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Kommissarbefehl

Der Kommissarbefehl – offiziell Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare – vom 6. Juni 1941 zählt zu den Völkerrechtsverletzungen der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges. Er enthielt die Anweisung, Politkommissare der sowjetischen Armee nicht als Kriegsgefangene zu behandeln, sondern sie ohne Verhandlung zu erschießen. Der Internationale Militärgerichtshof stellte in seinem Urteil gegen Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) fest:

„Am 12. Mai 1941, fünf Wochen vor der Invasion der Sowjetunion, drängte das OKW bei Hitler darauf, einen Befehl an das Oberkommando des Heeres (OKH) zu geben, wonach politische Kommissare durch das Heer zu erledigen seien.“[1]

Inhaltsverzeichnis

Wesentliche Punkte

Der Befehl wurde am 6. Juni 1941 kurz vor dem „Unternehmen Barbarossa“ in Zusammenarbeit von OKW und OKH erlassen und sollte an die Kommandeure nur mündlich weitergegeben werden. Im Befehl heißt es:

„Politische Kommissare als Organe der feindlichen Truppe sind kenntlich an besonderen Abzeichen – roter Stern mit golden eingewebtem Hammer und Sichel auf den Ärmeln. […] Sie sind aus den Kriegsgefangenen sofort, d. h. noch auf dem Gefechtsfelde, abzusondern. Dies ist notwendig, um ihnen jede Einflussmöglichkeit auf die gefangenen Soldaten abzunehmen. Diese Kommissare werden nicht als Soldaten anerkannt; der für die Kriegsgefangenen völkerrechtlich geltende Schutz findet auf sie keine Anwendung. Sie sind nach durchgeführter Absonderung zu erledigen.“

Ebenso sollten „politische Kommissare aller Art“, nämlich zivile Hoheitsträger und politische Leiter, liquidiert werden, „auch wenn sie nur des Widerstandes, der Sabotage oder der Anstiftung hierzu verdächtig“ seien.

An anderer Stelle heißt es: „Politische Kommissare, die sich keiner feindlichen Handlung schuldig machen oder einer solchen verdächtig sind, werden zunächst unbehelligt bleiben.“ Erst später sei zu entscheiden, ob diese Personen an die Sonderkommandos abzugeben seien. Diese Überprüfung solle möglichst vom Sonderkommando[2] selbst vorgenommen werden.

Im vorletzten Entwurf lautete die genaue Formulierung: „Politische Kommissare […] sollen zunächst unbehelligt bleiben.“ Hitler erhielt vermutlich mit Vorbedacht[3] eine geänderte Fassung vorgelegt, in der „sollen“ durch „werden“ ersetzt worden war und die daher unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zulässt.

Reaktionen

Einige militärische Befehlshaber und auch das Amt Abwehr machten Bedenken gegen den Kommissarbefehl geltend. Ihnen wurde jedoch von Wilhelm Keitel, Chef des OKW, erklärt:

„Die [geäußerten] Bedenken entsprechen den soldatischen Auffassungen vom ritterlichen Krieg. Hier handelt es sich um die Vernichtung einer Weltanschauung, deshalb billige ich die Maßnahmen und decke sie.“[4]

Zusammenarbeit mit dem SD

Während der erste Teil des Befehls, die Exekution von Politkommissaren sofort nach deren Festnahme, sich unmittelbar an die Wehrmachtsangehörigen richtete, war der zweite Teil Aufgabe des Sicherheitsdienstes, der allerdings auf die Unterstützung oder zumindest die Duldung der Wehrmacht angewiesen war.

Für die praktische Umsetzung wies das OKW die Kommandanten der Durchgangs- und Kriegsgefangenenlager an, schon eine grobe Auslese der Gefangenen vorzunehmen, um „sich umgehend von denjenigen Elementen unter den Kr. Gef. zu befreien, die als bolschewistische Triebkräfte anzusehen“ seien.[5] Einvernehmlich erließ Heydrich den Einsatzbefehl Nr. 8 vom 17. Juli 1941.[6] In jedem Kriegsgefangenenlager und Durchgangslager sollten die „in politisch, krimineller oder sonstiger Hinsicht untragbare[n] Elemente“ durch ein Kommando von SS- und SD-Mitarbeitern herausgefiltert werden. Ausfindig gemacht werden sollten Funktionäre der Komintern, maßgebende Parteifunktionäre, Volkskommissare, alle ehemaligen Polit-Kommissare der Roten Armee, Intelligenzler, Juden und fanatische Kommunisten sowie „unheilbar Kranke“.

Diese Personen sollten vorübergehend in einem abgetrennten Block des Lagers untergebracht und später zur Exekution abtransportiert werden.

