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Lesen

Lesen im engeren Sinn bedeutet, schriftlich niedergelegte, sprachlich formulierte Gedanken aufzunehmen und zu verstehen.

Inhaltsverzeichnis

Wort und Bedeutung

Lesen bezeichnet vorrangig das visuelle oder ersatzweise taktile Umsetzen von Schriftzeichen in Lautsprache: Buchstabenlaute (Lesen #Buchstabiermethode), Sprechsilben (Lesen #Lautieren), Wörter (Lesen #Visuelle Worterkennung), Sätze (Lesen #Satzverständnis) und ganze Textabschnitte (Lesen #Textverständnis, Textinterpretation).

Auch das Deuten von Karten, technischen Zeichnungen, Schaltplänen und speziellen Notationen wie Musiknoten und mathematischen Formeln wird lesen genannt.

Lesen kann als verkürzte Form für vorlesen stehen, das gleichzeitige laute Aussprechen des Gelesenen: Ein Professor einer Universität „liest“ über ein Thema, wenn er eine Vorlesung darüber hält.

In der Informatik bezeichnet man die Datenwiedergabe von einem Datenträger als lesen, von einem Eingabegerät auch als einlesen.

Im übertragenen Sinne nennt man die Deutung von Spuren aller Art lesen, z. B. beim „Fährtenlesen“, wenn man „in einem Gesicht liest“, um aus der Mimik auf die Stimmung einer Person zu schließen, oder wenn Golfer oder Pétanque-Spieler „das Grün“ oder „den Boden lesen“, also Unebenheiten in der Rasenfläche suchen.

Wortherkunft

Ursprünglich bedeutete lesen in den germanischen Sprachen „einzeln einsammeln“. Diese Grundbedeutung ist im Deutschen bis heute lebendig und der Ursprung zahlreicher zusammengesetzter Wörter wie auflesen (vom Boden aufsammeln), Auslese (nach Qualitätsmerkmalen aussuchen), handverlesen (nach Einzelbetrachtung ausgesucht) und erlesen (qualitativ hochwertig). Auch die Weinlese als sorgsame händische Ernte von Weintrauben geht auf die germanische Urbedeutung zurück.

Ferner gibt es Sprichwörter, in denen lesen in seiner ursprünglichen Bedeutung noch heute verwendet wird, z. B. in „nicht viel Federlesens machen“: Früher mussten Federn gelesen werden, bevor man sie in Kissen füllen konnte. Dabei wurden harte und spitze Teile entfernt, so dass die Kissen angenehm weich wurden. Wer nicht besonders gründlich las, nahm die Nachteile der schlampigen Arbeit billigend in Kauf.

Die heutige Bedeutung des Wortes lesen bildete sich im Deutschen etwa zwischen dem 2. und 7. Jahrhundert und geht darauf zurück, dass das Lesen als „sorgfältiges Aufsammeln von Zeichen“ betrachtet werden kann. Die ältere Auffassung, es wäre ursprünglich das Auflesen von Wahrsagestäbchen (vgl. Buchstabe, Runen) gemeint, ist umstritten. Wegen der weitgehenden Bedeutungsgleichheit des lateinischen legere („aufsammeln“, „lesen“) und dem deutschen lesen gilt die heutige Hauptbedeutung als Lehnbedeutung aus dem Lateinischen.

Kulturelle Bedeutung

Die kulturelle Bedeutung des Lesens hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Früher war die Lesefähigkeit ein Luxusgut der gehobenen Gesellschaft, das insbesondere den Frauen vorenthalten wurde. Heute gilt das Lesen als eine der Grundsäulen des Informationsaustauschs zwischen Menschen und wird in vielen Lebensbereichen vorausgesetzt. In Industriegesellschaften ist Lesen unabdingbar, um sich im Alltag zurechtzufinden: Preisschilder, Busfahrpläne und Mietverträge sind nur einige Beispiele für alltägliche Schriftstücke. Analphabeten, d. h. Menschen, die weder lesen noch schreiben können, sehen sich deshalb mitunter bei alltäglichen Aufgaben mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Lesekompetenz gilt daher als Grundfähigkeit, über die nach vorherrschender Meinung jeder Mensch verfügen sollte. Lesen wird Kindern deshalb zu Schulbeginn nahegebracht. Hilfsprogramme zielen darauf ab, Analphabeten das Lesen beizubringen.

Lesen gilt als Königsweg zur Bildung. Durch das Lesen von Sachtexten werden je nach Textqualität umfassende theoretische Kenntnisse erworben, die man direkt in die Praxis umsetzten kann. So ist es möglich Bildung auf verschiedensten Gebieten, von alltäglichen Dingen wie Kochen und Computerbedienung bis hin zu Wissenschaft und Kunst, zu gewinnen. Nicht nur in der akademischen Welt nimmt Lesen daher einen hohen Stellenwert ein. Personen mit hohem Bildungsgrad nennt man entsprechend belesen.

Ein wichtiger Teilaspekt des Lesens ist die Reflexion, also das Überdenken des Gelesenen. In Philosophie und Religion beispielsweise ist nicht nur das direkt vermittelte Wissen bedeutsam, sondern vor allem die Erkenntnisse, die der Leser durch Nachdenken über das Gelesene selbst gewinnt.

Lesen kann auch eine religiöse Erfahrung sein. Besonders deutlich zeigt sich dies im Islam, wenn Gläubige den Koran lesen: Das Lesen der Verse, die dem Glauben nach direkt von Gott diktiert wurden, stellt für Muslime einen feierlichen und erhabenen Akt dar.

