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Schriftrollen vom Toten Meer

Die Schriftrollen vom Toten Meer, auch Schriftrollen von Qumran oder Qumran-Rollen genannt, beinhalten liturgische Schriften und Inventarlisten, davon den größten Teil der bekannten Biblischen Schriften des Alten Testaments bzw. des Tanach, außerdem bekannte und bislang unbekannte Apokryphen, d.h. außerbiblische Schriften, und solche die man einer sektiererischen Glaubensgemeinschaft zuordnet, von der nicht genau bekannt ist, um welche es sich handelt. Zeitlich stammen die Handschriften aus der Zeit zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.

Die Rollen wurden in unmittelbarer Nähe von Qumran oder Khirbet Qumran, einer Ruinenstätte im Westjordanland am Toten Meer im Jahre 1947 von Beduinen entdeckt. Sie wurden in elf Höhlen direkt an der Küste des Toten Meeres gefunden.

Inhaltsverzeichnis

Die Siedlung und die Höhlen

Nach dem Fund wurden etwas vorschnell Siedlung, Höhlen und Rollen mit der Sekte der Essener in Verbindung gebracht. Man hielt die Siedlung für eine umfangreiche Schreiberwerkstatt und den Ort einer monastischen Glaubensgemeinschaft. Diese Annahme war zunächst durchaus naheliegend im wörtlichen Sinne: Unter den Schriftrollen fand sich auch die so genannte Damaskusschrift (CD), die man schon vorher essenischen Kreisen zugeordnet hatte. Unter diesem Eindruck wurden auch alle Siedlungsspuren aus dieser Perspektive interpretiert, die Tauchbecken galten als Beweis für die rituelle Reinheitspraxis der Gemeinschaft usw.

Heute ist man in vielen Punkten vorsichtiger geworden. Das genaue Verhältnis zwischen Schriftrollen, Siedlung und der Gemeinschaft der Essener muss heute als unsicher bezeichnet werden. Alle Beziehungen sind mehr oder minder unklar: Wann wurden die Rollen von Qumran aus in die Höhlen gebracht? Wurden sie auch in Qumran geschrieben? Und wurde das, was geschrieben wurde, dort auch so geglaubt und so praktiziert? Oder vervielfältigte man nur Rollen im Auftrag anderer oder deponierte man sie nur? Oder wurden sie sogar von einem anderem Ort aus in die Höhlen gebracht, so dass die räumliche Nähe zur Siedlung eher zufällig ist?

Und ist die Gemeinschaft hinter den Texten der Rollen wirklich essenisch? Ist es überhaupt eine einzelne Gemeinschaft oder sind es mehrere Gruppen, die die Schriften verfassten und auch nur mehr oder minder zufällig am selben Ort deponierten? Immerhin wurde ermittelt, dass die Rollen von insgesamt fünfhundert verschiedenen Schreibern stammen. Darunter sind viele Kopien, die Psalmen z.B. in 36 Ausführungen. Ist hier also doch eher eine Schreiberwerkstatt aktiv, die für verschiedene Auftraggeber arbeitet? Sind die verschiedensten hymnischen, biblischen, apokalyptischen und ethischen Texte überhaupt auf einen Nenner zu bringen, oder ist sogar der Versuch, dies zu tun, schon verkehrt?

Wer wohnte in der Siedlung? Asketische, fromme Essener, oder einfache Handwerker? Neuere Grabungen lassen Zweifel daran aufkommen, dass die Siedlung eine Art Kloster war, man spricht von einem ganz normalen Dorf, in dem etwa 100 Bauern und Handwerker mit ihren Frauen und Kindern lebten und Viehzucht und Dattelanbau betrieben. Auch eine Funktion als Militärlager, als Gutshof eines wohlhabenden Juden oder als bedeutende Keramikwerkstätte (worauf die Absetzbecken für Ton deuten) oder Parfümproduktionsstätte wird diskutiert.

Die umfangreichen Rollendepots in den nahegelegenen Höhlen gehören möglicherweise also gar nicht den Leuten der Siedlung, sondern wurden in politisch bedrohlicher Zeit, etwa während des jüdischen Krieges, oder des großen Aufstandes der Israeliten um 70 n. Chr. gegen die Römer, zum Schutz vor Vernichtung angelegt. Sie müssen also gar nicht in der Nähe der Höhlen entstanden oder gelesen worden sein.

