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Gothaer Waggonfabrik

Die Gothaer Waggonfabrik war eine ehemals bedeutende Metallbaufirma für den Flugzeug- und Straßenbahnwagenbau in Gotha.


Inhaltsverzeichnis

Geschichte

1883–1918

Die Wurzeln der Gothaer Waggonfabrik liegen in einer 1883 vom Schlosser und späteren Fabrikanten Fritz Bothmann gegründeten Schlosserei. 1892 tritt der Kaufmann Louis Glück in die Firma ein, die sich nun Fritz Bothmann & Glück Maschinenfabrik & Carussellbau-Anstalt bezeichnet. Ein Schwerpunkt der Firma ist anfangs der Karussellbau, dann aber die Herstellung von Eisenbahnwaggons, vor allem Güterwagen. In der breiten Öffentlichkeit wird die Firma zu einem bekannt durch die Fabrikation von Straßenbahnwagen, die 1898 beginnt und bis 1913 eine Stückzahl von 57 erreicht. In diesem Jahr wird die Firma in eine Aktiengesellschaft mit dem neuen Namen Gothaer Waggonfabrik vormals Fritz Bothmann & Glück AG umgewandelt. Nach weiteren sieben Jahren scheiden die Firmengründer 1905 aus. 1910 erfolgt dann die Umbenennung in Gothaer Waggonfabrik AG.

Flugzeugbau

Nachdem 1913 die Bedürfnisse des deutschen Heeres an Flugzeugen wachsen, wird eine Flugzeugbauabteilung gegründet. Als erstes Produkt erscheint unter der Bezeichnung LE 1 ein Nachbau der Etrich Taube. Mit der 1912 gegründeten eigenen Entwicklungsabteilung werden in rascher Folge eigene Entwicklungsschritte vollzogen. Der nächste Flugzeugtyp ist unter der Bezeichnung LE 2 die Gotha-Taube, die 1914 über den englischen Kanal nach Dover fliegt. Ein- und Doppeldecker zu Schulzwecken sowie Seeflugzeuge gehören anfangs zur Produktpalette. Für die Erprobung der Seeflugzeuge wird eine eigene Abteilung in Rostock-Warnemünde aufgebaut. Ab 1915 werden die Großflugzeuge Gotha G.I sowie die von dem angestellten Konstrukteur Burkhard konstruierten Modelle Gotha G.II bis G.V gebaut. Die zweimotorigen Bomber aus der Residenzstadt des gebürtigen Engländers Herzog Carl Eduard werden durch ihre Einsätze gegen England als The GOTHAS (Die GOTHAS) berüchtigt und tragen zur Umbenennung des in Großbritannien regierenden Königsgeschlechts Coburg und Gotha zu Windsor bei. Das Bombenflugzeug Gotha G.V hat eine Bombenlast von 1000 kg bei einer Reichweite von 840 km. Leistungsfähigere Weiterentwicklungen des Konstrukteurs Rösner, die Gotha G.VII und Gotha G.VIII (in Lizenzfertigung bei Siemens-Schuckertwerke gebaut) erreichen bis Kriegsende 1918 eine Stückzahl von 355. Von 1913 bis 1918 steigt die Zahl der Beschäftigen im Flugzeugbau von 130 auf 1250. Gemäß Versailler Vertrag muss 1920 die Flugzeugfertigung eingestellt und demontiert werden.

Als Code wurden LE-Landeindecker LD-Landdoppeldecker G-Großflugzeug und WD-Wasserdoppeldecker verwendet.

