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Schweres Akutes Atemwegssyndrom

Klassifikation nach ICD-10
U04.9+ Schweres akutes respiratorisches Syndrom, nicht näher bezeichnet
J17.1* Pneumonie bei anderenorts klassifizierten Viruskrankheiten
ICD-10 online (WHO-Version 2006)

Das Schwere Akute Respiratorische Syndrom (Severe Acute Respiratory Syndrome, SARS) ist eine Infektionskrankheit, die erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet wurde.[1] Laut dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg entspricht das klinische Bild einer atypischen Lungenentzündung (Pneumonie). Der Erreger von SARS war ein bis zum Ausbruch der Epidemie unbekanntes Coronavirus, das man mittlerweile als SARS-assoziiertes Coronavirus (SARS-CoV) bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Erreger

Bakterielle Erreger wie Chlamydien, Mykoplasmen oder Legionellen, welche normalerweise die atypische Lungenentzündung verursachen, wurden bei dieser neuen Form nicht gefunden. Da die Erkrankten auf eine Behandlung mit Antibiotika nicht ansprechen, lag die Vermutung nahe, dass der Erreger ein Virus ist.

Zunächst wurden Paramyxoviren als Ursache von SARS vermutet. Um den 26. März 2003 erhärtet sich jedoch der Verdacht, dass der Erreger zu den Coronaviren gehört. Er wurde gleichzeitig an der Universität von Hongkong, am Centre for Disease Control (CDC) in Atlanta und am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg als neues Coronavirus identifiziert. Anhand der Gensequenzen wird vermutet, dass ein bekanntes Coronavirus entweder mutiert ist oder dass eine Virusart, die bisher nur Tiere befallen hat, auf den Menschen „übergesprungen“ ist. Weitere Untersuchungen konzentrierten sich daher auf das neu entdeckte Coronavirus und als weitere Faktoren auf Chlamydien und Paramyxoviren. Bisher sei nichts gefunden worden, „was gegen die ursächliche Rolle des Coronavirus spricht“, heißt es aus Fachkreisen. Kanadischen Forschern gelang es, das Genom des Coronavirus zu entschlüsseln.

Einige Experten glauben, das Virus hinter der asiatischen Lungenkrankheit könnte von seltenen wilden Tieren als Hauptwirt (Reservoirwirt) (z. B. den Larvenrollern aus der Familie der Schleichkatzen) stammen, die in Südchina gerne als Delikatesse verzehrt werden. Letzteres wird durch Berichte in der chinesischen Tageszeitung «Lianhe Wanbao» unterstützt, wonach die Krankheit vom Koch eines Spezialitätenrestaurants für wilde Tiere in Shenzhen in Südchina ausgegangen sein könnte. Auch Virologen eines WHO-Teams halten diese Theorie für plausibel. Für die mechanische Übertragung der Viren sind Kakerlaken als Vektor, Transportwirt festgestellt worden.

Im September 2005 ergab eine Studie an verschiedenen wildlebenden Tieren im Hongkonger Großraum, dass das SARS-Coronavirus auch von Fledermäusen übertragen wird. Bei den Tieren handelt es sich um Hufeisennasen (Rhinopholus sinicus). In vierzig Prozent der Abstriche wurden Coronaviren gefunden, die genetisch große Ähnlichkeit mit den beim Menschen und bei Larvenrollern identifizierten SARS-Erreger besitzen. Die Fledermäuse zeigten keine Krankheitsanzeichen. Es ist noch nicht klar, ob Fledermäuse oder Schleichkatzen der ursprüngliche Reservoirwirt des Virus sind. Die chinesischen Fledermäuse könnten auch ein direkter Übertragungsvektor auf den Menschen sein, da sie ebenso wie Schleichkatzen als Delikatesse gelten und ihr Kot in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet wird.

Übertragung

Die ursprüngliche Annahme, dass das Virus an der Luft nicht sehr resistent sei, musste ebenfalls revidiert werden. Es überlebt nach neueren Erkenntnissen bis zu 24 Stunden außerhalb des menschlichen Körpers. Eine Übertragung über Klimaanlagen hält man dennoch für nicht sehr wahrscheinlich.

Die Erregerübertragung erfolgt wohl überwiegend direkt durch Tröpfcheninfektion nur aus kurzer Distanz (< 1 m) und damit bei engem Kontakt mit hustenden und niesenden Infizierten. Der indirekte Weg über Kontaktinfektion bzw. Schmierinfektion mit den Viren der auf Gegenständen oder Körperoberflächen niedergegangenen infektiösen Expirationströpfchen, wenn sie anschließend über die Schleimhäute z. B. in Mund, Nase oder Augen in den Körper gelangen, ist bislang nicht eindeutig nachgewiesen, kann aber andererseits nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden [2]. Eine Übertragung über Körperausscheidungen (fäko-oralen Weg) kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Weiterhin ist laut WHO eine Erregerübertragung durch infizierte Tiere (z. B. Kakerlaken) möglich.

