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Wilhelm von Ockham

Wilhelm von Ockham, englisch William of Ockham oder Occam (* um 1285 in Ockham in der Grafschaft Surrey, England; † 9. April 1347 in München) war ein berühmter mittelalterlicher Philosoph, Theologe und kirchenpolitischer Schriftsteller in der Epoche der Spätscholastik. Er wird traditionell, aber ungenau als einer der Hauptvertreter des Nominalismus bezeichnet. Sein umfangreiches philosophisches Werk enthält Arbeiten zur Logik, Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Metaphysik, Ethik und politischen Philosophie.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Während die Quellen – vor allem Ockhams eigene Werke – über seine Ansichten und Lehren detailliert informieren, liegen über seine Persönlichkeit und Biographie nur relativ spärliche Nachrichten vor.

Jugend, Ausbildung, Lehrtätigkeit

Das erste gesicherte Datum aus Ockhams Leben ist seine Weihe zum Subdiakon in Southwark im Februar 1306; damals gehörte er bereits dem Franziskanerorden an. Etwa im Zeitraum 1300-1308 erhielt er an einer Ordensschule (studium, Studienhaus) der Franziskaner in London seine Ausbildung in den Artes als Voraussetzung für das Studium der Theologie, das er dann um 1308 an der Universität Oxford begann. Um 1317 erhielt er dort den Grad eines Bakkalaureus und damit die Berechtigung, eine Vorlesung über die Sentenzen des Petrus Lombardus zu halten. Den Magistergrad hat er aber offenbar nie erhalten, da sein mittelalterlicher Beiname Venerabilis Inceptor („Ehrwürdiger Beginner“) besagt, dass er sich für den Erwerb des Magistertitels qualifiziert hatte, dieser ihm aber nicht formell verliehen wurde. Die Ursache dafür waren sehr wahrscheinlich universitätspolitische Konflikte und philosophisch-theologische Gegensätze, doch deren Einzelheiten können nur vermutet werden. Jedenfalls verließ er Oxford und übersiedelte nach London, wo er etwa ab 1320 im Studienhaus der Franziskaner unterrichtete.[1]

Verteidigung gegen den Häresievorwurf

Der Kanzler der Oxforder Universität, der Magister John Lutterell, befand sich zu Beginn der zwanziger Jahre in einem heftigen Konflikt mit den dortigen Magistern. Im Sommer 1322 baten die Magister den dafür zuständigen Bischof von Lincoln, den Kanzler abzusetzen. Lutterell wurde entlassen. Ob Ockham in diesem Konflikt bereits eine Rolle spielte, geht aus den Quellen nicht hervor, ist aber zu vermuten, denn der Kanzler war als eifriger Thomist ein entschiedener Gegner der Philosophie und Theologie des franziskanischen Gelehrten. Jedenfalls erlaubte König Eduard II. Lutterell im August 1323, an den päpstlichen Hof in Avignon zu reisen. Dort legte der ehemalige Kanzler eine Anklageschrift gegen Ockham vor, in der er ihn der Häresie bezichtigte. Darauf musste sich Ockham 1324 nach Avignon begeben, um sich dem gegen ihn angestrengten Prozess zu stellen. Lutterells Anklageschrift zählte 56 Lehrsätze auf, die als Irrtümer angeprangert wurden. 1325 wurde eine Kommission eingesetzt, die den Fall zu untersuchen hatte. Sie bestand aus sechs Theologen, unter denen der Ankläger Lutterell war. Die Kommission stellte auf der Grundlage der Anklageschrift eine neue Liste von 51 angeblich häretischen Thesen Ockhams zusammen. 1326 erstellte die Kommission ein abschließendes Gutachten, in dem von den 51 Sätzen Ockhams 29 als häretisch oder irrig, die übrigen 22 als möglicherweise falsch bezeichnet wurden. Unter anderem wurde Ockham des Pelagianismus für schuldig befunden. Damit hätte seiner Verurteilung durch Papst Johannes XXII. nichts mehr im Wege gestanden, zumal da sich der Papst schon im Sommer 1325 in einem Brief an Eduard II. scharf gegen Ockhams Lehre ausgesprochen hatte.[2] Obwohl das Verfahren sehr sorgfältig und mit großem Aufwand betrieben wurde und Ockham bis 1328 als Angeklagter in Avignon blieb, kam es aus unbekannten Gründen zu keinem Urteil. Ockham befand sich in Avignon als Angeklagter nicht in Haft; er musste dort bleiben, durfte sich aber frei bewegen und an seiner Verteidigung arbeiten.[3]

