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Jugendbewegung

Dieser Artikel behandelt die deutsche Jugendbewegung. Die auch als Zürcher Jugendbewegung bezeichneten Jugendunruhen von 1980 werden in Jugendunruhen in der Schweiz dargestellt.

Die Jugendbewegung ist eine ab etwa 1896 in Deutschland einsetzende Jugendkultur. In der Entstehung gab es wechselseitige Einflüsse mit der Reformpädagogik, später mit der deutschen Pfadfinderbewegung. Am Anfang der deutschen Jugendbewegung steht die Wandervogelbewegung.

Inhaltsverzeichnis

1. Phase: Wandervogel (1896–1918)

Die Jugendbewegung entwickelte sich zunächst aus einem antibürgerlichen Affekt, der jungen Menschen im bewussten Gegensatz zum Stadtleben durch Ausflüge – so genannten Fahrten, heute meist Wanderfahrten – die Natur nahe zu bringen versuchte. Das Motiv Zurück zur Natur korrespondierte mit einem bewussten, mit Anklängen an die Romantik verbrämten Rückgriff auf Traditionen, was in (einfacher) Kleidung, Heimat- und Liederabenden, Lagerfeuer-Feiern und Tanz seinen Ausdruck fand. Die Jugendmusikbewegung war ein Teil der Jugendbewegung, der die Förderung des Musizierens und die Pflege traditioneller Volkslieder betrieb. Diese sozialromantische Haltung war auch eine als unpolitisch bezeichnete Antwort auf die zunehmenden sozialen Probleme, die die fortschreitende Industrialisierung und die damit einhergehende Verstädterung mit sich brachten.

Um 1910 war die Jugendbewegung, als deren wichtigster Träger der Wandervogel gilt, so kraftvoll, dass Institutionen wie Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und landsmannschaftliche Vereine ihre eigene Jugend neu zu formieren versuchten, indem man sich einerseits am äußeren Stil des Wandervogels auszurichten versuchte, andererseits aber am traditionellen Autoritätsprinzip festhielt. Doch selbst noch diese Anpassung und Annäherung wurde von einem Teil der jeweils Verantwortlichen innerhalb dieser Institutionen und Erwachsenenverbände sehr kritisch gesehen. Insofern viele dieser neu formierten oder neu gegründeten Jugendverbände in unmittelbarer Abhängigkeit von Erwachsenenvereinigungen blieben, kann man sie nicht als jugendbewegte Gruppen bezeichnen. Andererseits wurde aber auch die Eigendynamik von den jeweiligen Autoritäten unterschätzt, so dass mitunter auch sehr eigenständige Gruppen entstanden.

Dabei half zum Beispiel der kirchlichen Jugendbewegung, dass sich aus unterschiedlichen Motiven (z. B. Abstinenz, Verhältnis zur Natur und Kultur) bereits zahlreiche Jugendliche in neuen Gruppen um geistliche Mentoren gesammelt hatten (z. B. Quickborn).

siehe: Katholische Jugendbewegung und Jugendbewegung (evangelisch)

Am 11. Oktober 1913 fand auf dem Hohen Meißner bei Kassel der Erste Freideutsche Jugendtag statt. Dieser war als Protestveranstaltung gegen die patriotischen Veranstaltungen des Kaiserreiches zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig gedacht. Hier gab es enge Verbindungen der Jugendbewegung zur Freistudentenbewegung.

2. Phase: Bündische Jugend (1918–1933)

Dagegen versteht man die Bündische Jugend als die zweite Phase der Jugendbewegung (Zwischenkriegszeit), in der sich nach dem Ersten Weltkrieg der Stil und die Traditionen des Wandervogels mit denen der Pfadfinderbewegung zu etwas Neuem verbanden.

Ein prägender und zahlenmäßig großer Bund war auch die Deutsche Freischar, die aus dem Zusammenschluss mehrerer Pfadfinder- und Wandervögelbünde entstand.

Einen neuen Inhalt brachte Eberhard Koebel, auch bekannt unter seinem Fahrtennamen tusk, der aus Ablehnung des in der bündischen Jugend verbreiteten Lebensbund-Prinzips heraus einen reinen Jungenbund gründete, die Deutsche Jungenschaft vom 1. 11. 1929 (auch: Deutsche Autonome Jungenschaft vom 1. 11. 1929), bekannter unter der Abkürzung dj.1.11.