Ferner kann Lesen auch kurzweiliger Zeitvertreib sein. Ganze Literaturgattungen, z. B. Unterhaltungsliteratur, aber auch Gebiete wie Belletristik und Poesie, zielen darauf ab, den Leser zu unterhalten, oder sollen mit Genuss gelesen werden. Dabei gilt das Lesen als kreativer Prozess, denn erst die eigene Vorstellungskraft erweckt das Gelesene im Kopf des Lesers zum Leben.

Konkurrenz zu anderem Medienumgang

Oftmals wird Lesen in Konkurrenz zum Umgang mit nicht rein textuellen Medien wie Fernsehen und Computer gesehen. Verallgemeinernd wird Lesen dabei als „guter“ Medienumgang, der Umgang mit anderen Medien als „schlecht“ empfunden: Obwohl auch die Unterhaltungsliteratur schlechte Vorbilder liefert und Gewalttaten darstellt, steht Lesen beispielsweise im Gegensatz zu Computerspielen nicht im Verdacht, Gewaltbereitschaft zu fördern (vgl. Killerspiele). Kinder, die vor dem Fernseher sitzen, werden kritisiert, weil sie nicht genug Sport treiben, Kinder, die lesen und sich dabei genauso wenig sportlich betätigen, werden gelobt, weil sie sich bilden.

Dies war nicht immer so. Zu Beginn der Geschichte des Lesens galt Lesen in den unteren Gesellschaftsschichten als Beschäftigung ohne praktischen Nutzen. In der Lesesucht-Debatte des 18. Jahrhunderts wurde dem Lesen bestimmter Literaturgattungen sogar eine verderbliche Wirkung nachgesagt.

Vgl. z.B.: Schmutz- und Schundgesetz (Weimarer Republik); Comics und Romanhefte (z.B. Perry Rhodan) etwa wurden in der Tat bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts von vielen westdeutschen Lehrern oftmals pauschal als "Schmutz und Schund" diskreditiert.

Geschichte

Die Entwicklungsgeschichte des Lesens ist fast identisch mit der Geschichte der Schrift, denn Änderungen der Schrift wirken sich immer auch auf das Lesen aus.

Vorzeit

Eine gute Übersicht über die Entwicklung der ersten Schrift von reinen Piktogrammen zur Darstellung von Sprechlauten, findet sich unter dem Artikel über die Keilschrift.

Lesen war also ursprünglich die Fähigkeit, die Bedeutung von Bildsymbolen richtig wiederzugeben. Lesen entwickelte sich darauf zu einer sprachlichen Rekonstruktion von Zeichen, welche die gesprochene Sprache lautmässig abbildeten.

Antike bis Mittelalter

In der Zeit bis zum Mittelalter war die Lesefähigkeit nur sehr wenig verbreitet. Schreibmaterial war selten und teuer in der Herstellung, und die oberen Gesellschaftsschichten beanspruchten die Lese- und Schreibfähigkeit als Privileg für sich. Es bestand eine Kultur des Vorlesens, in der Leser Analphabeten Texte laut vortrugen. Wie wenig wichtig das Lesen damals war, zeigt sich am Beispiel der Antike: Blinde lernten damals ganze Epen auswendig und rezitierten sie vor versammelter Menge, und Nachrichten wurden nicht schriftlich, sondern von zuverlässigen Boten mündlich übermittelt.

Neuzeit

In der frühen Neuzeit wurde mit Zunahme des wirtschaftlichen Handelns die schriftliche Kommunikation wesentlich: Handelsbücher, Jahreskalender und Marktverzeichnisse wollten geführt sein. Die damalige geistige Elite war nicht bereit, diese Aufgaben zu übernehmen, wodurch die Nachfrage nach einfachem Volk, das lesen konnte, in dieser Zeit stark anwuchs. Doch selbst im 16. und 17. Jahrhundert noch – lange nach Erfindung des Buchdrucks – erfolgte die Wissensvermittlung überwiegend mündlich, während das Lesen nur in der Oberschicht und der gehobenen Mittelschicht verbreitet war.

Ab 1700 stieg die Verbreitung religiöser Schriften an. Für die Mehrzahl der sozialen Schichten bestand der Lesestoff bis in das 18. Jahrhundert aus der Bibel, Flugschriften, Andachtsbüchern und Zeitungen. Die Menschen hatten damals nur wenige Bücher, die mehrmals gelesen oder vorgelesen wurden. Trotz der Einschränkungen verdreifachte sich die Produktion der Bücher bis zum Jahr 1800. Zu dieser Zeit waren vermutlich 25% der Deutschen lesefähig.

