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Edward Gorey

Edward St. John Gorey (* 22. Februar 1925 in Chicago; † 15. April 2000 in Hyannis, Cape Cod) war ein US-amerikanischer Autor und Illustrator. Bekannt ist er für seine schwarzweiß schraffierten Zeichnungen, mit denen er sowohl Bücher anderer Autoren als auch eigene Werke, hauptsächlich kurze Geschichten in Comicform, illustrierte.

Goreys Geschichten sind in skurrilem Humor gehalten und enthalten Elemente der Nonsensliteratur. Oft handeln sie von emotions- und arglosen Personen in altertümlich anmutender Umgebung, denen absurde und makabre Dinge zustoßen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Edward Gorey war das einzige Kind des Zeitungsreporters Edward Leo Gorey und seiner Frau Helen, geb. Garvey.[1] Die Eltern förderten das Zeichentalent des jungen Gorey. Dennoch lernte er weitgehend im Selbststudium zu zeichnen; nach dem Abschluss der High School besuchte er lediglich 1943 ein Semester lang samstags einen Lehrgang am Art Institute of Chicago. Von 1944 bis 1946 diente Gorey in der Armee als Angestellter am Waffentestgelände Dugway Proving Ground in Utah. Daraufhin schrieb er sich an der Harvard University ein, wo er 1950 mit einem Bachelor of Arts in Französisch abschloss.

Nachdem er in Boston bei verschiedenen Buchhändlern tätig war, arbeitete Gorey von 1953 bis 1960 in New York als Autor sowie als Illustrator für den Doubleday-Verlag. 1953 veröffentlichte er sein erstes Buch, The Unstrung Harp, ein Jahr später folgte The Listing Attic. Diese ungewöhnlichen Werke fanden bei einem neugierigen Kreis von Lesern und New Yorker Intellektuellen Anklang. Mit der Veröffentlichung von The Doubtful Guest durch Doubleday drei Jahre später wurden seine Werke auch Kindern und Erwachsenen außerhalb New Yorks bekannt. Von Goreys ersten vier Büchern wurden nur je etwa 1500 Exemplare verkauft, und er wechselte oft den Verleger.[2] Manchmal verlegte er die Bücher selbst unter dem Imprint Fantod Press.

Größere Beachtung erfuhren Goreys Werke, nachdem Edmund Wilson 1959 für das Magazin The New Yorker Goreys Zeichnungen mit denen von Max Beerbohm und Aubrey Beardsley verglich.[3] 1959 gründete Gorey die Looking Glass Library, einen auf Kinderbücher spezialisierten Imprint des Verlags Random House.

In den 1960er Jahren begannen Goreys Geschichten vor der Buchveröffentlichung in Zeitschriften zu erscheinen; ab 1965 wurden seine Werke regelmäßig von Kunsthochschulen und -einrichtungen ausgestellt.

In den 1970er Jahren konzentrierte sich Gorey auf Geschichten für Erwachsene, verdiente aber weiterhin seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit der Illustration von Kinderbüchern anderer Autoren. Der Diogenes Verlag begann 1972 damit, einige seiner frühen Werke in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen. Zunehmend experimentierte Gorey mit ungewöhnlichen Buchformaten und neuen Möglichkeiten, Text und Zeichnung zu verbinden, so etwa schrieb er 1982 das Pop-up-Buch The Dwindling Party.

Gorey hielt mehrere Katzen, interessierte sich für Stummfilme, viktorianische Romane sowie japanische und chinesische Literatur und besuchte regelmäßig das New York City Ballet; alle diese Interessen waren auch eine Quelle der Inspiration für seine Werke.[4] 1986 zog er nach Cape Cod – zunächst Barnstable, später Yarmouth Port – wo auch Familienmitglieder und Freunde ansässig waren. Seitdem beschäftigte er sich vor allem mit Theaterproduktionen, sowohl als Bühnen- und Kostümdesigner als auch als Autor von Theaterstücken. Edward Gorey starb am 15. April 2000 unverheiratet und kinderlos im Cape Cod Hospital in Hyannis an einem Herzinfarkt. Goreys Wohnhaus ist heute ein Museum, in dem sein Leben und Werk dokumentiert wird.