Bruch mit dem Papst und Kampf für den Kaiser

Damals war eine andere Auseinandersetzung im Gang, die mit der Anklage gegen Ockham nicht zusammenhing, der Armutsstreit. Dabei ging es ursprünglich um die Frage, inwieweit die Franziskaner im Sinne des Testaments des Ordensgründers Franz von Assisi verpflichtet waren, in vollkommener Armut zu leben, und wie der Franziskanerorden mit Geschenken – darunter insbesondere Immobilien – umgehen sollte, die er erhielt und die mit dem ursprünglichen Armutsideal schwer vereinbar waren. Strittig war auch, ob Christus und die Apostel privat oder gemeinschaftlich Eigentum besessen hatten; aus der Annahme, dass dies nicht der Fall gewesen war, wurde gefolgert, dass eine konsequente Christus-Nachfolge notwendigerweise mit entsprechender Armut verbunden war. Demnach durften die Mönche individuell ebenso wie kollektiv keine Dinge besitzen, sondern sie nur im unumgänglichen Maß gebrauchen. Obwohl der Streit sich formal nur auf die Lebensweise von Bettelmönchen bezog, konnte die Armutsforderung auch als Kritik am Reichtum des höheren Klerus und besonders der Angehörigen des päpstlichen Hofes verstanden werden.

Papst Johannes XXII. war ein entschiedener Gegner der Armutsthese und verurteilte sie als häretisch. Dadurch geriet er in Konflikt mit dem Ordensgeneral der Franziskaner, Michael von Cesena, den er nach Avignon zitierte. Michael traf am 1. Dezember 1327 in Avignon ein; er wohnte dort wohl in dem Franziskanerkonvent, wo auch Ockham untergebracht war. So sah sich Ockham, der sich bisher auf theologische und philosophische Fragen konzentriert hatte und kirchenpolitisch kaum hervorgetreten war, zur Auseinandersetzung mit dem Armutsstreit veranlasst. Es gelang Michael, den Philosophen von der Auffassung zu überzeugen, dass die Armutsforderung berechtigt war und drei gegenteilige Verordnungen des Papstes von 1322-1324 häretisch waren. Daraus zogen die beiden Franziskaner die Konsequenz, dass der Papst vom wahren Glauben abgefallen sei. Johannes verbot Michael, Avignon zu verlassen. Am 26. Mai 1328 flohen Michael, Wilhelm von Ockham und die Franziskaner Bonagratia von Bergamo und Franz von Marchia aus Avignon und begaben sich auf dem Seeweg nach Pisa. Dort trafen sie auf Kaiser Ludwig IV. den Bayern, der sich damals bereits im Streit mit dem Papst befand. Johannes hatte die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Ludwigs bestritten und ihn am 23. März 1324 exkommuniziert, worauf Ludwig den Papst der Häresie beschuldigte und am 18. April 1328 für abgesetzt erklärte. Bei dem Häresievorwurf spielte der Armutsstreit, in dem Ludwig ab 1324 auf der Seite der Armutsbefürworter stand, eine Rolle. Ludwig stellte die flüchtigen Franziskaner unter seinen Schutz; Anfang 1330 traf Ockham mit seinen Gefährten in München ein, wo er bis zu seinem Tod blieb. Ockham, der am 20. Juli 1328 exkommuniziert worden war, wurde nun zu einem Vorkämpfer der Gegner des Papstes. Er begann sich intensiv mit politischen und kirchenrechtlichen Grundsatzfragen zu befassen, insbesondere dem Verhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Macht und den Grenzen der Befugnisse des Papstes.

Es gelang den rebellischen Mönchen nicht, ihren Orden für den Kampf gegen Johannes zu gewinnen; die Franziskaner blieben dem Papst treu und wählten einen neuen Ordensgeneral. Auch nach dem Tod des Papstes 1334 kam es nicht zu einer Versöhnung mit dessen Nachfolger Benedikt XII.; die Positionen blieben im wesentlichen unverändert, und Ockham verfasste einen Traktat gegen Benedikt, um auch den neuen Papst als Häretiker zu erweisen.[4] Zwar konnte Ockham seine Stellung als Berater des Kaisers festigen – er half Ludwig auch im Ehestreit um Margarete von Tirol mit einem Gutachten –, doch der Niedergang von Ludwigs Ansehen und Macht und die Wahl des Gegenkönigs Karl IV. im Juli 1346 bedeuteten für den exkommunizierten Franziskaner eine akute Gefahr. Einer seiner letzten Texte zeigt, dass er mit der Möglichkeit rechnete, dass München in die Hände der Gegner fiel.[5] Ockham hat aber den Tod Ludwigs im Oktober 1347 nicht mehr erlebt. Entgegen früheren Vermutungen, wonach er bis 1349 lebte und sich möglicherweise mit dem Papst aussöhnte, steht nach heutigem Forschungsstand fest, dass er im April 1347 als Exkommunizierter gestorben ist.[6]