Mit der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert kam es zu einem Wandel der Lesesozialisation. Nun konnten auch Mitglieder großbürgerlicher Familien, Handwerker, Großbauern und gehobene Dienstboten lesen. Der Alltag auf dem Land ließ allerdings wenig Zeit für das Lesen. Im 18. Jahrhundert setzten sich Bildungsreformer für die „Demokratisierung des Lesens“ ein. Lesen war nun für die breite Bevölkerungsschichten zugänglich. Als Lesestoff setzte sich die Zeitung durch. Bücher wurden zu dieser Zeit noch von Gelehrten für Gelehrten produziert, was sich unter anderem darin äußert, dass sie in Latein verfasst waren. 1830 konnten schätzungsweise 40% der Deutschen lesen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich durch die Aufklärung auch in den Unterschichten das Lesen. Die Schriftstücke waren allerdings nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern vermittelten praktische Lebenshilfe. Die Aufklärer wollten den Menschen vernünftiges Handeln und technisches Wissen nahe bringen. Neben religiösen Traktaten waren daher hauptsächlich handwerkliche und praktische Ratgeber zugänglich. Offizielle Mitteilungen der Obrigkeit, Verordnungen, Gesetze und Gesuche wurden öffentlich ausgehängt, weil eine breite Anerkennung für die Landesfürsten unabdingbar war. Dem Bürgertum war eine Profilierung gegenüber dem Adel wichtig, was es durch die Lesefähigkeit hervorheben wollte. Der Anteil lesefähiger Bürger wuchs bis 1870 auf 75% und betrug um 1900 etwa 90%.

Insbesondere die Frauen des Bürgertums entdeckten das Lesen für sich. Schon damals gab es Unterschiede des Lesestoffs zwischen den Geschlechtern. Die Frauen bevorzugten die Belletristik und Romanlektüre und die Männer Zeitungen, politische Sachbücher und Abenteuerromane. Eben durch die Romanlektüre, die oftmals auch von Mädchen und Jungen gelesen wurden, kam es zu der "Lesesucht"-Debatte. Hiernach sollte der Lesestoff erst gestattet werden, wenn die Leser Kenntnisse der Welt und der Menschen erworben hatten. So versuchten die Verantwortlichen den jugendlichen Lesern die ernsthaften Lesestoffe erst nach ihrer Adoleszenz zugänglich zu machen. Aus derartigen Überlegungen und Forderungen resultierte allmählich die Kinder- und Jugendliteratur, deren erste Werke im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts verfasst wurden. Die Kinder konnten durch diese Werke gelehrt und unterhalten werden. Die Väter der bürgerlichen Familie waren für den sachgemäßen Gebrauch der Bücher verantwortlich, denn die Frauen galten dem Mann gegenüber als geistig unterlegen.

Ab dem 19. Jahrhundert stand der gesellige Umgang mit Büchern im Vordergrund. Zu dieser Zeit bekamen Kinder der gehobenen Schichten Bücher um sich still zu beschäftigen. Die Auswahl der Bücher stand nun den Müttern offen. Der Unterhaltungsnutzen der Bücher rückte in den Vordergrund. Fortsetzungsromane kamen auf und erfreuten die gesamte Familie. Das Lesen nahm einen beträchtlichen Teil der Freizeit ein. Die triviale Literatur war teilweise verpönt. Das Lesepublikum spaltete sich in politische Lager auf. In der Zeit von 1848 bis zum Ersten Weltkriege nahm diese Aufspaltung das Bild von getrennten Kulturen an. Für die oberen Schichten diente der Lesestoff zur Repräsentation. Das Hauptaugenmerk dieser Schichten lag auf den Klassikern und weniger auf aktuellen Werken. Der breiten Masse (Unterschichten und Kleinbürger) war die Unterhaltungsliteratur vorbehalten. Doch durch die Massenproduktion um 1900 wurden auch diesen Schichten Werke der Literatur erschwinglich. Die Unterschiede des Leseverhaltens zwischen dem Kleinbürgertum und dem Proletariat verschwommen, wohingegen die Unterschiede zwischen dem Groß- und Kleinbürgertum manifestiert wurden. Im Kaiserreich erschloss sich nun allen Schichten der Bevölkerung die kulturelle Teilnahme. Die Zahl der Analphabeten sank. Für die Unterschicht waren allerdings die Bücher wenig erstrebenswert. Bei dieser Schicht war die Nachfrage nach Zeitschriften und Fortsetzungsheften besonders hoch. Dieser Bevölkerungsteil las gerne kurze übersichtliche Texte.

Die gehobenen Familien führten die Kinder an ihre ersten Lesebücher heran. Für die Nachkommen der Unterschicht blieb der Zugang zu Büchern meist verwehrt. Sie konnten nur durch Vermittlung der Lehrer oder anderer Gönner in den Besitz von Büchern kommen. Auch die Leihbibliotheken änderten an dieser Situation wenig, denn diese waren zeitweise sogar in Dörfern untersagt. Das Vorlesen war zu dieser Zeit sehr populär, denn hierdurch konnten Lesestoffe und politische Schriften auch in den Unterschichten verbreitet werden. In den gehobeneren Schichten setzte sich das stille Lesen durch. Der Inhalt des Gelesenen wurde häufig mit Gleichgesinnten diskutiert. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts kam nun das Radio und Kino auf. Die Mediensituation begann anzuwachsen. Das Lesen büßte den neuen Medien gegenüber an Bedeutung ein. Dennoch hatte die Weiterbildung der Menschen durch Literatur noch eine große Nachfrage. Die Bibliotheken bemühten sich in dieser Zeit die Leser nach verschiedenen Leitbildern zu lenken. Sie strebten danach auch die weniger gebildeten Leute mit Klassikern der Literatur anzusprechen. Durch die 1933 stattfindende Zäsur wurde das Bildungsangebot politisch einseitig. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Nachfrage nach Büchern stark zu. Die Produktionszahlen lagen in den 50er Jahren über denen vor dem Zweiten Weltkrieg.

Auch heute noch befassen sich die einzelnen Schichten mit verschiedenen Lesestoffen. Das Publikum hat ganz eigene Motive, die sie zum Lesen anregen.

