Khanat der Krim
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Khanat der Krim

Nach dem Zerfall der turko-mongolischen Goldenen Horde gründeten die Krimtataren ab 1424 ein Khanat, das die Halbinsel Krim, die südlichen Gebiete der modernen Ukraine, sowie die Gebiete der Nogaier-Horde zwischen Asow und Kuban umfasste. Zeitweilig kam das heute mehrheitlich zu Russland gehörende Einzugsgebiet des Don hinzu. Hauptstadt des Reiches wurde das 1454 gegründete Bachtschyssaraj.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Schon ab 1280 hatte sich unter dem Prinzen Noqai die Krim und die Südukraine erstmals verselbständigt, ohne dass bereits ein eigenes Khanat entstanden wäre. Die Autonomie endete jedoch bereits 1299 mit den Tod des Mongolen-Khans, während gleichzeitig Genua 1266 und 1365 die Südküste der Halbinsel besetzte. Auch die Emire Mamai (reg. 1361–1380) und Edigü (reg. 1395–1419) nutzten die Krim als ökonomische Basis für die Machtkämpfe innerhalb der Goldenen Horde.

Die Gründung

Die eigentlichen Gründer des Khanats waren aber Devlet Berdi und Haji Girai. Glaubt man den Darstellungen von Abdul Ghaffar und Khuandemir, waren sie beide Söhne eines gewissen Tash Temür, einem der Anführer zu Zeiten Toktamischs. Ein russisches Klosterregister bezeichnet Haji Girai dagegen als Sohn Devlet Berdis. Ihre Klanzugehörigkeit ist fraglich, zumindest ordnet ein krimtatarisches Herrscherdokument von 1529 Toktamisch unter die Ahnherren ein.[1] Devlet Berdi setzte sich ab 1424 auf der Flucht vor einem Rivalen auf der Krim fest, und Haji Girai (gest. im August 1466) fomierte dort Mitte des 15. Jh. mit einigen Siegen und Bündnisbeziehungen ein eigenständiges Khanat.

Das Khanat der Krimtataren war das einzige der Nachfolgereiche der Goldenen Horde, welches über einen längeren Zeitraum existierte. In den folgenden Jahrhunderten unternahmen die Krimtataren immer wieder Raubzüge in die zu Polen-Litauen gehörende Ukraine, die Moldau oder auf das Gebiet des heutigen Russlands. Sie betrieben regen Sklavenhandel mit dem Osmanischen Reich, dessen Schutzherrschaft sie genossen, und wurden zum Hauptverbreiter und -vertreter des Islam in der Ukraine.

Vasall des Osmanischen Reiches

Der Aufstieg des Krimkhanats zur regionalen Großmacht und dessen größte territoriale Ausdehung unter Khan Devlet I. Giray und seine Nachbarn. Im Westen: das Osmanische Reich (Provinz Jedisan) und das Großfürstentum Litauen; im Norden:das Zarentum Russland (auf der Karte Russisches Großfürstenthum, im Kartenausschnitt nicht ganz sichtbar); im Osten: das Khanat Kasan (auf der Karte Zarat Kasan, im Kartenausschnitt nicht ganz sichtbar) und das Khanat Astrachan (auf der Karte Zarat Astrachan); im Süden: das Osmanische Reich (Provinz Kaffa); politische Situation um das Jahr 1550 (Kartenausschnitt aus:Hand-Atlas für die Geschichte des Mittelalters und die neueren Zeit Karl Spruner, Theodor Menke, Dritte Edition 1880, Publiziert in Gotha durch Justus Perthes)

1434 vertrieben die Krimtataren die Genuesen aus der Hälfte ihrer Handelskolonien, 1475 eroberten sie das zu Genua gehörende Kaffa. Die Streitigkeiten unter den zehn Söhnen Haji Girais bedingten aber auch eine Schwächung der Macht des Khans Meñli I. Giray (reg. 1466, 1469-1475, 1478-1515), und ein Angriff Akhmat Khans (reg. 1465-81) zwang diesen zur Flucht in das Osmanische Reich (1475-78). Die Anerkennung der osmanischen Suzeränität unter Beibehaltung hoher Autonomie, 1478, war die Folge und mit der Rückendeckung durch die „Hohen Pforte“ entwickelte sich aus dem Krimkhanat ein stabiler Staat, der sich im Kampf gegen seinen Nachbarn bis tief in die Neuzeit behaupten konnte und in vielen Fällen, im Gegensatz zu anderen Vasallenstaaten, sogar autarke Auslandspolitik betrieb.