Doch auch diese Theorie hat ihre Schwächen, es leuchtet nicht unmittelbar ein, dass die Nähe von Siedlung und Höhle einfach nur Zufall ist und dass die Rollen zum Beispiel aus dem Tempel in Jerusalem kommen, obwohl doch die Tempelpriesterschaft in einigen Schriften vehement abgelehnt wird. Vielleicht stammten sie von verschiedenen Orten und sind aus Sorge vor Vernichtung durch die Tempelpriesterschaft versteckt worden. Für diese These spricht auch der ungeordnete Zustand der gefundenen Rollen, was sich auf das Verstecken unter Zeitdruck zurückführen lässt. Da die ältesten Rollen aus der Makkabäerzeit stammen, ist auch eine Tradition der Verbergung vor jeder offiziellen Herrschaft (in Jerusalem) möglich. Dies würde aber nahelegen, dass sich die sie nutzende bzw. verbergende Gruppe doch in der Nähe aufgehalten hat. Also doch in Qumran? Oder eine räumliche "Zwischenlösung" wie Jericho?

Hat es überhaupt je eine Gruppe gegeben, die nach den strengen Regeln gelebt hat, die in den Rollen niedergelegt sind? Und wenn ja, an welchem Ort? Und darf man sie "Essener" nennen, auch wenn das, was andernorts (z.B. von Josephus) von den Essenern berichtet wird, damit nicht deckungsgleich ist? Viele Fragen müssen offen bleiben, weil die über 2000 Jahre alten Fundamente und Schriften keine eindeutige Aussage mehr zulassen.

Fundgeschichte und Sammlungen

Die Schriftrollen sind von einem Beduinenhirten gefunden worden, der eine entlaufene Ziege suchte. Als er sie mit Steinwürfen aus einer der Höhlen jagen wollte, hörte er es scheppern. So entdeckte er die Schriftrollen, die in Tonkrügen aufbewahrt wurden und offenbar unversehrt die Jahrhunderte überstanden hatten.

Im Januar 1949 wurden vier Schriftrollen durch den Metropoliten Samuel in die USA gebracht. Er hatte sie den Beduinen abgekauft. Am 1. Juli 1954 kaufte Jigael Jadin (Archäologe und Dozent an der Hebräischen Universität, früherer Stabschef der israelischen Streitkräfte) die Rollen für 250.000 Dollar und brachte sie nach Israel zurück. Der Kaufpreis wurde von einem reichen Geldgeber aufgebracht. Mit den drei zuvor von seinem Vater Eliezer Sukenik gekauften Rollen werden sie in einem gesonderten Museum (Schrein des Buches) aufbewahrt. Bei systematischer Suche der Archäologen wurden weitere Rollen- und Fragmentfunde gemacht.

Eine zweite bedeutende Sammlung von Rollen entstand im Archäologischen Museum (Rockefeller Museum) von Palästina in Jerusalem. Das anfänglich von Rockefeller finanzierte Museum wurde 1966 vom Jordanischen Staat verstaatlicht und fiel dann während des Sechs-Tage-Krieges 1967 in die Hände des Staates Israel. Einige der Rollen, zum Beispiel die „Kupferrolle“, befanden sich zu diesem Zeitpunkt für eine Ausstellung im Nationalmuseum in Amman, in dessen Besitz sie noch sind.

Nach den Untersuchungen der Historiker ist klar, dass die gefundenen Rollen und Fragmente nur einen kleinen Teil der einstmals vorhandenen Schriften darstellen. Aus spätantiker und frühmittelalterlicher Überlieferung ist bekannt, dass auch schon früher in der Gegend am Toten Meer Rollenfunde gemacht wurden. So berichtet der Kirchenvater Origenes, dass bereits im 3. Jahrhundert am Toten Meer Mengen von Schriftrollen auftauchten. Und auch im 8. Jahrhundert wurden beschriebene Pergamente entdeckt.

Die Schriftrollen

Schriftrollen von Qumran im Archäologischen Museum von Amman

Bei den Rollen handelt es sich in der Regel um Lederrollen aus Ziegen- oder Schafshaut; auch Papyrus kommt als Schreibmaterial vor (nicht aber Pergament). Eine Rolle ist aus Kupferblech. Der Zustand der Rollen ist sehr unterschiedlich. Die spektakuläre Jesajarolle etwa ist fast komplett erhalten. Dagegen sind andere Rollen stark zerstört und in zum Teil nur daumennagelgroßen Fragmenten erhalten. Die Zahl der gefundenen Texte beläuft sich auf ca. 800, die in Hebräisch, Aramäisch, Nabatäisch, Griechisch oder Latein verfasst sind.

