewendet, das wie andere Quellen der Textkritik unterworfen wurde (Gesamtausgabe von Denis Godefroy 1583) und sogar inhaltlicher Fundamentalkritik, die bei François Hotman in ein vernichtendes Urteil mündete (Antitribonianus, 1574). Ein Hauptziel des Juristischen Humanismus war es, den Glauben an die Autorität der Kommentare zu beseitigen und damit den im Studium vermittelten Wissensstoff überschaubarer zu machen. An die Stelle der Lehrmeinungen von Kommentatoren sollte das treten, was sich bei vernüftiger Betrachtung philologisch gereinigter Quellentexte unmittelbar als deren Sinn ergab.

Im Lauf des 16. Jahrhunderts breitete sich der Mos gallicus in den deutschen Sprachraum aus, konnte sich dort aber nur teilweise durchsetzen.

Humanismus außerhalb Italiens

Der Humanismus verbreitete sich von Italien aus in ganz Europa. Dabei war die Aufnahmebereitschaft für die neuen Ideen in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Dies zeigte sich an der unterschiedlichen Geschwindigkeit und Intensität der Rezeption humanistischer Impulse und auch darin, dass in manchen Regionen Europas nur bestimmte Teile und Aspekte des humanistischen Gedankenguts und Lebensgefühls auf Resonanz stießen. Unterschiedlich waren auch die Bevölkerungsteile, die in den einzelnen Ländern als Träger einer humanistischen Bewegung in Betracht kamen. So hatte sich der Humanismus länderspezifischen Gegebenheiten und Bedürfnissen anzupassen und länderspezifische Widerstände zu überwinden. Für die einzelnen Länder siehe:

Die Anwendung der humanistischen philologischen Vorgehensweise auf die Bibel wird als Bibelhumanismus bezeichnet.

Bildungsgeschichtliche Auswirkungen und Nachwirkung

Der Renaissance-Humanismus war eine Bildungs- und Wissenschaftsreform. Daher betrafen seine Nachwirkungen, soweit sie unabhängig von den allgemeinen Nachwirkungen der Renaissance zu betrachten sind, das Bildungswesen und den Wissenschaftsbetrieb.

Die italienischen Humanisten - insbesondere Maffeo Vegio - formulierten in ihren pädagogischen Schriften das neue Bildungsideal. Dabei gingen sie vom ersten Buch der Institutio oratoria Quintilians und von der Plutarch zugeschriebenen Abhandlung Über die Kindererziehung aus. Im deutschen Sprachraum wirkten Rudof Agricola († 1485), Erasmus von Rotterdam († 1536) und Jakob Wimpheling (1450-1528) in diesem Sinne. Schrittweise wurde das scholastische Schulwesen durch ein humanistisches ersetzt. Dabei trat in machen Bildungseinrichtungen neben einen fundamental verbesserten Lateinunterricht das Studium des Griechischen und des Hebräischen. Wegweisend war hierbei das Collegium trilingue in Löwen, das 1518 den Lehrbetrieb aufnahm.

Da auch die Reformation auf ihre Art eine Rückkehr zum Ursprünglichen und Authentischen anstrebte und die Scholastik bekämpfte, ergaben sich Übereinstimmungen mit humanistischen Zielen. Die Idee einer Bildung, die die Kenntnis der alten Sprachen in den Mittelpunkt stellte, wurde auf evangelischer Seite von dem Humanisten Philipp Melanchthon (1497-1560) formuliert und verwirklicht. Als Praeceptor Germaniae (Lehrmeister Deutschlands) wurde er zum Organisator des evangelischen Schul- und Hochschulwesens. Ein ähnliches Bildungskonzept vertrat der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli (1484-1531). Die Ersetzung des herkömmlichen kirchlichen Schulwesens durch ein kommunales in den evangelischen Gebieten kam humanistischen Forderungen entgegen.

Auf katholischer Seite trat der spanische Humanist Juan Luis Vives (1492-1540) als Pionier der Bildungsreform hervor. In den Ländern der Gegenreformation setzte sich ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Jesuitenschule durch, die zu einer weiträumigen Vereinheitlichung des Unterrichtswesens führte.