Goreys Werke

Bis auf wenige Ausnahmen sind Goreys mehr als 100 eigene Bücher[4] kurze Erzählungen in Form einer Bilderfolge mit jeweils kurzen Texten als Prosa oder Gedicht. Die Geschichten scheinen im späten viktorianischen oder im edwardianischen Zeitalter, oft in wohlhabender Umgebung mit großen Villas und gut gekleideten, emotionslosen Leuten der Oberschicht zu spielen. Durch die reglose, meist düster schwarzweiße Atmosphäre der Illustrationen, die Schauplätze aus einer vergangenen Zeit und den knappen, in kühlem Ton gehaltenen Text entsteht der Eindruck, es würde ein „Paralleluniversum“, das ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften gehorcht, betreten.[5][6]

Stets geschieht etwas Unvorhergesehenes: Personen werden von merkwürdigen Gestalten heimgesucht, verschwinden oder fallen plötzlich abstrusen Unglücken zum Opfer. Kinder werden besonders oft zum Opfer; eines von Goreys bekanntesten Büchern, The Gashlycrumb Tinies, zählt in naivem Paarreim die tödlichen Schicksale von 26 kleinen Kindern in alphabetischer Reihenfolge auf. Dennoch ist der Gesamteindruck von Goreys Geschichten nicht tragisch, sondern aufgrund des ironischen Untertons komisch. Die Werke wurden auch als „postmoderne Märchen“ bezeichnet[7]; viele können als – wenn auch nach heutigen Maßstäben unkonventionelle – Kinderliteratur gelten. Der Bezug zum Nonsens ist mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Einordnung

Kinderliteratur

Zur Frage, ob Goreys Werke als Kinder- oder als Erwachsenenliteratur gelten können, gibt es ob des oftmals makabren Inhalts unterschiedliche Einschätzungen. Nachrufe und Kritiken reichen von der Behauptung, Gorey sei kein Autor von Kinderbüchern[8] bis hin zur Aussage, dass seine Bücher für Kinder ideal seien.[9] Gorey, der zeitlebens Kinderliteratur illustrierte und 1965 an der Universität einen Kurs über Kinderliteratur lehrte[10], behauptete selbst, er habe viele seiner eigenen Werke in erster Linie für Kinder geschrieben.[11]

Kevin Shortsleeve sieht den Grund für den mangelnden Ruf Goreys als Kinderbuchautor sowohl in dessen Unwillen, für seine Werke zu werben als auch in der Art und Weise, wie seine Werke veröffentlicht wurden.[12] Die Verleger der Amphigorey-Sammelbände hätten Kinder nicht als Zielgruppe betrachtet, weshalb die Bände für Kinder geeignete Geschichten mit solchen, die als ungeeignet gelten könnten, mischen würden. Gorey sei von der Unangemessenheit seiner Geschichten nicht überzeugt gewesen, da er begriffen habe, dass frühere Kinderliteratur oftmals grausig war, so etwa Grimms Märchen. Tatsächlich könnten Kinder – die ohnehin gewalttätige Literatur schätzen würden – Goreys Werke als Parodien auf die zahlreichen Kindergeschichten mit gutem Ausgang auffassen und durch das Lesen von Gorey ihre Reife demonstrieren.[13] Auch seien einige der Schicksale von Kindern, wie sie Gorey beschreibt, plausibel; Kinder könnten sich von diesen erfrischend brutalen, realitätsnahen Schilderungen angesprochen fühlen.