Zeitlich stammen die Handschriften aus der Zeit zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. (genauer: dem Jahr 68, als die nach Jerusalem ziehende römische Legio X Fretensis Qumran zerstörte). Die Datierung in die letzten Jahrhunderte v. Chr. erfolgte durch die C14-Methode und verwandte Verfahren; für die Datierung noch wichtiger sind allerdings die Methoden der Paläographie: Anhand bestimmter Schriftstile, verwendeter Abkürzungen, Verwandtschaft der Handschriften untereinander u.ä. lassen sie die Texte zeitlich einordnen. Teilweise helfen auch "innere Kriterien", d.h. den in den Texten erwähnte historische Zusammenhänge. In Anwendung dieser wissenschaftlichen Methoden können die Datierungen der einzelnen Funde relativ sicher und genau erfolgen.

Dem Inhalt nach handelt es sich bei den Funden um biblische und außerbiblische (kultische wie profane) Texte. So wurden etwa Torarollen gefunden, wie sie auch heute noch im jüdischen Synagogengottesdienst Verwendung finden (neben den Büchern der Tora wurden mit Ausnahme von Ester und Nehemia zumindest Bruchstücke aller biblischen Texte gefunden, die heute Teil des masoretischen Textes und damit der hebräischen Bibel bzw. des Alten Testaments sind). An außerbiblischen Texten wurden neben Kommentaren zu biblischen Texten eine ganze Reihe von Texten aus dem Alltagsleben der jüdischen Gemeinschaft in Qumran gefunden (angefangen von der sogenannten Sektenregel 1QS bis hin zu Verträgen oder Aufzeichnungen über die alltäglichen Geschäfte der Gemeinschaft).

Experten gingen lange Zeit mehrheitlich davon aus, dass die Qumran-Gemeinschaft der unter anderem aus den Schriften des Josephus bekannten jüdischen Gruppierung der Essener zuzuordnen ist. Diese Annahme wird inzwischen diskutiert und muss möglicherweise differenziert werden: Trotz der erkennbaren Verwandtschaft der Gemeinschaft von Qumran mit den Essenern ist eine schlichte Identifizierung beider Gruppen schon deshalb nicht möglich, weil die Quellenlage zu den Essenern zu schmal ist. Die Frage, welchen Platz die sich in den Schriftrollen darstellende "Sekte" innerhalb des damaligen Judentums hatte, bedarf noch weiterer Klärung.

Zitierweise

Um Qumranschriften zitieren zu können, hat sich durchgesetzt, erst die Höhlennummer, dann ein großes Q und dann die Schriftrollen/Textnummer wiederzugeben. Haben die Rollen schon einen Namen, wird dieser abgekürzt verwandt, um die Übersicht zu vereinfachen.

Beispiel: 4Q123 45 VI 7-9 wäre also Text Nummer 123 aus Höhle vier. Davon Fragment 45, Kolumne (Spalte) 6, die Zeilen 7-9. 1QS ist die sogenannte "Sektenregel" aus Höhle eins.

Biblische Texte

Die in den Höhlen von Qumran gefundenen alttestamentlichen Schriften (z.B. die Jesajarollen oder der Habakukkommentar) geben neue Einblicke in die Geschichte der biblischen Textentwicklung, beispielsweise zur Beziehung zwischen Masoretischem Text und Septuaginta.

Großes Aufsehen erregte die aus der Zeit um 200 v. Chr. stammende Jesajarolle. Sie ist weit über 1000 Jahre älter als alle bisher gefundenen hebräischen Bibelmanuskripte. Auf 7,34 Meter gibt sie nahezu lückenlos den Text des Propheten Jesaja wieder. Dieser deckt sich bis auf wenige unbedeutende Abweichungen mit der bis dato ältesten vollständigen Bibelhandschrift, dem Codex Leningradensis (masoretischer Texttypus). Anders ist die Situation für die Samuel-Bücher, die in zahlreichen Fragmenten aus Höhle 4 überliefert sind (4QSama-c). Bei diesen Funden stimmt der Text in zahlreichen Fällen mit der Septuaginta gegen den Masoretischen Text überein. Die Samuel-Funde sind von ungeheurem Wert für die textkritische und kompositionsgeschichtliche Arbeit an den Samuelbüchern; eine befriedigende Theorie der Textentwicklung steht noch aus.

Neben den biblischen Texten gibt es noch diverses Material zu bereits bekannten oder bis dato unbekannten apokryphen Büchern der Bibel, die hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden.

Sektenschriften

Die sogenannten Sektenschriften sind Texte, die möglicherweise Aufschluss über Lehre und Leben der Qumrangemeinschaft geben. Es ist zwar heute strittig, ob es sich wirklich um Essener handelt, noch ist bewiesen, dass diese Menschen wirklich in Qumran lebten oder es sich überhaupt um eine einheitliche Gemeinschaft handelt. Aber mangels anderer Zuordnungsmöglichkeiten hat sich diese Ansicht weitgehend durchgesetzt. Dass sich auch Widersprüche zu dem von Josephus über Essener gesagten finden, kann z.B. auch dadurch erklärt werden, dass es eine besondere Gruppe der Essener war, oder Josephus diese Gruppierung sehr vereinfachend für seine römischen Leser dargestellt hat. Es ist aber auch denkbar, dass es sich hier um eine oder mehrere Sekten anderen Ortes handelte, die nicht oder nicht nur in Qumran ansässig waren.

