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Gewerbefreiheit

Gewerbefreiheit, im englischen Sprachgebrauch auch als freies Unternehmertum (free enterprise) bezeichnet, ist die grundsätzliche Freiheit für jedermann, sich gewerblich zu betätigen. Sie ergibt sich als praktische Konsequenz aus dem Grundmotiv der allgemeinen Berufsfreiheit. Die Gewerbefreiheit ist daher die zentrale Forderung des klassischen Liberalismus gegenüber den Restriktionen des Zunftwesens und der Ständegesellschaft. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehört sie zu den wirtschaftlichen Grundrechten und hat in zahlreichen Verfassungen Niederschlag gefunden. Bereits während der Französischen Revolution proklamiert, wurde die Gewerbefreiheit 1810, als Hauptbestandteil der Stein-Hardenbergschen Reformen, in Preußen eingeführt.

Die Gewerbefreiheit und ihre rechtlichen Einschränkungen sind die elementarsten Ordnungsprinzipien einer freien Wirtschaftsverfassung. Sie stellt quasi das Betriebssystem der Marktwirtschaft dar. In der ökonomischen Sichtweise bedeutet Gewerbefreiheit freie Konkurrenz bei möglichst freiem Marktzugang. Dementsprechend wird der Grad der Gewerbefreiheit meist – je nach den Möglichkeiten des Marktzutrittes – in drei Stufen eingeteilt:

Während in der anglo-amerikanischen Diskussion lebhafte Debatten über Art und Umfang der Gewerbefreiheit geführt werden, wird das Thema in Deutschland nur nachlässig behandelt. Die Erörterungen beschränken sich zumeist auf juristische Arbeiten.

Inhaltsverzeichnis

Juristische Definitionen

Artikel 12 Absatz 1 des Grundgesetzes lautet:
Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

In der § 1 Abs. 1 der Gewerbeordnung heißt es:
Der Betrieb eines Gewerbes ist jedermann gestattet, soweit nicht durch dieses Gesetz Ausnahmen oder Beschränkungen vorgeschrieben oder zugelassen sind.

In § 1 Abs. 1 der Gewerbeordnung von 1869 wurde bestimmt:
Der Betrieb eines Gewerbes ist jedermann gestattet, soweit nicht durch dieses Gesetz Ausnahmen oder Beschränkungen vorgesehen oder zugelassen sind.

Auch in der Weimarer Reichsverfassung war in Art. 151 Abs. 3 zu lesen:
Die Freiheit des Handels und Gewerbes wird nach Maßgabe der Reichsgesetze gewährleistet.

Alle juristischen Formulierungen haben freilich eines gemeinsam: Sie sind zweigeteilt; während das Betreiben eines Gewerbes vom Grundsatz her jedermann gestattet ist, stößt die Ausübung eines bestimmten Gewerbes auf Vorbehalte, die durch weitere Gesetze bestimmt werden können. Aufgrund dieser Ambivalenz ist das faktische Ausmaß an Gewerbefreiheit in Deutschland nicht konkret zu bestimmen. Im Gegenteil: Eine derartige Konstruktion bietet Spielraum für eine Fülle von Restriktionen.

Die Restriktionen seien allerdings ein Ergebnis der sozialen Marktwirtschaft, so die befürwortenden Stimmen dieser juristischen Praxis. Stets gelte es die Belange der Freiheit des Marktes mit anderen Belangen wie sozialen, arbeitsmarktpolitischen oder Verbraucherschutz abzuwägen.

Markteingriffe, welche de facto auf Marktabschottung hinauslaufen und Arbeitssuchenden die Teilhabe am Erwerbsleben versperren, können jedoch weder ökonomisch noch sozial begründet werden.

Beschränkungen der Gewerbefreiheit

Erlaubnispflichtige Gewerbe

Für erlaubnispflichtige Gewerbe ist eine behördliche Zulassung erforderlich. Behördliche Einschränkungen der Gewerbefreiheit werden zumeist mit Gefahrenabwehr und dem Verweis auf die öffentliche Sicherheit begründet. Neben unternehmerischen Auflagen ist in der Regel ein Fachkundenachweis erforderlich. Für diverse Gewerbe – vor allen bei der Vermittlung von Darlehen, Kapital- und Vermögensanlagen – wird darüber hinaus der Nachweis der persönlichen Zuverlässigkeit und ausreichender Vermögensverhältnisse gefordert. Auf die Lizenz folgt manchmal noch eine Konzession.