Einige von Goreys Geschichten ähneln Kinderbüchern mit warnenden und abschreckenden Beispielen, wie sie beispielsweise von Wilhelm Busch, Heinrich Hoffmann (Struwwelpeter) und Hilaire Belloc (Cautionary Tales for Children) veröffentlicht wurden.[14] Das Buch The Stupid Joke etwa erzählt von einem Jungen, der sich zum Leidwesen seiner Familie einen Spaß daraus macht, im Bett zu bleiben, und den schließlich ein böses Ende ereilt. Die furchtbaren Konsequenzen des kindlichen Ungehorsams erwecken bei Gorey stets einen normalen und wenig tragischen Eindruck.[15]

Humor und Parodie

Obwohl Gorey mangels jeglicher moralischer Stellungnahme in seinen Werken[17] eher als Humorist denn als Satiriker bezeichnet werden kann, machte er Gebrauch von satirischen Stilmitteln wie Ironie und Parodie.[18]

Der Humor in Goreys Werken kann als eine moderne Art des schwarzen Humors betrachtet werden, der sich auf eine ironische Umkehrung des im viktorianischen Zeitalter verbreiteten Sentimentalitätskultes gründet.[19] Da man im 19. Jahrhundert Todesfälle nicht so leicht Krankenhäusern und Pflegeheimen überlassen konnte, sondern mit ihnen im eigenen Haus zurechtkommen musste, wurde der Tod auf sentimental-fromme Weise idealisiert. Gorey persiflierte und parodierte diese Haltung, so etwa in The Gashlycrumb Tinies und in der im Stil moralistischer Kinderliteratur gehaltenen Geschichte The Pious Infant.[20]

Wim Tigges sieht in Goreys Werken ein „perfektes Gleichgewicht zwischen Existenz und Nichtexistenz von Humor“, denn Sätze wie “Over the next two years they killed three more children, but it was never as exhilerating as the first had been” (aus The Loathsome Couple) erzeugen einen inneren Gegensatz, der einen zwischen Belustigung und Abscheu schwanken lässt.[21]

Nonsens und Wortspiele

Etwa die Hälfte von Goreys Werken besteht aus Reimen oder aus kurzen, alliterierenden Sätzen.[22] Nonsens ist ein häufiger Bestandteil von Goreys Geschichten; das Wort amphigory, auf dem die Titel von Goreys Sammelbänden basieren, bedeutet Unsinnsgedicht. Die Sprachmelodie der Verse, die spielerischen Reime und die Nonsens-Limericks ähneln den Werken Edward Lears.[23] Im „schwarzen“ Nonsens und grausamen Humor von Goreys Geschichten liegt der größte Unterschied zur Nonsens-Kinderliteratur von Dr. Seuss, in der Fröhlichkeit und Optimismus überwiegen.[24] Allerdings bauen sowohl die Nonsenstexte als auch die Reimpaare eine Distanz zum gewalttätigen Inhalt auf.[22] Gorey selbst sah keine Alternative zu „abscheulichem“ Nonsens, denn „sonniger, fröhlicher“ Nonsens sei langweilig.[25]

Goreys trockene Beschreibungen unwahrscheinlicher Ereignisfolgen wurden auch mit dadaistischen und surrealistischen Gedichten verglichen.[26] Zwar sah sich Gorey in der Tradition der surrealistischen Theorie, war aber den meisten Kunstwerken des Surrealismus abgeneigt.[27]

Ein häufiges Element in Goreys Werken ist die trockene Erwähnung ausschmückender, aber etwas fehl am Platz anmutender Details. In The Unstrung Harp zum Beispiel brütet ein Schriftsteller unendlich lange über einen Satz “while picking up and putting down again small, loose objects”.[28] Gorey versuchte nach eigener Aussage irrelevante und unpassende Ideen auszudrücken, um die Einbildungskraft des Lesers nicht durch konkrete Sinnzusammenhänge einzuschränken.[29]

Gorey schrieb häufig unter Pseudonymen, oft Anagrammen seines eigenen Namens. Gelegentlich entlehnte er Titel, Untertitel oder Personennamen der französischen, deutschen und italienischen Sprache.

