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Jules Supervielle

Jules Supervielle (* 16. Januar 1884, Montevideo; † 17. Mai 1960, Paris) war ein Lyriker, Verfasser von Bühnenwerken und Kurzgeschichten, der in französischer Sprache - jedoch in spanischer Tradition dichtete. Themen Supervielles sind die Sehnsucht nach glücklicher Kindheit, nach der räumlichen Weite seiner südamerikanischen Heimat und nach einem kosmischen Einklang des Menschen mit der Welt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Supervielles baskische Eltern waren nach Uruguay ausgewandert, um dort eine Bank zu gründen. Acht Monate nach seiner Geburt sterben sie während eines Besuches im heimatlichen Béarn beide an einer Vergiftung. Der junge Jules wächst in Montevideo bis zum neunten Lebensjahr unwissentlich als Waise bei Onkel und Tante auf - beides jeweilige Geschwister seiner echten Eltern. Die Enthüllung des Todes seiner wahren Eltern bewegt ihn ein Leben lang. Dieses Erlebnis nimmt ihm das kindliche Weltvertrauen; hinzu kommt eine immer wieder lebensbedrohliche Herz- und Lungenschwäche des sehr großgewachsenen Menschen.

Obwohl frei von Geldsorgen, findet Supervielle spät (~1920) seinen eigenen Ton als Dichter "zwischen den Welten". Rasch avanciert er dank guter Freunde (darunter Jean Paulhan, Henri Michaux, der Literaturwissenschaftler René Étiemble) und infolge häufiger Aufenthalte in Uruguay zum Vermittler zwischen südamerikanischer und französischer Literatur. Er übersetzt García Lorca und Jorge Guillén ins Französische.

Wegen seiner Sprachfertigkeit während des Ersten Weltkriegs in der französischen Spionageabwehr eingesetzt, trägt Supervielle zur Enttarnung der Spionin Mata Hari bei: Auf einem Brief hinter den Worten "Aqui pongo un beso" (=Hierhin drücke ich einen Kuss) entzifferte er eine Mitteilung in unsichtbarer Tinte.

Vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Supervielle 1939 in Uruguay überrascht; dort pflegt er Verbindungen mit französischen Exil-Schriftstellern. Als Staatsbürger beider Länder wird er 1946 zum uruguayischen Kulturattaché in Paris ernannt. Das rettet ihn vor Mittellosigkeit, nachdem die Familienbank zusammengebrochen war. Der Vater von sechs Kindern ist am Ende seines Lebens Mitglied in zahlreichen literarischen Jurys, wird 1960 von Zeitgenossen zum "Prince des poètes" gewählt.

Mit 76 Jahren erliegt Supervielle seiner lebenslangen Herz- und Lungenschwäche.

Werk

Als einzig nennenswerter deutscher Übersetzer hat sich Paul Celan mit 35 seiner Gedichte auseinandergesetzt. Obwohl ein ausführlicher Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke vorliegt, und obwohl Pierre Bertaux ihn in Berlin mit den Brüdern Mann und anderen Schriftstellern bekannt machte, ist Supervielle im deutschsprachigen Raum wenig bekannt. Die eigene Bildersprache und die anspruchsvolle äußere Form in Supervielles Versen mögen eine Übersetzung erschweren.

Klassische Formen der französischen Poesie werden in vielen Gedichten erneuert. Streckenweise verwendet der Autor moderne, freie Versrhythmen im Stil Paul Claudels - häufiger aber den munter dahinspringenden "Vers Commun" und verschiedene Mischformen. Das enge Schema des französischen Alexandriners erneuert Supervielle außerdem dadurch, dass er nach spanischem Muster auch 14 Silben darin unterbringt oder tonlose Silben mitzählt. Die Zäsur in der Hälfte dieses Verses entfällt gelegentlich, sie wird durch Dreiteilung umspielt oder durch Position inmitten eines Wortes aufgelöst.

Dieses offene Spiel mit klassischen Formen gelingt auch beim Sonett, das er sowohl nach Shakespeares Muster in drei Quartette und eine doppelte Schlusszeile gliedert, als auch mit zwei Terzetten am Schluss gestaltet. Der Dichter orientiert sich außerdem an spanischen Stanzen und findet der Dezime ähnliche, neue Kurzformen. Wichtig in Supervielles Gedichten erscheinen nicht die perfekte Form, sondern dahinter sichtbare Dissonanzen und Zwischentöne.

Vor allem in seiner Reimtechnik übertritt Supervielle die klassischen Regeln mit Absicht: Meist unregelmäßig gereimten Zeilen mit männlicher oder weiblicher Kadenz fügt der Dichter reimlose hinzu; außerdem liebt er Assonanzen und Binnenreime.

Die Bildersprache vieler Gedichte wirkt nur auf ersten Blick verschlüsselt. Gegenüber den französischen Surrealisten unterscheidet sich Supervielle stets durch hohe Verständlichkeit, durch logisch zusammenhängende Metaphern und einen schlüssigen Satzbau. Viele Inhalte hängen mit der Welt des Reisens, des Wassers und des menschlichen Körpers zusammen. Auch die Geologie und Astronomie inspirieren ihn zu eindrucksvollen Bildern, die er zu kleinen Fabeln in Versform zusammensetzt.

Zitat: "La poésie, pour moi, c'est le concret. L'abstraction, à moins qu'elle ne soit singulièrement exaltée par le concret qui la précède et qui la suit, l'abstraction glace la poésie et la fait fuir." Übersetzung: Für mich ist Poesie etwas Konkretes. Wenn eine Abstraktion nicht aus- oder abgelöst wird durch Konkretes, bringt sie doch nur Erstarrung und verscheucht die Poesie. (Œuvres poétiques complètes, p. 1051)

Literatur

 Wikiquote: Jules Supervielle – Zitate
Personendaten
Supervielle, Jules
Lyriker, Verfasser von Bühnenwerken und Kurzgeschichten
16. Januar 1884
Montevideo
17. Mai 1960
Paris