Wahrnehmung und Kognition

Die folgenden Ausführungen gelten hauptsächlich für Alphabetschriften, nur eingeschränkt für Silbenschriften wie z. B. japanische Kana und so gut wie überhaupt nicht für Symbolschriften wie etwa das Chinesische.

Obwohl sehr viele Menschen lesen können, ist den wenigsten die Komplexität dieser Form der Informationsaufnahme bewusst. Die biologischen und psychologischen Prozesse, die dem Lesen zugrunde liegen und die im folgenden beschrieben werden, überraschen daher selbst viele Leser mit jahrzehntelanger Übung.

Das visuelle Lesen wird in Kognitionspsychologie, Linguistik und dem Verbundsgebiet Psycholinguistik mit Hilfe verschiedener Methoden untersucht. Dabei widmet man sich sowohl den wahrnehmungstechnischen Grundlagen des Lesens als auch der daran anschließenden kognitiven Verarbeitung.

Ein Grundpfeiler der Forschung ist die eye-mind-Hypothese, nach der geistige Verarbeitung und Bewegung der Augen sich gegenseitig beeinflussen. Erst dadurch werden Schlussfolgerungen wie „der Leser hat etwas nicht verstanden, weil er zu einem bereits gelesenen Textstück zurückspringt“ möglich, die aus den Blickbewegungen des Lesers auf innere Verarbeitungsprozesse schließen.

Visuelle Worterkennung

Der Mensch nimmt seine Umwelt mit den Augen wahr, indem er abwechselnd Fixationen und Sakkaden durchführt. Während der Fixation wird der Blick fest auf einen Fixationspunkt gerichtet, mit den Sakkaden springt der Blick in einer schnellen, ruckhaften Bewegung von einem Fixationspunkt zum nächsten. Nur in den Fixationsphasen werden neue visuelle Informationen über die Netzhaut des Auges aufgenommen. Während der Sakkaden ist keine genaue Wahrnehmung möglich. Der Eindruck des Sehens wird jedoch durch das periphere Gesichtsfeld sowie die bereits gespeicherten Seheindrücke aufrecht erhalten. Die Fixationen dienen dazu, innere Vorstellungsbilder mit der Realität abzugleichen. Insofern unterscheidet sich die Wahrnehmung von einem Computer-Input. Ein erfahrener Mensch benötigt weniger Fixationen, um etwas zu erkennen, als ein Unerfahrener. Die Zahl der Fixationen pro Sekunde schwankt jedoch nur geringfügig und lässt sich willentlich nicht wesentlich beeinflussen.

Man unterscheidet im Gesichtsfeld die Bereiche foveal (bis 2° Sehwinkel), und peripher (ca 2° bis über 90°), nach ihrem Abstand von der Fovea, dem Zentrum des schärfsten Sehens auf der Netzhaut. Es handelt sich dabei um zwei ineinander übergreifende, in ihrer Funktion unterschiedliche Systeme:

Das Zentrum des schärfsten Sehens auf der Netzhaut zeigt bei einem durchschnittlichen Leser je nach Schriftgrösse vom Fixationspunkt aus ca. 1 - 3 Buchstaben gegen und 1 - 3 Buchstaben in Leserichtung. Das Erkennen von Wörtern hängt von deren Bekanntheitstgrad (visueller Wortschatz) ab. Je weniger Fixationen pro Wort zur Worterkennung nötig sind, desto schneller kann man einen Text (stumm) lesen.

Durchschnittliche Lesegeschwindigkeit nach Alter gemessen mit unterschiedlichen Tests:Die Daten von Taylor (USA) und Landerl enthalten dem Alter angepasste Texte,die anderen Tests verwendeten den selben Text für alle Altersstufen.

Die Zahl der möglichen Augenfixationen kann nur geringfügig zwischen 3 und 4 pro Sekunde variieren. Bei einer Fixation pro Wort liegt die Lesegeschwindigkeit also bei 180 bis 240 Wörtern pro Minute.

Ein durchschnittlicher 3. Klässler liest etwa 100 Wörter pro Minute. Erwachsene, die nicht geübte Leser sind und das Lesen nicht beruflich brauchen, kommen auch nicht über diese Geschwindigkeit hinaus.

Die durchschnittliche Vorlesegeschwindigkeit liegt dagegen bei etwa 150 Wörtern pro Minute. Stilles Lesen wird daher erst spannend, wenn die Vorlesegeschwindigkeit zumindest erreicht oder noch überboten wird. Leider nehmen nur etwa 50% der Schüler des 6. Schuljahres diese wichtige Hürde.

Blickbewegungen beim Lesen

Menschen lesen einen Text, indem ihr Blick entlang der Leserichtung über die Schrift gleitet. (In westlichen Ländern von links nach rechts mit Zeilensprüngen nach unten links) . Während der Augenstopps (Fixationen) von durchschnittlich 200 bis 250 ms Dauer werden Teilwahrnehmungen mit gespeicherten Daten abgeglichen (visuelle Worterkennung).

Ist ein Wort unverständlich resp. unbekannt, wird häufig auf die Buchstabiermethode oder das Lautieren zurückgegriffen, was den Leseprozess verlangsamt.

Liefert das bisher Gelesene keinen Sinn, kommt es oft zu Regressionen (Rücksprüngen zu bereits gelesenen Textteilen).

Die Anzahl und Art der Augenbewegungen sind u.a. abhängig von

Emotionale Rührung durch den Leseinhalt kann ein vorübergehendes Anhalten der Augenbewegungen bewirken.

