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Holocaust

Dieser Artikel behandelt den Völkermord an den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Andere Bedeutungen des Begriffs siehe unter Holocaust (Begriff).

Als Holocaust, auch Holokaust [ˈhoːlokaʊ̯st, holoˈkaʊ̯st] (vom griechischen ὁλοκαύτωμα, holokáutoma für „vollständig Verbranntes“, d. h. „Brandopfer“) oder als Shoa (hebräisch für „Unheil“, „große Katastrophe“) bezeichnet man heute im deutschen Sprachraum den Völkermord an mindestens 5,6[1] bis 6,3[2] Millionen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus.

Der Holocaust gilt als einzigartiges Verbrechen, da es darauf abzielte, die europäischen Juden vollständig und systematisch auszurotten: Alle Menschen, die das NS-Regime als Juden definierte, waren aufgrund ihrer bloßen Existenz zur Ermordung vorgesehen und hatten fast keine Überlebenschancen, wenn sie in die Hände des nationalsozialistischen Machtapparats fielen. Diese Ausrottungsabsicht und ihre systematische industrielle Durchführung betraf auch die ebenfalls als „minderwertige Fremdrasse“ kategorisierte Minderheit der Roma und Sinti. Deren Geschichte im Nationalsozialismus stellt der Artikel Porajmos dar.

Weitere nationalsozialistische Massenmorde an Millionen so genannter Slawen, meist Polen und Russen, an hunderttausenden Behinderten, etwa 20.000 deutschen Kommunisten und Sozialdemokraten, 5.000 Homosexuellen und 1.200 Zeugen Jehovas zielten nicht auf völlige Ausrottung der betroffenen Gruppen. Sie werden daher meist nicht in den Holocaustbegriff eingeschlossen.[3]

Inhaltsverzeichnis

Bezeichnungen

Hauptartikel: Holocaust (Begriff)

Das aus dem Tieropferkult stammende griechische Wort holokautoma gelangte über verschiedene Bibelübersetzungen in die englische Sprache. Dort bezeichnete es seit etwa 1600 vor allem außergewöhnliche Brandkatastrophen mit vielen Todesopfern.

Im Dezember 1942 verwendete die britische Tageszeitung News Chronicle – noch ohne Kenntnis der NS-Vernichtungslager – den Begriff erstmals für Adolf Hitlers Vernichtungsplan an den Juden: … the Jewish people are to be exterminated. Nach 1945 setzte sich Holocaust in der angelsächsischen Geschichtswissenschaft allmählich als Hauptbezeichnung dieses Verbrechens durch.

Im deutschen Sprachraum wurde der Begriff in englischer Schreibweise seit der Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß von 1979 üblich für die bislang so bezeichnete „Judenverfolgung“, „Judenvernichtung“, den „Judenmord“ oder „Mord an den europäischen Juden“. Damit verbunden war ein Bewusstsein für dessen Ausnahmestellung. Daneben trat seit etwa 1985 der hebräische Begriff Shoa („Katastrophe“, „großes Unglück“), der seit 1948 in Israel und im Judentum den Holocaust bezeichnet.

Die jüdische Theologie bezeichnet das Ereignis auch als Churban (hebräisch: „Vernichtung“, „Verwüstung“), um es anderen Großkatastrophen der jüdischen Geschichte an die Seite zu stellen. In Titeln historischer Fachliteratur wird zuweilen – jedoch in kritischer Distanz – der nationalsozialistische Tarnbegriff Endlösung der Judenfrage zitiert.

Sofern der Holocaustbegriff auf andere Ereignisse bezogen wird, wird dies in Deutschland meist als Effekthascherei oder Verharmlosung der NS-Verbrechen kritisiert. Wegen der Herkunft aus dem Opferkult hat der Begriff eine religiöse Nebenbedeutung, die vor allem Opfernachfahren oft als unzulässige Sinngebung dieses Völkermords empfinden und zurückweisen.

Vorgeschichte

Die Entwicklung zum Holocaust begann 1933 mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung der Juden in Deutschland und mündete in der Vernichtung aller europäischen Juden, derer das nationalsozialistische Regime habhaft werden konnte. Sie lässt sich grob in vier aufeinander aufbauende, sich zeitlich überlappende Phasen einteilen:

Judenverfolgung in Deutschland bis zum Kriegsbeginn

Seit Hitlers „Machtergreifung“ entrechteten die Nationalsozialisten jüdische Bürger systematisch immer mehr. Unmittelbar nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (30. Januar 1933) begannen von Funktionären der NSDAP inszenierte „spontane“ Proteste gegen jüdische Beamte; Gerichtsverhandlungen wurden gestört, Autoren von Zeitungsartikeln und Leserbriefen forderten die Entfernung jüdischer Juristen. Diese wurden aus ihren Praxen geprügelt, beraubt, teilweise aus Deutschland vertrieben oder ermordet.

Am 1. April organisierte das Regime mit Hilfe der SA einen Boykott jüdischer Geschäfte, bei dem diese vielfach zertrümmert und Geschäftsinhaber verprügelt wurden. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 legalisierte die bisherigen „wilden“ Berufsverbote für Juden, indem es die Entlassung aller jüdischen Beamten vorsah. Auf einen Eingriff des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg hin wurden davon die Juden ausgenommen, die schon vor 1914 im Staatsdienst gewesen waren, im Weltkrieg gekämpft oder dabei Angehörige verloren hatten („Frontkämpferprivileg“). Von nun an wurden Juden auch aus allen Ehrenämtern entfernt; sie erhielten nur noch begrenzten Zugang zu Schulen und Universitäten; jüdische Steuerberater verloren ihre Zulassung.

Von Januar bis Juni 1933 – der Phase der nationalsozialistischen „Revolution“ – verließen etwa 25.000 deutsche Juden ihre Heimat. Bei einer Volkszählung vom 16. Juni 1933 lebten knapp 500.000 Personen „mosaischen Glaubens“ – 0,77 Prozent der Gesamtbevölkerung – in Deutschland.[4]

1935 verschlechterte sich die Lage vieler jüdischer Bürger nochmals drastisch: Sie wurden nicht mehr zu Prüfungen als Ärzte und Apotheker zugelassen und vom Wehrdienst ausgeschlossen. Zahlreiche Berufsverbände erteilten für sie mitsamt ihren Ehegatten Berufsverbote, z. B. als Haushaltshilfen, Gewerbelehrer, Kirchenmusiker, Kunst- und Antiquitätenhändler, Kinobetreiber, Schwimmmeister.

Im Juli kam es zudem in Berlin zu erneuten Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte. Im September zementierten die Nürnberger Gesetze die rassistische Diskriminierung: Das „Reichsbürgergesetz“ beließ Juden zwar die deutsche Staatsbürgerschaft, wertete diese aber ab, indem nur „Arier“ die „Reichsbürgerschaft“ mit dem Privileg des Wahlrechts und voller Bewegungsfreiheit erhielten. Das „Blutschutzgesetz“ verbot die Eheschließung und selbst außereheliche Sexualität zwischen Juden und „Ariern“. Dabei war zunächst unklar, wer als Jude zu gelten habe: Die „Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ definierte dann „Volljuden“ als Personen mit mindestens drei, „jüdische Mischlinge“ mit bis zu zwei jüdischen Großelternteilen. Auch wer zur jüdischen Glaubensgemeinschaft gehörte, galt als „Volljude“; wer nach dem Gesetzeserlass in diese eintrat, mit einem jüdischen Bürger verheiratet war oder aus einer „Mischehe“ gezeugt wurde, galt rechtlich als „Volljude“ (sog. Geltungsjude). Der angeblich biologische Rassebegriff ließ sich also juristisch nur durch Rückgriff auf nichtbiologische Merkmale wie die Religionszugehörigkeit fassen.

Wegen der Aufmerksamkeit des Auslands während der Olympischen Sommerspiele wurden 1936 keine weiteren Gesetze gegen Juden erlassen, und selbst die Alltagsschikanen traten für knapp zwei Jahre in den Hintergrund. Ab 1938 verschärfte das Regime die Entrechtung und Diskriminierung der Juden dann enorm. Am 5. Januar 1938 zwang das „Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“ Juden, aus einer bestimmten, eng begrenzten Zahl „typisch jüdischer“ Vor- und Zunamen ihren Erst- oder Zweitnamen zu wählen. Jüdische Bürger, die nicht einen "typisch jüdisch" klingenden Vornamen führten, wurden verpflichtet die Annahme des Vornamens Israel bzw. Sara zu beantragen (s. Namensänderungsverordnung).[5] Ab Februar erhielten jüdische Betriebe und Haushalte geringere Zuteilungen an Rohstoffen und Devisen. Dort durften auch keine „deutschblütigen“ Frauen mehr arbeiten. Sie erhielten ab März keine öffentlichen Aufträge mehr und mussten ab dem 26. April ihr gesamtes Vermögen dem Staat offenlegen („anmelden“). Damit begann die „Arisierung“ von Unternehmen in jüdischem Besitz.

Die staatliche Sozialfürsorge für Juden wurde eingestellt; fortan mussten jüdische Wohlfahrtspflegevereine diese tragen. Nach den Elektrikern und Gasinstallateuren verloren ab September 1938 alle noch tätigen jüdischen Ärzte ihre Approbation, im November folgten die Rechtsanwälte, im Januar 1939 die Apotheker, Zahn- und Tierärzte. Alle jüdischen Börsen und Großmärkte wurden geschlossen. Jüdische Schüler durften nicht mehr zusammen mit deutschen Mitschülern das Abitur machen. Jüdische Stiftungen mussten ihre Satzungen dahingehend ändern, dass sie nur noch der Auswanderung der Juden dienen sollten.

Der Anschluss Österreichs war zugleich eine neue Stufe der Eskalation: Nun erhielten einfache NSDAP-Mitglieder Gelegenheit, Juden zu enteignen, um ihre Enteignung und Vertreibung im nun „Großdeutschen Reich“ zu beschleunigen. In Wien z. B. wurden tausende jüdische Geschäftsinhaber aus ihren Läden und Wohnungen geprügelt, manche auf der Straße misshandelt und gezwungen, die Straßen mit den Händen zu kehren. Im Juni wurden in Berlin etwa 1.600 Juden verhaftet und in KZs eingewiesen. Reiche jüdische Bürger wie der Bankier Louis Nathaniel von Rothschild wurden in Einzelhaft gehalten, bis sie ihr Vermögen gegen eine Ausreiseerlaubnis dem Reich überschrieben.

Kurz darauf kam es zu einer ersten großen Fluchtwelle meist mittelloser jüdischer Deutscher aus dem Reichsgebiet, vor allem in die Schweiz. Daraufhin verlangten deren Behörden von Deutschland die Kennzeichnung jüdischer Reisepässe. Eine Verordnung[6] legte fest, dass diese alle ohne das Stempelzeichen „J“[7] ungültig seien. Einem österreichischen Zeitungsbericht zufolge wurden die Reisepässe jüdischer Bürger schon einige Jahre vorher mit dem Vermerk Nur im Inland gültig. Berechtigt nicht zur Grenzüberschreitung versehen[8]. Diese und weitere Restriktionen verhinderten nach Kriegsbeginn 1939 die Aufnahme tausender fluchtwilliger Juden in der Schweiz, was für die meisten Betroffenen de facto einem Todesurteil gleichkam.

Auch andere europäische Staaten erschwerten nun die Einreise für Immigranten aus Deutschland. Als Polen Juden polnischer Herkunft, die seit Längerem in Deutschland lebten, die polnische Staatsbürgerschaft entziehen wollte, schob die Gestapo Ende Oktober 1938 etwa 15.000 Juden in einer Nacht- und Nebelaktion nach Polen ab. Betroffen waren davon auch die Eltern des Pariser Studenten Herschel Grynszpan. Dieser erschoss daraufhin dort den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath. Dies wurde zum Vorwand für die Novemberpogrome 1938, besonders in der Nacht vom 9. auf den 10. November (verharmlosend: „Reichskristallnacht“), genommen. Sie wurden nach einer Rede von Joseph Goebbels zum Jahrestag des Hitlerputsches von 1923 von zahlreichen Gauleitern der NSDAP eingeleitet und von nachgeordneten Parteifunktionären unterstützt. Die meisten der oft jahrhundertealten Synagogen Deutschlands wurden dabei zerstört, dazu Tausende Häuser und Wohnungen von Juden verwüstet. Bis zu etwa 400 Juden wurden ermordet oder in den Selbstmord getrieben; viele weitere wurden misshandelt und verletzt, Frauen wurden vergewaltigt. Ab dem 10. November wurden erstmalig Tausende jüdische Bürger auf einmal in Konzentrationslagern interniert (Schätzungen nennen bis zu 36.000 Personen).