Geschichten wie The Raging Tide, bei der der Leser sich selbst eine Handlungssequenz aufbauen kann, und Bücher in ungewöhnlichen Formaten – ohne Text, in Daumengröße oder als Faltbuch – weisen eine Nähe zur postmodernen Literatur auf, die durch Selbstreflexivität ausdrücklich auf ihre Form hinweist.[30]

Illustrationen und Symbolik

In Goreys Werken herrscht ein Gleichgewicht zwischen Worten und Bildern[31], die untrennbar miteinander verbunden sind.[32]

Gorey bewunderte die Illustrationen John Tenniels[33] und wurde von Edward Lears Zeichenstil beeinflusst.[34] Einige von Goreys Büchern, insbesondere spätere, sind mit Wasserfarben laviert. Farben verwendete er als zusätzliches Element, um einzelne Elemente besser hervorzuheben oder voneinander abzugrenzen, nicht aber um die emotionale Aussagekraft direkt zu verstärken.[35]

Goreys Illustrationen sind oft sparsam gestaltet, da sie nur einige wenige Personen vor einem auf das Wesentliche reduzierten Hintergrund zeigen. Der Kontext wird häufig durch Objektfragmente am Bildrand, etwa Teile eines Gleises oder einer Statue, verdeutlicht.[36] Oft stellte Gorey den dramatischsten Augenblick, kurz vor den unmittelbaren Folgen des Unglücks, dar.[37]

Goreys Bücher und Geschichten erinnern vage an Stummfilme.[38] Die „Reisegeschichte“ The Willowdale Handcar beispielsweise wirkt wegen der demonstrativen Ernsthaftigkeit des Textes und der absurden Handlung wie eine Hommage an die Kurzfilme von Buster Keaton.[39] Trotz Goreys Interesse für die Filmkunst imitieren seine Zeichnungen nicht die filmtypische Kameraperspektive. Vielmehr stellt er seine Personen im Ganzen und in gleicher Entfernung vom Betrachter, vergleichbar mit Bühnendarstellern, dar.[36]

Gorey verwendete häufig Symbole wie Fledermäuse, Urnen oder Totenköpfe, die als böse Vorboten dienen.[40] Derartige Omen waren sowohl im Schauerroman als auch in der Malerei des 19. Jahrhunderts verbreitet; im Roman Dracula etwa fliegt der Vampir in Gestalt einer Fledermaus um die Fenster seiner Opfer herum. In Goreys The Hapless Child wird diese Symbolik besonders deutlich, da die Bilder im Hintergrund seltsame Kreaturen zeigen, die den unglücklichen Ausgang der Geschichte vorausahnen lassen. Dennoch sah sich Gorey nicht in der Tradition des Schauerromans.[41]

Daneben machte Gorey wiederholt Gebrauch von banalen Alltagsgegenständen wie Regenschirmen, Fahrrädern, Buchbinderkleister, Teekannenwärmern oder Staubwedeln, die er oft als rätselhafte Elemente in das Geschehen integrierte und die gelegentlich sogar zu aktiven Hauptfiguren der Handlung werden (etwa in The Inanimate Tragedy).

Einige bekannte Werke (Auswahl)

The Unstrung Harp (Eine Harfe ohne Saiten, 1953)

Dieses erste veröffentlichte Buch Goreys erzählt in 30 Bildern von einem Romanautor, der an seinem neuen Buch schreibt. Durch die schrittweise Anhäufung unsinniger und bizarrer Details im Text wird von Anfang an eine Spannung zwischen Sinnhaftigkeit des Beschriebenen und Nonsens aufgebaut; am Ende hat die Geschichte mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.[42] Das Werk kann sowohl als Selbstporträt Goreys als auch als Satire auf die Frage nach dem Sinn des Bücherschreibens gedeutet werden.[43]

The Listing Attic (Balaclava, 1954)

Dieses Buch enthält 60 illustrierte Limericks. Viele der Gedichte beschreiben auf trockene Art und Weise diverse Gewaltakte; dies ist für viele Werke der Nonsensliteratur typisch. Die Grausamkeit bleibt unmotiviert und ungeklärt, ohne dass das Mitgefühl des Lesers angesprochen wird.[44]

The Doubtful Guest (Der zweifelhafte Gast, 1957)

The Doubtful Guest handelt von einer Familie, die von einem Eindringling, einer stummen, pinguinartigen Gestalt, heimgesucht wird. Obwohl der „Gast“ den Bewohnern lästig fällt, wird seine Anwesenheit toleriert. Gorey widmete das Werk Alison Lurie, nachdem er von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Lurie vermutet, dass der zweifelhafte Gast, der zunächst seltsam aussieht und keine Sprache versteht, und später habgieriges und zerstörerisches Verhalten an den Tag legt, ein Kind darstellen soll.[4]