Liste erlaubnispflichtiger Tätigkeiten und Gewerbe (nicht vollständig !)

Die Restriktionen der Handwerksordnung

Aufgrund der Freiheit des Gewerbes und der freien Berufswahl steht es jedermann frei, sich für den Beruf eines Handwerkers, beispielsweise eines Malers, zu entscheiden. Die Ausübung des Gewerbes wird jedoch von einer bestandenen Meisterprüfung abhängig gemacht. In den meisten Fällen bedeutet dies: drei Lehrjahre und einige Monate bis zwei Jahre Meisterschule. In der Summe ergibt sich dann eine Zeitspanne von bis zu fünf Jahren und Gesamtkosten bis zu 25.000–50.000 Euro (inklusive Fahrtkosten und Verdienstausfall) für Meisterlehrgänge.

Der Meisterbrief „großer Befähigungsnachweis“, sei Voraussetzung für die hohe Qualität des deutschen Handwerks und seiner mustergültigen Ausbildungsleistungen. Er diene der Abwehr von Gefahren und dem Schutz der Verbraucher vor stümperhafter Arbeit, führen die Befürworter ins Feld. Von den Gegnern dieser Praxis wird der obligatorische Meisterbrief jedoch als „Meister-Privileg“ gebrandmarkt, als ein Vorrecht, das die Meisterbetriebe vor Billig-Konkurrenz durch einfache Gesellen oder gar Ungelernten schützen soll. Durch den „Meister-Zwang“ habe das Handwerk den Charakter eines Lizenzgeschäftes, das – wie im einst im Zunftwesen – dazu führe, dass die Meister bei der Vergabe von Aufträgen unter sich bleiben, dies auf Kosten der Verbraucher und zugunsten von Schwarzarbeit. Der fehlende Wettbewerb habe die angeblich zu hohen Stundensätze für Handwerker verursacht. Das Beispiel der USA und vieler anderer Länder zeigen hingegen, dass eine höchst leistungsfähige Bauwirtschaft auch völlig ohne Meisterzwang funktioniere. Zudem solle der Meisterbrief nicht abgeschafft werden. Die Öffnung des Marktes überließe hingegen dem Verbraucher die Entscheidung über seine eigenen Qualitätsansprüche.

Restriktionen für freie und akademische Berufe

Für zahlreiche Berufe wie Arzt, Tierarzt, Apotheker oder Rechtsanwalt ist ein Universitätsstudium erforderlich. Vielfach müssen zusätzlich zum abgeschlossenen Studium noch eine Reihe weitere Bedingungen (Praktika, Referendariate usw.) erfüllt werden: Für die Zulassung zur Steuerberaterprüfung ist in der Regel ein wirtschaftswissenschaftliches oder rechtswissenschaftliches Studium und eine zweijährige praktische steuerliche Tätigkeit Voraussetzung. Die Ausbildungsmöglichkeiten für akademische Berufe – mit hohem Sozialprestige und entsprechenden Einkommenserwartungen – sind oft beschränkt durch die begrenzte Anzahl von Studienplätzen. Der Zugang zum Studium wird dann oft durch Numerus Clausus limitiert. Der Numerus Clausus ist jedoch mit der idealtypischen Berufs- und Gewerbefreiheit gar nicht zu vereinbaren. Bereits im Zunftwesen spielte der Numerus Clausus ein wichtige Rolle, und zwar durch die zahlenmäßige Begrenzung der Meisterbetriebe. Aus der Sicht des klassischen Liberalismus ist der Numerus Clausus eine apodiktische Marktintervention, mit ausgeprägt planwirtschaftlichen Zügen. Statt der Freiheit der Berufswahl und des Wettbewerbs herrschen hier die Auswahlkriterien einer Kommission vor, die sehr eigenmächtig und willkürlich sein können – und die vor allem keinen Widerspruch duldet. Für die Marktteilnehmer, die die Zulassungshürden überwunden haben, ist die Zulassung gleichsam zu einem Berufsprivileg geworden, welches vor weiterem Wettbewerb schützt. Die branchenüblichen Leistungen sind dann vor allem systemkonform – und damit erwartungsgemäß niedriger als in einer bleibend-offenen Konkurrenzsituation. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman forderte aus diesem Grund sogar die Abschaffung von beruflichen Zulassungsbeschränkungen für Mediziner.

