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Messer

Dieser Artikel befasst sich mit dem Werkzeug Messer, andere Bedeutungen unter Messer (Begriffsklärung).

Das Messer zählt zu den wichtigsten Instrumenten, Kultsymbolen, Ritual- und handwerklichen Gegenständen des Menschen. Es ist ein Arbeitsgerät, das als Schneidwerkzeug dient und mit einer Klinge sowie einem Griffteil (Heft) versehen ist. Ursprünglich ein von seiner Funktionalität beherrschter Gebrauchsgegenstand, war das Messer Werkzeug, Haushaltsgerät und Waffe in einem, wurde ab dem 18. Jahrhundert zum wichtigsten Teil des Essbestecks und entwickelte sich im Laufe der Zeit zusätzlich zum Schmuck- und Kunstgegenstand sowie Tauschobjekt und sogar Zahlungsmittel. Bei Ausgrabungen wurden Messer vor allem an Orten der Nahrungszubereitung gefunden. Es gehört zu den wenigen Objekten, die weltweit in allen Kulturen des Homo sapiens vorkommen.

Die Gesamtheit der Messer wird zu den Schneidwerkzeugen gezählt, also neben jenen für Haushalt, Landwirtschaft und technische Anforderungen ebenfalls solche des persönlichen Gebrauchs sowie einige chirurgische Instrumente. Daneben gehören Macheten, Große Messer und Hirschfänger zu der Gruppe der Messer. Von Dolchen grenzen sie sich durch ihre einschneidige Klinge ab, von Schwertern und Säbeln durch ihre kürzeren Klingen und von Stangenwaffen wie Speeren, Lanzen und Spießen wegen ihres kürzeren Griffs.

Von jeher haben die Menschen jenen Gegenständen besondere Aufmerksamkeit gewidmet, die mit ihren Grundbedürfnissen verbunden sind. So besonders dem Messer, das sich zwar im Laufe der Geschichte in seinem Aufbau kaum veränderte, doch in Material, Form und Art von Klinge, Griff und Verzierungen je nach geschichtlicher Epoche, Herkunft und Nutzungsart variierte. Wegen seiner Nützlichkeit ist das Messer für die unterschiedlichen Gebrauchssituationen zu jeder Zeit und an jedem Ort vorhanden und bildete folgerichtig eine besondere Vielzahl von Variationen heraus (siehe: Liste der Messerarten).

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Das Wort Messer leitet sich vom westgermanischen matizsahsa her, in dem die alte indogermanische Wortwurzel sax, etwa lateinisch saxum und italienisch sasso versteckt ist, was ursprünglich Felsen oder Stein bedeutet. So führt die Bezeichnung direkt zu den urzeitlichen Wurzeln des Arbeitsgeräts, stellt es doch eine Erinnerung an die kulturellen Verhältnisse der Steinzeit dar – ebenso wie das westgermanische Hammer gleichzeitig die Bedeutung Fels hat.[1] Zum Stichwort „Sachs“ schreibt das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache

[…] aus g* sahsa Messer, Kurzschwert, auch in anord. sax, ae. seax, afr. sax. Zu der Wurzel (ig.) *sek- «schneiden», zu der auch «Säge», «Sense» und «Sichel» gehören. Formell entspricht l. saxum «Fels» als «das Schneidende, Kantige». Der zugrunde liegende s-Stamm ist auch in l. s(a)cena f. „Haue des Pontifex“ (aus *saces) und vermutlich in «Sense» verbaut. Verdunkelt ist Sachs als zweiter Bestandteil von → Messer.[2]

Die Wortwurzel sahs lebt verhüllt im deutschen Wort Messer weiter, das sich aus dem althochdeutschen mezzir oder mazsahs entwickelte, was so viel wie „Speiseschwert“ bedeutete.[3]

Geschichte

Seit der Altsteinzeit benutzt der Mensch scharfe Klingen, zuerst aus Stein, vereinzelt aus Holz, Knochen und anderen harten Materialien. Sie halfen dem ursprünglichen Pflanzenfresser, andere Nahrungsquellen zu erschließen und beispielsweise Aas zu verwerten, da sein Gebiss nicht zum Zerreißen von Fleisch ausgelegt war. Das Messer war seit der Vorgeschichte ein persönliches Universalwerkzeug. Es wurde gleichermaßen von Frauen und Männern aus adligem, bürgerlichem und bäuerlichem Umfeld meist am Gürtel getragen, zählte als Kleidungsbestandteil und hatte – was die Messer mit zweischneidigen Klingen betrifft – als Dolch mit Doppelfunktion teilweise den Charakter eines Standeszeichens.[4]

Fortschreitende Innovationen verhalfen dem Menschen, Metalle zu gewinnen, so dass die Klingenherstellung zuerst aus Bronze und später aus Eisen beziehungsweise Stahl erfolgen konnte. Die Herstellung wurde zunächst von der Funktionalität des Messers als Gebrauchsgegenstand bestimmt. Zu einer späteren Zeit erhielt es einen künstlerischen Wert, der Glanz, unterschiedliche Farbgestaltung der Klinge, Verwendung von Gold, Silber, Edelsteinen und die Anfertigung kostbarer Einlegearbeiten und Gravuren umfasste. Das Messer (wie seine verlängerte Form, das Schwert) umgab schon immer ein Hauch von Mystik, was zu schmuckvoll gestalteten Ritual- und Zeremonienmessern führte.