Philosophie und Bedeutung

Vorbereiter des Laizismus und der Moderne

In der Tradition Roger Bacons trat Ockham für eine klare Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen, Theologie und Philosophie ein. Weiterhin vertrat er die Ansicht, dass Thesen möglichst wenig Axiome voraussetzen sollten, ein Grundsatz, der heute als Ockhams Rasiermesser bekannt ist, obwohl er nicht ursprünglich von Ockham stammt. Seine Lehren, die auf der Logik des Aristoteles beruhten, widersprachen teilweise den damals allseits anerkannten Grundsätzen des Dominikaners Thomas von Aquin, die dieser ebenfalls aus der Interpretation der Philosophie Aristoteles' heraus entwickelt hatte.

Wilhelm von Ockham interpretierte die Theorie der «zwei Schwerter» auf dualistische Weise. Demnach seien sowohl die Kirche als auch die weltliche, temporäre Gewalt (der Fürsten) zwei legitime Autoritäten. Der Kaiser leite seine Macht aus dem natürlichen Recht her. Eine Autorisation durch den Papst sei daher nicht nötig. Der Einfluss seiner Biographie, insbesondere des erzwungenen Exils bei Ludwig IV., scheint hier unverkennbar.

Mit der These zweier voneinander unabhängiger, legitimer Gewalten stieß Wilhelm von Ockham die seiner Zeit gültige politische Philosophie völlig um. Wilhelm von Ockham war einer der ersten, die für den Gedanken des Laizismus (Trennung von Staat und Kirche) eintraten, und gilt damit zu Recht als ein Vorbereiter der Reformation und der Moderne überhaupt. Ockham kann mit einiger Vorsicht auch als geistiger Wegbereiter von Jan Hus, Jean Calvin, Martin Luther, Thomas Hobbes, John Locke und Montesquieu bis hin zum modernen laizistischen Staat betrachtet werden.

Seine Schriften hatten auch starken Einfluss auf andere spätere Theologen wie John Wyclif.

Die "nominalistische Revolution" und ihre Folgen

Im 12. Jahrhundert enflammte eine äußerst bedeutsame und heftige philosophische Auseinandersetzung: der Universalienstreit. Es ging um den Wirklichkeitsgehalt von Universalien (Allgemeinbegriffen). Wilhelm von Ockham vertrat in diesem Streit eine nominalistische Position. Demnach existieren nur die konkreten Einzeldinge (Nomina = Dinge, denen man einen individuellen Eigennamen geben könnte) wirklich, Sammelbezeichnungen und Allgemeinbegriffe (Abstrakta) seien hingegen Fiktion, bloße gedankliche Abstraktionen. Solche Allgemeinbegriffe haben demnach keine eigene Existenz, sondern existieren nur in unserer Vorstellung. Beispiel: Eine einzelne Rose hat eine reale Existenz, „die Rose" an sich, als Begriff, hat hingegen nur eine rein gedankliche Existenz. Die Gegenposition hierzu ist der Begriffsrealismus, wie er von den Platonikern (reale Existenz der Ideen; siehe Ideenlehre) vertreten wurde.

Mit der theoretischen Begründung des Nominalismus hat Ockham ein Grundvoraussetzung der neuzeitlichen Aufklärung geliefert. Die Langzeitwirkung der nominalistischen These reicht bis in die heutige Zeit. Sie entzog dem platonischen Ideenrealismus die Grundlage. Wenn einem Begriff umso weniger Realität zukommt, je abstrakter er ist, fallen die obersten Abstrakta aller ideologischen Begriffspyramiden zuerst: "Mensch" hat geringeren Realitätsgehalt als "Deutscher", "Deutscher" weniger als "Hesse" und so fort. Die unmittelbaren Folgen für alle Vertreter hoher ideologischer Ansprüche liegen auf der Hand. Alle ideologischen Abstraktionen und Universalismen werden vom Nominalismus als "nur in der Vorstellung real" und damit als nicht allgemeinverbindlich verstanden. Diese Sicht entzieht jeder Ideologie ihren Absolutheitsanspruch.