Die Rolle der Kammern und berufsständischen Vereinigungen

Wie alle Gesetze werden auch die Beschränkungen der Gewerbefreiheit in der demokratischen Gesellschaft durch Beschlüsse von Regierung und Parlament bewirkt. Anliegen von Kammern und berufsständischen Vereinigungen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie gelten als kompetente und maßgebliche Ansprechpartner in sämtlichen Fragen der Wirtschaftspolitik. Durch Pflichtmitgliedschaften sind sie für ganze Branchen ausschlaggebend. Ihre öffentlich-rechtliche Organisation verleiht ihnen gleichsam ein behördliches Auftreten. In der Bundesrepublik sind eine Fülle von Aufgaben an die Kammern übertragen. Sie wirken mit bei der Gestaltung von Berufsbildern, formulieren Grundlagen, Standards und Gebühren und überwachen Ausbildung und Prüfungen. In ihren jeweiligen Betätigungsfeldern sind sie – teils im gesetzlichen Auftrag – für die gesamte Marktstruktur verantwortlich. – Marktstruktur bedeutet allerdings immer auch Machtstruktur. Die Politik hat auf die diese Weise wirtschaftliche Macht an Gruppen delegiert, die zugleich Interessengruppen sind. Daher kommt es, dass sich gerade Vertreter aus der Wirtschaft für Marktstrukturen einsetzen, die den liberalen Prinzipien der Gewerbefreiheit und des freien Wettbewerbes zuwiderlaufen. So sprechen sich die Vertreter des Handwerks in der Regel gegen Liberalisierung der Handwerksordnung aus, die Apotheker gegen die Aufhebung des Apothekenmonopols, die Rechtsanwälte und Steuerberater gegen die Aufhebung der wettbewerbswidrigen Gebührenordnung usw. – Manche Gruppen – z. B. die Bezirks-Schornsteinfegermeister besitzen sogar Gebietsmonopole und sind komplett vom Markt abgeschottet. Interessenvertreter sind sehr oft gegen die Öffnung der Märkte eingestellt, da die bisher zugestandenen gesetzlichen Privilegien ganze Berufsstände vor der umfassenden Dynamik freier Konkurrenz beschützt. Politische Verhandlungen mit Kammern und Berufsverbänden können insofern sehr schwierig sein. Ihre hauptamtlichen Repräsentanten sind letztlich nicht nur dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern sie werden vielmehr für die Wahrung ihrer jeweiligen Mitgliederinteressen bezahlt.

Reglementierung der Berufsausbildung

In Deutschland gibt es derzeit rund 350 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe. Die Ausbildung dauert je nach Beruf zwei bis dreieinhalb Jahre. Am Ende steht meist eine staatliche Prüfung. Obwohl das duale Berufsausbildungssystem von vielen als vorbildlich angesehen wird, hat diese Art der ordnungspolitischen Marktregulierung sehr nachteilige Auswirkungen auf die Freiheit der Berufswahl. Während in der amerikanischen Erwerbsgesellschaft vielerlei Tätigkeiten als „Jobs“ zur Verfügung stehen, bei denen Eintritt und Wechsel leicht möglich ist, ist die soziale Mobilität in Deutschland dadurch beeinträchtigt, dass an einem sehr starren Schema formal-juristischer Berufsbilder festgehalten wird. In der Absicht alle Ausbildungsberufe annähernd gleichzustellen wurden staatliche Ordnungsmuster geschaffen, die die verschiedenartigsten Tätigkeiten – vom Gebäudereiniger bis zum Elektroniker – möglichst in eine reguläre, dreijährige Ausbildungs-Schablone hinein reglementiert. Berufsbilder übrigens, welche traditionell auf eine lebenslange Berufstätigkeit hin konzipiert wurden. Selbst für Tätigkeiten, die in wenigen Wochen und Monaten erlernbar sind, sind mehrere Lehrjahre vorgeschrieben. Berufliche Neuorientierung wird dadurch massiv erschwert. Auch wenn in der Praxis eine Ausbildung nicht zwingend vorgeschrieben ist, so dass die Arbeit auch von ambitionierten Seiteneinsteigern erledigt werden kann , erwies sich die starre Ausgestaltung der Berufsausbildung als ein Hindernis für den Markteintritt – sowohl für den Berufseinstieg (job-entry) als auch für den Berufsumstieg (job-change).