Die nationalsozialistischen Machthaber prüften damit die Bereitschaft der deutschen Bevölkerung zum Zuschauen, Wegschauen oder Mitmachen. Goebbels erklärte das staatlich gelenkte und geduldete „Überkochen der Volksseele“ in Zeitungsartikeln für beendet, kündete aber zugleich an: Die „weiteren Lektionen“ würden „dem Judentum auf dem Weg der Gesetzgebung erteilt werden.“ Gemeint war damit vor allem die nun folgende Arisierung. Juden wurde eine Milliarde „Schadenersatz“ für Gebäudeschäden der Pogromnacht auferlegt. Die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ verbot ihnen unter anderem Einzelhandel, Versandgeschäfte, Bestellkontore, Führung von Handwerksbetrieben, Warenangebot auf Messen, Märkten oder Ausstellungen, Betriebsleitung und Tätigkeit als leitende Angestellte.

Hinzu kamen vielfältige Alltagsdiskriminierungen, etwa Parkbänke mit Schildern „Nur für Deutsche“, „Entjudung“ (Umbenennung) von Straßennamen, Uniformverbot, generelle Einstufung in die höchste Steuerklasse, Verbot der Benutzung von Schlaf- und Speisewagen der Reichsbahn, Streichung von Wohngeld. Hauseigentümer durften freiwerdende Wohnungen nicht mehr an „Volljuden“ vermieten, ihnen wurden „Sonderwohnbezirke“ zugeteilt. Damit begann ihre Ghettoisierung. Am 4. Juli 1939 wurden zudem alle jüdischen Vereine, Organisationen und Stiftungen zwangsweise in einer „Reichsvereinigung“ zusammengeschlossen.

Die Staatsmaßnahmen verfolgten bis zum Kriegsbeginn das klar erkennbare Ziel, die jüdischen Deutschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen auszuschließen, um so möglichst viele von ihnen zur Auswanderung zu drängen. Von 510.000 deutschen Juden, die 1933 den israelitischen Kultusgemeinden angeschlossen waren, verließen bis 1939 etwa 315.000 ihre Heimat. Von den verbliebenen rund 200.000 gelang 1939 nochmals 15.000 die Flucht. Höchstens 10.000 in „Mischehen“ oder ohne Aufenthaltsberechtigung im Reich lebende jüdische Bürger entkamen danach ihrer Ermordung.

Die Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland hatte sich von 1933 bis 1939 von Diskriminierung bereits bis zum organisierten Pogrom gesteigert. Unter den Bedingungen des Krieges verschärfte das Regime diese Politik schließlich zum systematischen Völkermord.

Erste Massenmorde und Deportationen nach Kriegsbeginn

Hitler hatte schon 1919 die vollständige „Entfernung“ der Juden aus Deutschland und Europa als sein politisches Ziel aufgestellt. Seine autobiografische Propagandaschrift „Mein Kampf“ erklärte 1925 die rassenpolitische Entmachtung des „Weltjudentums“ zum Hauptziel und deutete die Ermordung vieler Juden als Rache für künftige deutsche Kriegsopfer an. Am 30. Januar 1939 kündigte er in seiner Reichstagsrede zum Jahrestag der Machtergreifung erstmals an, ein neuer Weltkrieg, für den er die Juden verantwortlich machte, werde auf jeden Fall zur „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ führen. Auf diese Drohung kam Hitler im Kriegsverlauf oft - 1941 und 1942 allein je vier Mal - zurück. So beklagte er 1943 in einer Reichstagsrede, für diese Prophezeiung ausgelacht worden zu sein und schloss an: Unzählige von denen, die damals gelacht haben, lachen heute nicht mehr. In seinem politischen Testament vom 29. April 1945, dem Vortag seines Selbstmords, nahm er letztmals auf seine Ankündigung Bezug und ließ keinen Zweifel, dass er sie hatte durchführen lassen.

Im Zweiten Weltkrieg gelangten Millionen weitere Juden der von Deutschland besetzten Gebiete besonders Osteuropas unter die Herrschaft der Nationalsozialisten. Diese gaben nun deren Deportation den Vorrang vor ihrer Vertreibung. Schon vor dem Überfall auf Polen vom 1. September 1939 schlossen SS und Wehrmacht ein Abkommen, das Heinrich Himmler als „Kommissar für deutsches Volkstum“ besondere Vollmachten für die zu besetzenden Gebiete gab. Am 20. September 1939 beschlossen Hitler, Himmler, Reinhard Heydrich und Albert Forster als Nahziel, binnen eines Jahres alle Juden aus dem Reich nach Polen zu bringen und dort in Ghettos zu konzentrieren. Man dachte dabei zunächst an die Einrichtung eines überwachten „Judenreservats“ an der russischen Grenze. Dabei wurde deren Massensterben und langfristige Vernichtung bereits eingeplant und angestrebt. Bis Dezember 1939 wurden bereits etwa 60.000 Polen, darunter 7.000 polnische Juden, von eigens dazu aufgestellten Einsatzgruppen ermordet.

Im März 1940 wurden die Juden der inzwischen „eingedeutschten“ polnischen Gebiete südlich von Warschau und Lublin zwangsweise in für sie hermetisch abgeriegelte Ghettos wie das von Warschau oder Łódź „umgesiedelt“. Dort starben viele aufgrund der von den Deutschen zu verantwortenden Nahrungsrationen an Hunger, Kälte und durch tägliche willkürliche Morde der NS-Wachmannschaften. Nur zwei höhere Wehrmachtsoffiziere, Johannes Blaskowitz und Wilhelm Ulex, protestierten und wurde daraufhin von Hitler abgesetzt. Im April 1940 wurden diese „Zwangsumsiedlungen“ vorerst wieder eingestellt, weil sich organisatorische Probleme dabei ergaben.

Danach erwog das Reichssicherheitshauptamt im Juni den sogenannten Madagaskarplan, der vorsah, bis zu 5,8 Millionen deutsche und osteuropäische Juden auf dem Luft- und Seeweg nach Madagaskar abzuschieben. Nach der Luftschlacht um England wurde diese Idee illusorisch und stillschwiegend fallengelassen.

Im Herbst 1940 verfuhren „Reichsgaue“ eine kurze Zeit uneinheitlich mit den jüdischen Bürgern ihres Bereichs: So schoben Baden, die Pfalz und das Saarland etwa 6.500 Menschen am 22. und 23. Oktober in unbesetzte Teile des besiegten Frankreichs ab. Manche Städte erließen in eigener Regie Ausgangsbeschränkungen und zogen die Radioapparate jüdischer Bürger ein. Die Gestapo konnte diese uneinheitliche Handhabung zusammenfassen, indem sie dieselben Maßnahmen reichsweit anordnete. Juden erhielten keine Kakao- und Schokoladeprodukte mehr, keine Kleiderkarten, kein Textil- und Ledermaterial. Ihre Lebensmittelkarten waren wie ihre Pässe mit einem „J“ markiert, und sie durften täglich erst nach 15:30 Uhr einkaufen, wenn die meisten Regale in den Läden bereits geleert waren.

Geschichte

Mit dem am 22. Juni 1941 angefangenen Russlandfeldzug begann auch die organisierte Massenvernichtung von Juden in den eroberten Gebieten, also der Holocaust. Er wurde von Erschießungen sowjetischen Juden über Deportationen osteuropäischer, dann auch deutscher und westeuropäischer Juden in Arbeits- und Vernichtungslager bis zur Räumung der osteuropäischen Ghettos und systematischen Vergasung der meisten deportierten Neuankömmlinge in den dazu gebauten Gaskammern ausgedehnt.

Massenerschießungen osteuropäischer Juden

Bereits im Mai 1941 hatte Reinhard Heydrich auf Befehl Hitlers sechs mobile „Einsatzgruppen“ der SS und des SD aufstellen und ausbilden lassen. Ihr offizieller Auftrag war die Partisanenbekämpfung hinter den vorrückenden Heeresgruppen der Wehrmacht. Sie erhielten wie im Polenfeldzug in einem Abkommen mit der Wehrmachtsführung Sondervollmachten. Die Wehrmacht arbeitete auch bei der organisatorischen Erfassung von Juden in den besetzten Gebieten eng mit SS und SD zusammen; nur wenige Kommandeure weigerten sich, ohne dafür bestraft zu werden.

Die Einsatzgruppen begannen ab 24. Juni 1941, zunächst erwachsene männliche, ab 15. August auch jüdische Frauen, Kinder und Greise in eroberten sowjetischen Dörfern und Städten zu sammeln, um sie dann massenhaft zu erschießen: Auf diese Weise löschte diese erste Mordwelle ganze jüdische Gemeinden vor allem in Weißrussland und der Ukraine aus. Die Einsatzgruppenführer mussten der Reichskanzlei in regelmäßigen Abständen von ihren Ergebnissen berichten: Bis Jahresende 1941 ermordeten sie knapp 400.000 sowjetische Juden.

Die meisten sowjetischen Juden waren als Zwangsarbeiter in Ostpolen, der Ukraine und dem Baltikum konzentriert. Ab März 1942 und ab August 1943 wurden auch die dort inzwischen eingerichteten Ghettos nach „arbeitsunfähigen“ Juden durchkämmt, um diese zu erschießen: so in Minsk, Riga und Babyn Jar bei Kiew. Diese Morde betrafen vielfach Frauen, Kinder, Kranke und auch deutsche Juden, die in diese Ghettos deportiert worden waren. Die Mordwellen reichten über die Schwarzmeerküste und Winniza bis nach Rostow am Don und in den Städten am Fuß des Kaukasus.

Ab August 1942 wurden auf Befehl der Militärverwaltungen, die Nahrungsmittelkontingente einsparen wollten, noch bestehende Ghettos in Weißrussland und der Ukraine „geräumt“: Das bedeutete vollständige Ermordung ihrer Bewohner, besonders in Wolhynien, u.a. in Luzk, Wladimir Wolynsk, Brest-Litowsk, Pinsk. Dabei wurden in Maly Trostinez auch Gaswagen eingesetzt.

An vielen dieser Massaker waren Wehrmachtseinheiten, drei Polizeibataillone, die stationäre Schutzpolizei, die Gendarmerie und ausländische Helfer direkt beteiligt. So lassen sich die Vernichtung durch den Krieg, Vernichtung durch Zwangsarbeit für den Krieg und Vernichtung in den durch Krieg eroberten Gebieten nicht voneinander trennen.

Allein von August bis November 1942 „meldete“ Himmler an Hitler 363.000 als „Partisanen“ ausgegebene jüdische Mordopfer. Die Massenerschießungen und mobilen Vergasungen töteten insgesamt etwa 1,8 Millionen Juden, also ein knappes Drittel aller jüdischen Holocaustopfer.[9]

siehe Verbrechen der Wehrmacht

Vollendete Ausgrenzung und Entrechtung der deutschen Juden

Der „Judenstern

Parallel zum begonnenen Holocaust wurde die soziale und rechtliche Ausgrenzung, Enteignung und Entrechtung der reichsdeutschen Juden vollendet. Am 9. September 1941 ordnete die Polizei an, dass sie alle künftig einen Judenstern gut sichtbar an der äußeren Kleidung zu tragen hätten. Ähnliche Erlasse waren ein Jahr zuvor im Generalgouvernement ergangen. Ab Oktober 1941 verbot Heinrich Himmler allen Juden die Ausreise aus dem Deutschen Reich. Sie wurden systematisch polizeilich erfasst und von den Nichtjuden isoliert.

Im Januar 1942 wurden alle ihre Kleidungsstücke aus Wolle und Pelz beschlagnahmt. Ab März des Jahres mussten auch die Wohnungen der im Reich verbliebenen Juden mit einem „Judenstern“ gekennzeichnet werden. Sie durften öffentliche Verkehrsmittel nur noch in Ausnahmefällen benutzen. Während die Deportationen seit März 1942 liefen, wurden den verbliebenen Juden ab 19. Oktober wichtige Nahrungsmittel wie Fleisch, Weizenprodukte, Milch, Kunsthonig, Kakaopulver sowie Sonderzuteilungen für Kranke gestrichen. Lebensmittelsendungen ins Ausland wurden von ihren Rationen abgezogen.

Im Februar 1943 waren alle Beschäftigungsverhältnisse zwischen Deutschen und „Volljuden“ bzw. „Geltungsjuden“ aufzulösen. Im April wurde allen jüdischen Deutschen, „jüdischen Mischlingen“ und „Zigeunern“ die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Während Deportationen und Vergasungen in den Lagern längst im vollen Gange waren, diente diese Maßnahme nur noch der bürokratischen Perfektion der Enteignungen.

Es folgte das Verbot für die noch übrigen Juden, bei Rechtsstreitigkeiten den ordentlichen Rechtsweg vor deutschen Gerichten zu nutzen. Strafbare Handlungen, die sie begingen, wurden direkt von der Polizei geahndet. Angehörige von Deportierten konnten keine Ansprüche auf deren Besitz mehr geltend machen; dieser fiel an das Reich. Diese vollständige Entrechtung machte die noch im Reich lebenden Juden parallel zum Holocaust zum Freiwild für ihre bisherigen Nachbarn.