Augenbewegungen variieren etwa in der folgenden Weise:

Gute Leser lesen über 250 Wörter pro Minute.

Beim Lesen wird also nicht jedes einzelne Wort fixiert. Dagegen benötigen lange und seltene Wörter je nach vorhandenem visuellen Wortschatz mehrere Fixationen für eine korrekte Worterkennung.

Ob die Vorhersagbarkeit der nächsten Worte aus der grammatischen Struktur (sententielle Einschränkung) oder dem Bedeutungskontext des bisher Gelesenen wirklich eine Rolle spielt, ist umstritten. Jedenfalls sind sprachliche Erfahrung und Leseerfahrung von großer Bedeutung, weil häufige Wörter mit zunehmender Übung auch aus der Unschärfe der peripheren Wahrnehmung erkannt werden können. Zudem können auch Vermutungen über den Inhalt des zu lesenden Satzes eine Rolle spielen.

Integration

Die Frage nach der Integration, d. h. wie die beim Lesen wahrgenommenen Informationen über Sakkaden hinweg zusammengesetzt werden, ist nach wie vor Objekt der Forschung. Obwohl hier die parafoveale Wahrnehmung die Hauptrolle spielt, hat sich das naheliegende Modell eines visuellen Integrationspuffers, bei dem die Bilder ähnlich digitalen Panoramabildern einfach aneinandergefügt werden, nicht bestätigt. Stattdessen scheint das Zusammenführen der Daten auf Basis von phonologischen Codes – jedoch keine Morpheme – und bislang nicht eindeutig identifizierten abstrakten Buchstaben-Codes zu funktionieren. Es ist also anscheinend nicht das Aussehen der Wörter, das entscheidend ist, sondern ihr Klang.

Identifikation

Wie die Wörter innerhalb der Wortidentifikationsspanne während einer Fixationsphase identifiziert werden, kann von der Blickbewegungsforschung nicht erklärt werden, da hier keine Augenbewegungen stattfinden. Stattdessen werden hier die Wahrnehmungspsychologie und Untergebiete wie die Gestaltpsychologie herangezogen. Der Identifikationsprozess scheint sich aus mehreren Teilprozessen zusammenzusetzen, die sich gegenseitig ergänzen: Während die visuelle Gestaltwahrnehmung relativ gut erklären kann, wie einzelne Druckbuchstaben oder fehlerfrei gedruckte Wörter erkannt werden können, wird das primitive Vergleichen von Mustern auf Wortebene durch die sententielle Einschränkung, parafoveale Vorverarbeitung aus der vorigen Fixationsphase und weitere, bisher nicht geklärte Prozesse, ergänzt. Wichtig für eine schnelle und fehlerfreie Erkennung sind vor allem die ersten drei und der letzte Buchstabe eines Wortes, Groß- und Kleinschreibung sowie phonologische Übereinstimmungen.

Statistische Auswertungen der englischen Sprache zeigen, dass bis auf etwa ein Dutzend Ausnahmen Wörter eindeutig identifiziert werden können, wenn die folgenden Informationen bekannt sind: Die Buchstaben in der rechten und der linken Hälfte des Wortes und der erste und der letzte Buchstabe; wo genau die Buchstaben stehen, ist dabei egal, solange sie „in ihrer Hälfte bleiben“. Ob solche Zusatzinformationen am Leseprozess beteiligt sind, ist ungeklärt; wichtiger scheint beim Lesen jedenfalls zu sein, dass Silben und phonologische Einheiten intakt bleiben.

Erwartungshaltung

Ein zentraler Bestandteil der Wortidentifikation ist die Erwartungshaltung des Lesers. Sobald der Leser das Thema des Textes erkannt hat – was üblicherweise bereits nach der Überschrift der Fall ist – erwartet er, typische themenbezogene Wörter, Redewendungen und sogar ganze Sätze vorzufinden. Die Wörter werden nicht mehr einzeln nacheinander, sondern aus dem Kontext heraus identifiziert.

Sehr deutlich zeigt sich dies in einer weit verbreiteten Kettenmail, die im Herbst 2003 von einer angeblichen Studie „einer englischen Universität“ (gelegentlich wird die Universität Cambridge genannt) berichtete. Laut dieser sei es egal, in welcher Reihenfolge die Buchstaben eines Wortes stünden, solange der erste und der letzte Buchstabe stimmen würden. Die deutsche Version beginnt mit den Worten: Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid ... Diese Nachricht ist ein Hoax, die erwähnte Studie existiert nicht. Die Aussage des Textes ist falsch: Ein Wort kann im Allgemeinen nicht erkannt werden, wenn nur der erste und der letzte Buchstabe stimmen und die restlichen Buchstaben durcheinander geworfen sind. Man kann dies an echten Vertauschungen wie Fsreisnerhee (Lösung), alphabetischen Umordnungen wie Reeefnnorrtm (Lösung) oder mehrdeutigen Anordnungen wie Zleie (Zeile oder Ziele?) selbst ausprobieren. Dass der Text der Nachricht trotzdem sehr gut lesbar ist, ist neben der sententiellen Einschränkung vor allem auf die Erwartungshaltung des Lesers nach Entschlüsselung der ersten paar Worte und die daraus resultierende Vorhersagbarkeit des Inhalts zurückzuführen.