Im Juni 1502 besiegten die Krimtataren Shaykh Ahmad (reg. 1481-1502), den letzten Khan der Goldenen Horde, was mittelfristig die russische Eroberung der anderen Nachfolgestaaten der Goldenen Horde, die Khanate von Kasan (1552) und Astrachan (1556) förderte. Ein Angriff der Russen unter Adaschew auch auf das Krim-Khanat scheiterte 1559 zunächst. Unter den Khanen Mehmed I. Giray (reg. 1515–1523), Sahib I. Giray (reg. 1532–1551), vor allem Devlet I. Giray (reg. 1551−1577), stieg das Krimkhanat im 16. Jahrhundert zur regionalen Großmacht auf (polnisch-litauische und russische Herrscher zahlten „Tribute“ an die Krimkhane). 1571 setzten die Krimtataren unter Ausnutzung des Livländischen Krieges, den das Zarentum Russland um einen Zugang zur Ostsee gegen Polen-Litauen und Schweden führte, sogar dessen Hauptstadt Moskau in Brand, erlitten jedoch 1572 in der Schlacht von Molodi eine empfindliche Niederlage, was eine machtpolitische Wende in Osteuropa und den Anfang des langsamen Niedergangs des Krim-Khanats markierte. Die geforderte Wiederherstellung des Islam und Rückgabe Kasans und Astrachans an das Khanat wurde vom Zaren nicht mehr befolgt.

1624-28 erhob sich der Khan gegen den osmanischen Sultan, unterwarf sich dann aber wieder. Trotz innerer und äußerer Rückschläge, gaben die Krimkhane ihre politischen Ambitionen nicht auf und betrieben im 17. Jahrhundert erfolgreich eine regional-orientierte Machtpolitik. 1648 schlossen die Krimtataren zunächst eine Allianz mit den Saporoger Kosaken des Bogdan Chmielnicki und verhalfen so dem Hetmanat der Ukraine überhaupt erst zur Loslösung von Polen-Litauen, dann aber verbündeten sie sich während des Zweiten Nordischen Krieges mit den Polen und retteten so den bisherigen Feind vor der Aufteilung durch die Russen, Schweden, Ungarn und Brandenburger. 1699 eroberten die Russen die wichtige Hafenstadt Asow am gleichnamigen Meer, mussten sie allerdings 1711 wieder an die Osmanen abtreten. Im Zuge des Russisch-Österreichischen Türkenkrieges 1736–1739 unternahmen die Russen unter Feldmarschall Burkhard Christoph von Münnich eine Strafexpedition auf die Krim, bei der die meisten Städte der Krimtataren, inklusive der Hauptstadt Bachtschissarai, niedergebrannt wurden. Eine Epidemie in den Reihen der russischen Armee zwang diese jedoch zum Rückzug. Allerdings konnten die Russen nach dem siegreichen Krieg wieder Asow und das Saporoschje behalten und besaßen so wieder einen Zugang zum Schwarzen Meer.

Im Jahr 1758 erhoben sich die Nogaier und ersetzten den Khan. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1770–74 mussten die Osmanen im Frieden von Küçük Kaynarca 1774 die „Unabhängigkeit“ der Krim anerkennen, in der Folge sank das Krimkhanat auf die Höhe eines russischen Protektorats herab. Fortan setzte die russische Zarin Katharina II. je nach Belieben und Grad der Unterwürfigkeit die Khane ein oder ab. 1783 kam die Krim durch Annexion endgültig unter russische Herrschaft. Viele Krimtataren flohen auf das Gebiet der heutigen Türkei, wo heute viele Nachkommen von ihnen leben.

Bis zum Ende des Russisch-Österreichischen Türkenkrieges 1787–1792 ließen die Russen, unter Berufung zweier Titularkhane, Şahbaz Giray (reg. 1787–1789) und Baht Giray (reg. 1789–1792), das Khanat als „Titularreich“ noch bis 1792 weiterbestehen, zudem hielten sich noch Widerstandsgruppen bis 1787 im Kubangebiet auf.

Das Krimkhanat als Teil des Russischen Reiches im 19. Jahrhundert

Teile der Krim wurden während des Krimkrieges 1853 bis 1856 von alliierten, somit auch von osmanischen Truppen kurzzeitig besetzt.

Von dem Krimtataren Ismail Gaspirali ging im 19. Jahrhundert eine islamische Erneuerungsbewegung aus, siehe auch Islam in Russland.

Anmerkungen

  1. Vgl. Henry Hoyle Howorth: History of the Mongols from the 9th to the 19th Century. Part 2. The So-Called Tartars of Russia and Central Asia, London 1880 S.448f.

Siehe auch

Literatur

Weblink