Die Historische Entwicklung der Gewerbefreiheit

Deutschland

Bis zu Einführung der Gewerbefreiheit durch die Stein-Hardenbergschen Reformen 1810 in Preußen wurde der größte Teil der gewerblichen Wirtschaft durch das Zunftwesen reglementiert. Die Zünfte kontrollierten die Löhne, die Preise, und vor allem den Zugang zum Markt. Der nun frei gewordene Wettbewerb wurde allerdings von vielen auch als Bedrohung empfunden. Mancher befürchtete gar auf der Strecke zu bleiben. Die allgemeine Gewerbefreiheit war daher gerade den etablierten Handwerkern von Anfang an ein Dorn im Auge. Man organisierte sich, um gegen die Ausweitung der Konkurrenz Sturm zu laufen. So lautete die Resolution des Handwerker-Gewerbekongresses in Frankfurt vom 15. Juli 1848: „Wir erheben feierlichen Protest gegen die Gewerbefreiheit. Nicht allein wegen der gefährdeten Interessen, unserer bürgerlichen Freiheiten und unseres wohlerworbenen Eigentums, sondern wegen der bedrohten Zukunft, der Verarmung des Mittelstandes, aus Vaterlandsliebe.“

Der Protest der Handwerker blieb, trotz massiver Empörungen, ungehört. Mit Inkrafttreten der Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 wurde die Gewerbefreiheit auf die Länder des Norddeutschen Bundes ausgeweitet; mit dem Übergang zum Deutschen Kaiserreich 1871 wurde es auf das neue Reichsgebiet ausgeweitet. Es folgte der Wirtschaftsboom der Gründerzeit, der von zahlreichen sozialen Verwerfungen begleitet wurde. Erst anfang des 20. Jahrhunderts gelang es den neu gegründeten Handwerkskammern nachhaltigen Einfluss in der Politik geltend zu machen. 1908 wurde daher der „kleine Befähigungsnachweis“ wieder eingeführt. Zur Ausbildung von Lehrlingen war der Meisterbrief wieder erforderlich. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde schließlich 1935 mit dem „Grossen Befähigungsnachweis“ der Meisterbrief wieder zur Voraussetzung für die Führung eines Handwerksbetriebes gemacht. Die Gewerbefreiheit im Handwerk war damit faktisch ausser Kraft gesetzt.

Nach dem Krieg wurde in der amerikanischen Besatzungszone- nun nach US-Vorbild – eine fast schrankenlose Gewerbefreiheit eingeführt. Die vorgeschriebene Mitgliedschaft in den Kammern und Innungen (sog. Institut der fakultativen Zwangsinnung) wurde nun zur freiwilligen Angelegenheit. Ab 10. Januar 1949 genügte eine Postkarte um ein Gewerbe anzumelden – die Meisterpflicht entfiel. Wieder einmal setze ein Gründungsboom ein. Allein in München wurden im ersten Jahr der Gewerbefreiheit soviele Gewerbe angemeldet wie vorher insgesamt bestanden hatten.

Diese Freiheit wurde jedoch 1953 mit Verabschiedung der Handwerksordnung wieder eingeschränkt. Für 94 handwerkliche Berufe wurde abermals bundesweit die Meisterpflicht eingeführt. Federführend waren dabei die Bundestagsabgeordneten Richard Stücklen und Hans Dirscherl.