Subvokalisierung und Vokalisierung

Subvokalisierung nennt man das innerliche Mitsprechen eines Textes beim Lesen. Die Bedeutung dieses Vorganges ist umstritten und ungeklärt. Vor allem Schnellleser behaupten, die Subvokalisierung bremse den Leseprozess unnötig aus und solle deshalb bewusst vermieden werden. Ihre Gegner führen die Bedeutung der Phonologie für das Lesen ins Feld und merken an, dass es möglicherweise gerade die Subvokalisierung ist, die die Verbindung zwischen einem Wort und seiner Bedeutung herstellt.

Beim Vorlesen (Vokalisierung) ist der Fall anders gelagert: Das gleichzeitige Mitsprechen des gelesenen Textes verlangsamt den Leseprozess stark und reduziert das Textverständnis extrem. Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, dass die Aufmerksamkeit zwischen den gleichzeitig ausgeführten Tätigkeiten Lesen und Sprechen aufgeteilt werden muss und zum anderen darauf, dass zum Vorlesen ein streng serielles Lesen notwendig ist, bei dem Vor- und Rücksprünge im Text unmöglich sind. Um das gleiche Maß an Textverständnis zu erreichen wie bei stillem Lesen muss der Vorleser sehr konzentriert sein und sein Lesetempo bewusst reduzieren. Obwohl erwiesen ist, dass Lernstoff besser aufgenommen wird, wenn er gleichzeitig über verschiedene Sinne präsentiert wird, ist es unter anderem wegen des reduzierten Textverständnisses beim Vorlesen nicht praktikabel, sich Texte selbst vorzulesen.

Schnelllesen

Schnellleser nennt man Menschen mit einer hohen Lesegeschwindigkeit. Mit 600 bis 700 Wörtern pro Minute können sie etwa doppelt bis dreimal so schnell lesen wie der durchschnittliche Leser und trotzdem den wesentlichen Teil des Textes erfassen. Diesem Gebiet ist ein eigener Artikel gewidmet: Schnelllesen.

Spezialschriften

Das Lesen spezieller Notationen wie Blindenschrift, mathematischen Formeln oder Notenschrift unterscheidet sich stark vom konventionellen Lesen.

Blindenschrift wird nicht durch Sehen mit den Augen (visuell), sondern durch Betasten mit den Händen (taktil) wahrgenommen. Dadurch kann diese Schrift nur sequenziell, Zeichen für Zeichen, und mit mäßiger Geschwindigkeit gelesen werden. Da es nicht möglich ist, sich über einen Text in Blindenschrift einen „schnellen Überblick“ zu verschaffen, scheiden hier Schnelllesetechniken aus.

Das Lesen mathematischer Formeln ist in noch größerem Maße individuell als das Lesen von Text und bietet daher nur wenig Angriffsfläche für repräsentative psychologische Untersuchungen. Häufigkeit der Regressionen und Länge der Fixationen ist von der Komplexität und dem Schwierigkeitsgrad der Formel abhängig. Subvokalisierung findet statt und führt zu ungewöhnlichen Effekten, wenn in einer Formel Symbole enthalten sind, die der Leser nicht benennen kann. Im Gegensatz zu den bisher geschilderten Formen von Text kann eine Formel nur in den seltensten Fällen in eine direkte Vorstellung (z. B. in der Form von Kino im Kopf) umgesetzt werden.

Eine andere Art der Abstraktion zeigt sich bei Notenschrift oder Tanznotationen. Da es nicht möglich ist, Notenschrift wie normalen Text laut vorzulesen, findet auch keine Subvokalisierung statt. Für gewöhnlich ist dies auch nicht notwendig, da es meistens nur nötig ist, die Symbole direkt in Bewegung umzusetzen - es wird also kein Textverständnis im Gewöhnlichen Sinne erworben. Andererseits gibt es Musiker, die so geübt im Umgang mit Notenschrift sind, dass sie das Gelesene in ihrer Vorstellung direkt in Klänge umsetzen können; in gewissem Maße kann dieser Vorgang mit der Subvokalisierung verglichen werden. Die Blickbewegungen beim Lesen richten sich nach dem Inhalt der dargebotenen Information. Notensätze mit vielen Akkorden zeichnen sich z. B. durch zahlreiche vertikale Blickbewegungen aus, während bei Stücken mit kontrapunktischer Melodieführung horizontale Sakkaden überwiegen.

Lesetechniken

Lesetechniken dienen dazu, die Art des Lesens den Zielen des Lesers anzupassen und ihm so zu einem optimalen Nutzen bei Minimierung des Aufwandes zu verhelfen. Dabei gibt es einerseits die Lesetechniken Sequenzielles Lesen, Intensives Lesen, Kursorisches Lesen und Punktuelles Lesen, die als konventionelle Lesetechniken nur die Arbeitsweise und die Auswahl der zu lesenden Textstellen beeinflussen. Dem gegenüberstehen die Schnelllesetechniken Diagonales Lesen (Scannen), SpeedReading und PhotoReading, die die Steuerung innerhalb einzelner Sätze und den Wahrnehmungsprozess selbst beeinflussen. Letztere dienen vornehmlich dazu, die Lesegeschwindigkeit zu erhöhen, ohne das Textverständnis allzu sehr zu beeinträchtigen.

Die meisten dieser Lesetechniken sind neben den Zielen des Lesers auch an einer speziellen Art von Literatur ausgerichtet. So mag man beim Diagonalen Lesen der Zeitung gute Erfolge verbuchen, während bei Goethes Faust mangelndes Textverständnis ohne nennenswerte Zeiteinsparung die Folge ist. Es gilt also, die passende Lesetechnik für die passende Textart zu wählen und sie vernünftig einzusetzen.

