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Minoische Kultur

Nach dem mythischen König Minos wird die antike Kultur Kretas der Bronzezeit als minoisch, kretisch-minoisch oder kretominoisch bezeichnet. Im Unterschied dazu heißt die etwa zeitgleiche Kultur des griechischen Festlandes helladisch. Die minoische ist die früheste Hochkultur Europas.

Der Begriff „minoisch“ wurde bereits 1883 von Arthur Milchhöfer verwendet[1] und durch Sir Arthur Evans, der seit 1899 Grabungen auf Kreta durchführte, bekannt. Ob Minos ein Name oder wie Pharao ein Titel war, ist allerdings offen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Hauptartikel: Geschichte Kretas

Die ältesten Besiedlungsspuren stammen aus dem Neolithikum, dessen Beginn auf Kreta zwischen 7000 und 6000 v. Chr. liegen könnte. Die Erforschung Kretas steckt aber noch in den Kinderschuhen, so dass fundierte Aussagen nicht möglich sind. Ca. um 3000 v. Chr. beginnt die kretische Bronzezeit. In einigen Orten bildet sich die für Hochkulturen typische dominante Oberschicht. Ungefähr ein Jahrtausend später entstehen die so genannten Paläste, wie sie in Knossos, Malia, Phaistos, Galatas und Kato Zakros ausgegraben wurden. Um 1700 v. Chr. kam es, wahrscheinlich durch ein Erdbeben, zur Zerstörung dieser Paläste und zu einem anschließenden partiellen Wiederaufbau. Nach einer weiteren tektonischen Erschütterung etwa 100 Jahre später werden die neusten Paläste noch prächtiger ausgestaltet. In der Phase spätminoisch SM I B (s. u.) ist der Einfluss mykenischer Griechen auf der Insel festzustellen. Wahrscheinlich um 1430 v. Chr. kommt es zur Eroberung Kretas durch die Mykener und zur endgültigen Zerstörung der Paläste. Nur der Palast in Knossos wird wieder aufgebaut. Dort ist nun eine helladische Herrscherschicht feststellbar. Entweder um 1370 v. Chr. oder erst um 1200 v. Chr. wird auch der jüngste Palast von Knossos niedergebrannt.

Chronologie

Die Chronologie der minoischen Zeit wirft bis heute viele Probleme auf. Eine Gliederung der minoischen Epochen nahmen Sir Arthur Evans (Ausgräber des Palastes von Knossos) und Nikolaos Platon (Entdecker des Palastes in Kato Zakros) vor. Evans unterteilte die minoische Geschichte entsprechend den Keramikstilen in Frühminoisch, Mittelminoisch und Spätminoisch. Diese Phasen werden feiner in Abschnitte (I, II und III) unterteilt.

Die Klassifizierung nach N. Platon richtet sich nach den Bauphasen der minoischen Paläste. Dabei wird unterschieden zwischen der Vorpalastzeit, Altpalastzeit (Zeit der alten Paläste), Neupalastzeit (Zeit der neuen Paläste) und Nachpalastzeit (Zeit nach der endgültigen Zerstörung des Palastes von Knossos).

Die absolute Datierung der Epochen ist ungesichert und wird weiter diskutiert. Wichtigste Anhaltspunkte für die zeitliche Einordnung sind kretische Importe in Ägypten und umgekehrt, sowie die Datierung der minoischen Eruption der Vulkaninsel Thera, die erst jüngst gelang. Jedoch ist auch die Chronologie Ägyptens vom jeweils aktuellen Stand der Forschung abhängig. Sollte sich bestätigen, dass der Vulkanausbruch auf Thera tatsächlich um 1630 v. Chr. erfolgte, wie neue naturwissenschaftliche Analysen nahelegen, und nicht wie bisher aufgrund archäologischer Untersuchungen angenommen um 1530/00, verschieben sich einige Zeitstufen des minoischen Mittel- und Spätminoikums. Insbesondere der Beginn der Stufen SM IA und SM IB und das Ende von MM III wären mindestens ein Jahrhundert früher anzusetzen. Die Synchronisation mit der Ägyptischen Chronologie (s. o.) kommt nach Ansicht vieler Forscher mit den traditionellen Daten allerdings besser hin, die Diskussion ist also noch nicht abgeschlossen[2].