Ähnliche Verordnungen wurden seither für freie Berufe festgesetzt: In Abstimmung mit Kammern und Verbänden werden schrittweise Gesetze erlassen, die die Freiheit der Gewerbe beschränken. Die Politik der „Sozialen Marktwirtschaft“ löst sich – bereits in der Zeit Ludwig Erhards – vom freien Wettbewerb und kommt interessengeleiteten Regulierungswünschen entgegen. So entstanden beispielsweise Honorar-Ordnungen (für Architekten, Ingenieure, Steuerberater, Rechtsanwälte usw.) – die den Preiswettbewerb verhindern. Verschärfte Zulassungsbarrieren vermindern dabei die Zahl der Marktteilnehmer, was wiederum ein hohes Einkommen für die Zugelassenen garantiert. – Diese Praxis wurde von der EU-Kommission mehrfach angemahnt. Vor allem der ehemalige Wettbewerbskommissar Mario Monti sah in den Kammern und ihren Gebührenordnungen nicht nur wettbewerbswidrige sondern sogar strafrechtlich relevante Preisabsprachen. Vergleichbar äußerte sich die Monopolkommission des deutschen Bundestages über die Handwerksordnung. Die Restriktionen der Handwerksordnung seien ein massiver Eingriff in die individuellen Freiheitsrechte, sie versperre selbst erfahrenen Gesellen den Weg in die Selbstständigkeit. Im Ergebnis werde damit die Schaffung von Arbeitsplätzen verhindert. Die Kommission rate daher die Meisterpflicht weitgehend abzuschaffen. Den Empfehlungen der Kommission folgend, startete der Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement 2003 eine Offensive zur fundamentalen Neugestaltung der Handwerksordnung. Die Meisterprüfung solle nur noch für gefahrengeneigte Gewerke beibehalten werden. Der Vorstoss der Bundesregierung zur Liberalisierung des Handwerks scheiterte allerdings am Widerstand der Opposition im Bundesrat. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf einen Kompromiss: Vor allem für seltene und weniger einträchtige Gewerke wurde grünes Licht gegeben – die Meisterpflicht wurde aufgehoben. Der hauptsächliche Marktanteil des Handwerkes blieb jedoch weitgehend unangetastet. Selbstständige Gewerbe wie der Beruf eines Malers, Fahrradmechanikers oder Friseurs usw. bleibt auch weiterhin nur Meistern gestattet.

Österreich

Auch die österreichische Gewerbeordnung, die 1859 von Kaiser Franz Joseph I. erlassen wurde, basiert auf dem Prinzip der Gewerbefreiheit. Sie ist seither allerdings mehrfach eingeschränkt worden.

Für Handwerke, gebundene Gewerbe und Teilgewerbe ist ein Befähigungsnachweis erforderlich. Ausnahme sind die „freien Gewerbe“. Daneben gibt es „bewilligungspflichtige Gewerbe“ (z. B. Handel mit Waffen) für die eine besondere behördliche Genehmigung erforderlich ist. In Österreich muss man hierfür je nach Gewerbeart ein Ansuchen um „Anerkennung“ oder um „Gleichhaltung“ beim Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft stellen. Betriebsanlagen sind zumeist genehmigungspflichtig. Wer ein Gewerberecht erlangt hat wird automatisch Mitglied der Wirtschaftskammerorganisation. Die Fachgruppen und Innungen haben sich zwar gegenüber den historischen Zünften gewandelt setzen aber deren Tradition fort. Sie sind heute vor allem für die Rahmenbedingungen des Gewerbewesen und die Berufsausbildung zuständig.

Schweiz

Die Gewerbefreiheit wird in der Schweiz als „Handels-oder Wirtschaftsfreiheit“ bezeichnet. Freie Berufswahl und Berufsausübung sowie das Recht unternehmerische Entscheidungen weitgehend unabhängig von staatlichen Vorschriften zu treffen hat dabei den grundsätzlichen Stellenwert eines Menschenrechtes, welches seinerseits als „Abwehrrecht“ konzipiert ist. Als eigenständig formuliertes Grundrecht wird die Handels-oder Wirtschaftsfreiheit sowohl Schweizer Bürgern als auch niedergelassenen Ausländern zugestanden. Dies ist eine schweizer Besonderheit und stellt im Zusammenhang mit der Niederlassungsfreiheit und der Garantie des Eigentums ein Fundament der prinzipiell marktwirtschaftlichen Grundordnung der Schweiz dar.