3. Phase: Jugendbewegung in Hitlerjugend und Untergrund (1933–1945)

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 schlossen sich die Bünde entweder der Hitler-Jugend an oder wurden aufgelöst und verboten, wobei dieser Prozess − insbesondere bei den konfessionellen Bünden − erst 1937/38 abgeschlossen wurde. Obwohl sich der Eingliederungsvorgang in die Hitlerjugend in der Mehrzahl mit Euphorie und großer Zustimmung vollzog, tauchen immer wieder Legenden von verbreiteten Widerständen gegen diese Entwicklung auf. Lediglich einige wenige Gruppen insbesondere der Jungenschaftsbewegung und des Nerother Wandervogels bestanden sogar in der Illegalität fort, von denen wiederum einige sich zu Widerstandsgruppen entwickelten, wie beispielsweise die Gruppe um Michael Jovy.

Parallel zu den Verboten der bündischen Jugend und dem zunehmenden Zwang zum Eintritt in die Hitler-Jugend entstanden immer wieder so genannte „wilde“ Jugendgruppen, deren Traditionslinie zum Teil bis in die 1920er Jahre zurückreichte und die Stilelemente der bündischen Jugend in ihr Gruppenleben integrierten. Bekannteste Vertreter dieser Gruppen sind die Edelweißpiraten aus dem Rheinland; vergleichbare Gruppen existierten aber unter unterschiedlichen Namen in nahezu allen Großstädten des Deutschen Reiches. Auch diese Gruppen wurden unter dem Vorwurf der „bündischen Umtriebe“ von der Gestapo verfolgt.

4. Phase: (1945 bis heute)

Umstritten ist, ob und inwiefern die Jugendbewegung und die bündische Jugend heute noch fortleben. Während Historiker in der Regel einen Schlusspunkt der bündischen Phase in der Eingliederung der freien Bünde in die Hitler-Jugend in den Jahren 1933/1934 sehen – oder spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs –, betrachten sich die meisten Angehörigen der heutigen Gruppen als zeitgemäße Fortsetzung der historischen Jugendbewegung und bezeichnen sich als bündisch und/oder jugendbewegt.

Vom 10. bis zum 14. Oktober 1963 trafen sich 37 Bünde mit über 3000 Teilnehmern auf dem Hohen Meißner, um das 50. Jubiläum des Ersten Freideutschen Jugendtages von 1913 zu feiern. In Folge des Meißnertages kam es 1966 zur Gründung des Ringes junger Bünde (RjB).

Auch das 75-jährige Jubiläum der Meißnerformel wurde auf dem Hohen Meißner gefeiert; vom 12. bis zum 16. Oktober 1988 kamen bis zu 5000 Teilnehmer aus 70 Bünden zu einem gemeinsamen Lager zusammen.

Westdeutschland

Tatsächlich kam es nach 1945 in Westdeutschland zu zahlreichen Neugründungen, die durch die Jugendbewegung beeinflusst waren. Darunter waren Jugendgruppen (in Klammern die zugehörigen Erwachsenenverbände) wie

Einen Sonderfall bilden politische Jugendorganisationen, wie die SJD – Die Falken (der SPD nahe stehend).

Ostdeutschland

In der DDR wurde die FDJ (Freie Deutsche Jugend) unter dem Einfluss der Staatspartei SED die einzige legitime Jugendorganisation. Jugendbewegung konnte sich hier erneut nur in Ansätzen innerhalb der FDJ oder im gesellschaftlichen Grenzbereich bzw. im antikommunistischen Untergrund bilden.

Entwicklungen nach 1989

Die Stiftung Jugendburg Ludwigstein, die als dauerhaftes Gemeinschaftswerk der deutschen Jugendbewegung gilt und zu deren Einrichtungen das Archiv der deutschen Jugendbewegung gehört, sieht sich in ihren Leitsätzen aus dem Jahr 2006 in einer Mittlerrolle zwischen der historischen und der gegenwärtigen Jugendbewegung und bestätigt damit die Existenz einer gegenwärtigen Jugendbewegung.

Auch heute noch gibt es zahlreiche, zumeist kleine Wandervogel- und Jungenschaftsbünde.

Die deutsche Pfadfinderbewegung (und teilweise die österreichische) wird durch die Einflüsse der bündischen Jugend geprägt, was sie von den Pfadfinderverbänden anderer Länder deutlich unterscheidet. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den verschiedenen heutigen Pfadfinderbünden und -gruppen.

Literatur

Siehe auch