Periodisierungen nach Evans und Platon
Evans Platon traditionelle Chronologie lange Chronologie
Frühminoisch Vorpalastzeit    
FM I 3100–2700 v. Chr.
FM II 2700–2200 v. Chr.
FM III 2200–2000 v. Chr.
Mittelminoisch     
MM I A 2000–1900 v. Chr.
MM I B Altpalastzeit 1900–1800 v. Chr.
MM II 1800–1700 v. Chr.
MM III A Neupalastzeit 1700–1600 v. Chr.
MM III B 1600–1550 v. Chr. 1850–1740 v. Chr.
Spätminoisch    
SM I A 1550–1520 v. Chr. 1740–1660 v. Chr.
SM I B 1520–1430 v. Chr.  1660–1612 v. Chr.
SM II Nachpalastzeit  1430–1400 v. Chr. 1612–1570 v. Chr.
SM III A 1400–1330 v. Chr. 1570–1460 v. Chr.
SM III B 1330–1200 v. Chr. 1460–1410 v. Chr.
SM III C 1200–1100 v. Chr. ab 1410 v. Chr.
Subminoisch    

Mit der langen Chronologie verschiebt sich die Synchronisierung mit Ägypten wesentlich:

Kreta Zypern Festland Ägypten
MM IB, Frühe Palastzeit MC IB   12. Dynastie
MM II, Frühe Palastzeit MC II   13. Dynastie
MM III, späte Palastzeit MCIII MH (Schachtgräber) Zweite Zwischenzeit, ab 1680
SM IA, späte Palastzeit LCIA SH IA Zweite Zwischenzeit
SM IB I LC IB SH IB 18. Dynastie (ab 1550)
SM IB I LC IB SH IB 18. Dynastie
SM IC I LC IC SH IC 18. Dynastie

Vorpalastzeit

Die Vorpalastzeit (ca. 31002000 v. Chr.) ist durch eine starke Zunahme der Siedlungsdichte auf Kreta gekennzeichnet. Die Siedlungen sind meist kleine Dörfer, in denen fünf bis acht Familien (25-50 Personen) in aneinandergebauten Häusern wohnen. Die Art der Bebauung diente angeblich der Verteidigung, so bilden die Häuser der Siedlung von Phornou Korphi eine geschlossene Fassade. In der Keramikproduktion tauchen neue Formen auf und es wird mit der Metallverarbeitung begonnen. Kuppelgräber finden sich hauptsächlich im Süden der Insel. Grabbeigaben weisen auf die Herausbildung gesellschaftlicher Eliten hin. Handelskontakte bestehen vor allem mit den Kykladeninseln, aber auch mit Ägypten und zum Vorderen Orient ggf. über Zypern. Während der Phase FM III ist ein starker Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen. Mehrere Siedlungen werden aufgegeben. Die Ursachen sind unklar und die Funde dürftig. In der folgenden Epoche MM I kommt es wieder zu einem Aufschwung, auch in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.

Altpalastzeit

In der Altpalastzeit (ca. 20001700 v. Chr.) entstehen Paläste als zentrale Verwaltungseinheiten. In der prämonetären Wirtschaft Kretas dienten sie als Umschlagsstellen für Waren aller Art. Ebenso hatten die Paläste kultische Funktionen und waren Sitz einer religiösen und politischen Elite. Im Land entstehen erstmals Städte mit beachtlichen Trinkwasser- und Abwassersystemen.

Im 17. Jahrhundert v. Chr werden die Paläste durch ein Erdbeben zerstört, aber schnell wieder aufgebaut.