Prägendes Element war überall, sowohl in den fürstlichen und städtischen Lateinschulen als auch in den Jesuitenschulen, die Vorherrschaft des Lateinischen und die starke Betonung der Beredsamkeit (eloquentia) in dieser Sprache. Diesem Lernziel wurde die meiste Zeit und Mühe gewidmet. Demgegenüber trat das Griechische und erst recht das Hebräische stark zurück. An den Lateinschulen wurden gewöhnlich höchstens die Anfangsgründe dieser beiden Sprachen vermittelt; vernachlässigt bzw. ganz missachtet wurden Mathematik, Naturwissenschaft, die Muttersprache und moderne Fremdsprachen. Geschichte kam normalerweise nur im Rahmen des Lateinunterrichts vor. Diese Einseitigkeit, die das europäische Schulwesen bis ins 18. Jahrhundert bestimmte und teilweise noch länger nachwirkte, war ein wichtiger Bestandteil des humanistischen Erbes.

Eine radikal antihumanistische Position vertrat der Philosoph René Descartes (1596-1650), der die humanistischen Studien für überflüssig hielt.

Im Rahmen der Aufklärung entwickelte sich im Lauf des 18. Jahrhunderts der Neuhumanismus. Die Neuhumanisten wollten eine stärkere Gewichtung des Griechischen neben dem weiterhin intensiv gepflegten Latein. Sie verwarfen die Konzeption der Philanthropinisten, die damals die Realschule schufen und das Latein zugunsten des neusprachlichen Unterrichts, der Naturwissenschaften und berufsbezogener Ausbildung zurückdrängen wollten. Für einen absoluten Vorrang des Griechentums trat der einflussreiche Archäologe und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) ein.

Führende Neuhumanisten waren Johann Matthias Gesner (1691-1761) und Christian Gottlob Heyne (1729-1812) sowie Friedrich Immanuel Niethammer (1766-1848), der Schöpfer des Begriffs Humanismus, der das bayerische Schulwesen reformierte. Diese Bestrebungen mündeten in das Erziehungsideal der Weimarer Klassik, die erneut die Vorbildlichkeit der Antike betonte. So dachte auch Hegel.

Eine Frucht des Neuhumanismus war die Begründung der modernen Altertumswissenschaft durch Friedrich August Wolf (1759-1824). Wolfs Konzept einer umfassenden Wissenschaft von der „klassischen“ Antike, deren Kernstück die Beherrschung der klassischen Sprachen war, und seine Überzeugung von der unbedingten Überlegenheit des antiken Griechentums über alle anderen Kulturen erweisen ihn als konsequenten Anhänger und Weiterentwickler von Kernideen des Renaissance-Humanismus. Mit solchen Ansichten verband sich bei den Neuhumanisten dieser Richtung eine Geringschätzung des „unklassischen“ spätantiken und patristischen Schrifttums.

Auf den Grundüberzeugungen des Neuhumanismus fußte die mit dem Namen Wilhelm von Humboldt verbundene Bildungsreform und das humanistische Gymnasium des 19. und 20. Jahrhunderts. Erst Kaiser Wilhelm II., dem das krasse Übergewicht der antiken Sprachen gegenüber der Muttersprache ein Dorn im Auge war, leitete an der „Dezemberkonferenz“ von 1890 eine Wende ein (Zurückdrängung des Lateinischen im Lehrplan der Gymnasien, Wegfall des lateinischen Aufsatzes).

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde die Grundlage der humanistischen und neuhumanistischen Bildungsidee, nämlich die Vorstellung einer in sich geschlossenen, einheitlichen, vollendeten und schlechthin vorbildlichen antiken „Klassik“, von der Altertumswissenschaft selbst zunehmend in Frage gestellt. Der berühmteste Althistoriker, Theodor Mommsen (1817-1903), dachte überhaupt nicht humanistisch. Ein führender Repräsentant dieser Umbruchszeit der Bildungsgeschichte war der Gräzist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848-1931), der die humanistische Auffassung in gewisser Hinsicht vertrat, in anderer Hinsicht aber radikal verneinte. Er stellte fest: „Die Antike als Einheit und als Ideal ist dahin; die Wissenschaft selbst hat diesen Glauben zerstört.“

Der Philologe Werner Jaeger (1888-1961) plädierte für einen neuen Humanismus („Dritter Humanismus“ nach Renaissance und Weimarer Klassik), aber diese Idee fand nicht den erhofften Anklang.

Siehe auch

Literatur


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