Wenn von "Sekte" die Rede ist, dann ist dies auch nur deshalb der Fall, weil sich diese Bezeichnung bereits eingebürgert hat, natürlich ist sie an sich anachronistisch, weil die Existenz einer Sekte das Vorhandensein einer "Kirche" voraussetzt, das ist in der Zeit vor Christi Geburt sicher nicht der Fall. Aber die vehemente, ja streckenweise militante Ablehnung des "offiziellen" Kultes und der gängigen theologischen Vorstellung am Jerusalemer Tempel, verbunden mit einem exklusiven Erwählungsglauben und apokalyptischen Weltuntergangsphantasien lässt diese Bezeichnung nicht ganz unpassend erscheinen.

Entgegen verbreiteter Ansicht wird Jesus, oder überhaupt christliche Ideen, in den Rollen von Qumran nicht erwähnt, sehr wohl aber Gedankengut und Formulierungen, die das Neue Testament aufnimmt. Zwar wurde das Papyrusfragment 7Q5 von manchen als Ausschnitt aus dem Markus-Evangelium gedeutet, diese These ist jedoch wissenschaftlich nicht anerkannt und das Papyrus enthält lediglich 15 Buchstaben aus 5 verschiedenen Zeilen.

Einordnung, Bedeutung und Forschungsgeschichte

Die Bedeutung der Schriftfunde für die Erhellung der Geschichte des antiken Judentums, aber auch für die Geschichte der Bibel für das Christentum, ist enorm. Sie ermöglichen nicht nur eine präzisere Einordnung der Jesus-Bewegung innerhalb der damaligen religiösen Gruppierungen, sie erhellen auch den Prozess der Kanonisierung der alttestamentlichen Schriften. Darüber hinaus erweitern sie das Corpus der sogenannten zwischentestamentarischen Literatur erheblich.

Die späte Veröffentlichung aller jahrelang unter der Obhut katholischer Exegeten und Theologen stehenden Dokumente (1990 war ein Großteil der Texte noch unpubliziert) führte dazu, dass von verschiedener Seite Spekulationen bis hin zu Verschwörungstheorien und Polemiken gegen die Kirchen laut wurden, die teils auch ein großes Publikum ansprachen. Populär wurden diese Positionen nicht zuletzt durch das Buch Verschlusssache Jesus von Michael Baigent und Richard Leigh (englischer Originaltitel: The Dead Sea Scrolls Deception, 1991). Darin behaupteten die Autoren die Existenz einer vom Vatikan gelenkten Verschwörung zur Unterdrückung von angeblichen Erkenntnissen über die Schriftrollen von Qumran.

Diese Kontroversen sind jedoch insbesondere mit den Namen John Marco Allegro und Roland de Vaux verbunden. Dies hatte nach dem Herausgeber der deutschen Übersetzung, Johann Maier, aber auch positive Effekte, "denn die Qumranforschung geriet neuerlich in den Brennpunkt des Interesses, und die Publikationsarbeit wurde unter dem Druck der öffentlichen Meinung neu und effektiver organisiert." (Lit.: J. Maier, Vorwort, Quellenausgabe Band I). Inzwischen liegt die knapp 40 Bände umfassende wissenschaftliche Edition der Texte komplett vor (Lit.: "Discoveries in the Judaean Desert", Oxford University Press).

Zum Auffindungszeitpunkt hatten die Rollen aber auch eine politische Bedeutung: Die Rollen dokumentierten jüdisches Leben in Israel, dem Land, das zu diesem Zeitpunkt zwischen den jüdischen Israelis und den arabischen Palästinensern umkämpft war. Das Auffinden einer heiligen Schriftrolle, die dort 2000 Jahre jüdisches Exil überdauert hat, wurde von nicht wenigen in der jungen israelischen Nation als historische/archäologische, wenn nicht sogar göttliche Bestätigung ihrer zionistischen Ideale angesehen.

Siehe auch

Literatur

Bibliographien

Editionen und Übersetzungen

Wissenschaftliche Literatur

 Commons: Category:Dead Sea Scrolls – Bilder, Videos und Audiodateien
 Die Schriftrollen bei Wikisource – Quellentexte (hebräisch) und Quellentexte (englisch)
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