Eingeführt wurde die Gewerbefreiheit mit der Aufhebung des Zunftzwanges am 19. Oktober 1798. Gleichsam über Nacht sahen sich die Handwerker uneingeschränkter Konkurrenz ausgesetzt, der sich viele zunächst nicht gewachsen fühlten. So kam es auch bei den Eidgenossen zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen darüber, ob die alte Zunftordnung wieder eingeführt werden sollte. In einigen Kantonen geschah dies auch. Regierung und Bevölkerung haben die staatlichen Schutzforderungen der organisierten Handwerkerschaft jedoch stets zurückgewiesen. Im Gegensatz zu Österreich und Deutschland blieb die Schweiz daher ohne Zwangsorganisationen und ohne Beschränkung der selbstständigen Berufsausübung (kein Meisterzwang). Zuletzt wurde 1954 ein ordnungspolitisches Vorhaben der Schuhmacher, Coiffeure, Sattler und Wagner mittels eines obligatorischen Fähigkeitsausweises den Marktzutritt zu reglementieren durch Volksentscheid zu Fall gebracht.

Als kleines exportabhängiges Land ist die Schweiz von jeher auf internationalen Wettbewerb eingestellt und hat im Inneren die Errichtung von interessegeleiteten Wirtschaftsbarrieren erfolgreich unterbunden. Nach der Rangliste des International Institute for Management Development in Lausanne zählt die Schweiz seit vielen Jahren zu den zehn wettbewerbsstärksten Ländern der Erde.

Kritik an der Gewerbefreiheit

Die liberale Forderung nach Gewerbefreiheit ist selbst vielfältiger Kritik ausgesetzt. Hintergrund der Einwände sind oft konkrete Zweifel an bestehenden Marktsituationen oder auch grundsätzliche Bedenken gegenüber der ideal-gedachten Selbstregulation eines vollkommen freien Marktes. So werden zumeist aus sozialer Veranlassung aber auch aus Sicherheits-und Umweltschutzgründen zahlreiche Eingriffe in die wirtschaftlichen Freiheiten gerechtfertigt. Vor allem das Problem der Erwerbslosigkeit und die daraus resultierende Verarmung der Betroffenen, sowie niedrige Löhne für wenig qualifizierte Beschäftigte werden meist dem schonungslosen Wettbewerb angelastet, welcher mit einer entsprechenden Sozial-Ordnung korrigiert werden soll.

Politische Eingriffe in das Marktgeschehen werden jedoch von den Markt-Akteuren vielfach als Wettbewerbsnachteil und nachhaltige Kostenbelastung registriert. Knapp kalkulierte Gewinnerwartungen können dabei aufzehrt werden. Die Fülle der Vorschriften und die Höhe der Sozialabgaben beeinträchtigen daher die Rentabilität vieler Unternehmungen. Der Kündigungsschutz ruft zudem – trotz vielfältiger Lockerungsbestrebungen – einen zusätzlichen Abschreckungseffekt bei Neueinstellungen hervor, da die Betriebe zu besonderer Vorsicht gegenüber Stellenbewerbern angehalten werden.
Gesetzliche Überregulierung kann also gesamtwirtschaftliche Erschöpfung und Verdrossenheit erzeugen, die die bestehende Erwerbslosigkeit zu einer strukturellen Erwerbslosigkeit erstarren lässt. Künstliche Konjunktur-und Beschäftigungsprogramme können in diesem Fall kaum mehr weiterhelfen. Der vermeintlichen Behebung des Marktversagens steht dann offenkundiges Politikversagen gegenüber.
Auch eine unparteiische Ausgewogenheit von sozial-und wirtschaftspolitischen Entscheidungen kann gerade in einer Parteiendemokratie nicht gewährleistet werden. Schließlich kann die politische Führung ihre Anhängerschaft bewusst bevorzugen und ihnen Wettbewerbsvorteile im Marktgefüge zusichern. Wettbewerbsfeindliche und sozialschädliche Monopolbildung, Kartelle und Preisabsprachen können also durch den Gesetzgeber nicht nur verhindert, sondern ebenso auch gehütet und sogar ausgebaut werden. So ist das Misstrauen gegenüber den sozialen Standpunkten der politischen Parteien ebenso berechtigt wie das Misstrauen gegenüber den Interessenvertretern der gewerblichen Wirtschaft.