Flugzeugbau im ersten Weltkrieg
Flugzeugtyp Verwendung Gebaut Konstrukteur
LE 1 Schulflugzeug 10 Edmund Rumpler
LE 2 Aufklärer 58 H.Grunlich; H.Bartl
LD-5 Kavallerieflugzeug 13 H.Burkhard
LD-7 Aufklärer 18 H.Burkhard
G-I Fernaufklärer 18 O.Ursinus; H.Burkhard
G-II Fernaufklärer und Bomber 13 H.Burkhard
G-III Bomber 25 H.Burkhard
G-IV Bomber 52 H.Burkhard
G-V /G-Va Langstreckenbomber 145 H.Burkhard
G-Vb Langstreckenbomber 80 H.Burkhard
WD-1 Aufklärer 6 K.Rösner
WD-2 Fernaufkläer 27 K.Rösner
WD-7 Torpedo-Übungsflugzeug 8 K.Rösner; A.Klaube
WD-9 Fernkampfflugzeug (Marine) 9 K.Rösner; A.Klaube
WD-11 Torpedoflugzeug 17 K.Rösner; A.Klaube
WD-13 Aufklärer 18 K.Rösner; Hartwig
WD-14 Fernaufklärer; Minenleger; Torpedoflugzeug 66 K.Rösner; A.Klaube

1919–1945

Die Produktion der 1920er Jahre besteht wieder aus Güterwagen, Straßenbahnwagen (zwischen 1923 und 1944 insgesamt 152 Stück) aber auch Triebwagen und Lastwagen-Anhänger. 1921 wird die Firma durch Ankauf der Fahrzeugwerke Eisenach auch Autoproduzent. Durch die Fusion mit der Cyklon Maschinenfabrik GmbH, Berlin-Tempelhof wird dieser Geschäftsbereich ausgebaut, allerdings schon 1928 müssen die beiden Werke wieder verkauft werden, um eine Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Die Fahrzeugfabrik Eisenach wird an die Bayerische Motoren Werke AG veräußert, die damit ihren Grundstein in der Automobilproduktion legt. Im Waggonbau werden unter anderem 1929 Wagen für die Baureihe CII der U-Bahn Berlin geliefert. Ab 1931 gehört die Gothaer Waggonfabrik AG mehrheitlich der Maschinenbaufirma Orenstein & Koppel AG in Berlin, die auch die Dessauer Waggonfabrik AG übernimmt.

Flugzeugbau

Nach Plänen von Kalkert beginnt 1933 in Gotha im Zuge der Aufrüstung wieder der Flugzeugbau. Das Unternehmen wird in zunehmendem Maße Lizenznehmer und Zulieferbetrieb anderer Hersteller (Heinkel He 45, Messerschmitt Bf 110), aber auch eine Reihe von Eigenkonstruktionen wird entwickelt.

Eine der ersten Entwicklungen ist der Doppeldecker Gotha Go 145, ein einmotoriges Schul- und Übungsflugzeug, zum großen Teil in Holzbauweise erstellt, eine wichtige Anfängerschulmaschine der Luftwaffe, von der 1182 Exemplare gefertigt werden. Die Go 146, ein zweimotoriges Reise- und Kurierflugzeug wird ab 1935 in geringer Stückzahl gebaut.

Mustermaschinen, die in einigen Exemplaren gebaut werden, sind die Gotha Go 147, ein einmotoriges, schwanzloses Flugzeug, die Go 149, ein einmotoriger Kabineneinsitzer, die Gotha Go 150, ein zweimotoriges und zweisitziges Sport- und Reiseflugzeug, das 1939 mit 8048 m einen anerkannten Höhenrekord aufstellt sowie die Go 241, ein zweimotoriges und viersitziges Sport- und Reiseflugzeug.

Nach Kriegsbeginn 1939 werden in Gotha schwerpunktmäßig Lastensegler entwickelt und gefertigt. Dipl.-Ing. Kalkert konstruiert den Lastensegler Gotha Go 242. Dieser wird in den drei Baureihen A bis C, die sich hauptsächlich im Fahrwerk unterscheiden, mit ungefähr 1500 Exemplaren gefertigt. Die Schulterdecker, zum großen Teil in Holzbauweise erstellt, können neben zwei Mann Besatzung 23 voll ausgerüstete Soldaten transportieren. Die Gotha Go 244 ist eine Variante des Go 242 mit zwei Motoren, von der aber nur 42 Maschinen gebaut werden. Weitere Entwicklungen mit Mustermaschinen sind die Lastensegler Gotha Go 345 und Gotha Ka 430.

1415 Zwangsarbeiter werden im 2. Weltkrieg in der Fabrik beschäftigt. Im Jahr 1944 wird das Werk durch einen Luftangriff zu ungefähr 80 Prozent zerstört, trotzdem beginnt in Friedrichroda bei Kriegsende die Vorserienfertigung des revolutionären Nurflügel-Strahljägers Ho 229 (Ho IX) der Gebrüder Horten.

