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Allgemeinbildung

Allgemeinbildung bezeichnet die Formung und Entwicklung der allen Menschen gemeinsamen Personalität in ihrer geistigen und damit vor allem ethischen und ästhetischen Dimension. Dieser Gedanke stammt aus der Zeit der Aufklärung, der Klassik, des Neu-Humanismus (Schiller, W. v. Humboldt) und des deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel). Dieser Bildungsbegriff ist eng verbunden mit einem bestimmten Kulturverständnis und mit einer Philosophie, die den Menschen als Geistwesen versteht, in dem sich etwas "Höheres" zeigt oder offenbart.

Dahinter steht die Idee, dass der Mensch durch seine Vernunft und Freiheit im Gegensatz zu bloßen Dingen Sinnträger und somit Selbst-Zweck ist (Daher kann und darf er nie nur Mittel für Anderes sein [Kant]). Schiller führt diesen Gedanken weiter (in der Ankündigung der "Horen" 1794), insofern in der Zeit politischer Bedrängnis "ein allgemeines und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluss der Zeiten erhaben ist", vonnöten sei, um so "zu dem Ideal veredelter Menschheit" beizutragen.

Allgemeinbildung meint also die Vorstellung und Realisierung des den Menschen Gemeinsamen, gemeinsam Möglichen in Ethik und Ästhetik (und ist Teil der Charakter-, Persönlichkeitsbildung im umfassenden Sinn).

In der heutigen Zeit wird dieser Begriff jedoch häufig als Synonym für den Bildungskanon gebraucht. Wolfgang Klafki hat diese Entwicklung vom umfassenden Bildungsverständnis zum "Bildungskanon" als Verfall der ursprünglichen humanistischen Bildungsidee interpretiert.

Im Gegensatz zum humanistischen Bildungsbegriff bezeichnet Allgemeinwissen, das oft synonym verstanden wird, einen Grundbestand von Wissen, das oft der bloßen Information gleichgesetzt wird, den sich jeder Mensch aneignen sollte: das, was "man" von "der Welt" wissen sollte. Das umfasst, wie es dem modernen Verständnis von "Wissen" entspricht, erwerb- und abfragbares Wissen, das im Gegensatz zum humanistischen Bildungsverständnis nicht persönlichkeitsrelevant sein muss.

Ein ähnlicher Gegensatz zeigt sich auch im Begriffspaar Ausbildung (beruflich verwertbares Spezial-Wissen und Fähigkeiten) und Bildung (Allgemeinbildung).

Der Begriff der Allgemeinbildung bzw. -wissen stammt aus einer Zeit, in der es den Menschen bewusst wurde, dass das gesamte Menschheitswissen nicht in einigen wenigen Büchern zusammengefasst werden konnte. Dazu kam die Einsicht, dass die Wissensquantität relativ unabhängig ist von der Qualität: Es gibt eine Unmenge für den Einzelmenschen sinnlosen und wertlosen Wissens (Spezialkenntnisse), aber nur einen begrenzten Grundbestand an Erfahrungen, Einsichten, Werthaltungen, die für die Persönlichkeitsbildung wichtig sind und erst den sinnvollen Umgang mit Spezialwissen ermöglichen.

Von hier aus ist auch eine plausible Neudefinition von Allgemeinbildung möglich: Allgemeinbildung ist das, was man braucht, um sich als Mensch zu entwickeln und um Spezialkenntnisse sinnvoll zu erwerben und einzusetzen. Allgemeinbildung ist also Rahmen und Fundament des Spezialwissens.

Kriterien sind also 1. ob ein Bildungsinhalt von jedem Menschen erworben werden muss, um überhaupt Mensch zu sein 2. ob er in sich sinn- und werthaltig oder bloß nützlich ist 3. ob er persönlichkeitsformend ist und das Selbstverständnis und Verhalten des Menschen prägt 4. ob er grundlegend ist

Allgemeinwissen kann im Gegensatz dazu als das Wissen definiert werden, das jeder Mensch braucht um sich in der Welt zu orientieren.