Die prinzipielle Begründung der Berufs- und Gewerbefreiheit

„Das Eigentum, das jeder Mensch an seiner Arbeit besitzt, ist in jedem Maße heilig und unverletzlich, weil es im Ursprung alles andere Eigentum begründet. Das Erbe eines armen Mannes liegt in der Kraft und in dem Geschick seiner Hände, und ihn daran zu hindern, beides so einzusetzen, wie er es für richtig hält, ohne dabei seinen Nachbarn zu schädigen, ist eine offene Verletzung dieses heiligsten Eigentums, offenkundig ein Übergriff in die wohlbegründete Freiheit des Arbeiters und aller anderen, die bereit sein mögen, ihn zu beschäftigen. So wie der eine daran gehindert wird, an etwas zu arbeiten, was er für richtig hält, so werden die anderen daran gehindert, jemanden zu beschäftigen, der ihnen paßt. Das Urteil darüber, ob er für die Arbeit geeignet ist, kann ruhig der Entscheidung der Unternehmer überlassen bleiben, deren Interesse davon so stark berührt wird. Die heuchlerische Besorgnis des Gesetzgebers, diese könnten einen zumindest Ungeeigneten beschäftigen, ist offensichtlich ebenso unbegründet, wie sie bedrückend ist.“ (aus: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen S. 106)

Zusammenfassung

Gewerbe- und Berufsfreiheit sind in der Bundesrepublik und in Europa gesetzlich verankert. Die konkrete Freiheit der Berufs- und Gewerbeausübung, wird jedoch durch eine Fülle von Restriktionen beschränkt. Jeder staatliche Eingriff in die Freiheit der Gewerbe- und Berufsausübung behindert freilich die zwanglose und dynamische Entfaltung der Marktpotentiale. Dies ist nicht nur wirtschaftlich relevant – es bedeutet vor allem Einbussen an Freiheitsrechten und privaten Entwicklungsmöglichkeiten für die Bürger. Denn: Je mehr Berufe und Gewerbe einer gesetzlichen Gestaltung durch Ausbildungsvorschriften und Lizenzen unterworfen werden, desto mehr wird der freie, individuelle Zugang zu Erwerbsmöglichkeiten (job-entry) erschwert. Auf diese Weise wird strukturelle Arbeitslosigkeit, (genauer Erwerbslosigkeit), erzeugt. Die Kammern und berufsständischen Vereinigungen sind dafür ursächlich mitverantwortlich. Die voranschleichende, gesetzliche Anhäufung von Regulationen, Vorbehalten, Ausbildungsvorschriften, Prüfungen, Lizenzen und Konzessionen sind aus klassisch-liberaler Sicht immer als Marktzutrittsbarrieren zu werten. Die Gewerbefreiheit wird dadurch immer weiter eingeschränkt bis zuletzt die Liste der wirklich freien, d. h. erlaubnisfreien Gewerbe, auf die wenig attraktiven Betätigungen beschränkt bleibt. Marktregulierungen und Konkurrenzbeschränkungen dieser Art verfestigen zwar die Marktposition der etablierten Unternehmen (establishment) – Neuankömmlinge und Außenstehende (newcomer) werden dadurch jedoch immer weiter ins Abseits gedrängt. Vor allem Berufseinsteigern und Arbeitssuchenden bleibt damit eine Fülle von Lebensperspektiven vorenthalten. So kommt es, dass selbst intelligente junge Leute, mit Computerkenntnissen – ja sogar mit Hochschulabschlüssen auf einem streng-disziplinarisch geregelten Arbeitsmarkt nur eingeschränkte Einstiegsmöglichkeiten finden, während für mittelmäßige Angestellte und einfache Handwerker etablierte Positionen als Besitzstände reserviert bleiben. Die Freiheits- und Leistungsprinzipien einer „offenen Gesellschaft“ (Popper) werden dadurch ins Gegenteil verkehrt – zugunsten juristisch-verklausulierter – vor freier Konkurrenz geschützter – Reservate eines selbstzufriedenen „Mittelstands-Sozialismus“ (Hayek).

Literatur

Weblinks