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Gentrifizierung

Die Gentrifizierung (von engl. Gentry: niederer Adel), teils auch: Gentrifikation (von engl. Gentrification), umgangssprachlich auch Yuppisierung[1], ist ein in der Stadtgeographie angewandter Begriff, der einen sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteiles beschreibt. Dabei handelt es sich um Veredelung des Wohnumfelds sowohl durch Veränderung der Bevölkerung, wie in aller Regel auch durch Restaurierungs- und Umbautätigkeit.

Inhaltsverzeichnis

Prozess und Erklärungsansätze

Der Prozess der Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete (Gentrification) ist nun schon seit einigen Jahren eines der dominierenden Themen der Stadtsoziologie. Die Erforschung des Phänomens begann in Nordamerika. Zu unterscheiden ist die eigentliche Gentrifizierung, bei der bis dahin nicht hochwertige Stadtgebiete aufgewertet werden (bekannte Beispiele sind SoHo oder der Meatpacking District in Manhattan: bis in die 1980er bzw. 1990er Jahre hinein durch Gewerbe geprägte Stadtviertel) von der Wiederaufwertung ehemals wohlhabender Viertel. Dabei werden Viertel, die v. a. in Mitteleuropa häufig in den Nachkriegswirren ihre angestammte Bevölkerung verloren und verarmten, wieder von der ursprünglichen oder einer ähnlichen Nutzerschicht „rückbesiedelt“.

Gentrifizierungsprozesse laufen häufig nach typischen Mustern ab: Wegen der niedrigen Mietpreise werden die Stadtteile für „Pioniere“ (Studenten, Künstler, Subkultur etc.) attraktiv. Diese werten in einem ersten Schritt die Stadtteile auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Viele Studenten steigen in das Berufsleben ein, verdienen deutlich mehr Geld als die ansässigen Bewohner; manche Künstler etablieren sich und bringen weiter Kapital in die Stadtteile. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung. Erste Häuser und Wohnungen werden restauriert, Szene-Clubs und Kneipen entstehen. Die Mieten steigen. Alteingesessene werden u. a. durch Mieterhöhungen vertrieben. Neu Eingewanderte, Studenten oder Künstler können sich die höheren Mietpreise oft nicht leisten und siedeln sich in anderen Stadtteilen an. Eine neue, wohlhabendere Klientel siedelt sich an und setzt andere Lebensstandards durch. Immobilienunternehmen entdecken das Interesse und sanieren weitere Häuser luxuriös. Die ursprüngliche Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich. Die Gentrifizierung geht einher mit einem allgemeinen Segregationsprozess.

Eine andere Theorie für Gentrifizierung ist der „doppelte“ Invasions-Sukzessions-Zyklus. Demzufolge stellen die oben genannten Studenten und Künstler die ersten „Invasoren“. Sie verdrängen andere soziale Gruppen und schaffen ein neuartiges Umfeldmilieu. Jenes kann besser in Wert gesetzt werden (Sanierungen) und schafft damit das Umfeld zu zweiten „Invasorenwelle“ den sogenannten „Gentrifiers“. Die vorherigen Gruppen werden immer stärker verdrängt, und es erfolgt eine Aufwertung von zumeist innenstadtnahen, ehemals marginalen Wohnvierteln (ein Prozess von Reurbanisierung).

Oftmals entstehen anhaltende politische Konflikte durch die Gentrifizierung und ihre sozialen Folgen. Der Prozess ist durch Stadtplanung und Urbanisierung durchaus steuerbar, heute wird aber Strategien der Privatisierung meist der Vorrang gegeben.

Einen ökonomischen Erklärungsansatz für die Gentrifizierung bildet die Mietlückentheorie.

Beispiele

Beispiele für einen stattfindenden Gentrifizierungsprozess liefern Stadtteile wie das Steintor/Ostertorviertel in Bremen; Ottensen, St. Georg oder das Schanzenviertel in Hamburg, Berliner Quartiere wie der Kollwitzkiez im südlichen Prenzlauer Berg sowie die Simon-Dach-Straße und das Samariterviertel in Berlin-Friedrichshain, in Wien der Spittelberg oder das Brunnenviertel, in München der Stadtteil Haidhausen oder das Glockenbachviertel, die Äußere Neustadt in Dresden, der Stadtteil Düsseldorf-Bilk, die Südvorstadt in Leipzig, in Prag der Stadtteil Vinohrady oder der Kölner Stadtteil Ehrenfeld, in Bern der Stadtteil Lorraine.

Gentrifizierung im ländlichen Raum

In noch jungen und wenigen Untersuchungen in Mecklenburg-Vorpommern versucht man seit neuestem, den Begriff Gentrifizierung auch auf den ländlichen Raum zu übertragen. Die Voraussetzung für die Gentrifizierung eines ländlichen Ortes sind eine weitere Entfernung zu einem Zentrum sowie die gute verkehrsmäßige Erschließung.

Kennzeichnend für den Prozess ist ein Zuzug in die Provinz (z. B. Vorpommern) und die damit steigende Einwohnerzahl der Dörfer. Dabei zieht es vor allem Vermögende in die Region, die ihrer beruflichen Tätigkeit meistens in einer entfernten Stadt nachgehen oder per Computer zu Hause arbeiten können. Sie kaufen Grundstücke inklusive der Bebauung auf und widmen diese um: Aus alten Gutsbetrieben werden Hotels oder ehemalige landwirtschaftliche Betriebe werden in Ferienwohnungen umgewandelt. Diese Einrichtungen fördern den Tourismus, was dann dieser Region wirtschaftlich zugute kommt (Dorferneuerung & mehr Bevölkerung).

Obgleich die Einheimischen durch den Bauboom und das erhaltene Geld beginnen, sich Neubauten am Stadtrand in Wohngebieten zu errichten, sind Probleme mit den neuen Nachbarn vorprogrammiert. Die zugezogene Bevölkerung integriert sich nicht immer in das dörfliche Umfeld und kann unter Umständen auch die einheimische Bevölkerung verdrängen; dies ist allein schon im unterschiedlichen sozialen Status der vermögenden Zuwanderer und der ländlichen Bevölkerung begründet. Hinzu kommen noch die täglichen Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben.

Im Allgemeinen erfahren solche strukturschwachen Regionen wie in Vorpommern durch die Gentrifizierung eine Aufwertung. Jedoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass es dabei nur zu punktuellen Verbesserungen kommt, die die Grundprobleme in einer solchen Region nicht lösen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Yuppisierung Glossar