Sequenzielles Lesen

Das Sequenzielle Lesen ist die häufigste und gewöhnlichste aller verwendeten Lesetechniken. Der Text wird hier von Anfang bis Ende gelesen, mit dem Ziel, dem Handlungs- oder Gedankengang möglichst vollständig zu folgen. Dabei wird versucht, auf größere Rücksprünge oder wiederholtes Lesen größerer Teile zu verzichten, während gewöhnliche Regressionen durchaus erlaubt sind.

Intensives Lesen

Beim Intensiven Lesen ist das Ziel, einen Text und die dazugehörige Haltung seines Autors möglichst umfassend zu verstehen, um seine gezielte Weiterverarbeitung zu ermöglichen. Der Text wird dabei mit sachlicher Distanz - also ohne Identifikation mit Personen oder den Meinungen des Autors - gelesen und reflektiert. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Stil, der Argumentationsweise und der Absicht des Autors.

Kursorisches Lesen

Das Kursorische Lesen ist die umfassendste Art, ganze Bücher zu bearbeiten. Neben dem Durchlesen des Buches von der ersten bis zur letzten Seite fließen beim Kursorischen Lesen ergänzende Informationen ein. Zunächst wird das Titelblatt, das Inhaltsverzeichnis, das Vorwort, das letzte Kapitel und bei Vorhandensein das Nachwort gelesen. Aufgrund dieses Überblickes folgt eine erste Reflexion über den Inhalt des Buches und die Analyse, welchen Nutzen für die eigenen Ziele die gründliche Bearbeitung des Buches bringen wird. Es folgt eine intensive Beschäftigung mit dem Text, die Lesen, Markierungen, Notizen und wiederholtes Bearbeiten beinhaltet und zu einem umfassenden Verständnis, wenn möglich nicht nur des Buches sondern auch des zugehörigen Themenbereichs, zu kommen.

Punktuelles Lesen

Beim Punktuellen Lesen wird ein Text nicht vollständig, sondern nur ausschnittsweise gelesen. Welche Teile dies sind, bleibt dem Leser und seinen persönlichen Zielen überlassen. In einer nachfolgenden Reflexionsphase wird versucht, den Bedeutungsinhalt der einzelnen Bruchstücke zusammenzufügen und in den Kontext einzuordnen. Diese Lesetechnik eignet sich speziell für Hypertext.

Diagonales Lesen und Scannen

Beim Diagonalen Lesen werden nur bestimmte Bereiche eines Textes gelesen. Dies sind im Allgemeinen der erste Satz eines Absatzes, typographisch hervorgehobene Stellen (kursiv, Überschriften), spezielle Absätze („Zusammenfassung:“), spezielle Ausdrücke („2x + 4 = 5“) und das Umfeld von Schlüsselwörtern wie Aufzählungen („erstens“, „2.“, „-“), Schlussfolgerungen („schließlich ...“, „also ...“) und Fachbegriffe („Fixkostendegression“). Durch diese Technik ist das schnelle Durcharbeiten eines längeren Textes auf Kosten des Textverständnisses und Detailwissens möglich. Sie wird von ihrem Anwender individuell nach Erfahrung und Textart an die jeweilige Situation angepasst.

Die Begriffe Scannen und Diagonales Lesen werden meist synonym verwendet, Scannen bezeichnet aber eigentlich das gezielte Suchen nach speziellen Informationen oder einzelnen Wörtern in einem Text. Beim Scannen nach einer speziellen Information werden im Text systematisch nach oben beschriebenem Schema entsprechende Schlüsselwörter gesucht. Beim Scannen nach einzelnen Wörtern stellt sich der Leser das Wort in der jeweiligen Schriftart zunächst ausgeschrieben vor und überfliegt daraufhin den Text blockweise. Laut einer Studie über Benutzerfreundlichkeit[2] ist Scannen für 79 % der Benutzer des Internets die bevorzugte Lesetechnik für Webseiten; sie wird dabei meist unbewusst genutzt. Siehe auch den Abschnitt Kritik an den Schnelllesetechniken im Artikel Schnelllesen.

Lesen lehren und lernen

Lesen und Schreiben hängen sehr eng zusammen, und in der Regel gilt: Wer das eine kann, kann auch das andere. Alle gängigen Lehrmethoden zielen deshalb darauf ab, Lesen und Schreiben gleichzeitig zu lehren. Dabei werden heute im Unterricht an der Grundschule synthetische Leselernmethoden (Lautiermethoden) und analytische Methoden (Ganzheitsmethoden) oftmals kombiniert (Methodenintegration).

Die Frage, wie man einem Menschen Schrift am besten nahebringt, beschäftigt die Pädagogik seit geraumer Zeit und konnte bis heute nicht eindeutig beantwortet werden. Nach heute vorherrschender Meinung zeitigt eine vernünftige Durchmischung verschiedener Methoden großen Erfolg.

Lesesituation und Lesemotivation

Lesen aus eigener Motivation

Wie bei jeder Frage nach Lehr- und Lernmethoden spielt auch beim Lesen die Lernsituation eine tragende Rolle. Die Lesesituation ist eine besondere Form der kommunikativen Situation und umfasst äußere und innere Bedingungen, die das Verhalten des Lesers beeinflussen. Äußere Faktoren wie Beleuchtung, Temperatur, Bequemlichkeit und Geräuschpegel beeinflussen hauptsächlich die physischen Aspekte des Lesens, nehmen jedoch auch Einfluss auf die körperliche Befindlichkeit des Lesers. Innere Faktoren wie Vorkenntnisse, Neugier, Lust und körperliche Befindlichkeit verstärken oder vermindern vor allem die Motivation des Lesers und tragen zum Grad des erworbenen Textverständnisses bei. Der gleiche Text, in verschiedenen Lesesituationen gelesen, kann in einem Leser verschiedene Vorstellungen und Einstellungen hervorrufen.