The Object-Lesson (Ein sicherer Beweis, 1958)

Dieses Buch besteht aus 30 Illustrationen mit je einer Zeile Text, die zusammen ein „non sequitur“, eine Geschichte ohne Sinnzusammenhang, bilden. Der Text erinnert an die literarischen Avantgarde-Techniken von William S. Burroughs und Brion Gysin, die Nonsens fabrizierten, indem sie Sätze aus Zeitungen ausschnitten und in beliebiger Folge wieder zusammensetzten.[45] Obwohl der Text sich am Rande des Absurden bewegt, wird zusammen mit den Bildern eine sinnvolle Handlung angedeutet. Es scheint, als könne das Rätsel gelöst werden, wenn nur einige zusätzliche Anhaltspunkte vorlägen.[46]

The Hapless Child (Das unglückselige Kind, 1961)

Diese Geschichte erzählt in lakonischem Ton von einem kleinen Mädchen aus wohlhabendem Hause, das beide Eltern verliert, in ein Internat gesteckt wird, nach der Flucht in die Gewalt eines Trunkenbolds gerät und schließlich vom totgeglaubten Vater überfahren wird. Es handelt sich dabei zwar um eine offensichtliche Parodie auf den rührseligen Kinderroman des 19. Jahrhunderts – Frances Hodgson Burnetts Sara Crewe ist ein exemplarisches Beispiel[47] – doch hindert das den Leser nicht daran, die tragische Handlung mit echtem Mitleid zu verfolgen.[48]

The Curious Sofa (Das Geheimnis der Ottomane, 1961)

Trotz des Untertitels dieses Werks, “a pornographic work by Ogdred Weary”, werden alle Handlungen der Fantasie des Lesers überlassen. Die suggestiven und doch nichtssagenden Ausdrücke wie “to perform a rather surprising service” spiegeln sich in den Illustrationen durch ausdruckslose, verdeckende Wandschirme, Autotüren oder Äste wieder, sodass fast Zweifel aufkommen, ob überhaupt etwas Anstößiges beschrieben wird. Eine derartige Thematisierung von Sex kommt ansonsten kaum in der Nonsensliteratur vor.[49]

The Gashlycrumb Tinies (Die Kleinen von Morksrohlingen, 1963)

Dieses Werk ist eines von mehreren Alphabeten in Reimform. In jedem der Bilder fällt ein kleines Kind, dessen altmodischer Name mit dem jeweiligen Buchstaben beginnt, einem gewaltsamen Tod zum Opfer. Die würdelosen, grotesken Todesarten stehen in unverhohlenem Gegensatz zum viktorianischen Idealbild des „guten“ Todes.[20] Zusammen mit The Doubtful Guest zählt The Gashlycrumb Tinies zu den bekanntesten Werken Goreys.

The Wuggly Ump (Der Schrekelhuck, 1963)

The Wuggly Ump ist Goreys einziges Werk, das von den Verlegern als Kinderbuch beworben wurde[50] und auch eines der wenigen Bücher mit kolorierten Illustrationen. Die Geschichte handelt von drei spielenden Kindern, die am Ende von einem gefräßigen Ungeheuer verschlungen werden. Im Gegensatz zu Lears Ungeheuern, die als Protagonisten unsinnige Handlungen ausführen, besteht der Nonsens beim „Wuggly Ump“ darin, dass er als Eindringling beschrieben wird, über dessen Herkunft und Vorhaben Unklarheit bestehen. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Opfer bis zuletzt fröhlich die drohende Gefahr ignorieren.[49]

The Sinking Spell (Der Spuk-Fall, 1964)

Diese Geschichte handelt von einem rätselhaften Etwas, das langsam vom Himmel heruntersinkt, weiter durch das Haus einer Familie schwebt und schließlich im Keller versinkt. Es wird nie angedeutet, worum es sich bei der „Kreatur“ handelt, und sie scheint bei den Betroffenen keine andere Reaktion als Verwunderung hervorzurufen. Der „Spuk“ selbst bleibt in den 16 Bildern unsichtbar; seine Existenz wird lediglich durch die starrenden Blicke der dargestellten Personen angedeutet.

