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Der Biberpelz

Der Biberpelz ist ein sozialkritisches Drama und zugleich eine Milieustudie von Gerhart Hauptmann (1862–1946). Das Werk wird noch zur literarischen Epoche des Naturalismus gerechnet.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Das Stück spielt „irgendwo um Spandau...gegen Ende der achtziger Jahre“, wobei die 1880er Jahre gemeint sind. Ein Großteil der Charaktere spricht Berliner Dialekt

Mutter Wolffen ist eine resolute Wäscherin, verheiratet mit dem schwerfälligen und ängstlichen Schiffszimmermann Julius Wolff. Sie kommt in der Eröffnungsszene mit einem gewilderten Rehbock nach Hause und trifft unerwartet auf ihre Tochter Leontine, die aus ihrer Stellung bei dem reichen Rentier Krüger entlaufen ist. Sie habe noch in den späten Abendstunden einen Stapel Holz in den Stall schaffen sollen. Mutter Wolffen, die stets Rechtschaffenheit herauskehrt, will ihre ungehorsame, nicht übertrieben fleißige Tochter zurückschicken. Als sie jedoch erfährt, dass es sich um „schöne trockene Knüppel“ handelt, erlaubt sie Leontine, für eine Nacht dazubleiben. Mutter Wolffen will das Holz, das so noch nicht verwahrt worden ist, über Nacht stehlen.

Während Mutter Wolffen dem Spreeschiffer Wulkow den angeblich gefundenen Rehbock verkauft, erzählt ihre jüngste Tochter Adelheid, dass Frau Krüger ihrem Mann kürzlich einen wertvollen Biberpelz geschenkt habe. Wulkow, als er das hört, erklärt, dass er für solch einen Pelz ohne weiteres sechzig Taler zahlen würde. Mit dieser Summe aber könnte Mutter Wolffen den größten Teil ihrer Schulden begleichen. Sie beschließt insgeheim, besagten Pelz an sich zu bringen, um ihn an Wulkow zu verkaufen.

Holz und Biberpelz sind gestohlen. Krüger erstattet Anzeige. Der Amtsvorsteher von Wehrhahn fühlt sich dadurch aber nur belästigt. Als Beamter des wilhelminischen Staates ist er vor allem daran interessiert, „dunkle Existenzen, politisch verfemte, reichs- und königsfeindliche Elemente“ aufzuspüren. So trachtet er danach, den Privatgelehrten Dr. Fleischer wegen Majestätsbeleidigung verhaften zu lassen, weil dieser etwa zwanzig verschiedene Zeitungen abonniert hat und regelmäßig freigeistliche Literaten empfängt.

Da der Amtsvorsteher Wehrhahn Krügers Anzeige schleppend behandelt, spricht Krüger erneut vor. Diesmal ist auch Mutter Wolffen anwesend. Es kommt zur einer grotesken, parodistischen Verhandlung, die ins Leere läuft: Mutter Wolffen kann mit Pfiffigkeit jeglichen Verdacht von sich abwenden. Die Diebstähle werden nicht aufgeklärt.

Naturalistische Einflüsse

Mutter Wolffen ist der wichtigste Charakter im Stück. Sie versteht es, die Menschen, mit denen sie es zu tun bekommt, zu lenken und von ihnen zu bekommen, was sie will. Sie kämpft gegen ihre ärmlichen Verhältnisse an, was untypisch für naturalistische Dramen ist, in denen der Held üblicherweise wie gelähmt den Gesetzen seines sozialen Umfeldes gehorcht. Für den Naturalismus typisch ist aber, dass die so wird. Dies trifft auch auf den Biberpelz zu. Kennzeichnend für dessen Gestaltung sind die Genauigkeit der Milieubeschreibung und die Verwendung der „Sprache des Lebens“, der Alltagssprache mit allen Färbungen von Dialekt, Jargon und Umgangssprachlichem. Dargestellt wird der durch das Milieu determinierte Mensch (aus diesem Milieu versucht Frau Wolff allerdings herauszugelangen).

Autobiographische Elemente / Figurenmodelle

Hauptmann hat bei der Konzeption der Figuren seines Biberpelz Persönliches einfließen lassen, d.h. vor allem, dass er ihm aus der Erkner-Zeit bekannte Personen als Figurenmodelle benutzte.

So stellt Hauptmann, der während seines Aufenthaltes in Erkner - wegen sozialdemokratischer Neigungen - bespitzelt wurde, sich zum Beispiel selbst in dem Literaten Dr. Fleischer dar. Figurenmodell für die Mutter Wolffen ist die Aufwartefrau Marie Heinze (1846-1935), die während der Erknerzeit im Haushalt Hauptmanns gearbeitet hat.