Neupalastzeit

Der Übergang zur Neupalastzeit (17001400 v. Chr.) ist also relativ harmonisch. Der Palast von Knossos wird beim Wiederaufbau vergrößert, der Palast von Phaistos verkleinert. Die Periode zeichnet sich durch ihre hochentwickelte Architektur aus.

Um 1430 v. Chr. sind überall auf Kreta Spuren von Bränden und Zerstörungen nachweisbar. Diese sind wohl auf die Eroberung Kretas durch mykenische Festlands-Griechen zurückzuführen. Die palatialen Zentren wurden zerstört. Lediglich Knossos bestand bis ca. 1375 v. Chr. fort, offenbar als Sitz eines mykenischen Herrschers. Jedenfalls ist der Palast nach Ansicht eines Teils der Gelehrten zu dieser Zeit zerstört worden. Andere Forscher sind allerdings der Meinung, die Datierung der in Knossos gefundenen Schrifttafeln auf ca. 1375 sei falsch und gehe auf Fehler des ersten Ausgräbers Evans zurück: Dieser habe versehentlich Geschirr, das aus einem älteren Gebäude gestammt habe, in denselben Kontext wie die Tafeln eingeordnet. Diese Linear-B-Tafeln - und damit die Zerstörung des Palastes von Knossos - seien in Wahrheit auf ca. 1200 zu datieren. Die Anhänger dieser Position gehen daher davon aus, dass Kreta um 1400 unter mykenische Kontrolle geriet, dass aber zumindest Knossos unter den neuen Herren noch knapp 200 Jahre lang geblüht habe.

Nachpalastzeit

In der Nachpalastzeit (1450/14001100/1050 v. Chr.) besteht die minoische Kunst weiter. Während vorher die minoische Kultur die mykenische Kultur stark beeinflusst und vermutlich die Peloponnes erobert hat, verschmilzt nun Mykenisches und Minoisches. Allerdings bleiben auf Kreta typisch minoische Elemente bis zum Ende der Periode erhalten (teilweise mit Nachwirkungen in die Achaische Zeit). Kreta ist politisch Teil der mykenischen Welt und wird von Griechen beherrscht. Mykenische Herrscher regierten in Knossos und eventuell auch in Kydonia (Chania). Die anderen ehemaligen minoischen Paläste wurden nie wieder bezogen. In der Zeit um ca. 1200 v. Chr. gab es auf dem Festland viele Zerstörungen und Umwälzungen, von denen auch Kreta nicht verschont blieb. Das minoisch-mykenische hielt sich noch bis ca. 1050. Die Geschichte Kretas in den „Dunklen Jahrhunderten“ zwischen 1100 und 750 v. Chr. ist bis heute weitgehend unklar.

Theorien über den Untergang

Der Untergang der Minoer ist bis heute rätselhaft und bot Stoff für Spekulationen. James Baikie veröffentlichte 1910 ein Buch, in dem erstmals der Ausbruch der Vulkaninsel Thera (Santorin) für das Ende der Minoer verantwortlich gemacht wird. Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos griff diese Idee 1939 auf, und veröffentlichte seine Theorie, wonach der Ausbruch um das Jahr 1500 v. Chr. sämtliche minoischen Küstenstädte zerstört haben müsse.

Diese weitverbreitete Theorie gilt heute in aller Regel als widerlegt. Die Thera-Eruption kann den Untergang der Minoer nicht direkt herbeigeführt haben, da die Minoische Kultur auch fast hundert Jahre nach dem Ausbruch noch existierte. Die entworfenen Katastrophenszenarien, die von riesigen Tsunamis an der Nordküste Kretas sprechen,[3] dürfen nach der Erkenntnis, dass der Ausbruch nur maximal halb so stark war wie Marinatos einst annahm,[4] als übertrieben gelten. Nach wie vor diskutiert wird jedoch die Möglichkeit, dass die Thera-Eruption die Minoische Kultur indirekt und langfristig schädigte.[5]