Wandel und Entwicklung, denen das Messer in seinen Funktionsspektren vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit unterworfen war, werden grob in

unterteilt.[5] Erst im 15. Jahrhundert kam es zur Trennung von Messern und messerartigen Waffen. In den Jagdbestecken des Adels hat sich diese Doppelfunktion bis in das 18. Jahrhundert erhalten[6], wobei sich eine klare Trennung schon aus der Tatsache heraus nicht herbeiführen lässt, dass jedes Messer jeder Funktion und Epoche gleichermaßen zur Waffe werden kann.

Steinzeit

Vor mehr als zweieinhalb Millionen Jahren stellte Homo habilis, der Urahn des heutigen Menschen, die ersten rudimentären Werkzeuge her.[7] Er schlug sich aus geeigneten Steinen primitive, aber funktionale Schlag-, Schneide- und Schabewerkzeuge zurecht, die in der Archäologie nach ihrem ersten Fundort, der Olduvai-Schlucht in Tansania, als Oldowan oder allgemein als Pebble Tools bezeichnet werden. Er verwendete dabei mehr oder minder eckige Felsgesteinsstücke als Rohstoff für Werkzeuge.[8] Kaum jünger, rund zwei Millionen Jahre alt, sind die Chopper genannten Werkzeuge, die bereits das Aufspalten massiver Knochen ermöglichten, um an das fettreiche und nahrhafte Mark erlegter Tiere zu gelangen.

Die Weiterentwicklung der Chopper waren für die Altsteinzeit typische so genannte Chopping Tools. Sie stellen eine Weiterentwicklung der Chopper dar und weisen im Gegensatz zu diesen eine zweiseitig bearbeitete Schneide auf. Sie wurden vor rund eineinhalb Millionen Jahren gefolgt vom Faustkeil, einem zweiseitig bearbeiteten, mandelförmig ausgebildeten Steingerät, dessen runder Basis eine spitz zugerichtete Seite gegenüber lag. Sie waren 15 bis 30 Zentimeter lang, von 40 Gramm bis zu einem Kilogramm schwer. Wegen ihrer vielseitigen Funktionsweise werden sie als Schweizer Messer der Steinzeit bezeichnet, das bis ins späte Mittelpaläolithikum vorkam. Wahrscheinlich erfüllten die Faustkeile zahlreiche Funktionen wie Hacken, Schneiden, Schaben, Schlagen und Werfen.

Vor einer Million Jahre hatte der Homo erectus eine Technik erlernt, um die schneidende Seite von Steinen zu splittern. Bald entdeckte der Steinzeitmensch des Paläolithikums die besondere Schärfe der Feuersteine, aus deren Knollen er mittels der Levalloistechnik unter Zuhilfenahme von Schlagsteinen Klingen herausschlug und diese durch Hämmern an den Rändern formte (was als Retusche bezeichnet wird). Manche Steinklingen zeichneten sich durch besondere Schärfe aus, die an moderne Skalpelle heranreichte. Diese Verfahrensweise verbreitete sich in ganz Europa und Asien. Dem Neandertaler vor 125.000 bis 40.000 Jahren wird eine besondere Begabung in der Herstellung von zersplitterten Feuersteinmessern zugeschrieben.[9] Im östlichen Mittelmeer- und insbesondere mesoamerikanischen Raum wurden Klingen gleichermaßen aus Obsidian hergestellt, ein außerordentlich hartes vulkanisches Glas, dessen reichem Vorkommen die Kultur von Teotihuacán ihren wirtschaftlichen Reichtum mit verdankte und das die Entwicklung von Metall über Jahrhunderte überflüssig machte.

Bis dahin hatten diese Schneidewerkzeuge nicht über einen angesetzten Griff verfügt, doch zeigte sich bald, dass ein solcher Vorteile bringt. So wurden die Klingen mit Griffen aus Horn, Knochen oder Holz versehen. Aus der Jungsteinzeit sind Pfahlbaumesser bekannt, für die eine Feuersteinklinge geschliffen und ein passender Griff aus Holz hergestellt und angepasst wurde.