Verlauf einer abgeklungenen "Epidemie"

Liste der WHO vom 7. August 2003
Rest waren damals noch in Behandlung
Land Fälle Tote Genesene
Australien 6 0 6
Brasilien 1 0 1
China * 5327 349 4949
Hong Kong * 1755 296 1448
Macao * 1 0 1
Taiwan 665 180 475
Deutschland 9 0 9
Finnland 1 0 1
Frankreich 7 1 6
Großbritannien 4 0 4
Indien 3 0 3
Indonesien 2 0 2
Irland 1 0 1
Italien 9 0 9
Kanada 251 41 210
Kolumbien 1 0 1
Südkorea 3 0 3
Kuwait 1 0 1
Malaysia 5 2 3
Mongolei 9 0 9
Neuseeland 1 0 1
Philippinen 14 2 12
Rumänien 1 0 1
Russische Föderation 1 0 0
Schweden 3 0 3
Schweiz 1 0 1
Singapur 238 33 205
Spanien 1 0 1
Südafrika 1 1 0
Thailand 9 2 7
USA 33 7 26
Vietnam 63 5 58
Summe 8422 916 7442
(* ) China, Macao und Hong Kong
werden von der WHO separat aufgelistet.

Ausgangspunkt

Die Lungenkrankheit ging nach Angaben der WHO damals mit Sicherheit von der chinesischen Provinz Guangdong aus. Im Februar 2003 breitete sich die Erkrankung dann auf Vietnam und Hong Kong aus; in Vietnam wurde das erste Auftreten der Krankheit in Hanoi am 26. Februar 2003 beobachtet.

Ausbreitung bis Ende März 2003; Quelle: CIA

März/April/Mai 2003

Bis Mitte März 2003 wurden der WHO 150 weitere Krankheitsfälle, meistens aus den asiatischen Ländern der Volksrepublik China, Vietnam, Hong Kong, Indonesien, Singapur, Thailand und den Philippinen, gemeldet. Bis dahin waren aber auch über 200 Fälle in Kanada aufgetreten. Auch in Japan wurden bei Personen, die in die betroffenen asiatischen Regionen gereist waren, die ersten SARS-Verdachtsfälle registriert. Am 12. April wurde gemeldet, dass sogar in der chinesischen Inneren Mongolei erstmals 2 Menschen an SARS gestorben seien. Zudem hätten sich in der abgelegenen Region weitere 8 Menschen mit dem Virus infiziert. Dann wurde offiziell bestätigt, dass es dort weitere Betroffene gab.

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Ausmaß

Das Lungenvirus hatte nach Angaben der WHO zum damaligen Zeitpunkt 916 Menschen getötet (Prävalenz: 150 pro Milliarde Einwohner), davon 290 in Hong Kong und 343 in den fünf chinesischen Provinzen. 81 SARS-Tote gab es in Taiwan, 32 in Kanada, 31 in Singapur, fünf in Vietnam. Rund 8.400 Personen wurden in 32 verschiedenen Ländern weltweit infiziert, vor allem in asiatischen Ländern. Dabei unterschied die WHO zwischen Ländern, in denen lokale Infektionsketten bestanden, d. h. Neuansteckungen auftraten, und Ländern, in denen die Erkrankung nur bei Reisenden auftrat, die sich in den Ländern der ersten Kategorie infiziert hatten. Länder mit lokalen Infektionsketten waren die Volksrepublik China, Hong Kong, Singapur, Kanada, Vietnam, Taiwan, die USA und Großbritannien. Der Schwerpunkt der Erkrankung lag dabei eindeutig in China und Hong Kong, wo mehr als 80 % der Fälle auftraten.

SARS in China

In Hongkong starben damals immer mehr jüngere Menschen an SARS. In China wurde die Zahl der Erkrankten mit rund 5.300 angegeben. Peking war am schwersten betroffen. Das Zentrum der damaligen Epidemie war Guangdong. In Hongkong, wo es offenbar die verlässlichsten Daten gab, wurden rund 1.750 Personen infiziert. Besonders verbreitet war das Virus hier unter Klinikmitarbeitern. Im weiteren Verlauf der Epidemie starb auch ein Ausländer in China am akuten Atemnotsyndrom. Es handelte sich dabei um einen 53-jährigen Finnen, der für die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Peking eine Konferenz vorbereitet hatte. Am 20. April 2003 wurden der chinesische Gesundheitsminister Zhang Wenkang und der Bürgermeister von Peking Meng Xuenong wegen steigender Kritik in ihrem Umgang mit der Gefahr durch SARS ihrer Ämter enthoben. Kurz davor legte China deutlich höhere Zahlen von Infektionen vor.

Abklang von SARS

Am 29. März 2003 starb der italienische Arzt Carlo Urbani, der als Erster auf die Lungenkrankheit aufmerksam gemacht hatte, in Thailand an dem Erreger[3].