Weiter stehen aber andere schwere Erdbeben, der Wegfall von Absatzmärkten für kretische Produkte oder innere Unruhen als Ursachen für den Niedergang der Minoer zur Diskussion. Sicher ist nur, dass schließlich achäische Herrscher den Palast in Knossós übernahmen. Dabei kommt nur eine militärische Eroberung in Betracht. Die Frage nach dem Untergang der minoischen, die eine nicht-indoeuropäische Kultur war, fand zu Beginn der Forschungen deshalb großes Interesse, weil die Minoer ohne Verbindung zur späteren Kultur Griechenlands verschwunden zu sein schienen. Die durch Funde auf dem Peloppones gelungene Entzifferung der Linearschrift B bewies aber die Anwesenheit einer griechisch sprechenden Herrscherschicht in der Nachpalastzeit ebenso wie die einer nichtgriechischen und damit auch nicht indoeuropäischen in der Linear-A-Phase. Die grundlegende Kontinuität in der Kultur Kretas über den Umbruch hinweg und der Beitrag der Minoer zur Entstehung des Griechentums werden seitdem immer deutlicher. Da sich auch mythologische Hinweise auf die Geburt des Zeus auf Kreta finden, sind die mit der Entstehung dieser Religion überlieferten Unruhen vielleicht ein Teil der geschichtlichen Wahrheit.

Bevölkerung

Die Besiedlungsdichte Kretas in minoischer Zeit entspricht auf dem Land etwa der heutigen. Die Städte waren jedoch deutlich kleiner als die modernen. Für Knossos schwanken die Schätzungen zwischen 10.000 und 20.000 Einwohnern. Kreta war damit für damalige Verhältnisse äußerst dicht besiedelt.

Viel zitiert ist Homers Beschreibung Kretas als Land mit 90 Städten und einem bunten Gemisch von Völkern und Sprachen (Odyssee, 19. Gesang, 172-179, Übersetzung nach Johann Heinrich Voß):[6]

„Kreta ist ein Land im dunkelwogenden Meere,
Fruchtbar und anmutsvoll und ringsumflossen. Es wohnen
Dort unzählige Menschen, und ihrer Städte sind neunzig:
Völker von mancherlei Stamm und mancherlei Sprachen. Es wohnen
Dort Achaier, Kydonen und eingeborene Kreter,
Dorier, welche sich dreifach verteilet, und edle Pelasger.
Ihrer Könige Stadt ist Knossos, wo Minos geherrscht hat,
Der neunjährig mit Zeus, dem großen Gotte, geredet.“

Diese Verse beziehen sich zwar auf eine spätere Epoche, jedoch könnten bereits in minoischer Zeit verschiedene ethnische Gruppen im Zuge der Handelsverbindungen auf die Insel gelangt sein.

Gesellschaft

Zweifellos differenzierte sich die minoische Gesellschaft auf dem Weg zur Hochkulturphase sozial. Unterschiedliche Grabausstattungen lassen u.U. auf eine unterschiedliche soziale Stellung zu Lebzeiten der Bestatteten schließen. Ebenso ist eine ausgeprägte Spezialisierung feststellbar: Es gab Fischer, Ruderer, Kapitäne, Soldaten, Schreiber, Töpfer, Maler, Bauarbeiter, Architekten, Musiker etc. Ungeklärt bleibt aber, worin die soziale Stellung begründet und ob sie erblich war und ob etwa bereits zwischen Freien und Sklaven unterschieden wurde.

Die prominente Darstellung von Frauen, vermutlich Priesterinnen, in der minoischen Kunst - typischerweise mit unbedeckter Brust - hat zu Spekulationen über ein Matriarchat Anlass geboten. Unzweifelhaft hatten Frauen - etwa als Priesterinnen - gesellschaftlich wichtige Funktionen. Aber auch wenn die griechische Überlieferung für eine sehr einflussreiche Position minoischer Frauen spricht, muss die Frage nach der Stellung minoischer Frauen und des Verhältnisses der Geschlechter zueinander mangels wirklich aussagefähiger Quellen unbeantwortet bleiben.