Relativ geschützt vor der Ausrottung waren nur noch jüdische, ehemalige Deutsche in „Mischehen“ oder mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Auch ihre Rechte wurden immer weiter eingeschränkt: Man erwog ihre Sterilisation oder Ehescheidung. Viele Ehepartner wurden von staatlichen Behörden direkt dazu aufgefordert. „Mischlinge“ durften ab September 1942 keine höheren Schulen mehr besuchen; Soldaten unter ihnen mussten die Wehrmacht verlassen. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden auch alle Beamten entlassen, die mit „jüdischen Mischlingen“ verheiratet waren. Im Januar 1945 wurden alle „Mischlinge“ zum „geschlossenen Arbeitseinsatz“ befohlen.

Die Vernichtungslager

Das erste nationalsozialistische Konzentrationslager (KZ) war 1933 in Dachau eingerichtet worden. Es diente wie andere KZs seiner Art bis 1938 vorrangig der Inhaftierung, Folterung und Ermordung politischer Gegner, vor allem Angehörigen von KPD, SPD, Pazifisten und linken Intellektuellen. Es bot aber auch ein Modell für spätere Arbeits- und Vernichtungslager. Juden wurden dort von Anfang an besonders schikaniert und hatten die höchsten Sterblichkeitsraten.

Für die geplanten Morde im großen Stil galten Massenerschießungen, wie sie unmittelbar nach Kriegsbeginn in Polen einsetzten, bald als „ineffizient“. Zudem sollten anonymisierte Tötungsmethoden die psychologische Hemmschwelle der Täter weiter senken oder ganz beseitigen. Daher erprobten die SS-Einsatzgruppen seit Herbst 1941 Massentötungen mit Hilfe von mobilen Vergasungswagen. Im Dezember begannen sie diese Methode im KZ Chelmno (Kulmhof) systematisch anzuwenden.

Zuvor war 1939–41 bei der Aktion T4 zur Ermordung geistig und körperlich Schwerbehinderter Kohlenstoffmonoxid in Gaskammern verwendet worden. Dabei wurden reichsweit Medikamente, Nahrungsentzug, Injektionen und Gas als Tötungsinstrumente erprobt. Auch andere Einzelheiten der später eingesetzten Mordmaschinerie wurden damals getestet und ausgefeilt. Ärzte, Verwaltungs- und Transportspezialisten der T4-Aktion stiegen zum Teil in der SS-Hierarchie auf; das Personal der Vernichtungslager der Aktion Reinhardt stammte überwiegend aus der Aktion T4.

Da sich die von der NS-Führung nun verlangte Mordrate auch mit diesen bereits erprobten Methoden nicht erzielen ließ, wurden seit Sommer 1941 Vernichtungslager errichtet, deren Hauptzweck die fabrikmäßige Tötung einer möglichst großen Menschenzahl war:

Zur Tarnung ihrer geplanten Ermordung hatte man für bestimmte noch privilegierte Juden im Oktober 1941 das KZ Theresienstadt eingerichtet. Es war faktisch ein Durchgangslager zum späteren Abtransport in die Vernichtungslager. Dort lebten seit September 1942 etwa 53.000 deutsche, böhmische, niederländische und dänische Juden auf engstem Raum unter scheinbarer Selbstverwaltung und angeblich erträglichen Lebensbedingungen. Diese wurden den Deutschen in einem Propagandafilm vorgestellt, und eine Delegation des Roten Kreuzes durfte das Lager noch im Juli 1944 besichtigen.

Aus dem ganzen von deutschen Truppen besetzten Europa wurden bis Kriegsende Menschen zum Zweck ihrer Vernichtung in diese Lager deportiert. Soweit sie nicht schon beim Transport in Viehwaggons umgekommen waren, wurden sie gleich nach ihrer Ankunft in Arbeitsfähige und Nicht-Arbeitsfähige selektiert. Kinder und ihre Mütter, Alte und Kranke, wurden gleich nach der Selektion in Gaskammern geführt, die meist als Duschräume getarnt waren. In Auschwitz wurden sie mit Zyklon B vergast. In anderen Vernichtungslagern wurden meistens Motorabgase benutzt. Das Gas verursachte einen qualvollen, bis zu 20 Minuten dauernden Erstickungstod. Die Leichen wurden anschließend in Krematorien verbrannt. Körperliche Überreste – Haare und Goldzähne – und Privatgüter der Opfer – Kleidung, Schuhe, Brillen, Koffer usw. – wurden von der SS industriell verwertet.

Hinzu kamen Menschenversuche zu militärischen, medizinischen und anderen Zwecken in den Lagern. Die Opfer wurden zum Beispiel in Druckkammern extrem hohem oder niedrigem Luftdruck ausgesetzt, in Eiswasser unterkühlt, mit Bakterien infiziert, für chirurgische Versuche und vieles mehr missbraucht. Die Täter, etwa der SS-Arzt Josef Mengele, nahmen den Tod oder lebenslange Gesundheitsschäden der Versuchspersonen bewusst und ohne jede Skrupel in Kauf. An vielen deutschen und schweizerischen Forschungseinrichtungen fanden sich noch bis vor kurzem menschliche Körperteile, die einst von den Nationalsozialisten zu „Untersuchungszwecken“ angefordert und geliefert worden waren.

Europaweite Vernichtungstransporte und Massaker

Am 17. September 1941 entschied Hitler, die bis dahin für die Nachkriegszeit vorgesehene Deportation aller reichsdeutschen und europäischen Juden aus von Deutschland besetzten Gebieten nach Osteuropa noch während des Krieges zu beginnen. Nun fuhren die ersten Transportzüge aus Berlin, München, Wien, Prag nach Lodz, um zunächst 19.000 Juden in das ohnehin völlig überfüllte dortige Ghetto zu sperren. Dafür wurden ab Januar 1942 nichtdeutsche Ghettobewohner nach Kulmhof zur Vergasung gebracht.

In Kaunas erschossen Einsatzkommandos deutsche Juden vom 25. bis 29. November 1941 sofort nach ihrer Ankunft. Dies gilt sie als Beginn der „Endlösung“ für deutsche Juden, wobei umstritten ist, ob das NS-Regime diese damals schon beabsichtigte. Denn Himmler untersagte weitere Erschießungen von Berliner Juden in Riga am 30. November; der Befehl kam jedoch zu spät, so dass Himmler den SS-Führer Friedrich Jeckeln heftig für die Missachtung seiner „Richtlinien“ rügte. Man nimmt an, dass er die Ermordung reichsdeutscher Juden noch etwas aufschieben wollte, um das Durchsickern der Nachrichten davon im Reich zu verhindern. Im Februar 1942 wurden erneut deutsche Juden nach Lublin deportiert und in Riga erschossen. Ab März mussten auch Juden im Alter von über 65 Jahren, die bis dahin verschont worden waren, die Deportationszüge besteigen. Die Presse durfte nichts mehr darüber berichten. Im Mai wurden größere Gruppen auch deutscher Juden auch in Minsk und Kulmhof ermordet. Ab Juni sind erste direkte Transporte aus dem Reich in Vernichtungslager wie Sobibor und Belzec nachgewiesen.[10]

Das im März 1939 gebildete Marionettenregime der Slowakei unter Jozef Tiso hatte schon im November 1938 mit eigenen Deportationen slowakischer Juden nach Ungarn und in Arbeitslager begonnen. Auf sein Drängen hin wurden ab März 1942 unter der Regie Adolf Eichmanns etwa 58.000 slowakische Juden in den Distrikt Lublin, nach Auschwitz und Majdanek deportiert. Die meisten starben dort an Hunger, Zwangsarbeit und Seuchen. Im August 1942 wurden diese Transporte nach kirchlichen Protesten vorübergehend gestoppt. Zwei Jahre später besetzte die Wehrmacht die Slowakei; eine eigene Einsatzgruppe inhaftierte und deportierte etwa 12.000 untergetauchte slowakische Juden.

Im September 1941 veranlasste die dortige deutsche Militärverwaltung Massenmorde an männlichen Juden in Serbien. Ab Dezember 1941 wurden jüdische Frauen, Kinder und Greise Serbiens in das Lager Semlin interniert. Im Mai 1942 ermordete die dortige Gestapo 6000 von ihnen mit einem Gaswagen. In Kroatien erließ das Regime Ustascha schon im April 1941 Rassegesetze gegen Juden und Roma, denen bald Kleiderkennzeichen für Juden folgten. Nach Angehörigen der serbischen Minderheit ermordeten sie ab August 1941 auch Tausende kroatische Juden in dazu eingerichteten Lagern. Ab August 1942 deportierten sie auf Drängen der Deutschen 5500 internierte Juden nach Auschwitz. Im Mai 1943 wurden die auf italienischen Druck hin zwischenzeitig eingestellten Transporte wieder aufgenommen. Die italienischen Besatzungsbehörden retteten Tausenden kroatischen Juden das Leben, indem sie diese auf der Insel Rab internierten.

Im März 1942 wurden erstmals auch 1000 französische, in Compiègne inhaftierte Juden nach Auschwitz deportiert. Im Mai besuchte Heydrich Paris, um ein großes Deportationsprogramm mit dem Vichy-Regime zu besprechen. Dazu gehörte die Einführung des Judensterns. Am 16. und 17. Juli nahm die Polizei in Paris bei einer Razzia etwa 13.000 Juden ohne gültigen Pass fest. Sie wurden mit regelmäßigen Zügen vom Lager Drancy nach Auschwitz gebracht und dort meist sofort ermordet. Auch aus der unbesetzten Zone Frankreichs wurden ab 17. August 1942 eingewanderte Juden mitsamt ihren Kindern, die eigentlich als französische Staatsbürger rechtlichen Schutz genossen, in die osteuropäischen Vernichtungslager deportiert. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in den bislang unbesetzten Teil Frankreichs im November 1942 wurden diese Transporte von den Gefolgsleuten Eichmanns organisiert. Die französischen und italienischen Behörden in der bis September 1943 italienisch besetzten Zone um Nizza verweigerten oft die Auslieferung, so dass mehr als die Hälfte aller französischen Juden dem Abtransport entgingen. 75.000 von ihnen wurden deportiert, etwa 3.000 davon überlebten die Lager.

Ebenfalls im Juli 1942 begannen die Deportationen von etwa 25.000 Juden aus Belgien und etwa 107.000 Juden aus den Niederlanden. Während ständige zähe Verhandlungen mit dem Vichy-Regime erstere im Frühjahr 1943 stocken ließen, gingen letztere unvermindert weiter.

In Griechenland wurden die Juden je nach Besatzungsbehörde sehr verschieden behandelt. Im italienisch besetzten westlichen Teil schützten die Behörden sie bis September 1943; in den deutsch und bulgarisch besetzten östlichen Teilen wurden die Juden aus mehreren Ghettos Salonikis ab März 1943 nach Auschwitz transportiert. Nach dem Frontenwechsel Italiens schickten die Deutschen mit großem logistischem Aufwand tausende weitere griechischer Juden aus Korfu und Rhodos dorthin. Insgesamt fanden 54.000 griechische Juden in Osteuropa den Tod.

In Bulgarien führte die Regierung im Juli 1942 Rassengesetze ein und gab bulgarische Juden auf deutschem Gebiet zur Deportation frei. Im März und Aptil 1943 verhaftete sie 11.300 im von ihr besetzten Mazedonien und Thrakien aufgefundene bulgarische Juden, um sie den Deutschen auszuliefern. Die übrigen inländischen bulgarischen Juden blieben jedoch verschont.

Die Regierung Rumäniens unter Antonescu ließ etwa 350.000 rumänische Juden in den von ihr besetzten Gebieten in großen Massenmorden nahezu vollständig ausrotten. Nur die Juden Transsylvaniens bleiben bis März 1944 unter dem Schutz Ungarns, bis auch sie mit den ungarischen Juden direkt nach Auschwitz deportiert wurden. Die bereits fest geplante Deportation der Juden Altrumäniens ließ der Staatschef im Oktober 1942 überraschend stoppen. Diese waren jedoch weiterhin Verfolgung und Pogromen ausgesetzt.

In Dänemark konnte die demokratisch gewählte Regierung unter deutscher Besatzung zunächst relativ unbehelligt weiterarbeiten. Sie verhinderte erfolgreich die Einführung von Judenstern und Rassengesetzen. Als der dänische Widerstand im Sommer 1943 anwuchs, beschloss die deutsche Militärverwaltung die Deportation der dänischen Juden. 7200 von ihnen konnten jedoch rechtzeitig vor dem bekannt gewordenen Termin mit Fischerbooten in das neutrale Schweden fliehen; nur 500 dänische Juden wurden gefasst und nach Theresienstadt deportiert, wo die meisten überlebten. 734 norwegische Juden fanden in Auschwitz den Tod. Finnland lehnte eine Auslieferung der finnischen Juden ab. Von diesen kämpften einige auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion.

