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Dispositiv

Der Begriff Dispositiv wurde geprägt durch die Diskurstheorie des französischen Philosophen Michel Foucault. Er versteht unter einem Dispositiv „ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architektonische Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfasst. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft ist“ (Foucault 1978, S. 119 f.).

Nach Siegfried Jäger ist das Dispositiv in Foucaults Diskurstheorie ein Zusammenspiel von Sprechen, Denken und Handeln auf der Basis von Wissen, sowie die Sichtbarkeit und die Vergegenständlichung von Wissen durch Handlungen und Tätigkeiten. Dispositive sind also vielfältig miteinander verzahnte und ineinander verschlungene diskursive und nichtdiskursive Praktiken. Nach Foucault „bilden“ diese Diskurse „systematisch die Gegenstände“, von denen sie sprechen oder handeln. Das setzt nach Jäger voraus, dass „jeweilig konkrete Menschen […] in Gegenwart und Geschichte und vorausplanend auch für die Zukunft der Wirklichkeit Bedeutung zu (weisen)“.

Am Beispiel archäologischer Artefakte lässt sich dies gut erklären: Gegenstände, deren Gebrauch und Zweck uns nicht mehr bekannt sind, geben uns Rätsel auf. Wozu wurden sie benutzt? Wer konnte – und durfte – sie gebrauchen? Wie oft ist der Gegenstand verändert worden, bis er seine endgültige Form erreicht hat? Wie viele diskursive Praktiken mussten durchlaufen werden, bevor man sich einigte, den Gegenstand so und nicht anders zu gestalten? Es gab eine Zeit, in der er evident war – wichtig oder sogar überlebensnotwendig. Heute sagt er uns nichts mehr. Das damalige Sprechen über seinen Zweck, sein Eingebundensein in ein bestimmtes System des Denkens und der Vorstellung von Welt fehlt uns heute – dieser Diskurs ist verloschen. Mit ihm verschwand die besondere Theorie der Position des Menschen in der Welt, in deren Zusammenhang der Gegenstand relevant war.

Genauso können wir heutige Dispositive betrachten: Gegenstand (Werkzeug, Gebäude, Spielzeug, Organisationsstruktur etc.), diskursive Praktiken (Theorien, Texte, Diskussionen, Sinnzuschreibungen etc.), nichtdiskursive Praktiken (Herstellung, Gebrauch etc.). Nur solange uns die diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken bekannt sind, hat der Gegenstand einen Sinn. Andererseits, wenn neue Diskurse auftauchen und neue Bedürfnisse geweckt werden, stellen wir wieder – uns heute vielleicht noch nicht vorstellbare – Gegenstände her, die in Zukunft gebraucht und benötigt werden.

Diskurse sind in diesen Prozessen die treibende Kraft. Sie stellen „das Wissen für die Gestaltung von Wirklichkeit“ bereit, indem sie machtvoll bestimmte Formen und Inhalte von Wissen aus der Vergangenheit in die Gegenwart transportieren. Damit gestalten Diskurse unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln grundlegend, denn „nicht die Wirklichkeit spiegelt sich im Bewusstsein, sondern das Bewusstsein bezieht sich auf die Wirklichkeit“ (Jäger). Jedoch ist es nicht der Diskurs, der „allein die Welt bewegt“ (Jäger). Foucault zeigt anhand des Dispositivs, dass die Komplexität von Diskurs, Herstellungspraktiken, Handlung, Gegenständen, Strukturen usw. ein weites Feld des kulturellen Wissens und seiner Weitergabe darstellt.

Daraus ergibt sich für Jäger, dass Diskurse „keine eigenständig und unabhängig existierenden Phänomene“ sind. Diskurse „bilden Elemente von und sind die Voraussetzung für die Existenz von sogenannten Dispositiven“. Ein „Dispositiv ist der prozessierende Zusammenhang von Wissen, die in Sprechen/Denken – Tun – Vergegenständlichung eingeschlossen sind“.

Ein an Foucault anschließender und erweiterter Dispositivbegriff wird von Gilles Deleuze vorgeschlagen, der die Dynamik und Ereignishaftigkeit innerhalb von Dispositiven in den Vordergrund stellt (vgl. Deleuze 1991).

Siehe auch

Literatur