Beide Bereiche überschneiden sich. Es gibt Orientierungswissen (z. Bsp. Verkehrsregeln), das keinen Bildungswert hat, andererseits Bildungswerte (Verantwortungsbewusstsein), die nicht zum durchschnittlichen Orientierungswissen gehören und auch nicht über Wissensprozesse erworben werden können

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Einen ersten Ansatz zu einer umfassenden Allgemeinbildung (Im Sinne des Allgemeinwissens) formulierte Johannes Comenius, mit dem Ziel, allen alles zu lehren. Ähnlich versuchten die Enzyklopädisten in der Aufklärung alles Wissen zu sammeln und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Dieser Gedanke war insofern revolutionär, da in der damaligen Zeit Bildung nur bestimmten Bevölkerungsschichten bzw. Ständen (Adel und Klerus) vorbehalten war.

Während die Einführung der Schulpflicht im 17. und 18. Jahrhundert in erster Linie auf die Disziplinierung der Untertanen zielte, versuchten Neuhumanisten wie Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert mit ihren Schulreformen die für die Emanzipation im Sinne Kants benötigte Allgemeinbildung breiter Schichten zu ermöglichen – und scheiterten. Aus dieser Zeit stammt auch die Idee Allgemeinbildung mit dem Bildungskanon gleichzusetzen, da besonders die Epigonen Humboldts eine Ausschlussthese erschufen, wonach bestimmte Bildungsgüter unrein seien. Es entwickelte sich ein Bildungsbegriff, welcher den klassischen Inhalten Latein, Griechisch und Deutsch im Vergleich zu Naturwissenschaften und handlungsorientiertem Wissen, eine übermäßig hohe Bedeutung zumaß. Das heutige Gymnasium ist, trotz mehrerer Reformen, immer noch an dieser Idee orientiert, was sich z.B. darin äußert, dass an Gymnasien weniger direkt berufsrelevantes Wissen vermittelt wird als an berufsbildenden Schultypen.

Allgemeinbildung als Synonym für Bildungskanon

Was als Allgemeinwissen, als Synonym für den Bildungskanon, definiert wird, hängt stark von Land/Kultur, Zeit, sozialem Umfeld oder individuellem Wissen ab. In unserer Kultur bezieht sich das Allgemeinwissen auf Sprache, Literatur, musische Talente (Musik, Kunst), Sozialkunde, Geographie, Geschichte, Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) und Mathematik. Nach Wolfgang Klafki umfasst die Allgemeinbildung nicht nur Wissen, sondern auch pragmatische Handlungsfähigkeit, ethische Beurteilungsfähigkeit, soziale Handlungsfähigkeit und ästhetische Orientierung.

Mit der Entwicklung der Informationsgesellschaft bzw. der modernen Informationstechnik bekommt Allgemeinbildung einen neuen Stellenwert: Da Informationen z.B. mit dem Internet in großer Menge schnell zur Verfügung stehen, geht es nunmehr darum, Techniken der Recherche zu beherrschen, Informationen bewerten zu können und Zusammenhänge zwischen Informationen herstellen zu können (Medienkompetenz). Dem entspricht in besonderer Weise das von Wolfgang Klafki entwickelte inhaltliche Konzept der epochaltypischen Schlüsselprobleme wie Frieden, Umweltschutz, Demokratisierung/Menschenrechte, Eine Welt, Technikfolgen. Danach geht es bei der Allgemeinbildung darum, die zentralen gegenwärtigen Menschheitsprobleme zu verstehen und kritisch reflektiert zu handeln.

Kritik

Das, was heute häufig als Allgemeinbildung verstanden wird, das Wissen der Cocktail-Partys von Schwanitz, von Wer wird Millionär? oder Trivial Pursuit, ist in dieser Form nicht mit anderem Wissen oder gar der Erlebniswelt der Menschen verknüpft. Adorno spricht von Halbbildung, die unvermittelt und oberflächlich bleibe. Eine wirkliche Allgemeinbildung müsse dagegen auch die kritische Reflexion der gesellschaftlichen Zustände und der eigenen Lebenswirklichkeit vermitteln und auf Mündigkeit zielen. Dies ist allerdings auch darauf zurückzuführen, dass das Wissen, welches heutzutage existiert, exorbitant angestiegen ist und immer noch ansteigt, sodass Kapazitäten zuallererst für das für den Beruf nötige Wissen "reserviert" werden müssen.

Siehe auch

Literatur

 Wikibooks: Umgangsformen: Bildung – Lern- und Lehrmaterialien