Bemerkung: Angegebene Produktionszahlen stammen aus unterschiedlichen Quellen und können daher differieren.

Flugzeugproduktion - Zweiter Weltkrieg
Flugzeugtyp Verwendung Gebaut Konstrukteur
Go 145 A/B Mehrzweck-Schulflugzeug 12.000 A.Kalkert
Go 146 Reiseflugzeug 7 A.Kalkert
Go 150 Privat-Reiseflugzeug 201 A.Kalkert
DFS 230 Lastensegler 1477 H.Jacobs
Go 242 A/B Lastensegler 1214 A.Kalkert
Go 244 B/C motorisierter Lastensegler 169 A.Kalkert; Hünerjäger
Ka 430 Lastensegler ca. 100 A.Kalkert
Ho 229 Nurflügel-Strahljäger 3 R.+W.Horten
He 45 Aufklärer, Bomber ? Heinkel (Lizenz)
Fw 58 Aufklärer ca. 122 Focke-Wulf (Lizenz)
Bf 110 "Zerstörer", Nachtjäger ca. 2516 Messerschmitt (Lizenz)

1946–1990

Flugzeugbau

1946 wird die Gothaer Waggonfabrik AG in eine sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt, aber nach Abschluss der Demontage bereits 1947 unter deutsche Verwaltung gestellt. 1949 erfolgt die Verstaatlichung der Gothaer Waggonfabrik AG als VEB Waggonbau Gotha zur Vereinigung Volkseigener Betriebe Lokomotiv- und Waggonbau (VVB LOWA) gehörend. Ab 1953 werden nochmals Segelflugzeugtypen aus der Vorkriegszeit gebaut, 329 Schulgleiter vom Typ SG 38 und 68 Schul- und Übungseinsitzer vom Typ Baby IIb. Entwickelt wird auch bis 1960 das zweisitzige Schul- und Übungssegelflugzeug Go 530 (FES 530/II) „Lehrmeister“. Damit ist aber der Flugzeugbau beendet, die Produktion konzentriert sich wieder auf den Bau von Güterwagen und Straßenbahnwagen.

Eisenbahn- und Straßenbahnbau

Nach der Auflösung der VVB LOWA 1954 ist die Waggonfabrik als einziger Straßenbahnwagenproduzent der DDR übrig und stellt unter anderem Triebwagen vom Typ Gotha und LOWA her. Unter dem Namen Gothawagen sind die dreifenstrigen zweiachsigen Wagen des Standardtyps ET 57/EB 57 und dessen Nachfolgetypen bekannt. Die Großraumwagen und Gelenkwagen mit schwebendem Mittelteil werden meist als Gotha-Großraumwagen und Gotha-Gelenkwagen bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden bis zur Produktionseinstellung 1967 fast 3000 Straßenbahnwagen hergestellt. Zum Produktionsprofil gehörte dennoch weiter die Produktion von Spezial-Güterwagen z.B. für Braunkohletransporte, Kühlwagen mit und ohne eigene Kühlaggregate, Kühlcontainer. Auch eine Produktionsreihe von Straßen-Schwerlast(Tieflader)-Anhängern wurde noch bis in die 60er Jahre aufrechterhalten.

Kühlanlagen und PKW-Teile

1967 wird das Werk in VEB Luft- und Kältetechnik Gotha umbenannt. Man baut Lüfter, Kühlanlagen und Wasseraufbereiter, ab 1983 Fahrwerksteile für den Pkw Wartburg.

1991–heute

Anhängerbau

Nach der Wiedervereinigung 1990 und der Privatisierung beginnt die Zusammenarbeit mit der Schmitz Anhänger Fahrzeugbau GmbH, bis das Unternehmen schließlich 1997 von der Schmitz-Gruppe, Bereich Fahrzeugbau, vollständig übernommen wird und als Schmitz-Gotha Fahrzeugwerke GmbH, mit heute ungefähr 450 Mitarbeitern, Auflieger für Lastkraftwagen fertigt.

Literatur