Über Gott kann man nichts wissen, man kann nur glauben

Der Begriffsnominalismus Wilhelm von Ockhams hatte revolutionäre Auswirkungen für die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen. Wilhelm von Ockham stellte das gesamte Unternehmen der Scholastiker in Frage, die versuchten, die Wahrheit des christlichen Glaubens durch die Mittel der Vernunft zu beweisen (siehe dazu: Natürliche Theologie). Sein Gedankengang hierzu sieht - stark vereinfacht - etwa wie folgt aus:

  1. Sein und Denken sind von grundsätzlich verschiedener Natur. (Gegenposition hierzu: Thomas von Aquin)
  2. Jede Wissenschaft verallgemeinert. Sie behandelt also nicht die Einzeldinge, sondern das Allgemeine.
  3. Wenn die Wissenschaft aber das Allgemeine behandelt, dann handelt die Wissenschaft nur von den Termini (Allgemeinbegriffen), nicht von den wirklichen Einzeldingen. Die Wissenschaft kann so zwar in sich logisch sein, nicht aber die Wirklichkeit erkennen. (Gegenposition hierzu: Aristoteles: „Es gibt eine Wissenschaft, die das Sein an sich behandelt“, nämlich die Philosophie bzw. Metaphysik).
  4. Die Welt ist somit für den Menschen unergründlich. Sie muss unverstanden hingenommen werden. Der Mensch kann in ihr insbesondere auch keine göttlichen, ewig gültigen Gesetze entdecken (auch wenn diese existieren können).
  5. Wenn der Mensch unfähig ist, eine göttliche Ordnung in der Welt zu erkennen, so ist für ihn auch der Wille Gottes unergründlich. Gott ist zudem an keine menschliche Logik gebunden.
  6. Fazit: Der Glaube ist nicht durch die menschliche Vernunft beweisbar. Man kann darüber nichts wissen, man muss vielmehr glauben.

Das Individuum als Grundlage der Menschenrechte

Nach Wilhelm von Ockham leiten sich die Rechte des Menschen nicht aus einem «natürlichen Gesetz» (göttliches Gesetz bzw. Naturrecht) her, sondern aus dem Willen des Individuums. Diese Idee, dass die Rechte des Menschen auf dem Individuum selbst gründen, war seinerzeit absolut neu.

Logik

Wilhelm von Ockham war ein herausragender Logiker des Mittelalters. In seinem logischen Hauptwerk Summa logicae ging er keineswegs nur in den Spuren des Aristoteles, sondern leistete originelle Beiträge, die erst moderne Logiker wiederentdeckten. So formulierte er in seiner Aussagenlogik als Axiome für die Konjunktion "und" und die Disjunktion "oder" bereits die beiden De Morgansche Gesetze (Summa logicae II, Kap. 32 und 33).

Trivia

Wilhelm von Ockham ist eine der Figuren, die Umberto Eco in seinem Roman "Der Name der Rose" in die Gestalt des William von Baskerville einfließen ließ. Nach ihm ist auch die Programmiersprache Occam benannt.

Siehe auch

Textausgaben

Politische Schriften
Philosophische Schriften

Guillelmi de Ockham opera philosophica et theologica, Reihe Opera philosophica, hg. The Franciscan Institute of St. Bonaventure University, St. Bonaventure (N.Y.) 1974–1988

Theologische Schriften

Guillelmi de Ockham opera philosophica et theologica, Reihe Opera theologica, hg. The Franciscan Institute of St. Bonaventure University, St. Bonaventure (N.Y.) 1967–1986

Übersetzungen

Bibliographie

Lexikon

Literatur

Anmerkungen

  1. Zu Ockhams Jugend, Ausbildung und früher Lehrtätigkeit siehe Beckmann (1995) S. 19-21; Leppin S. 5-25, 33-41, 87-90; Miethke S. 1-14, 29-34.
  2. Miethke S. 65.
  3. Zu Ockhams Aufenthalt in Avignon siehe Beckmann (1995) S. 21-23; Leppin S. 105-111, 119-139; Miethke S. 46-74.
  4. Miethke S. 106f.
  5. Leppin S. 270f.
  6. Gedeon Gál: William of Ockham Died Impenitent in April 1347, in: Franciscan Studies 42 (1982) S. 90-95; Volker Leppin: Wilhelm von Ockham, Darmstadt 2003, S. 268-270.
Personendaten
Wilhelm von Ockham
William of Ockham, William of Occam
Franziskaner, Philosoph und Scholastiker
um 1285
Ockham, England
9. April 1347
München