Um eine gute Lernsituation zu erhalten, müssen äußere wie innere Rahmenbedingungen möglichst positiv gestaltet werden. Gute Raumausleuchtung und niedriger Geräuschpegel sind vergleichsweise leicht zu erreichen, die innere Einstellung des Lesers kann jedoch nicht ohne weiteres beeinflusst werden.

Die wichtigste Bedingung der Lesesituation ist die Lesemotivation. Die Motivation, also der Beweggrund, aus dem gelesen wird, beherrscht nahezu alle anderen Faktoren. Optimal ist eine intrinsische Motivation, die der Leser aus sich selbst heraus aufbaut und aufrechterhält und die ihn auch unter den widrigsten Umständen weiterlesen lässt. Selbst moderne pädagogische Mittel erreichen in der Regel jedoch nur eine extrinisische Motivation, die, von außen eingebracht, bereits nach kurzer Zeit wieder abklingt.

Buchstabiermethode

Die älteste und nach heutigem Kenntnisstand am wenigsten geeignete Lehrmethode ist die Buchstabiermethode. Der Schüler buchstabiert ein Wort so lange, bis er sich die exakte Zeichenfolge eingeprägt hat. Die Methode gilt als mangelhaft, weil die Buchstaben mit ihrem Eigennamen und nicht mit ihrem Lautwert ausgesprochen werden, z. B. „Ka-u-ha“ für „Kuh“. Der Schüler kann Buchstabe und Laut dadurch nur mühsam miteinander verknüpfen. Diese Methode hielt sich in einigen Ländern bis ins 19. Jahrhundert, heute wird sie jedoch nicht mehr verwendet.

Lautieren

Die Lautiermethode macht das Manko der Buchstabiermethode wett, indem hier Buchstaben mit ihrem Lautwert ausgesprochen werden. Der Schüler kann die einzelnen Laute selbständig aneinanderreihen und sich so die Aussprache eines Wortes aus den Buchstaben herleiten. Mit dem Aufkommen der Fibeln für Kinder ging man nach dem Vorbild des Pädagogen Valentin Ickelsamer dazu über, das Lesen nach dieser Methode zu lehren. Die Bezeichnung Lautiermethode kam erst 1803 durch den bayrischen Schulrat Heinrich Stephani auf.

Ganzheitsmethode

Bei der Ganzheitsmethode, auch Ganzwortmethode genannt, vermittelt man dem Schüler ein Wort als vollständiges Bild, um es so in sein „Bildgedächtnis“ einzuprägen. Wie bereits im Abschnitt Identifikation von Wörtern ausgeführt, entspricht die Vorstellung eines Bildgedächtnisses nicht dem aktuellen Kenntnisstand, weshalb diese Methode von Pädagogen abgelehnt oder nur als spielerische Ergänzung anderer Methoden angesehen wird. Eine solche spielerische Ergänzung kann etwa so aussehen, dass jeder Buchstabe eines Worts durch ein umrahmendes Rechteck ersetzt wird und der Schüler raten muss, welches Wort die Rechtecke bilden.

Anlautmethode

Die Anlauttabelle ist eigentlich ein Instrument zum Schreibenlernen, unterstützt jedoch gleichzeitig das Lesen. In einer Anlauttabelle werden alle Laute einer Sprache schriftlich aufgeführt. Neben jedem Laut ist ein Objekt abgebildet, dessen Name mit diesem Laut beginnt, z. B. ein Schwan neben dem Laut sch. Der Schüler kann sich mit Hilfe dieser Tabelle das Schriftbild eines Wortes Laut für Laut zusammensetzen. Orthografische Fehler, z. B. wenn ein h oder ie wie in „Vieh“ nicht dem Lautbild zu entnehmen ist, werden bei dieser Methode zunächst nicht korrigiert; die Befürworter der Methode gehen davon aus, dass sich Fehler bei häufigem Lesen der korrekten Schreibweise von selbst verflüchtigen.

Bereits im Jahr 1658 fügte Johann Amos Comenius seinem "Orbis sensualium pictus" eine Anlauttabelle bei. Jedem Buchstabe ist darin das Bild eines Tieres zugeordnet, das den entsprechenden Laut von sich gibt.

Literatur

Die folgende Literaturliste bietet nur eine bescheidene Auswahl der unüberschaubaren Menge an Literatur zum Thema Lesen. Sie wurde unter dem Gesichtspunkt erstellt, möglichst viele Aspekte des Lesens abzudecken.

Zur Geschichte des Lesens:

Siehe auch

Lernen und Förderung:

Medizin:

Analyse:

Verwandte Begriffe:


 Wikiquote: lesen – Zitate
 Wiktionary: lesen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

Quellen

  1. Hans-Werner Hunziker,(2006) Im Auge des Lesers, foveale und periphere Wahrnehmung: vom Buchstabieren zur Lesefreude ISBN 978-3-7266-0068-6
  2. Jakob Nielsen: How Users Read on the Web. In: useit.com. 1. Oktober 1997 (englisch)

Weblinks