Etwa 9000 Juden Italiens wurden nach dem Sturz Mussolinis von Oktober 943 bis Dezember 1944 großenteils nach Auschwitz deportiert. Zudem wurden viele Juden Norditaliens und der Adriaküste bis Kriegsende von Einsatzgruppen, die aus Polen dorthin verlegt worden waren, aufgespürt und ermordet.[11]

Beweisdokumente und Opferzahlen

Von der Planung des Holocaust existieren nur wenige schriftliche Dokumente aus der NS-Zeit, da der engere Täterkreis Ausmaß und Tragweite seiner Verbrechen in jedem Fall vor der Nachwelt verbergen wollte. Planung und Verwirklichung des Völkermords galten als „Geheime Reichssache“. Die direkt beteiligten Personen unterlagen strengster Verschwiegenheitspflicht. Den führenden Nationalsozialisten war demnach der außerordentliche Zivilisationsbruch, den ihre Taten darstellten, vollauf bewusst.

Im von Heinrich Himmler verfassten Memorandum zum „Madagaskarplan“ vom Mai 1940 wird die Zwangsdeportation aller europäischer Juden nach Madagaskar als „mildeste und humanste Art zur Endlösung der Judenfrage“ bezeichnet, wenn man denn „die bolschewistische Methode der physischen Ausrottung eines Volkes aus innerer Überzeugung als ungermanisch und unmöglich“ ablehne.[12] Demnach wurde die Judenvernichtung damals bereits im engsten Kreis um Hitler erwogen. Nach Himmlers Posener Reden im Oktober 1943 vor an Massenexekutionen hinter der Ostfront beteiligten SS-Offizieren sowie Gauleitern und Vertretern der Wehrmacht geschah die restlose physische Judenausrottung auf Hitlers persönlichen Befehl. Dies bestätigte Himmlers Leibarzt Felix Kersten: Der SS-Führer habe im Frühjahr 1941 ihm gegenüber geäußert, dass „die Juden bis Kriegsende bis auf den letzten Menschen ausgerottet werden. Das ist der eindeutige Wunsch und Befehl des Führers.“[13] Hitler gab diesen Befehl also auf dem Höhepunkt seiner Macht, nicht erst als Reaktion auf die seit September 1941 absehbare mögliche militärische Niederlage gegen die Sowjetunion.

Bis dahin sollten die Juden wahrscheinlich in unwirtliche Regionen Russlands abgeschoben werden und dort zugrunde gehen. Doch als der rasche Sieg über die Sowjetunion ausblieb, wurde im Herbst und Winter 1941/42 beschlossen, noch während des Krieges in den besetzten Gebieten Osteuropas mit der „Endlösung“ zu beginnen. Für die Aktion Reinhard, in der alle Juden und Roma Polens ermordet werden sollten, wurden zusätzliche Vernichtungslager eingerichtet.

Am 20. Januar 1942 fand unter der Leitung des „Chefs der Sicherheitspolizei und des SD“, Reinhard Heydrich, die später so genannte Wannseekonferenz bei Berlin statt. Dort besprachen hochrangige Regierungsbeamte die organisatorische Kooperation bei der „Endlösung der Judenfrage“. Laut dem einzigen erhaltenen Konferenzprotokoll - einem der wichtigsten schriftlichen Planungsdokumente - waren 11 Millionen Juden Europas zur Vernichtung vorgesehen. Auf heimlichen Tonbandaufnahmen des Mossad aus den 1950er Jahren sagte der damalige Protokollant und „Judenreferent“ Adolf Eichmann, Heydrich habe ihm einige Tage zuvor persönlich und wörtlich mitgeteilt: Der Führer hat die physische Vernichtung der Juden befohlen.

Die Opferzahlen des Holocaust ließen sich lange Zeit nur ungefähr schätzen. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde 1946 erstmals die ungefähre Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden genannt. In einer eidesstattlichen Erklärung sagte Wilhelm Höttl, bis 1945 Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt, aus, Eichmann habe ihm berichtet:

In den verschiedenen Vernichtungslagern seien etwa vier Millionen Juden getötet worden, während weitere zwei Millionen auf andere Weise den Tod fanden, wobei der größte Teil davon durch die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei während des Feldzuges gegen Rußland durch Erschießen getötet wurde.[14]

Die Holocaustforschung ging in den Folgejahren von niedrigeren Opferzahlen für die Zeit von 1939-1945 aus: Der englische Historiker Gerald Reitlinger schätzte sie 1953 auf 4,2–4,7 Millionen[15], der US-Historiker Raul Hilberg 1961 auf 5,1 Millionen[16]. Martin Gilbert kam 1982 auf 5,7 Millionen.[17] Nach 1990 wurden zahlreiche, bis dahin unbekannte Dokumente aus sowjetischen Archiven für die Forschung freigegeben, darunter Deportationslisten, Zugfahrpläne und Dokumente, aus denen die Mitgliedszahlen jüdischer Gemeinden vor und nach dem Holocaust hervorgehen. Damit konnten die bis dahin ungewissen Opferzahlen für Polen und die Sowjetunion nochmals genauer überprüft werden. Dabei stellte sich heraus, dass die Opferzahlen der Konzentrationslager Auschwitz zwar niedriger lagen als zuvor vermutet, dass aber allein dort 1,1 Millionen Menschen, darunter mindestens 900.000 Juden, ermordet worden waren.[18] Auch frühere Annahmen zu einzelnen Ländern ließen sich präzisieren.

Wolfgang Benz befasste sich in „Dimension des Völkermords“ (erschienen 1991, 2. Auflage 1996) mit allen heute zugänglichen Quellen, Auswertungs- und Berechnungsmethoden der Opferzahlen. Sein Werk gilt als besonders zuverlässig. 1987 hatte die von einem internationalen Autorenkollektiv verfasste Enzyklopädie des Holocaust bereits die damals möglichen genauesten Schätzungen aus vielen Einzelländern zusammengetragen. Burkhard Asmuss veröffentlichte 2002 eine Aufstellung mit teilweise gröberen Schätzungen. Insgesamt erhärtete sich dabei eine Gesamtopferzahl von mindestens 5,6 bis zu 6,3 Millionen ermordeten jüdischen Opfern. Dazu kommen Zahlen für Verletzte und Vertriebene.

Land W. Benz (2/1996) Enz. des Holocaust (4/2002) B. Asmuss (1/2002)
Albanien deportiert 591 - s.u.
Belgien 28.518 28.900 25.000
Bulgarien 11.393 - s.u.
Dänemark 116 60 s.u.
Deutschland 160.000 - 195.000 134.500 - 141.500 165.000
Estland - - 1.000
Frankreich 76.134 77.320 75.000
Griechenland 59.185 60.000-70.000 59.000
Italien 6.513 7.680 7.000
Jugoslawien 60.000 - 65.000 56.200 - 63.300 65.000
Lettland - - 67.000
Litauen - - 160.000
Luxemburg 1.200 1.950 s.u.
Niederlande 102.000 100.000 102.000
Norwegen 758 762 s.u.
Österreich 65.900 50.000 65.000
Polen 2.700.000 2.900.000 - 3.000.000 3.000.000
Rumänien 211.214 271.000 - 287.000 350.000
Sowjetunion 2.100.000 1.211.500 - 1.316.500 1.000.000
Tschechoslowakei 143.000 146.150 - 149.150 260.000
Ungarn 550.000 550.000 - 569.000 270.000
weitere Länder - - 2.800
Summe 6.276.522 - 6.316.522 5.596.022 - 5.863.122 5.673.800

Keine Angaben: -
Bulgarien: Die Zahlen beziehen sich auf Juden aus bulgarisch besetzten Gebieten; alle bulgarischen Juden wurden gerettet.
Deutschland: Benz nennt 165.000 als realistische Schätzung.
Weitere Länder: Asmuss fasst die Opfer aus Albanien, Dänemark, Luxemburg, Norwegen und Nordafrika in einer Zahl zusammen.

Weitere von Vernichtung bedrohte Gruppen

Zum Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten gehörte auch die Ermordung von drei Mio. russischen Kriegsgefangenen und fast drei Mio. nichtjüdischen Polen durch Massenexekutionen, Kriegshandlungen oder Nahrungsentzug. Mehr als zwei Millionen Osteuropäer, vor allem Polen und Russen starben bei der ihnen auferlegten Zwangsarbeit. Die Nationalsozialisten folgten dabei dem Grundsatz „Vernichtung durch Arbeit“: Das Sterben der Zwangsarbeiter durch Hunger, Kälte, Überforderung und willkürliche Morde wurde bewusst in Kauf genommen und herbeigeführt. Solange die Betroffenen arbeitsfähig waren, diente ihre Zwangsarbeit wiederum der Fortsetzung des Krieges und damit weiterer Vernichtung.

Auch die Einrichtung der Arbeitslager und die Verschleppung der Kriegsgefangenen war keine zufällige, sondern gezielt herbeigeführte Folge des Russlandfeldzugs. Im Generalplan Ost hatte man ein weitreichendes Programm dazu ausgearbeitet. Danach sollten bis zu 30 Mio. als „rassisch minderwertig“ bezeichnete Slawen allmählich durch Massenmord und Verbannung nach Sibirien ausgerottet werden.

Ein lange verdrängtes Teilkapitel des Holocaust war auch die systematische Internierung und Ermordung der Sinti und Roma, die man Zigeuner nannte, und weiterer Gruppen wie der Jenischen, die man dazu zählte. Auch deren möglichst weitgehende „Ausmerzung“ beruhte auf rassistischen Denkmustern.

Neben parteipolitischen Gegnern wurden auch andere missliebige Gruppen, etwa sogenannte Asoziale, Gewerkschaftler, Zeugen Jehovas, andere oppositionelle Christen, unangepasste Jugendliche wie Swing-Liebhaber, Edelweißpiraten oder Mitglieder der bündischen Jugend sowie Homosexuelle in den KZs interniert und teilweise ermordet. Der Grad ihrer Verfolgung unterschied sich aber deutlich von dem auf völlige Ausrottung zielenden Genozid an Juden, der Versklavung und Massenvernichtung der Slawen und massenhaften Internierung und Tötung der „Zigeuner“.

Reaktionen

Wissen und Haltung der nichtjüdischen Deutschen

Hauptartikel: Holocaustkenntnis von Zeitzeugen

Während die zunehmende Judenverfolgung in Deutschland vor aller Augen geschah, achtete das NS-Regime bei der „Endlösung“ auf strengste Geheimhaltung. Schätzungsweise waren 300.000 Personen, darunter Angehörige von Wachmannschaften, Einsatzgruppen, Polizeibataillonen und Wehrmachtsteilen, unmittelbar an dem Verbrechen beteiligt. SS-Angehörigen war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, über die Ermordung von Juden oder Sinti und Roma zu berichten.

Der übrigen Bevölkerung stellte man die Deportationen der Juden aus dem Reich offiziell als „Umsiedlungen“ dar. Eine Mehrheit nahm diese Lüge ohne zu fragen hin, obwohl allein diese Massendeportationen ein schweres Unrecht waren. Dass „Umsiedlung“ tatsächlich Massenmord bedeutete, erfuhren manche Deutschen nur vom Hörensagen, etwa von Soldaten auf Heimaturlaub, und durch „Flüsterpropaganda“ (Hannah Arendt). Der Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke schrieb 1943: Mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weiß nicht, dass wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben. Doch selbst das Zehntel, das ansatzweise Bescheid wusste, hat – von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen – nichts dagegen unternommen. Dabei war die Vernichtung nur die logische Folge des allmählichen Verschwindens der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland, das für jeden offensichtlich war.

Obwohl der Völkermord an den Juden logische Folge der nationalsozialistischen Rassenpolitik war, glaubten damals und glauben noch heute manche Menschen, dass die Bilder und Berichte aus den Konzentrationslagern Bestandteil der britischen und amerikanischen Kriegspropaganda seien. Nichtwissen und Nicht-Wissen-Wollen über den Holocaust gehen dabei ineinander über.

Haltung der Alliierten

Schon vor 1939 hatte es Kritik des Auslandes an der nationalsozialistischen Innenpolitik, besonders an der Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten gegeben. Bei der Konferenz von Évian im Juli 1938, die auf Betreiben des US-Präsidenten Roosevelt zustande kam, zeigten sich aber nur wenige Staaten zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge oder zur Erhöhung ihrer Einwanderungsquoten bereit.

Nach Kriegsbeginn verstärkte sich die Kritik der Alliierten; dennoch wurden die europäischen Juden nicht präventiv vor den vorrückenden Truppen der Achsenmächte evakuiert. Seit 1942 wurde den Alliierten die systematische Ausrottungspolitik des NS-Regimes bekannt. Sie verurteilten diese äußerst scharf und begründeten damit auch ihre Kriegsstrategie. Mitte Dezember 1942 warnten die USA, Großbritannien und weitere 10 Regierungen die deutsche Regierung, dass „die Verantwortlichen einer Vergeltung nicht entgehen“ würden (Interalliierte Erklärung zur Vernichtung der Juden vom 17. Dezember 1942). Gezielte Maßnahmen, um den Holocaust zu beenden oder aufzuhalten, ergriffen sie aber nicht. Ihre Kriegführung richtete sich seit Kriegseintritt der USA primär auf die vollständige Kapitulation des NS-Regimes.