Der Übergang von Paläolithikum zu Neolithikum, von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern mit domestizierten Tieren und Pflanzen wurde durch diese Weiterentwicklung des Messers entscheidend begünstigt, wenn es nicht gar eine wichtige Voraussetzung darstellte. So definierte der britische Anthropologe Sir John Lubbock 1865 den Übergang in die Jungsteinzeit noch mit dem Auftreten von geschliffenen Steinartefakten; heutzutage wird der Beginn der Jungsteinzeit mit dem Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise in Verbindung gebracht, die folgende Merkmale aufweist: Keramik, domestizierte Tiere und Pflanzen, geschliffene Steingeräte und Sesshaftigkeit.

Bronzezeit

In der Bronzezeit, die im 3. Jahrtausend v. Chr. einsetzte, wurden Kupfer-Werkzeuge zusätzlich zu Steinwerkzeugen verwendet und daraus bald Messer hergestellt. Es wird vermutet, dass bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. Messer aus Kupfer gefertigt worden sind, was aber fossil nicht nachweisbar ist.[10] Bereits um 2600 v.  Chr. waren die Ägypter in der Lage, erste chirurgische Messer aus Kupfer herzustellen. [11] Kupfer war allerdings nicht robust und zu weich; so wurden Zinn und Kupfer zu Bronze-Legierungen geschmolzen.

Durch ihre höhere Festigkeit und leichtere Bearbeitung verdrängte die Bronze das Steinmaterial. Die Griffe dieser Messer waren ganz aus Metall, eine Auflage weiterer nicht mehr erhaltener Bestandteile aus organischem Material (beispielsweise im Lauf der Zeit verrottetes Holz) wird von den Wissenschaftlern nicht angenommen.[12] Diese Vollgriffmesser wiesen verschiedene Klingenformen und Griffgestaltungen auf. Sie wurden in einem einschaligen Guss hergestellt und sind daher einseitig profiliert. Später kamen zweischalige Gussformen in Gebrauch, was die Messer beidseitig profilierte.

Insbesondere bei den Römern wurden Messer aus Messing hergestellt da es gut zum Formguss geeignet und wegen der Gold ähnelnden Farbe sehr beliebt war.

Später hat das Eisens hat die Bronze als Material weitestgehend verdrängt, doch einige Vorteile (korrosionsbeständigkeit, sprüht im Gegensatz zu Stahl keine Funken) machen Bronzemesser bis heute interessant. Tauchermesser aus Bronze waren daher die bevorzugte Wahl, bis es Titan gab. Noch bis in das 20. Jahrhundert hinein gab es darüber hinaus nicht selten aus Bronze gefertigte Fruchtmesser.

Eisenzeit

Bereits ab der Endbronzezeit kamen Eisenmesser auf, die die Bronzemesser wegen ihrer vielfältigen Vorteile schnell ablösten. Messer mit eisernen Klingen sind in Europa seit der Hallstattzeit nachweisbar. Die Verhüttung von Eisen bei den Hethitern seit dem 17. Jahrhundert v. Chr. ist belegt [13], eine Technik, die sich erst ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. über den Vorderen Orient und den Mittelmeerraum ausbreitete und Zentraleuropa spät erreichte, wo die Eisenzeit erst im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzte und vermutlich erst ab dieser Zeit Stein-, Bronze- und Messingmesser schrittweise ablöste.

Die späte Verbreitung war auf die Schwierigkeiten der Herstellung zurückzuführen. Ein Schmelzen war erst möglich, als Schmelzöfen mit fortgeschrittener Technologie in Gebrauch kamen. Viele Jahrhunderte lang konnte Eisen in der Schmiedeesse nur bis zur Rotglut erwärmt und mit dem Hammer, zumeist mit Steinambossen, bearbeitet werden. Antike Gegenstände aus Eisen sind selten, da dieses schnell rostet und im Verlauf weniger Jahrhunderte verschwinden kann. In Ugarit (Syrien) wurde ein Messer aus der Zeit um 1200 v. Chr. gefunden. Die Klinge besteht aus Eisen, der mit goldenen Rauten verzierte Griff aus Kupfer.[14]

Die so etablierte Eisenverarbeitung hielt sich bis in das 12. Jahrhundert, bis die stetige Nachfrage, der vermehrte Wohlstand und viele neue Techniken zu einer Erneuerung der Verfahren führten. In ganz Europa verbreiteten sich moderne Brennöfen, die eine quantitativ höhere Produktion erlaubten. Die Produktion ließ sich mittels Blasebälgen und durch Wasserkraft bewegten Gesenkhämmern steigern.