Auch die Figur des Amtsvorstehers von Wehrhahn entstammt Hauptmanns Erfahrungsbereich. Die öffentliche Ablehnung der „Weber“ durch die konservativen Repräsentanten des Kaiserreiches reizte ihn, einen typischen Vertreter dieses Regimes mit dem aufgeblasenen Amtsvorsteher bloßzustellen. Konkretes Vorbild für die Lustspielfigur ist der Erkner Amtsvorsteher und Standesbeamte Oscar von Busse (1844-1908), mit dem Hauptmann einige unangenehme Begegnungen hatte.

Im Rentier Krüger zeichnet der Autor seinen Hauswirt Nicolaus Lassen (1816-97) nach; indes war nicht diesem, sondern dessen Schwiegersohn, dem Lehrer Julius Ashelm, ein Pelz gestohlen worden.

Uraufführung und Kritik

Die Uraufführung des Biberpelzes fand am 21. September 1893 im Deutschen Theater Berlin statt, mit Else Lehmann und Georg Engels in den Hauptrollen. Der offene Schluss überraschte das Publikum so sehr, dass es in Erwartung eines auflösenden Endes einfach sitzen blieb.

Otto Neumann-Hofer schrieb in einer Besprechung der Berliner Uraufführung, der Vorhang nach dem vierten und letzten Akt habe „die Intrigue wie mit einem scharfen Schwert enthauptet“; und die Reaktion des Premierenpublikums beschrieb er wie folgt: „Das läßt sich das Publikum nicht gefallen. Es ist da wie das hungrige Tier, das seine Beute sucht. Reißt man sie ihm vor dem Munde weg, so wird es wild. Und so wurde auch das Publikum wild und zischte die schönste deutsche Posse, die ihm doch geboten wurde, aus.“ (Berliner Tageblatt, 22. September 1893)

Die zeitgenössische Kritik warf Hauptmann bei seinem Stück eine mangelhafte Komposition vor und dass er mit dem offenen Schluss den kritischen Konsequenzen seines Stückes ausgewichen sei. Neuere Kritiken meinen aber, dass gerade durch den offenen Schluss, die Engstirnigkeit jener, die als Stützen der herrschenden Gesellschaft erscheinen, betont wird, da ja der Amtsvorsteher selbst zu borniert war, um mit offenen Augen an die Diebstähle heranzugehen, und diese deshalb nicht aufgeklärt werden. Die Kritiker beklagten die fehlende „poetische Gerechtigkeit“. Dabei dachten sie primär an Frau Wolff, die unbekehrt und unbestraft aus dem Stück geht, weniger indessen an den Amtsvorsteher von Wehrhahn, der seine Dienstpflichten gröblich verletzt und der unbescholtene Bürger verfolgt.

Zur auf der Bühne erfolgreichsten Komödie Hauptmanns entwickelte sich das Stück seit der Inszenierung durch das Deutsche Volkstheater in Wien 1897. Begeistert äußerten sich anlässlich dieser Aufführung unter anderem die Dichter Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler (siehe unten).

Rezeption

Verfilmungen

Verfilmt wurde Hauptmanns Stück zuerst 1928 (Regie: Erich Schönfelder, Stummfilm).

Eine zweite Verfilmung erfolgte im Jahre 1937 unter der Regie von Jürgen von Alten. Die Deutsche Erstaufführung fand am 3. Dezember 1937 statt. Der Film nach dem Drehbuch von Georg C. Klaren folgte weitgehend der Vorlage. Schauspieler waren unter anderem Heinrich George als Baron von Wehrhahn, Rotraut Richter als Adelheid, Hilde Seipp als Sängerin und Ida Wüst als Frau Auguste Wolff.

Die dritte Verfilmung erfolgte 1949 unter der Regie von Erich Engel. Das Drehbuch schrieb Robert Adolf Stemmle.

Im Jahre 1962 wurde das Stück für das deutsche Fernsehen erneut verfilmt. John Olden schrieb das Drehbuch und führte Regie. Die Hauptrolle spielte Oldens Ehefrau Inge Meysel, die neben Edith Schultze-Westrum, die diese Rolle häufig auf der Bühne spielte, zu den besten Darstellerinnen der Mutter Wolffen gehörte. In den weiteren Rollen spielten u. a.: Willi Rose als Julius Wolff, Konrad Georg als Motes, Ernst Schröder als von Wehrhahn, Maria Körber als Leontine und Paul Edwin Roth als Doktor Fleischer.

Bearbeitung durch das Berliner Ensemble

Am 24. März 1951 hatte in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin das Stück Biberpelz und Roter Hahn Premiere. In diesem Theaterstück sind - in der Bearbeitung des von Bertolt Brecht geleiteten Berliner Ensembles - die beiden Hauptmann-Dramen Der Biberpelz und Der rote Hahn zu einem Sechsakter zusammengezogen. Am 15. April 1951 hat Margarethe Hauptmann, die Witwe des Dichters, weitere Aufführungen dieser Fassung untersagt. Teile des Stücks wurden 1952 veröffentlicht; ein vollständiger Druck erfolgte 1992 in der großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Bertolt Brechts.

Literatur