Als die ersten Nachrichten über die Massenvernichtung eintrafen, versuchte das US-Außenministerium deren Veröffentlichung zu unterdrücken. Auf Druck der öffentlichen Meinung trat im April 1943 auf Bermuda erneut eine internationale Konferenz zusammen, um Lösungen für Flüchtlinge zu erörtern. Wie die Vorkriegskonferenz von Evian verlief auch sie ergebnislos. Erst nach Intervention des Finanzministers Henry Morgenthau kündigte Franklin D. Roosevelt am 22. Januar 1944 die Einsetzung des War Refugee Board an. Dieses Gremium trug zur Rettung mehrerer Tausend Juden bei.

Die britische Regierung behinderte und unterließ in einzelnen Fällen mögliche Hilfeleistungen. Als im Dezember 1942 einige britische Abgeordnete verlangten, jüdischen Flüchtlingen müsse sichere Zuflucht versprochen werden, lehnte der britische Außenminister dies mit der Begründung ab, es gäbe „Sicherheitsbedenken“ und „geografische Probleme“. Anfang 1943 wurde bekannt, dass man gegen Hinterlegung einer gewissen Summe in der Schweiz 70.000 rumänische Juden hätte retten können. Die Regierung hatte den Plan jedoch blockiert, da sie eine Schwächung der eigenen und eine Stärkung der deutschen Position befürchtete.

Die sowjetischen Behörden lieferten deutsche Juden – darunter viele Kommunisten, die in Russland Zuflucht gesucht hatten – nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes im August 1939 sogar den Nationalsozialisten aus. Nach dem Überfall der Wehrmacht im Juni 1941 blieb die besondere Gefährdung der russischen Juden unberücksichtigt. Die sowjetische Berichterstattung verschwieg die deutsche Ausrottungspolitik. Jüdische Flüchtlinge fanden oft keine Unterstützung durch die Partisanen, wurden von diesen nicht als Mitkämpfer aufgenommen und zum Teil – jedoch nicht überall – ihrer Waffen und Nahrungsmittel beraubt.

Nach Kriegsende trafen in der englischen und amerikanischen Besatzungszone etwa 200.000 jüdische Flüchtlinge ein, die meist jahrelang in besonderen Lagern untergebracht wurden. Ein englischer General, der die United Nations Relief and Rehabilitation Administration leitete, behauptete, eine jüdische „Geheimorganisation“ würde Juden nach Deutschland „schmuggeln“. Sie seien „gut gekleidet, wohlgenährt und rotwangig“ und besäßen „große Geldbeträge“. Mitte 1946 untersagten die englischen Behörden jüdischen Flüchtlingen den Zugang zur britischen Besatzungszone.

Wegen solcher Erfahrungen vermuten manche Vertreter jüdischer Opfergruppen, dass einige führende Kräfte im Westen der NS-Propaganda erlagen, wonach das „Weltjudentum“ den Krieg verursacht habe, um sich der Herrschaft über die angelsächsischen Staaten zu bemächtigen. Eine gesamteuropäische Verantwortung für den Holocaust betonen auch Kirchenvertreter seit 1945: oft, aber nicht immer zur Relativierung des deutschen Schuldanteils.

Widerstand

Hauptartikel: Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Jüdischer Widerstand

Die nach dem Krieg weit verbreitete Auffassung, die Juden hätten kaum Widerstand gegen ihre Deportationen und schließliche Ermordung geleistet, wurde in den letzten Jahren von der historischen Forschung korrigiert. Nur wenige Juden ahnten zunächst etwas vom ganzen Ausmaß des ihnen zugedachten „Schicksals“. Für viele waren die Informationen über Massenvernichtungslager, die um 1942/43 unter anderem in den jüdischen Ghettos Polens, Litauens, Weißrusslands zunehmend kursierten, lediglich Gerüchte. Die Vorstellung, dass sie als ganzes Volk ermordet werden sollten, erschien den meisten anfangs schon wegen der Dimension solcher in der gegebenen Situation zunächst nicht überprüfbaren Informationen als wenig glaubhaft. Auch wenn sie unter den Repressionen der Nazis schon seit Hitlers Machtergreifung bzw. der Besetzung ihrer jeweiligen Herkunftsländer offensichtlich zu leiden hatten und viele von ihnen schon in den Ghettos an Hunger, Mangelkrankheiten oder in Folge gewaltsamer Übergriffe starben, nahmen sie doch an, dass ihr Leben insgesamt – zumindest als Arbeitskraft – wichtig genug war, um wenigstens als Sklavenarbeiter überleben zu können, bis die Deutschen besiegt seien. So entstand das Bild von den scheinbar willenlosen Opfern, die ihren Verfolgern nichts entgegenzusetzen gehabt hätten.

Tatsächlich war der Widerstand der Juden gegen ihre Mörder, wenngleich unter denkbar ungünstigen Bedingungen, zumindest nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges verbreiteter und vielfältiger, als weithin angenommen wird. Eines der bekannteren Beispiele dafür – und ein Fanal für den jüdischen Widerstand insgesamt – war der Aufstand im Warschauer Ghetto vom 19. April bis zum 16. Mai 1943. Er wurde organisiert durch die jüdische Kampforganisation „ZOB“ in der Endphase der Auflösung des Ghettos durch die Nazis, als alle dort noch verbliebenen Juden in die Vernichtungslager – vor allem nach Treblinka – deportiert werden sollten. Die Untergrundorganisation war von Kurieren, die zwischen dem „arischen“ Teil und dem abgeriegelten jüdischen Ghetto Warschaus unter lebensgefährlichen Bedingungen pendelten, nach und nach mit eingeschmuggelten Waffen, hauptsächlich Handfeuerwaffen (Gewehre, Pistolen und entsprechende Munition), Handgranaten und Sprengstoff beliefert worden. Die in verschiedenen Häusern des Ghettos kämpfenden Gruppen konnten den eindringenden Räumkommandos der SS zunächst in einem Überraschungsmoment hohe Verluste beibringen und sie in die Flucht schlagen. Daraufhin kehrte die SS mit schwerem Gerät wie Panzern und Artilleriegeschützen zurück. Trotz der Übermacht der SS konnten sich die jüdischen Widerstandsgruppen in einem etwa vier Wochen andauernden Häuserkampf halten. Am Ende blieb den noch übrigen Kämpfern nur die Kapitulation und damit in den meisten Fällen der Tod durch Erschießen. Nur wenige Beteiligte dieses Aufstands konnten sich durch die Abwasserkanäle retten.

Auch in anderen Ghettos bildeten sich jüdische Widerstandsgruppen, die verschiedentlich Ghettobewohnern zur Flucht verhalfen, und vereinzelt auch kleinere Revolten initiieren konnten, so zum Beispiel in Białystok und Vilnius. Ferner gab es in den KZs und Vernichtungslagern Osteuropas in einigen Fällen Revolten und Aufstände der jüdischen Häftlinge bzw. Teilen von ihnen: So kam es zum Beispiel am 14. Oktober 1943 zu einem von jüdisch-russischen Kriegsgefangenen angeführten Aufstand im Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen. Dabei gelang es den Aufständischen, neun Angehörige der Wachmannschaften zu töten, bevor die gut vorbereitete Revolte bemerkt wurde. Sie weitete sich zu einem Massenaufstand der Juden aus, denen es gelang, die Tore zum Lager zu öffnen. 320 jüdische KZ-Insassen konnten fliehen. Viele von ihnen schlossen sich anschließend verschiedenen Partisanengruppen in den Wäldern an. Das Ende des Krieges überlebten jedoch nur 70 der Flüchtlinge aus Sobibor. Die Nazis gaben das Lager in Folge der Massenflucht bis Ende 1943 auf.

Im KZ Auschwitz-Birkenau, dem größten Vernichtungslager der Nazis, gab es in der Zeit seines Bestehens etwa 700 einzelne Fluchtversuche, von denen etwa 300 erfolgreich waren. Am 7. Oktober 1944 kam es zum verzweifelten Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz, das an den Krematorien, den Verbrennungsöfen für die Opfer der Massenvergasungen, eingesetzt war. Durch die Zündung des von weiblichen Gefangenen eingeschmuggelten Sprengstoffs wurde ein Teil des Krematoriums IV zerstört. 250 Gefangene versuchten eine Massenflucht. Sie alle wurden jedoch relativ schnell gefasst und umgebracht.

Europaweit waren Tausende untergetauchte Juden beteiligt am Partisanenkrieg gegen die deutschen Besatzer, insbesondere in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, den Balkanstaaten und Griechenland, wo sich jüdische Partisanen meist den bestehenden Widerstandsgruppen anschlossen. In Osteuropa, vor allem im katholisch geprägten Polen, gelang es den aus den KZs und Ghettos Entkommenen eher selten, sich schon bestehenden Partisanengruppen anzuschließen, da dort oftmals auch unter NS-Gegnern antisemitische Ressentiments vorherrschten. Aufgrund dieses Umstands bildeten sich gerade in Polen stärker als in West- und Südeuropa auch eigene spezifisch jüdische Partisaneneinheiten, die trotz ihrer anfänglichen Unerfahrenheit schnell in den Ruf kamen, besonders entschlossene und motivierte Kämpfer gegen die Nazis zu sein, und die im weiteren Kriegsverlauf von der vorrückenden Roten Armee teilweise bevorzugt mit Waffen versorgt wurden. Insbesondere beim so genannten „Schienenkrieg“, der sich auf Anschläge und Sabotageaktionen gegen Eisenbahntransporte der deutschen Wehrmacht an die Ostfront konzentrierte, traten jüdische Partisanengruppen häufig in Erscheinung und schlugen zeitweilig erhebliche Lücken in die Kriegsinfrastruktur der Deutschen.

In der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Kolonie Algerien waren es jüdische Widerstandskämpfer, die bei der Operation Fackel die als uneinnehmbar geltende Festung Algier von innen erstürmten, und damit einen entscheidenden Beitrag für die Landung der Alliierten und deren anschließenden erfolgreichen Feldzug gegen die deutsche Wehrmacht in Nordafrika leisteten.

Viele Juden, die in den 1930er Jahren und zu Beginn des Krieges vor den Nazis ins sichere Ausland emigrieren konnten, schlossen sich während des 2. Weltkrieges den regulären Truppen der verschiedenen Alliierten an. In vielen Armeen gab es eigene jüdische Einheiten in unterschiedlichen Waffengattungen, die als Soldaten gegen das NS-Regime kämpften, beispielsweise die Jüdische Brigade als Teil der britischen Armee. Gegen Ende des Krieges wurde die jüdische Fluchthilfe-Bewegung Beriha (hebr. "Flucht") gegründet, mit deren Hilfe zwischen 1944 und 1948 etwa 250'000 Juden aus osteuropäischen Ländern flüchten konnten. Nach dem Krieg dienten emigrierte deutsche Juden den Alliierten oft als Übersetzer im besetzten Deutschland. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Schriftsteller Stefan Heym, der als Offizier der amerikanischen Armee nach Deutschland zurückkehrte.

Schätzungen zufolge waren europaweit bis zu 1,5 Millionen Juden am regulären militärischen Kampf als auch im Untergrund als Partisanen aktiv am Widerstand gegen die nationalsozialistische Tyrannei beteiligt.

Innerdeutscher Widerstand und Hilfsaktionen

Vereinzelt setzten sich auch nichtjüdische Deutsche gegen den geplanten und laufenden Genozid an den Juden zur Wehr.

Der deutsche Industrielle Oskar Schindler bewahrte im Deutschen Reich 1200 jüdische Zwangsarbeiter vor der Vernichtung, indem er sie bis Kriegsende als kriegswichtig für seinen Betrieb deklarierte und für ihren Unterhalt persönlich aufkam. Diese Art Rettungstaten waren mit ständiger Lebensgefahr verbunden und selten. Sie sind angesichts der Mittäterschaft oder Gleichgültigkeit der deutschen Bevölkerungsmehrheit um so höher zu bewerten.

Auch die als Rote Kapelle bezeichnete Berliner Gruppe versteckte Juden und verhalf ihnen zu falschen Pässen, mit denen sie ausreisen konnten. Das Büro Grüber der Bekennenden Kirche half seit 1938 Christen jüdischer Herkunft, aber auch Juden zur Ausreise. Eine ähnliche Anlaufstelle gab es auch auf katholischer Seite.