Durchführung

Die Einsatzkommandos verhörten die als verdächtig eingestuften Gefangenen und dokumentierten deren Einlassungen auf einem Fragebogen. Den Angaben von kollaborierenden russischen „Vertrauensleuten“ sollte nicht vorbehaltlos Glauben geschenkt werden. Gelegentlich – so klagte ein Einsatzgruppenleiter – hätten Lageroffiziere auch Kriegsgefangene zur Aussonderung vorgeschlagen, die sich kleiner Vergehen gegen die Lagerdisziplin zuschulden hätten kommen lassen.[7]

Nach einem „Tätigkeitsbericht“ eines Einsatzkommandos aus München wurden binnen 9 Wochen aus 3.788 russischen Kriegsgefangenen 456 als „untragbar“ ausgesondert.[8] Auch andere überlieferte Zahlen bestätigen, dass zwischen 12% und 14% der Kriegsgefangenen zur Ermordung selektiert wurden.

Zur Geheimhaltung sollten die Exekutionen abgeschirmt in den Konzentrationslagern stattfinden. Schätzungen gehen davon aus, dass dort bis Ende Juli 1942 etwa 38.000 russische Kriegsgefangene ermordet wurden, die zuvor vom Einsatzkommando selektiert worden waren.[9]

Die Anzahl der Kommissare, die schon bei der Gefangennahme an der Front von Wehrmachtsangehörigen erschossen wurden, beträgt nach einer Schätzung von Christian Streit mehrere Tausend. [10] Diese Zahlenangabe ist jedoch umstritten[11] und bislang nicht hinreichend erforscht.

Widerstand

Beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher beschworen einige Kommandeure von Fronttruppen, den Kommissarbefehl weder erhalten noch weitergeleitet zu haben. Da jedoch zahlreiche dienstliche Vollzugsmeldungen erhalten sind, ist die Behauptung widerlegt, der Befehl sei in der Praxis durch die stillschweigende Opposition der Generale nicht durchgeführt worden; dieses erfolgte nur in einigen Bereichen. [12]

Mehrfach versuchten Kommandeure von Kriegsgefangenenlagern im Reichsgebiet, die Arbeit der Einsatzgruppen zu behindern.[13] Gut dokumentiert ist der Widerstand des Major Meinel vom Wehrkreis VII, der sich beim OKW förmlich über eine zu „oberflächliche“ Prüfungspraxis beschwerte und 173 von 474 ausgesonderten Kriegsgefangenen zurückhielt.[14] Meinel äußerte die Ansicht, das ganze Verfahren sei „vom soldatischen Standpunkt aus“ nicht zu billigen: „Wenn einmal ein feindlicher Soldat gefangen sei, dann sei er eben gefangen und dürfe nicht so ohne weiteres erschossen werden.“[15] Auch benötige man dringend jede Arbeitskraft. Überdies müsse man befürchten, dass die Rote Armee Vergeltung an den deutschen Kriegsgefangenen üben werde. Auf dringenden Wunsch des SD wurde Meinel wegen seiner „sonderbaren Einstellung“ Mitte 1942 von seinem Posten abberufen.

Es gibt keinen Fall, wo versucht worden wäre, die Durchführung des Kommissarbefehls zu erzwingen, wenn er nicht befolgt wurde, oder wo versucht worden wäre, seine Nichtbefolgung kriegsgerichtlich zu ahnden. Trotzdem wurde er in der Regel befolgt.[16]

Einbeziehung der ausländischen Verbündeten

General Antonescu, der nominelle Oberbefehlshaber der „deutsch-rumänischen Heeresfront Rumänien“, selbst fanatischer Antisemit und Antikommunist, wurde über den Kommissarbefehl und den Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom Oberbefehlshaber der 11. Armee von Schobert informiert, dessen Richtlinien für die Besatzungspolitik östlich des Dnjestr vorsahen, dass politische Kommissare an die Deutschen zu übergeben seien. Die finnische Staatspolizei und die finnischen Stretkräfte überstellten insgesamt fast 2.900 Personen der SS in Kenntnis der Befehlslage. Darunter waren 400-500 Kommunisten und 118 politische Kommissare.[17]

Aussetzung des Befehls

Trotz der zustimmenden Erklärung von Keitel kam es ab September 1941 immer wieder zu Meldungen aus der Truppe, die die Zweckmäßigkeit und Berechtigung des Befehls bezweifelten. Die Liquidierung der Politkommissare sei dem Gegner nicht verborgen geblieben, führe zu anhaltendem Widerstand und verhindere eine vorzeitige Kapitulation eingekesselter Gegner. Hitler lehnte es jedoch am 26. September 1941 ab, den Befehl zu ändern. Schließlich zeigten die Einwände aber doch Wirkung. Unter dem 6. Mai 1942 heißt es im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht:

