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Ariosophie

Ariosophie war die Bezeichnung, die Jörg Lanz von Liebenfels seit ca. 1915 für seine okkultistische und rassistische Lehre benutzte.[1] In der maßgeblichen Studie zum diesem Thema wird "Ariosophie" als Sammelbegriff für die Lehren von Guido von List, Lanz von Liebensfels und ihrer Anhänger benutzt, die innerhalb der Völkischen Bewegung verbreitet waren.[1]

Die Ariosophie verknüpft einige theosophische Gedanken der Helena Petrovna Blavatsky über Kosmologie, Symbolik und menschliche Evolution (Wurzelrassen) mit den Rassentheorien von Arthur de Gobineau und okkultem Runenglauben. Dabei werden Teile des Gedankenguts Blavatskys von ihrer zentralen Hauptlehre abgetrennt, welche die Begründung der "Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied der Rasse" als unabänderliches Ziel anstrebt, und die Höherentwicklung der Menschheit in der Verschmelzung aller Rassen sieht. Die Ariosophie erstrebt im radikalen Gegensatz dazu die Höherentwicklung der Menschheit durch eine Art "aristokratische" Rassentrennung und postuliert eine Rassenhierarchie okkulten Ursprungs, welche durch biologische Züchtung und mystische Entwicklung ausgebaut werden soll. Guido v. List versuchte mit seinen ariosophischen Lehren eine kulturelle Neugeburt der alten germanischen Religion zu erzeugen, und begründete hierfür die Guido v. List - Gesellschaft. Ihr innerer, esoterischer Kreis war der «Hohe Armanenorden». Er schuf ein spirituelles System kreativer Ausdeutungen alter vorchristlicher Überlieferungen, und berief sich hierbei auf eine Form mystischer Erkenntnis, die er "Erberinnern" nannte. Zentrale Aussage ist das Postulat einer "arischen Urrasse" in Nordeuropa. Unter allen Rassen sei sie die am höchsten entwickelte gewesen. Da im völkischen Umfeld die Zugehörigkeit zu einem Volk vorwiegend über rassische Merkmale definiert war, folgt daraus auch die Überlegenheit der Nachkommen dieser Urrasse - Indogermanen/Indoeuropäer/Arier und davon besonders Germanen im Allgemeinen, Deutsche im Speziellen - über alle anderen Völker. List-Anhänger lehnten und lehnen einen Teil der Konzepte des Lanz v. Liebenfels und insbesondere der NS-Ideologie ab.

Lanz von Liebenfels verknüpfte seinen rassistischen Extremismus mit seiner Idee eines "arischen Christentums" und stellte dann den Kampf der Arier gegen die "Niederrassen" in den Vordergrund. Ganz konkret ging es ihm um die Verhinderung von Rassenmischung und der aus dieser Vermischung resultierenden Schwächung der "arischen Heldenrasse". Um dies zu verhindern schlug er weitreichende Zuchtprogramme für Arier und Sterilisationsmaßnahmen für minderwertige Rassen vor. Liebenfels deutete die Bücher der Bibel und die Geschichte des Christentums auf obskure Art in Zeugnisse eines angeblichen Rassenkampfes um.

Zu den 'ariosophischen' Organisationen gehörte auch der Neutempler-Orden.

Inhaltsverzeichnis

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus

Von der Ariosophie war die Ideologie der von Rudolf von Sebottendorf am Ende des Ersten Weltkriegs 1917/18 gegründeten Thule-Gesellschaft geprägt. [2][3] Auch Karl Maria Wiligut, der seit 1933 Mitglied der SS war, bezog sich deutlich auf ariosophische Konzepte. [4] Das historische Interesse an der Ariosophie rührt daher, dass sie in Beziehung zu den Ursprüngen und der Ideologie des Nationalsozialismus steht.[5][6] Nicht ohne Grund heißen Werke zu dem Thema Ariosophie:

Nicholas Goodrick-Clarke, der Autor von Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, kommt zu dem Schluss, dass die Ariosophie die Nazi-Ideologie antizipiert hat. Insgesamt ist sie aber eher ein Symptom als eine historische Beeinflussung des Nazismus.[7] H.T. Hakl spezifiziert dies in dem Vorwort der deutschen Ausgabe des Buches von Goodrick-Clarke folgendermaßen: "Mag es auch (..) keinen direkten kausalen Konnex von der Ariosophie zur realen Organisation des Dritten Reiches gegeben haben, so hat sie doch eine wichtigen mythenbildenden und wahrscheinlich bis jetzt unterschätzen Anteil an den damaligen politischen Phantasien, die sich unmittelbar in einem Wahn des Auserewähltseins sowie des Für-Wahr-Haltens von Verschwörungsvorstellungen und damit auch in daraus folgenden politischen Aktionen niederschlug."[8]

Kontinuitäten nach 1945

Ariosophische Ideen lebten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen neugermanischen Gruppen wieder auf. So zum Beispiel im 1976 von Adolf Schleipfer und seiner Frau wieder begründeten Armanenorden oder in der Artgemeinschaft von Jürgen Rieger, oder auch in der Arbeit Manfred Dimdes.

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. a b "Der Begriff "Ariosophie" bedeutet okkulte, die Arier betreffende Weisheit. Er wurde 1915 das erste Mal von Lanz von Liebenfels verwendet und in den zwanziger Jahren zur Bezeichnung für seine Lehre. List nannte seine Lehre "Armanismus", während Lanz vor dem ersten Weltkrieg die Begriffe "Thoozoologie" und "Ario-Christentum" gebrauchte. In diesem Buch [d.h. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus] wird "Ariosophie" generell zur Beschreibung der arisch-rassistisch-okkulten Theorien dieser beiden Männer und ihrer Anhänger gebraucht." Goodrick-Clarke 1997: 218 (Anmerkung 1 der Einleitung)
  2. Evangelische Informationsstelle Kirche - Sekte - Religion: In einer schwerpunktmässigen Einteilung ordnet Glowka die Thule-Gesellschaft unter die "Ariosophen" ein. Unter "Ariosophie" ist eine völkisch-okkulte Geistesrichtung zu verstehen. [1]
  3. Das Verhältnis zwischen Ariosophie und der Thule Gesellschaft wird Kapitel 11 des Buches von Goodrick-Clarke, "Rudolf von Sebottendorf und die Thule Gesellschaft" erörtert.
  4. Kapitel 14 des Buches von Goodrick-Clarke: Karl Maria Willigut, The Private Magus of Heinrich Himmler
  5. siehe:Goodrick-Clarke 1985: 1
  6. Siehe hierzu auch den Artikel Nazi occultism der englischen Wikipedia. Dort wird das Verhältnis des Nationalsozialismus zur Ariosophie und mögliche weitere okkulte Aspekte des Nazimus genauer erörtert.
  7. "Ariosophy is a symptom rather than an influence in the way that it anticipated Nazism." Goodrick-Clark 1985: 202
  8. Hakl 1997:7

Literatur