Im Sommer 2003 ging die Zahl der Erkrankten beständig und schließlich vollständig zurück. Im Dezember 2003 gab es letztmals einen SARS-Fall bei einem Militärarzt in Taiwan, der mit dem Erreger experimentiert haben soll.

ECDC

Die EU musste reagieren und kündigte am 6. Mai 2003 auf einem SARS-Treffen der EU-Gesundheitsminister an, dass in Kürze ein Zentrum für Krankheitsprävention eingerichtet werden soll. Ein Jahr später präsentierte die EU in Stockholm das neugegründete Zentrum, das European Centre for Disease Control (ECDC).

Symptome

Die Inkubationszeit beträgt 2 bis 7 Tage. Symptome sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO):

Behandlung

Spezielle Behandlungsmaßnahmen gibt es bisher keine. Ärzte verabreichten damals zunächst als Virustatikum das Nukleosid-Analogon Ribavirin, das auch bei Hepatitis C einsetzt wird, sowie Cortison. Danach erhielten die Betroffenen meist einen Cocktail aus verschiedenen Antibiotika, um die begleitende Entzündung der Atemwege durch Bakterien abheilen zu lassen, denn die zusätzliche bakterielle Infektion macht die Lungenentzündung erst so gefährlich. Der genetische Code des mutmaßlichen SARS-Erregers ist zwar später in Kanada entschlüsselt worden, jedoch ist die Entwicklung eines wirksamen Medikaments noch nicht in Sicht. Mit Hilfe der Gen-Daten könnten zwar neue Diagnoseverfahren entwickelt werden, aber es wird noch eine unbestimmte Zeit brauchen, bis Arzneimittel oder Impfstoffe zur Verfügung stehen.

Vorbeugung

Am 15. März 2003 wurde von der WHO eine Reisewarnung ausgesprochen, was damals als sehr drastische Maßnahme angesehen wurde. Zum oben genannten Zeitpunkt nahm man an, dass nur etwa 4 bis 5 Prozent aller Infizierten an der Virusinfektion sterben. Doch diese Ansicht musste nach Angaben der Fachzeitschrift Lancet vom 7. Mai revidiert werden: Die Todesrate war wesentlich höher als bisher vermutet. In jedem fünften Fall führte die Infektion zum Tode. Die erste umfangreiche wissenschaftliche Studie über die Ausbreitung der Seuche, basierend auf exakten Daten aus Hong Kong, ergab, dass SARS bei Menschen, die jünger als 60 Jahre sind, in sieben bis 13 Prozent der Fälle tödlich verläuft, bei Menschen über 60 sogar in 43 bis 55 Prozent der Fälle. Besonders ältere Menschen müssen sich also vorsehen. Reisende, die zum Zeitpunkt einer Epidemie in betroffenen Ländern unterwegs sind, sollten Vorsichtsmaßnahmen beachten und etwa Menschenansammlungen meiden und in Verkehrsmitteln einen Mundschutz tragen.

Am 24. Juni 2003 ist die Reisewarnung von der WHO vollständig aufgehoben worden [4].

Impfstoffentwicklung

Das US-amerikanische Forscherteam um Hilary Koprowski veränderte Anfang 2005 Tomaten- und Tabakpflanzen genetisch so, dass die Pflanzen einen Teil des so genannten Spike-Proteins des SARS-Virus produzieren. Dieses so erhaltene Protein, das sich normalerweise in der Außenhülle des Virus befindet und dem Erreger hilft, in die menschlichen Zellen einzudringen, wurde nun als ein Impfstoff gegen das Virus bei Mäusen erfolgreich getestet. Weitere Studien hinsichtlich der besseren Verabreichung des Impfstoffes sind jedoch noch notwendig [5]. Da SARS spurlos verschwunden ist (letzter Fall war Dez. 2003), dürfte sich eine Impfung erübrigt haben.

Sorgen und Warnungen

Sorgen bereiten die Aussagen des Hongkonger Mikrobiologen Yuen Kwok Yung. Der Forscher hält es für möglich, dass das SARS-Virus zu einer Biowaffe entwickelt werden kann. Auf einer Konferenz von 2.000 Wissenschaftlern zur Bekämpfung der Seuche in der taiwanischen Hauptstadt Taipeh sagte Yuen am 21. April 2003: „Das Virus aus der Familie der Corona-Viren schädigt nicht nur die Atemwege, sondern auch Rückgrat, Milz und Nervensystem.“ Weil es ständig mutiere und gefährlicher werde, ähnele es den Milzbrandsporen.

Literatur

deutsch
englisch

Quellen

  1. [1]
  2. http://www.aerztekammer-bw.de/25/10praxis/70impfdialog/0303.pdf
  3. http://www.who.int/csr/sars/urbani/en/
  4. NETZEITUNG WISSENSCHAFT: WHO: Keine SARS-Gefahr mehr in China
  5. Severe acute respiratory syndrome (SARS) S protein production in plants: Development of recombinant vaccine - Pogrebnyak et al. 102 (25): 9062 - Proceedings of the National Academy of Sciences
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