Am 27. Februar 1943 versammelten sich die Ehepartner und Angehörigen von „Mischjuden“, die als Zwangsarbeiter in Berliner Rüstungsbetrieben beschäftigt waren und nun deportiert werden sollten, vor dem Gestapohauptquartier in der Berliner Rosenstraße. Dies war die einzige öffentliche Protestdemonstration während des Krieges gegen eine Deportation, die zudem erfolgreich war: Die inhaftierten Personen wurden freigelassen.[19]

Das Untertauchen und das Verstecken von inländischen Flüchtlingen

Das Untertauchen von jüdischen Bewohnern während der Nazi-Zeit zur Rettung vor der Deportation führte zu der Bezeichnung, als U-Boot leben. Zum Teil wurde von den betreffenden Personen versucht, dieses Verschwinden durch einen vorgetäuschten Selbstmord oder die Ankündigung einer Reise plausibel zu machen. Das Verschwinden aus der Einwohnerliste hatte für die als U-Boot bezeichnete Person und für ihre Helfer schwerwiegende Folgen. Im Falle der Entdeckung wurde die Person ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung verhaftet. Allerdings konnte sie nicht mit einem gerichtlichen Verfahren rechnen sondern wurde dadurch in aller Regel zum Häftling in einem Konzentrationslager. Davor kam jedoch eine Zeit der Vernehmungen und Folter durch die Gestapo, die auf diese Weise weitere "U-Boote" suchte. Sollte die Verbindung zu weiteren Helfern bekannt werden, waren auch diese massiv gefährdet. Die rechtlichen oder faktischen Bedrohungen konnten sich nach Reichsgebiet oder Besatzungsstatut und nach Position der jeweiligen Person zur Besatzungsmacht, der Polizei bzw. den NSDAP-Stellen unterscheiden.

Es gab in Deutschland relativ viele lokale verdeckte Netzwerk von Helfern, die Menschen in Not (Flüchtlingen, vor allem Juden u.a.) halfen. Oftmals hatten die Flüchtlinge Adressen von Menschen bei sich, die sie zwar nicht kannten, von denen sie aber durch andere wussten, dass sie ihnen auf ihrer Flucht weiterhelfen würden. Oft bekamen die Flüchtlinge dann von diesen Helfern eine weitere Adresse auf ihrem Weg, als neuen Anlaufpunkt. Es waren in aller Regel Privatleute, die aus ihrem Gewissen heraus Menschen auf der Flucht versteckten oder anderweitig weiterhalfen und keine Rücksicht darauf nahmen, dass sie und ihre Familie, würden sie entdeckt, Schlimmes zu erwarten hätten. Solche Netzwerke sind zum Teil aus den verfolgten politischen Parteien und Organisationen heraus entstanden zum anderen aus christlichen Gruppierungen. Vielfach handelten Menschen, weil Angehörige durch die NSDAP oder Gestapo-Stellen bereits zu Tode gekommen waren und sie möglicherweise deshalb ihr eigenes Leben gering schätzten.

Das Untertauchen einer Person in einem von Kriegswirtschaft geprägten Land ist ein technisch sehr schwieriges Verhalten. Lebensmittel sind nicht auf dem freien Markt erhältlich sondern nur gegen Abschnitte von Lebensmittelkarten, die eine Bezugsberechtigung und deren Überprüfung voraussetzten. Das Mitsichführen von Gepäck kann bei Kontrollen sofort Verdacht auslösen – wird das eigene Gepäck zurückgelassen, besteht die Gefahr es durch einen plötzlich notwendigen Wechsel des illegalen Übernachtungsplatzes zu verlieren. Der länger als übliche Aufenthalt in einer Gaststätte, Bibliothek oder einem Kino kann Nachfragen zur Identität auslösen. Das zufällige Zusammentreffen mit Personen, die vom Verschwinden wissen und die zugleich potentielle Unterstützer der Naziregierung sind, musste möglichst vermieden werden. Das Wissen um diese Gefährdungen war sicher ein hoher Stressfaktor. Die Gestapo versuchte gezielt Spitzel in solche Netzwerke einzuschleusen (Berlin – Februar 1943; z. B. Stella Goldschlag).

Widerstand in den besetzten oder verbündeten Ländern

Eine, verglichen mit der Zahl ermordeter europäischer Juden, kleine Anzahl wurde gerettet, weil die Regierungen ihrer Heimatländer der Forderung Hitlerdeutschlands nach ihrer Auslieferung nicht nachgaben.

Finnland, seit 1941 Deutschlands Verbündeter im Krieg gegen die Sowjetunion, lieferte seine Juden größtenteils nicht aus, obwohl Himmler dies im Sommer 1942 bei einem Finnland-Aufenthalt von der finnischen Regierung gefordert hatte. Der Premier Rangell soll darauf geantwortet haben, Finnlands Juden seien Bürger wie alle anderen und dienten auch als Soldaten im Krieg gegen die Sowjetunion. Diese Praxis wurde aber schon ab Dezember 1942 eingestellt, nachdem Zeitungen und einige Politiker dagegen protestiert hatten. Zwar wurde jüdischen Flüchtlingen zeitweise die Einreise nach Finnland verweigert; aber die etwa 1.800 finnischen Juden entgingen dem Zugriff der Deutschen. Einige ausländische Juden wurden dennoch ausgeliefert, weil sie Kommunisten waren. Neuere Forschungen ergaben, dass Finnland von 1941 bis 1944 insgesamt 129 Flüchtlinge sowie über 2800 sowjetische Kriegsgefangene an das Deutsche Reich auslieferte. Darunter waren etwa 78 Juden.

In Dänemark ergriff König Christian X. demonstrativ Partei für die Juden, als die deutschen Besatzungsbehörden auch sie zum Tragen des Judensterns zwingen wollten. Ein zum Widerstand gehörender Mitarbeiter der Besatzungsmacht warnte die dänische Untergrundbewegung vor drohenden Razzien der SS. Daraufhin gelang es unter Mithilfe großer Teile der Bevölkerung im September und Oktober 1943, die meisten der im Land lebenden ca. 6000 Juden in das neutrale Schweden zu schleusen. So wurde eine vergleichsweise niedrige Anzahl dänischer Juden, 161 Menschen, in deutschen Lagern ermordet. (Siehe auch: Rettung der dänischen Juden)

Der italienische Faschismus war anders als der deutsche Nationalsozialismus nicht antisemitisch ausgerichtet. Dazu kam, dass Italien anfangs ein Verbündeter Deutschlands und kein von diesem besetztes Land war. Zwar wurden nach Kriegsbeginn antijüdische Gesetze erlassen, aber die Regierung und besonders die Armee widersetzten sich dem Drängen der Deutschen, die italienischen Juden in den Tod zu schicken. Sie wurden interniert, aber unter besseren Bedingungen als in den deutschen Konzentrationslagern und ohne ständige Todesdrohung. Daher flüchteten einige Juden aus dem besetzten Frankreich und aus Jugoslawien nach Italien. Erst nach dem Frontwechsel Italiens 1943 behandelten die Deutschen das Land wie ein besetztes Gebiet und überführten die italienischen Juden in ihre eigenen Vernichtungslager.

Auch das Beispiel Bulgariens – ebenfalls ein Verbündeter Deutschlands – beweist, dass ein entschiedener Widerstand die deutschen Pläne erfolgreich durchkreuzen konnte. Hier wurden dank der festen Haltung von Regierung und Bevölkerung etwa 50.000 Juden gerettet. (Siehe auch: Manifest zur Beendigung antisemitischer Maßnahmen in der Biografie von Dimitar Peschew)

Viele Polen waren traditionell vom katholischen Antijudaismus geprägt. Trotzdem gab es neben Personen, die Juden auslieferten – viele auch um selbst zu überleben – einige (auch katholische) Gruppierungen wie die Żegota, die den Juden halfen, obwohl dafür anders als in Westeuropa nicht nur die Todesstrafe für den einzelnen Helfer, sondern regelmäßig auch für seine Familie oder das ganze Dorf drohte. Mehr als eine halbe Million polnischer Juden überlebte den Holocaust, viele durch Hilfen aus der Bevölkerung. Viele Polen waren entsetzt über die Ermordung jüdischer Kinder und versteckten sie zum Beispiel auf dem Land, bei den Partisanen oder in katholischen Klöstern. So stellen die Polen auch mehr als ein Drittel aller in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern Ausgezeichnete dar.

Ähnliches berichtete Helene Holzman aus dem 1941 besetzten Litauen.

Weiterer europäischer Widerstand

Die von den Achsenmächten umschlossene neutrale Schweiz lieferte keine Juden mit Schweizer Bürgerrecht aus. Während des Krieges nahm sie zigtausende von Flüchtlingen, darunter auch viele Juden, legal auf, viele weitere schafften den Grenzübertritt illegal und wurden von den Behörden (geduldet) oder Privaten (illegal) im Land behalten. Insbesondere in den letzten Kriegsjahren, als auch die Schweiz nur noch wenige Flüchtlinge aufnehmen konnte, konnten an der Westschweizer Landesgrenze Flüchtlinge doch auf Soldaten hoffen, die einmal auch wegschauten, oder auf hilfsbereite Bürger, die die Flüchtlinge mit Kost und Logis versorgten. Insgesamt überlebten in der Schweiz 275.000 Flüchtlinge – davon 26.000 aus dem Ausland in die Schweiz geflüchtete Juden. Unter der sog. „Das Boot ist voll“-Doktrin wurde aber auch eine große unbekannte Anzahl von Flüchtlingen – darunter mind. 30.000 Juden – an der Grenze zurück gewiesen oder illegal Eingereiste den Nazis an der Grenze übergeben und damit in den (fast) sicheren Tod geschickt. Die Schweiz wurde von Adolf Hitler mehrfach aufgefordert, keine weiteren Juden aufzunehmen und geflüchtete Juden auszuliefern. Zumindest letzterer Forderung wurde nie entsprochen, der ersten im Laufe des Krieges mal mehr, mal weniger, je nach aktueller Kriegslage und subjektiv eingeschätzter Invasionsgefahr. Die Schweiz versuchte während des Krieges, zwischen ihren humanitären Grundsätzen (Aufnahme von Flüchtlingen) und militärischen Selbstschutz-Interessen (Geringhalten von Invasionsabsichten seitens der Nazis) die Balance zu finden. Ob der Schweiz das gelungen ist, oder ob sie mehr Juden hätte aufnehmen können oder müssen und ob die Aufnahme von mehr Juden zu einer Invasion der Schweiz geführt hätte, ist unter Historikern sehr umstritten. Jedenfalls überlebten Hunderttausende Personen in der Schweiz, die in den Nachbarländern wohl nicht überlebt hätten.

Erklärungsansätze

Angesichts der gesamtstaatlichen Durchführung und Dimensionen des Holocaust ist die Forschung bis heute intensiv bemüht, seine Ursachen und Entstehungsbedingungen aufzuklären. Eine zentrale Frage ist dabei, warum sich viele Menschen an seiner Planung, Durchführung und Verheimlichung beteiligten und wie es dazu kam. Die Antworten darauf und Erklärungsversuche der Vorgeschichte sind vielfältig.

Gesellschaftliche und ideologische Grundlagen

Hauptartikel: Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten bauten ihre Ideologie auf längst bekannte Traditionen auf: vor allem den etwa 130 Jahre wirksamen Antisemitismus bis 1945, der seinerseits in fast ganz Europa an einen seit Jahrhunderten verbreiteten Antijudaismus anknüpfte. Er war besonders in Deutschland und Österreich seit 1800 mit dem aufkommenden Nationalismus verbunden, der sich seit der Niederlage der radikaldemokratischen, liberalen und frühsozialistischen Bewegungen in der Märzrevolution von 1848/49 verstärkte und sich spätestens nach Bismarcks Entlassung im Kaiserreich zu einem expansiven Chauvinismus entwickelte.

Ab etwa 1860 verband sich Judenfeindschaft besonders in Frankreich, Russland und Deutschland mit pseudowissenschaftlichen Rassenlehren und Welt-Verschwörungstheorien. Gegen die Jüdische Emanzipation bildeten sich Völkische Bewegungen. Im Kaiserreich entstanden seit 1879 verschiedene Vereinigungen und Parteien mit antisemitischen Programmen oder Programmpunkten: etwa die Christlich-soziale Partei des kaiserlichen Hofpredigers Adolf Stoecker, der Arbeiter von der SPD und Kleinbürger von den nationalliberalen und konservativen Parteien zu sich hinüberziehen wollte.

Der Berliner Antisemitismusstreit (1880-1882) förderte die Judenablehnung im akademischen Bürgertum. Die von Heinrich von Treitschke geprägte Parole „Die Juden sind unser Unglück“ erklärte sie zum „inneren Reichsfeind“ und stellte sie als anpassungsunwillige Fremde im eigenen Land dar. Sie wirkte fort und wurde seit 1923 Untertitel des nationalsozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Seit 1893 forderten einige Parteiprogramme bereits die Vertreibung und „Ausmerzung“ der Juden, bis 1914 sogar ihre „Vernichtung“.