The Evil Garden (Der böse Garten, 1966)

Wie viele andere Werke veröffentlichte Gorey dieses Buch unter einem Pseudonym; angeblich handelt es sich um Mrs. Regera Dowdys Übersetzung einer Geschichte von Eduard Blutig mit Illustrationen von O. Müde. Eine Familie betritt einen merkwürdigen Garten, der auf den ersten Blick prachtvoll aussieht, sich aber bald als tödlich entpuppt. Nach und nach werden Personen von Pflanzen verschlungen, von Schlangen erwürgt oder versinken im „blubbernden Teich“.

The Iron Tonic (Das Eisen-Tonikum, 1969)

Im Gegensatz zu den anderen Geschichten spielt diese Zusammenstellung kaum aufeinander bezogener, illustrierter Reimpaare (Untertitel: “or, a Winter Afternoon in Lonely Valley”) in einer ausgedehnten, einsamen, kargen Winterlandschaft. In einigen der Bilder fallen Gegenstände wie Uhren, Spiegel, Vasen und Fahrräder vom Himmel, die zu den beliebten Nonsens-Objekten gehören.[51] Jede Zeichnung enthält eine kreisförmige Ansicht, die auf den ersten Blick wie ein über die Szene gelegtes Vergrößerungsglas wirkt, aber oft entfernte, vom Kontext losgelöste Details zeigt und kaum zum Verständnis beiträgt.[52]

The Epiplectic Bicycle (Das epiplektische Fahrrad, 1969)

The Epiplectic Bicycle zählt zu den Werken mit ausgeprägten Nonsens-Elementen. Das Buch handelt von zwei Kindern, Embley und Yewbert, die ein Fahrrad finden und damit auf eine Reise voller seltsamer Abenteuer gehen.

The Loathsome Couple (Das verabscheuungswürdige Paar, 1977)

Diese Geschichte erzählt von einem Verbrecherpaar und ihrem „Lebenswerk“, das darin besteht, kleine Kinder in ein entlegenes Haus zu locken und Nächte damit zu verbringen, sie zu töten. Das Paar wird schließlich verdächtigt und verhaftet. Gorey gab zu, dass The Loathsome Couple ein verstörendes Werk sei, verteidigte sich aber damit, dass es auf einem wahren Fall, nämlich den Moors murders, basieren würde.[53]

Weitere Tätigkeiten

Ab 1973 entwarf Gorey Kostüme und Dekorationen für meistens regionale Theatervorstellungen und Balletts. Für seine Kostüm- und Dekorationsentwürfe zur Broadway-Aufführung von Dracula 1977 erhielt Gorey den Tony Award. Gorey schrieb auch selbst einige Theaterstücke, etwa Tinned Lettuce (1985).

Gorey gestaltete nicht nur Bucheinbände, sondern lieferte auch Illustrationen für populäre Zeitschriften sowie für das CD-Cover einer lokalen Musikgruppe. Weiterhin zeichnete er ab 1980 die animierten Eröffnungssequenzen für die Sendereihe Mystery! des Fernsehsenders PBS.

Auszeichnungen

Literatur

Sammelbände:

Sekundärliteratur:

