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Mittelniederdeutsche Sprache

Die mittelniederdeutsche Sprache (Kürzel nach ISO 639-3 gml von englisch German Middle Low) ist ein Entwicklungsstadium des Niederdeutschen und hat sich aus der altniederdeutschen (altsächsischen) Sprache im Mittelalter entwickelt und ist seit etwa dem Jahre 1225/34 schriftlich belegt (Sachsenspiegel).

Inhaltsverzeichnis

Begriff „Mittelniederdeutsch“

Der Begriff Mittelniederdeutsch ist zweideutig:

Die größeren Darstellungen des Mittelniederdeutschen (etwa Lübben und Lasch) behandeln das Mittelniederdeutsche ausschließlich im engeren Sinne. [1]

Verbreitung

Die mittelniederdeutsche Sprache war in der Hansezeit von etwa 1300 bis ca. 1600 n. Chr. die führende Schriftsprache im Norden Mitteleuropas und diente als Lingua franca in der Nordhälfte Europas. Sie wurde parallel zum Latein auch für Zwecke der Diplomatie und für Urkunden verwendet. So wurden der größte Teil des Schriftverkehrs der Hanse in Mittel- und Nordeuropa auf Mittelniederdeutsch durchgeführt. Mittelniederdeutsche Urkunden gibt es von London im Westen bis Nowgorod im Osten und Bergen im Norden bis Westfalen im Süden. Auch in Visby auf Gotland, Riga, Reval und Dorpat wurde mittelniederdeutsch kommuniziert. So existiert noch ein handschriftliches Wörterbuch Mittelniederdeutsch-Russisch des Tönnies Fonne von 1607 in der Dänischen Königlichen Bibliothek in Kopenhagen. Insbesondere aus dieser Zeit resultiert ein erheblicher Einfluss des Niederdeutschen auf die skandinavischen Sprachen Norwegisch, Dänisch und Schwedisch, der durch zahlreiche Lehnworte gekennzeichnet ist. Manche Skandinavisten meinen, rund die Hälfte oder noch mehr des schwedischen Wortschatzes gehe auf Niederdeutsch zurück. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass es sich weniger um die häufigsten Wörter (Pronomina, Konjunktionen, Präpositionen etc.) als vielmehr um teilweise seltenere Substantive handelt (Berufsbezeichnungen etc.).

Regionale Ausprägungen der Schriftsprache

Die frühen mittelniederdeutschen Texte waren noch deutlich von der gesprochenen Sprache geprägt. Dort kamen verkürzte, mündliche Formen vor wie semme (statt sineme, "seinem"), sir (statt siner, "seiner"), eyr (statt einer, "einer"). Diese Texte waren landschaftlich geprägt, gaben aber keinen Dialekt wieder. In der späteren Schriftsprache versuchten die Schreiber, diese verkürzten Formen zu vermeiden und etymologisch korrektere Formen zu verwenden. [2]

Im 15. und im frühen 16. Jahrhundert übte durch die Devotio moderna das östliche Mittelniederländisch Einfluss aus auf das münsterländische schriftliche Mittelniederdeutsch.[2]

Im Westfälischen und im Ostfälischen gab es mitteldeutsche Einflüsse, besonders im Elbostfälischen. Das Hochdeutsche muss den dortigen Schreibern geläufig gewesen sein. [2]

Manche Sprachwissenschaftler nehmen an, dass vom südlichen Ostfälisch aus schreibsprachliche Einflusse auf das übrige Ostfalen augegangen sind. Das südliche Ostfalen gilt als das stärkste geistige Zentrum den frühen Mittelniederdeutschen. [2]

Ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wird das geschriebene Mittelniederdeutsch zunehmend einheitlicher. Diese mittelniederdeutsche Schriftsprache ist aus dem damaligen Ostniederdeutschen entstanden und wurde besonders durch Lübeck geprägt. Diese überregionale Schriftsprache setzt eine überregionale mündliche Verkehrssprache voraus, die nicht erhalten ist, aber angenommen werden muss. [2]

Sprachdenkmäler

Neben den mittelniederdeutschen Urkunden stellen insbesondere folgende Werke wichtige Sprachdenkmäler der mittelniederdeutschen Sprache dar:

Spätere Sprachen

Aus dem Mittelniederdeutschen ist das moderne Niederdeutsche hervorgegangen.

Wörterbücher

Der Wortschatz des Mittelniederdeutschen wird beschrieben im Mittelniederdeutschen Handwörterbuch.

Literatur

Quellen

  1. Jan Goossens, Niederdeutsche Sprache - Versuch einer Definition; in: Niederdeutsch - Sprache und Literatur, hrsg. von Jan Goossens, Band 1 - Sprache, Neumünster 1973, S. 9-27
  2. a b c d e Karl Bischoff, "Mittelniederdeutsch"; in: Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Gerhard Cordes und Dieter Möhn (Hrsg.), Erich Schmidt Verlag, Berlin 1983, ISBN 3-503-01645-7; S. 98-118