Im Kaiserreich fanden solche Ziele aber weder Mehrheiten noch staatliche Unterstützung. Erst nach der Novemberrevolution von 1918 verbreiterten sich die antisemitischen Tendenzen enorm. Die Dolchstoßlegende machte Juden für die Kriegsniederlage und Auflagen des Versailler Vertrags verantwortlich; die Weimarer Republik galt vielen ihrer Gegner als „Judenrepublik“. Antisemitische und völkische Vereinigungen verstärkten Tendenzen in der öffentlichen Meinung, nach denen das deutsche Volk eine anderen Völkern überlegene „Herrenrasse“ sei.

Der Nationalsozialismus konnte auf dieses lange geduldete und verbreitete antisemitische Gedankengut aufbauen. Hitler griff in Mein Kampf vorgegebene nationalistische, sozialdarwinistische, imperialistische, rassistische und verschwörungstheoretische Traditionen auf und nutzte sie konsequent propagandistisch für seine politischen Ambitionen. Dabei definierte er die Klassenkampf-Theorie des Marxismus zu einer Geschichte von Rassenkämpfen um Lebensraum um, an deren Ende die „gesündeste“ und „durchsetzungsfähigste“ Rasse obsiege, nachdem sie „minderwertige“ Rassen „ausgerottet“ oder „versklavt“ habe. Für ihn war die „arische Rasse“, zu der er das deutsche Volk zählte, zu diesem Sieg auserwählt. Als Hauptfeind in diesem „Menschheitskampf“ sah er die Juden, die er gegen jede empirische Grundlage nicht als Religionsgemeinschaft, sondern ebenfalls als (andere) „Rasse“ definierte und als Schöpfer und Lenker sowohl des „internationalen Finanzkapitals“ als auch des Bolschewismus und Marxismus darstellte.

Ob diese antisemitische Propaganda mehr Wähler ansprach als abschreckte, ist bis heute ungewiss. Als sicher gilt, dass die Weltwirtschaftskrise ab 1929 und die Unfähigkeit der damals noch führenden politischen Kräfte zu massenwirksamen Problemlösungen die Wahlerfolge der NSDAP entscheidend begünstigten. Während der Antisemitismus in ihr damals zurücktrat, folgte das NS-Regime nach der Machtergreifung 1933 sofort wieder seinem ursprünglichem 25-Punkte-Programm von 1920, das den Juden die Staatsbürgerschaft absprach. Mit den Nürnberger Gesetzen wurde der Rassismus endgültig zur Regierungspolitik. 1935 hielt Heinrich Himmler eine interne Rede vor der SS: Der Untermensch, in der er Juden als gemeine, mörderische Wesen, die noch unter den Tieren stehen, bezeichnet. Besonders drastisch wurde diese These z. B. im als Dokumentarfilm ausgegebenen Propagandafilm Der ewige Jude von 1940 verbreitet.

Ökonomische und soziale Motive der Täter

Bürokratische und hierarchische Motive

Rassistische und antisemitische Motive

*Siehe auch den Artikel "Antisemitismus (bis 1945)"

Psychologische Motive

Historische Motive

Religiöse Gründe

Eine langfristig wirkende historische Wurzel des eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten war der christliche Antijudaismus. Dieser begründete im Aufstiegsprozess des Christentums zur römischen Staatsreligion seit der Patristik eine nachhaltige religiöse Diskriminierung der Juden. Dabei bezog sich etwa die Gottesmord-Theorie auf antijüdische Polemik im Neuen Testament (z. B. Mt 27,25), um dem Judentum eine Kollektivschuld an Jesu Hinrichtung zu geben. Dies bildete den dogmatisierten Kern der alle Konfessionen verbindenden Substitutionstheologie, die von einer „Enterbung“ des Judentums durch die Kirche ausging.

Kirchliche und staatliche Ausgrenzungspolitik sorgte im Hochmittelalter europaweit für die Getthoisierung jüdischer Gemeinden. Bei sozialen Missständen, Kreuzzügen und Seuchen entlud sich der religiöse Hass immer wieder in Pogromen gegen die Juden. Daran änderte die Reformation wenig, da auch der späte Martin Luther ein Judenhasser war. Sein Pamphlet Von den juden und iren lügen (Originaltitel) überlieferte alle antijudaistischen Klischees der Neuzeit. Dort wurden sie vom aufstrebenden Bürgertum in säkularisierter Form übernommen und mit anderen, auch außerbiblischen Motiven verknüpft. So wurde etwa die antijudaistische Legende vom „Ewigen Juden“ antisemitisch zu angeblichen Charaktereigenschaften aller Juden stilisiert.

Folgen

Traumatisierung der Überlebenden

Viele Überlebende der Vernichtungslager und Menschen, die sich der drohenden Ermordung durch Flucht oder andere Umstände entziehen konnten, litten und leiden unter Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der Psychiater und Psychoanalytiker William Niederland prägte dafür in den 1960er Jahren den Begriff vom Überlebenden-Syndrom. Vielen Holocaust-Überlebenden war und ist es zum Teil bis heute nicht möglich, über ihre Erfahrungen in den Todeslagern zu sprechen.

Juristische Aufarbeitung

Das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Gräueltaten kam erst ans Licht der Weltöffentlichkeit, als alliierte Truppen die Gebiete befreiten, in denen sich die Konzentrations- und Vernichtungslager befanden.

Die Alliierten hatten auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 neben der Entmilitarisierung auch die durchgehende „Entnazifizierung“ Deutschlands für die Zeit nach ihrem Sieg vereinbart und diesen Beschluss auf der Potsdamer Konferenz Ende Juli 1945 bekräftigt.

Die Bestrafung nationalsozialistischer Verbrechen begann mit den von den Alliierten Mächten eröffneten Nürnberger Prozessen und den Folgeprozessen zwischen 1945 und 1948, insbesondere mit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher.

Seit 1945 sind in Westdeutschland insgesamt 912 Gerichtsverfahren gegen 1875 Personen wegen während des zweiten Weltkrieges begangener NS-Tötungsverbrechen durchgeführt worden. Gegen sie wurde die Todesstrafe 14-mal, eine lebenslange Freiheitsstrafe 150-mal und eine zeitige Freiheitsstrafe 842-mal verhängt.[20]

Ab 1949, nach der Gründung der beiden deutschen Staaten, ging die Strafverfolgung in deren Zuständigkeit über, kam aber in Folge des Kalten Krieges bald vollständig zum Erliegen. Parallel hierzu wurde jedoch auch die Aufhebung von NS-Unrechtsurteilen sowie die Wiedergutmachung insbesondere enteigneter Opfer betrieben.

In der DDR fanden einige Schauprozesse gegen untergeordnete Funktionsträger des Nazi-Regimes statt, in denen es weniger um deren individuelle Verantwortung als um Schuldzuweisungen an die westdeutsche Seite ging. In der Bundesrepublik Deutschland wiederum verhinderten ehemalige Mitglieder der NSDAP als Richter und Beamte lange Zeit tatsächlich eine nachdrückliche Verfolgung der Täter. Die Initiative zu deren Aufspürung blieb im wesentlichen Privatleuten wie Simon Wiesenthal überlassen.

Erst ab 1958 begann die westdeutsche Justiz in nennenswertem Umfang, Naziverbrechen zu verfolgen. Damals erreichten der Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees Hermann Langbein und der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer die Weiterverfolgung einer Strafanzeige von Adolf Rögner, die zur Verhaftung eines berüchtigten Folterers, des ehemaligen SS-Manns Wilhelm Boger, führte. Langjährige Ermittlungen Bauers ermöglichten 1963 schließlich die Eröffnung des Hauptverfahrens zu den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt am Main. Erst die schockierenden Zeugenberichte und das große Medienecho auf diese Prozesse erzeugte bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung ein Bewusstsein für die NS-Verbrechen, ihre Voraussetzungen und ihre Folgen: fast 20 Jahre nach dem Krieg. Andererseits verstärkten sich nun die schon kurz nach 1945 öffentlich erhobenen Forderungen nach einem „Schlussstrich“. Die Angeklagten in den Auschwitz-Prozessen ließen keine Reue erkennen und beriefen sich stets auf den so genannten „Befehlsnotstand“. Ihre Verteidiger versuchten, die Gerichtsverfahren als „Schauprozesse“ zu diskreditieren, wobei sie einen Großteil der öffentlichen Meinung hinter sich wussten.

1965 kam es im deutschen Bundestag zu einer erregten Debatte über die Verjährung von Verbrechen aus der Nazi-Zeit (Verjährungsdebatte); nach damaligem Recht betrug die Verjährungsfrist 20 Jahre. Zunächst wurde die Frist durch einen juristischen Kunstgriff (Beginn der Frist 1949, Gründung der Bundesrepublik) auf 1969 geschoben; 1969 wurde die Verjährungsfrist um 10 Jahre verlängert und 1979 für Mord und Völkermord gänzlich aufgehoben.

In den folgenden Prozessen wurden in der Regel – wie bei der Verfolgung von staatlich organisiertem Unrecht eigentlich grundsätzlich zu beobachten – nur die unmittelbar ausführenden Täter der unteren Ränge in der Befehlskette belangt. Die letzten größeren Verfahren gegen NS-Täter waren die Majdanek-Prozesse von 1975 bis 1981 vor dem Landgericht Düsseldorf. Von ursprünglich 15 dort angeklagten SS-Angehörigen wurden am Ende nur sechs Männer und zwei Frauen verurteilt: Dabei wurden nur eine lebenslängliche und sieben zeitlich befristete Haftstrafen zwischen drei und zwölf Jahren verhängt. Die Freisprüche und die als zu niedrig empfundenen Freiheitsstrafen lösten damals weltweite Proteste aus.

Von besonderer, nicht nur juristischer Bedeutung erwies sich der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahr 1961. Der ehemalige Leiter des so genannten Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt hatte den Transport von Millionen europäischer Juden in die Vernichtungslager organisiert. Er konnte nach dem Krieg unter falschem Namen in Argentinien untertauchen. Der israelische Geheimdienst Mossad spürte ihn dort jedoch 1960 auf und entführte ihn nach Jerusalem. Der dortige Prozess gegen einen Haupttäter aus der Exekutive des NS-Regimes brachte die planerischen und administrativen Mechanismen ans Licht, die hinter dem Genozid an den Juden standen. Eichmanns Auftreten vor Gericht und seine Rechtfertigungsversuche ermöglichten einer breiten Öffentlichkeit erstmals aber auch, einen Blick auf die Psychologie der Täter zu werfen. Die Prozessbeobachterin Hannah Arendt sprach in diesem Zusammenhang von der „Banalität des Bösen“. Eichmann wurde im Dezember 1961 für schuldig befunden und zum Tod verurteilt. Nach einer Revisionsverhandlung wurde er im Mai 1962 gehängt.

In Österreich, das sich jahrzehntelang, zumindest bis zur Waldheim-Affäre, als „erstes Opfer“ Deutschlands sah und international präsentierte, wurde die Verfolgung von Kriegsverbrechern kaum wahr genommen. Da eine zentrale Staatsanwaltschaft fehlt, wurden zahlreiche NS-Prozesse nicht geführt. Lediglich 20 Personen wurden seit 1955 in Österreich verurteilt, 23 Personen (darunter zum Teil mit skandalösen Urteilen) sprach man frei. 1966 kritisierte Simon Wiesenthal in seinem Memorandum an die ÖVP-Regierung das Desinteresse österreichischer Behörden an der Ausforschung und Strafverfolgung von NS-Tätern in Österreich. Seine Feststellung blieb folgenlos, denn Staatsanwälte und Polizisten waren stets überlastet, Ermittlungen wurden verzögert, ehemalige NS-Angehörige befanden sich unter den ermittelnden Beamten, Prozessbeobachter zu deutschen Parallelprozessen wurden nicht entsandt. Ohne Simon Wiesenthals unermüdliches Engagement wäre eine Vielzahl von Ermittlungen gegen teilweise auch prominente Täter nicht zustande gekommen. Insgesamt wurden seit 1955 etwa gegen 5.500 Personen Erhebungen geführt, die meisten davon jedoch nicht ernsthaft genug.

Die wenigen Prozesse trugen in Österreich lediglich der außenpolitischen Notwendigkeit Rechnung, überhaupt NS-Prozesse zu führen. Nachdem 1972 die zwei Erbauer der Auschwitzer Krematorien, Fritz Ertl und Walter Dejaco, und 1975 Johann Gogl, einst Schlächter in Mauthausen, von den österreichischen Geschworenen freigesprochen wurden, schien Wiesenthal vorübergehend zu resignieren: „In Österreich bleiben etwa 800 Nazis, gegen die ermittelt wurde, unbestraft.“ Besonders bitter für die Betroffenen ist diese Bilanz auch deshalb, weil es unmittelbar nach 1945 durchaus ernsthafte Versuche gegeben hatte, NS-Täter zu verfolgen; dafür zuständig waren die „Volksgerichte“.