Kunst

Von der Kunstfertigkeit der Minoer zeugen insbesondere die minoischen Palastanlagen in Knossos, Phaistos und Malia. Zahlreiche kunstvolle Wandfresken und filigrane Siegel bezeugen den hohen Entwicklungstand der minoischen Kultur.

Siehe auch Minoische Kunst.

Sprache und Schrift

Ältestes Zeugnis für den Gebrauch der Schrift auf Kreta sind in Archanes aufgefundene Siegel aus der Phase MM I. Die Zeichen werden nach dem Fundort als Archanesschrift bezeichnet. Spätere Entwicklungsstufen der Schrift sind das im Norden der Insel vorherrschende hieroglyphische System sowie die parallel existierende Linearschrift A, die auf nicht sehr zahlreichen Tontafelfragmenten und Siegeln überliefert sind. Einzigartig und rätselhaft ist der mit eingestempelten Schriftzeichen versehene Diskos von Phaistos. Die Verwendung von Stempeln als Schriftzeichen (wenn es sich denn um solche handelt) stellt für die Zeit vor 3700 Jahren eine beispiellose Innovation dar.

Aus der minoischen Linearschrift A leitet sich die von den Mykenern verwendete altgriechische Linearschrift B ab. Die den zunächst hieroglyphisch und später in Linearschrift A abgefassten Textzeugnissen zugrundeliegende minoische Sprache (oder eventuell auch: Sprachen) ist zwar durch Vergleiche mit der griechischen Linearschrift B teilweise lesbar, konnte aber bisher nicht entschlüsselt oder auch nur einer bekannten Sprachfamilie sicher zugeordnet werden. Im Osten Kretas hat sie offenbar bis in historische Zeit überlebt. Es wurden hier einige in griechischen Schriftzeichen abgefasste Inschriften gefunden, deren Sprache als Eteokretisch bezeichnet wird.

Religion

Zentren kretischer Religion bildeten Gipfel- und Höhlenheiligtümer ebenso wie Höhlen. Auch die Paläste dürften letztlich kultischen Funktionen gedient haben.

Darstellungen, vor allem auf Siegeln und Ringen, lassen auf die für Ackerbaugesellschaften typische polytheistische Religion schließen. Möglicherweise war die kretische geschlechtsspezifischer als die spätere (griechische) Religion. Frauen werden meist mit weiblichen Gottheiten dargestellt, Männer mit männlichen.

In Heiligtümern wurden Votivgaben aus Ton, Bronze und Silber entdeckt, die Miniaturabbildungen von Tieren, Fabelwesen und menschlichen Gliedmaßen darstellen. Abbildungen eines Stieres können als symbolisches Opfer des dargestellten Tieres, ein Fuß als Gebet um Gesundheit des Körperteils interpretiert werden.

Die Bemalung eines in Agia Triada gefundenen Sarkophags zeigt u.a. eine Opferszene: Mehrere im Profil dargestellte Priesterinnen bringen ein Stieropfer dar. Der Stier wird auf einem separaten Altar (Opfertisch) geschlachtet. Im Hintergrund ist ein Flötenspieler erkennbar. Am rechten Rand des Bildes sind ein Altar, ein mit einer Doppelaxt geschmückter Pfeiler, sowie eine Art Schrein mit Doppelhörnern und einem Baum zu erkennen. Diese Elemente finden sich auch in der Levante und so hat die Geschichte mit der „KönigstochterEuropa wohl einen realeren Hintergrund.

Durch neuere archäologische Funde (1979) bei Anemospilia und Knossos sind auch auf Kreta die für vergleichbare Religionen typischen Menschenopfer belegt.