 Commons: Edward Gorey – Bilder, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Biografische Angaben aus Alexander Theroux: The Strange Case of Edward Gorey sowie Eintrag “Edward Gorey” in Glenn E. Estes (Hrsg.): Dictionary of Literary Biography, Volume 61: American Writers for Children Since 1960: Poets, Illustrators, and Nonfiction Authors, S. 99–107, Gale, Detroit 1987, ISBN 0-8103-1739-7
  2. Carol Stevens: An American Original. Print 42, 1 (Jan./Feb. 1988): 49–63, ISSN 0032-8510. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 131
  3. Edmund Wilson: The Albums of Edward Gorey. In The New Yorker 35 (26 December 1959): 60–66, ISSN 0028-792X
  4. a b c Alison Lurie: On Edward Gorey. The New York Review of Books 47, 9 (25. März 2000): 20, ISSN 0028-7504
  5. Tigges, S. 195
  6. Ross/Wilkin 1996, S. 55, 57
  7. Amy Hanson: Edward Gorey’s Fiendish Fables & Bizarre Allegories. Biblio 3, 1 (1998): 16–21, ISSN 1087-5581, hier S. 17
  8. Kate Taylor: G is for Gorey who never was sorry. The Globe and Mail, 22. April 2000 (Online)
  9. Maurice Sendak, zitiert in Shortsleeve, S. 27
  10. Shortsleeve, S. 27
  11. Tobi Tobias: Balletgorey. Dance Magazine 48,1 (Jan. 1974): 67–71, ISSN 0011-6009. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 23
  12. Kevin Shortsleeve: Edward Gorey, Children’s Literature, and Nonsense Verse.
  13. Celia Anderson, Marilyn Apseloff: Nonsense Literature for Children: Aesop to Seuss. S. 171. Library Professional Publications, Hamden 1989, ISBN 0-208-02161-2. Zitiert in Shortsleeve, S. 30
  14. Shortsleeve, S. 31–32
  15. Ross/Wilkin 1996, S. 61
  16. Kennedy, S. 188
  17. Van Leeuwen, S. 202. Zitiert in Tigges, S. 184
  18. Kennedy, S. 181
  19. Kennedy, S. 182
  20. a b Kennedy, S. 188–189
  21. Tigges, S. 195
  22. a b Shortsleeve, S. 33
  23. Van Leeuwen, zitiert in Shortsleeve, S. 34
  24. Shortsleeve, S. 34
  25. Stephen Schiff: Edward Gorey and the Tao of Nonsense. The New Yorker, 9. November 1992, S. 84–94, hier S. 89. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 147
  26. Ross/Wilkin 1996, S. 64
  27. Jane Merrill Filstrup: Interview with Edward Gorey. The Lion and the Unicorn 1 (1978): 17–37, ISSN 0147-2593. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 84
  28. Tigges, S. 185–186
  29. Stephen Schiff: Edward Gorey and the Tao of Nonsense. The New Yorker, 9. November 1992, S. 84–94, hier S. 93. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 154
  30. Shortsleeve, S. 37
  31. Tigges, S. 184
  32. Van Leeuwen, S. 198. Zitiert in Tigges, S. 184
  33. Shortsleeve, S. 35
  34. Ina Rae Hark: Edward Lear. S. 135. Twayne, Boston 1982, ISBN 0-8057-6822-X. Zitiert in Tigges, S. 183
  35. Ross/Wilkin 1996, S. 55
  36. a b Ross/Wilkin 1996, S. 81
  37. Ross/Wilkin 1996, S. 63
  38. Simon Henwood: Edward Gorey. Purr (Spring 1995): 22–24, ISSN 1351-4539. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 158
  39. Ross/Wilkin 1996, S. 57
  40. Kennedy, S. 185
  41. Stephen Schiff: Edward Gorey and the Tao of Nonsense. The New Yorker, 9. November 1992, S. 84–94. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 147
  42. Tigges, S. 184–185, 187
  43. Van Leeuwen, S. 202. Zitiert in Tigges, S. 184
  44. Tigges, S. 187
  45. Stephen Schiff: Edward Gorey and the Tao of Nonsense. The New Yorker, 9. November 1992, S. 84–94. Wiedergegeben in Wilkin 2001, hier S. 153–154
  46. Tigges, S. 188
  47. Ross/Wilkin 1996, S. 63
  48. Manuel Gasser: Edward Gorey. Graphis 28/Nr. 163 (1972): 424–431, ISSN 0017-3452
  49. a b Tigges, S. 189
  50. Shortsleeve, S. 28
  51. Tigges, S. 191
  52. Ross/Wilkin 1996, S. 69
  53. Shortsleeve, S. 38
Personendaten
Gorey, Edward
Gorey, Edward St. John
US-amerikanischer Autor und Illustrator
22. Februar 1925
Chicago, Illinois, USA
15. April 2000
Hyannis, Massachusetts, USA
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