Entschädigungen

Die alliierten Militäradministrationen für das besetzte Deutschland und Österreich erließen – ebenso wie die späteren Regierungen der Bundesrepublik, der DDR und Österreichs – Regelungen, die alle Maßnahmen des Hitler-Regimes zur Entrechtung und Enteignung der Juden außer Kraft setzten.

Eine vollständige Entschädigung zumindest für die materiellen Verluste der Betroffenen fand dennoch nie statt. Zahlreiche Überlebende der Vernichtungslager und ihre gesetzlichen Erben mussten zum Teil über Jahrzehnte vor deutschen und österreichischen Gerichten um die Rückerstattung von Eigentum oder um Entschädigungszahlungen klagen.

Während die Regierungen der DDR für sich eine antifaschistische Tradition reklamierte und bis kurz vor der Wende alle Ansprüche zurückwies, die sich aus Handlungen des Deutschen Reichs ergeben konnten, sahen die Regierungen der Bundesrepublik diese als Rechtsnachfolgerin des Reichs. Dies führte bereits unter dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer zu einer Wiedergutmachungspolitik, die zumindest ansatzweise eine kollektive Entschädigung vorsah.

In Verhandlungen mit David Ben Gurion einigte sich Adenauer auf Unterstützungszahlungen für den Staat Israel, der als Rechtsnachfolger der ermordeten Juden betrachtet wurde. Diese Zahlungen lagen nicht zuletzt im Interesse der Bundesrepublik, die sich damit wieder als geachtetes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft etablieren konnte. Die so genannten Wiedergutmachungszahlungen werden von deutschen Rechtsextremisten bis heute abgelehnt. Sie stießen aber auch in Israel auf heftige Kritik, da viele Menschen dort kein so genanntes „Blutgeld“ aus Deutschland annehmen wollten.

Kirchliche Aufarbeitung

Hauptartikel: Kirchen und Judentum nach 1945

Bereits im Oktober 1945 verfassen evangelische Deutsche das Stuttgarter Bekenntnis – eine Stellungnahme evangelischer Christen zur Haltung ihrer Kirchen in der NS-Zeit. Es spricht noch nicht offen die Verbrechen an, benennt allgemein die deutsche Kriegsschuld. Aber bereits diese Formulierungen lösten Empörung, Unverständnis und heftigen Widerspruch der deutschen Öffentlichkeit aus und stießen nur selten auf Zustimmung.

Die Kirchen versuchen ihrem Schuldanteil an dem Zivilisationsbruch, den der Holocaust darstellt, ungefähr seit Beginn der 60er Jahre vermehrt in einem zum Teil schmerzhaften Aufarbeitungsprozess Rechnung zu tragen.

In der EKD bekennen sich heute immer mehr Teilkirchen im Gefolge der Rheinischen Synodalerklärung von 1980 zum „ungekündigten Bund“: Das jüdische Volk sei immer Gottes auserwähltes Volk gewesen und bleibe es, so dass Christsein niemals ohne jüdische Existenz möglich sei. Dies bezieht auch die Solidarität mit dem Staat Israel ein. Zudem wird erkannt, dass der Holocaust nie hätte geschehen können, wenn die Kirchen nicht jahrhundertelang alle Maßnahmen gegen Juden – außer der fabrikmäßigen Vergasung – vorexerziert hätten. Die aus dem Judentum geerbte Nächstenliebe wird als Auftrag zum Schaffen und Bewahren von Lebensbedingungen verstanden, die eine Wiederholung ähnlicher Verbrechen nachhaltig unmöglich macht.

Einzelne Landeskirchen haben Schuldbekenntnisse verabschiedet, die sich auch von judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers distanzierten.

Innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche ist das Verhalten von Papst Pius XII. während des Holocaust bis heute höchst umstritten. Der Papst hatte sich einerseits für die Rettung der römischen Juden eingesetzt, andererseits aber zu dem Völkermord geschwiegen, auch nachdem ihm die Tatsachen bekannt geworden waren.

In der katholischen Kirche begann die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld an Antijudaismus und Antisemitismus und mit der Verantwortung von Katholiken für den Holocaust erst nach Pius’ Tod im Jahr 1958. Sein Nachfolger Johannes XXIII. sprach die Juden erstmals in der Geschichte des Papsttums als „Brüder“ an. Das von ihm initiierte 2. Vatikanische Konzil verabschiedete 1965 die Erklärung Nostra Aetate, nach der es nicht länger kirchliche Lehrmeinung sei, die Juden kollektiv für den Tod Jesu Christi verantwortlich zu machen.

In dem Schuldbekenntnis Mea culpa aus dem Jahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. zwar öffentlich die Schuld einzelner Katholiken an der Verfolgung der Juden zugegeben, ohne aber konkrete Fehler, Versäumnisse oder Verbrechen von Seiten der Kirche – etwa in Bezug auf den Holocaust – anzusprechen oder Möglichkeiten der Wiedergutmachung anzudeuten.

Leugnung und Verharmlosung

Hauptartikel: Holocaustleugnung, Geschichtsrevisionismus

Antisemiten und Geschichtsrevisionisten gingen bereits unmittelbar nach Kriegsende daran, den Holocaust entweder komplett abzuleugnen, ihn zu relativieren oder gar zu verherrlichen. Dieses ist eine Grundtendenz im Rechtsextremismus (besonders im deutschen), die aber auch ausstrahlt auf Teilbereiche der Neuen Rechten und des so genannten sekundären Antisemitismus.

Jedoch war auch nach Kriegsende in der Bevölkerung generell die Tendenz dazu, den Holocaust zu verdrängen oder herabzuspielen, so fand sich z. B. in einem deutschen Schulbach der 50er Jahre nach einer langen Aufzählung deutscher Kriegsopfer- und invaliden der kurze Hinweis "Hinzu kamen die Opfer, die in den KZs, den Arbeitslagern, Todeskammern usw. vernichtet wurden". [21]

Mahnung und Erinnerung

Heute erinnern zahlreiche Mahnmale und Museen (zum Beispiel das Florida Holocaust Museum) in der ganzen Welt an den Holocaust. Mindestens ebenso wichtig sind jedoch auch Initiativen und Organisationen, welche auf unterschiedlichsten Ebenen und mit den unterschiedlichsten Mitteln ihren Beitrag zur Erinnerungskultur des Holocaust leisten. Sie haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, vor allem Jugendliche über den Holocaust zu informieren, deren Verantwortungsgefühl und Zivilcourage zu stärken oder – zum Beispiel über Projekte zum Schüleraustausch – einen internationalen Dialog herzustellen.

Die bedeutendste Holocaustgedenkstätte ist Yad Vashem in Jerusalem, wo sich unter anderem die Allee der Gerechten unter den Völkern befindet. In Deutschland und den ehemals deutsch besetzten Gebieten sind vor allem die Gedenkstätten auf den Geländen der ehemaligen Konzentrationslager von Bedeutung, insbesondere des KZ Auschwitz-Birkenau. Eine besondere Bedeutung besitzen auch das Jüdische Museum in Berlin und das 2005 eingeweihte Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Wichtige Initiativen der Versöhnungsarbeit sind zum Beispiel die Aktion Sühnezeichen und die österreichischen Gedenkdienste.

Mit dem polnischen Ehrenzeichen Auschwitzkreuz (Krzyż Oświęcimski) wurde vom 14. März 1985 bis 1999 ehemalige Gefangene der KZs geehrt. Von dieser Auszeichnung waren weder Nicht-Polen noch bereits Verstorbene ausgeschlossen. Der Orden ist ein silbernes Kreuz, auf dem Stacheldraht läuft. In der Mitte der Rote Winkel mit dem P, wie ihn polnische Gefangene auf der Sträflingskleidung trugen. Eingeprägt sind die Jahreszahlen 1939 und 1945, auf der Rückseite steht die Inschrift „PRL / WIĘŹNIOM / HITLEROWSKICH / OBOZÓW KONCENTRACYJNYCH“ („Die Volksrepublik Polen an Gefangene der Hitler-Konzentrationslager“).

In Deutschland ist seit 1996 der 27. Januar Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Nach einem Beschluss der Vereinten Nationen (UN) wird seit 2006 zu eben diesem Datum weltweit der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begangen.

Das Projekt A Letter To The Stars wurde im Frühjahr 2002 initiiert und ist ein wichtiges Zeitgeschichte-Projekt in Schulen der Republik Österreich. 2008 sollen Zeitzeugen/Überlebende an 250 Schulorte eingeladen werden.

Siehe auch

Einzelbelege

  1. Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15158-5, S. 109
  2. Wolfgang Benz(Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Dtv, München 1996, ISBN 3-423-04690-2
  3. Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945, Darmstadt 2003, S. 64 und 111
  4. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden Band I, München 2000, ISBN 3-423-30765-X, S. 364 (Anmerkung 30)]
  5. Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938
  6. Verordnung über Reisepässe von Juden vom 5. Oktober 1938
  7. Reisepass mit Stempelzeichen "J" auf der Webseite "Drei Wege in die Emigration"
  8. Deutsche Juden dürfen nicht ins Ausland?, Neues Wiener Journal 17. März 1936
  9. Dieter Pohl: Holocaust, Herder, Freiburg 2000, S. 73-77
  10. Dieter Pohl: Holocaust, a.a.O. S. 78ff
  11. Dieter Pohl: Holocaust, a.a.O. S. 83-93
  12. Peter Longerich: Politik der Vernichtung. München 1998, ISBN 3-492-03755-0 S. 273f
  13. Dossier Kersten im Centre de Documentation Juive bzw. Felix Kersten, The Kersten Memoirs, 1940–1945, Time Life Education (1992), ISBN 0-809-48737-3
  14. Dokument 2738-PS, US-296 des Internationalen Militärgerichtshofs; zit. nach: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Nürnberg 14. November 1945 – 1. Oktober 1946, Nürnberg 1947, Bd. 3, S. 635
  15. Gerald Reitlinger, The Final Solution, 1953
  16. Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, 1961
  17. Martin Gilbert, Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas, 1982
  18. Francisek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz 1993
  19. Dieter Pohl: Holocaust, Herder, 2000, S. 82
  20. www1.jur.uva.nl: Schwerpunkte der Strafverfolgung in Westdeutschland 1945 -1997. An dieser Stelle wird eine Unterteilung und Bewertung der Nachkriegszeit in Abschnitten von jeweils etwa sieben Jahren vorgenommen
  21. Steve Crawshaw: "Ein leichteres Vaterland. Deutschlands Weg zu einem neuen Selbstverständnis" ( Frankfurt am Main 2005), S. 47

Literatur

Gesamtdarstellungen

1. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939 2. Auflage, Dtv, München 2000, ISBN 342330765X
2. Die Jahre der Vernichtung 1939–1945 Beck, München 2006, ISBN 3-406-54966-7
beide Teile in 1 Band als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung (nur Schutzgebühr) 2006, ISBN 3-89331-699-X

Judenverfolgung ab 1933

Täter und Mitläufer

Opfer

Konzentrations- und Vernichtungslager

Einzelregionen

Hilfs- und Widerstandsaktionen

Bd. 1: Wolfgang Benz/ Juliane Wetzel (Hrsg.), Regionalstudien 1. Polen, Rumänien, Griechenland, Luxemburg, Norwegen, Schweiz (1996), ISBN 3-926893-43-5
Bd. 2: Wolfgang Benz/Juliane Wetzel (Hrsg.), Regionalstudien 2. Ukraine, Lettland, Litauen, Estland, Böhmen und Mähren, Frankreich, Österreich (1998), ISBN 3-926893-48-6
Bd. 3: Wolfgang Benz/Juliane Wetzel (Hrsg.), Regionalstudien 3. Niederlande, Dänemark, Weißrußland, Ungarn, Albanien, Portugal, Spanien (1999), ISBN 3-932482-18-2
Bd. 4: Wolfgang Benz/Mona Körte (Hrsg.), Rettung im Holocaust. Bedingungen und Erfahrungen des Überlebens. Biographische Zeugnisse (2001), ISBN 3-932482-80-8
Bd. 5: Beate Kosmala, Claudia Schoppmann (Hrsg.), Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941–1945 (2002), ISBN 3-932482-86-7
Bd. 6: Klaus Voigt: Villa Emma. Jüdische Kinder auf der Flucht 1940–1945 ISBN 3-932482-87-5
Bd. 7: Wolfgang Benz/Juliane Wetzel (Hrsg.), Regionalstudien 4. Italien, Belgien, Slowakei, Bulgarien, Kroatien, Serbien(2004), ISBN 3-936411-35-2

Holocaustliteratur

Juristische Aufarbeitung

Gedenken

Filme

Die hier gegebene Auswahl ist chronologisch geordnet, ohne Filme, in denen der Spielfilmcharakter im Vordergrund steht.

weitere siehe:

 Commons: Holocaust – Bilder, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Holocaust – Zitate

Bibliographie

Chronologie

Basisinformationen

Opfer

Filme

Gedenken

Holocaustliteratur

Internetressourcen