„Um die Neigung zum Überlaufen und zur Kapitulation eingeschlossener sowjetischer Truppen zu steigern, befiehlt der Führer, dass den […] Kommissaren und Politruks zunächst versuchsweise in solchen Fällen die Erhaltung ihres Lebens zugesichert werden kann.“[18]

Auswirkungen und Deutungen

Offenbar wurde der Befehl später nie wieder in Kraft gesetzt. Dies sicherte jedoch nicht das Überleben der Politkommissare, die in Aufnahmelagern östlich der Reichsgrenze weiterhin selektiert wurden. Im KZ Neuengamme wurden im Herbst 1942 etwa 200 sowjetische Politkommissare durch Zyklon B ermordet;[19] Mitte April 1943 wurden noch 59 Politkommissare zur Liquidierung ins KZ Mauthausen geschickt.[20]

Der Historiker Dieter Pohl urteilt: „Mit dem Kommissarbefehl übernahm die Wehrmacht aktiv einen Teil der Morde. Aus dem OKH kam die Initiative, nicht nur militärische Kommissare, sondern auch zivile Spitzenfunktionäre in eigener Regie zu töten. Tatsächlich schwächte das OKW diese Zielrichtung jedoch ab...“ [21]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Zitiert nach Heribert Ostendorf: „Die – widersprüchlichen – Auswirkungen der Nürnberger Prozesse auf die westdeutsche Justiz“, in: Gerd Hankel, Gerhard Stuby (Hrsg.), Strafgerichte gegen Menschheitsverbrechen, Kamburg 1995, ISBN 3-930908-10-7.
  2. später „Einsatzgruppe“ genannt; Krausnick: Kommissarbefehl, S. 704.
  3. Krausnick, Kommissarbefehl, Seite 725, Anm. 213.
  4. Streim: Vernichtungskrieg, S. 34.
  5. Reinhard Otto: Wehrmacht..., ISBN 3-486-64577-3, S. 54/55.
  6. Als Dokument Nr. 24 mit Anlagen abgedruckt bei Hans-Adolf Jacobsen: „Kommissarbefehl...“, in: Anatomie des SS–Staates, Bd. II, S. 200-204 / Es folgte am 27. Juli ein Einsatzbefehl Nr. 9, der das Reichsgebiet einbezog.
  7. IMT: Der Nürnberger Prozess... Nachdruck München 1989, ISBN 3-7735-2527-3, Band 38 / Dokument 178-R, S. 427.
  8. IMT, ISBN 3-7735-2527-3, Band 38 / Dokument 178-R, S. 448.
  9. Reinhard Otto: Wehrmacht..., ISBN 3-486-64577-3, S. 268.
  10. Christian Streit: „Die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen ...“, in: Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette: „Unternehmen Barbarossa“..., überarb. Neuausg. Frankfurt/M 1991, ISBN 3-596-24437-4, S. 165.
  11. Horst Rohde: „Politische Indoktrination in höheren Stäben und in der Truppe - untersucht am Beispiel des Kommissarbefehls“, in: H. Poeppel u.a. (Hrsg.): Die Soldaten der Wehrmacht. München 1999, ISBN 3-7766-2057-9, S. 124-156 versus Jürgen Förster: Das Unternehmen "Barbarossa"... In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 4, Stuttgart 1983, ISBN 3-421-06098-3, S. 435-440.
  12. Krausnick: Kommissarbefehl, S. 733.
  13. Reinhard Otto: Wehrmacht..., ISBN 3-486-64577-3, S. 200-229.
  14. IMT: ISBN 3-7735-2527-3, Band 38 / Dokument 178-R, S. 419-498.
  15. IMT: ISBN 3-7735-2527-3, Band 38 / Dokument 178-R, S. 433.
  16. Hans-Erich Volkmann: Zur Verantwortlichkeit der Wehrmacht in: R.D. Müller, H.E. Volkmann, (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Die Wehrmacht: Mythos und Realität, München, Oldenburg 1999, ISBN 3-486-56383-1, S. 1204f.
  17. Jürgen Förster: Hitlers Verbündete gegen die Sowjetunion 1941 und der Judenmord in: Christian Hartmann, Johannes Hürter, Ulrike Jureit: Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. Beck, München 2005, S. 94ff.
  18. Streim: Vernichtungskrieg, S. 96.
  19. KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Ausstellungen. ISBN 3-86108-075-3, S. 93.
  20. Reinhard Otto: Wehrmacht..., ISBN 3-486-64577-3, S. 249.
  21. Dieter Pohl: „Die Kooperation zwischen Heer, SS und Polizei in den besetzen sowjetischen Gebieten“, in: Christian Hartmann u.a. (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. München 2005, ISBN 3-406-52802-3; S. 109.

Literatur

 Wikisource: Kommissarbefehl – Quellentexte