Mythos

Der Theseus-Mythos beschreibt wohl verzerrt und metapherartig einige der kultischen Zusammenhänge auf Kreta, das als Wiege der europäischen Kultur gilt. Auch die Geburt des Zeus wird im Mythos in eine Höhle im Berg Ida verlegt. Da angesichts der Einführung seiner Religion stets von Kämpfen berichtet wird, könnte der Zerfall der Kultur auch mit dem blutigen Religionswechsel von Kronos zu Zeus zu tun haben, der, als er das Festland erreicht, die Dunklen Jahrhunderte auslöst bzw. verlängert.

Außenbeziehungen

Die Minoer waren geschickte Seefahrer und die späteren griechischen Mythen berichten vielleicht von einer „Thalassokratie“ (Meeresherrschaft) des Königs Minos, der die erste Seemacht im Mittelmeer aufbaute. Seine Stellung übernahmen nach dem Untergang der minoischen Kultur wohl zunächst die Phönizier - allerdings ist die These von der minoischen Seeherrschaft in der Forschung heute nicht mehr unumstritten.

In jedem Fall aber belegen archäologische Funde ein Ausstrahlen der minoischen Kultur im östlichen Mittelmeer (bis Sizilien). Auf der Inselgruppe der Kykladen in der südlichen Ägäis weist die Kykladenkultur der Bronzezeit in Architektur und Kunst starke Bezüge zur benachbarten minoischen Kultur auf, und der auf den Kykladen und an den griechischen Küsten teilweise bis heute vorkommende Ortsname „Minoa“ verweist auf die Anwesenheit von Kretern. Unter kretischem Einfluss standen u.a. die Inseln Santorin (Thera), Kythera, Rhodos (v. a. Ialysos) und Melos sowie das kleinasiatische Milet evtl. auch Zypern. Auch wenn Charakter und Ausmaß der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von Kreta unterschiedlich gewertet werden, werden diese Außenposten minoischer Kultur manchmal als kretische Handelsstationen bzw. Kolonien angesprochen.

Enge Beziehungen bestanden zu Ägypten. Bis um etwa 1400 v. Chr. finden sich in ägyptischen Gräbern immer wieder Darstellungen kretischer Gesandtschaften. Im ägyptischen Avaris (im Delta) wurde gar ein im minoischen Stil ausgestalteter Palastkomplex vom Beginn der 18. Dynastie freigelegt.

Inschriften in Mesopotamien belegen Kontakte auch in diese Region.

Archäologische Stätten

Anmerkungen

  1. „Ich glaube nun in der That, dass wir in den Grundlagen, auf denen die minoische Herrschaft erwuchs, diejenigen Elemente und Beziehungen wiederfinden, aus denen sich uns auf anderm Wege auch die Gesammterscheinung der ältesten Kunst und Cultur in Griechenland und namentlich auf Mykenae ergab.“ Vgl. Arthur Milchhöfer, Die Anfänge der Kunst in Griechenland, Brockhaus, Leipzig 1883, S. 128.
  2. Vgl. dazu Fitton 2004, S. 27-32.
  3. John Antonopoulos: The great Minoan eruption of Thera volcano and the ensuing tsunami in the Greek Archipelago, in: Natural Hazards 5, 1992, S. 153-168. doi:10.1007/BF00127003
  4. Floyd W. McCoy & Grant Heiken, The Late-Bronze Age explosive eruption of Thera (Santorin), Greece – Regional and local effects, in: Volcanic Hazards and Disasters in Human Antiquity, Special Paper 345 of the Geological Society of America, Boulder 2000, S. 43–70. ISBN 0-8137-2345-0
  5. Jan Driessen & Colin F. MacDonald: The troubled island. Minoan Crete before and after the Santorini Eruption, Univ. de Liège, Liège 1997.
  6. Spiegel Online, Projekt Gutenberg-DE

Literatur

 Commons: Minoische Kultur – Bilder, Videos und Audiodateien
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