Die Antike

In der Antike war das Messer nun allgemeiner, unentbehrlicher, täglich verwendeter Gebrauchsgegenstand. Es war bereits mit einer dazu gehörigen Scheide aus Leder versehen. Das typische persönliche Messer jener Zeit hatte einen kurzen, normalerweise aus Holz oder Knochen gefertigten Griff, der genietet oder durch eine Angel oder Erl mit der Klinge verbunden war.

Zur hohen Kaiserzeit des Römischen Reichs gab es ebenso in Serien gefertigte Exemplare der toreutischen Künste, sehr wertvolle Messer mit einem Griff aus bearbeitetem Silber. Auf den Esstischen erschienen erstmals kleine, zierliche Obstmesser mit Klingen aus Elfenbein oder Knochen. In dieser Zeit fanden sich erstmals Messer mit Klappgriff, die den heutigen Taschenmessern entsprechen und in Skelett-Bauweise hergestellt und in einem Stück aus Bronze gegossen wurde. Auch diese Messer wurden alltäglich im Haushalt und bei der Arbeit eingesetzt sowie als Jagdmesser oder Opfergabe verwendet. Es gab sogar Eisen- oder Bronzemesser mit Griffen aus Holz oder Eisen, seltener aus Elfenbein. Oftmals waren diese Griffe mit Figuren oder Dekorationen verziert. Die Tischmesser hatten eine kleine, leicht abgerundete Klinge.

Desgleichen war das Opfermesser (secespita) von hoher Bedeutung. Der römische Priester schnitt damit die Stirnhaare des Opfertiers ab. Das Messer wies eine lange und breite, fast dreieckige Klinge mit einem kurzen und breiten Griff auf. Alle Gesellschaften, in denen die Religion Blutopfer verlangte, töteten ihre Opfer mit dem Messer, nie mit dem Schwert, während für den Selbstmord häufig nicht das Messer, sondern eine Waffe (Brutus, Marc Antonius) benutzt wurde, vorzugsweise das Schwert. Eiserne Messer waren als Kultmesser verpönt. Eisen stellte nämlich gegenüber Stein und Bronze etwas Neues dar, während Religion und Magie das Alte bewahrten.[15]

In der Antike kam eine Vielfalt von chirurgischen Messern auf. Den hippokratischen Ärzten war der Gebrauch des Messers untersagt, es war den Chirurgen vorbehalten. Im Römischen Reich bestand die typische Ausstattung des Chirurgen aus diversen Messern in verschiedenen Längen und Breiten sowie einer schaufelförmige Ohrsonde, deren Rand messerscharf war. Die Instrumente waren typischerweise komplett aus Bronze gefertigt, während die chirurgischen Messer Griechenlands aus einem Bronzegriff und einer Stahl-Klinge bestanden. Diese konnte doppelschneidig sein. Es gab aber auch Messer, die nur auf einer Seite eine scharfe Klinge aufwiesen und auf der anderen Seite als Spatel dienten, einem messerklingenartigen, länglich flachen, aber nicht schneidenden Instrument. So führte man mit der scharfen Seite den Schnitt, während man mit der stumpfen Seite die verschiedenen Weichteile auseinander hielt. Bei diesem Messer gingen Griff und Klinge ineinander über, es handelte sich also um die Vorstufe des klassischen Skalpells. Diese Messer wurden hauptsächlich zum Entfernen von Geschwülsten oder anderen „Fremdkörpern“ verwendet. Der Polypenspatel war ein zweischneidiges Messer mit nur mäßig scharfer Klinge, das zur Abtrennung weicher Gewebeteile wie Polypen verwendet wurde. Zu dieser Gruppe der chirurgischen Instrumente gehörte die Amphismela, eine „Beinsäge“, ein griechisches zweischneidiges Messer, das bei Amputationen eingesetzt wurde.[16]

Auch die Kelten[17]stellten hochwertige, funktionale und – aus künstlerischer Sicht – schöne Klingen her.

Mittelalter

Im Mittelalter waren bei beiden Geschlechtern einfache Gebrauchsmesser als persönliche Ausrüstung üblich, die ständig mitgeführt wurden. Seit mindestens dem 15. Jahrhundert wurde das Messer als persönliches Essbesteck zusammen mit einem Löffel in einem Lederfutteral am Gürtel getragen. Dieses Futteral beziehungsweise Etui wurde „Besteck“ genannt; die Bezeichnung ging später auf das gesamte Set der Esswerkzeuge über.

Im 17. Jahrhundert kam zum Essbesteck in Europa nach und nach eine in der Regel zweizinkige Vorlege- bzw. Tranchier-Gabel hinzu, wobei die Besteckteile überwiegend mit Klappgriffen ausgerüstet waren. Der Gebrauch von Besteck bei Tisch war indes zögerlich und bürgerte sich erst im 19. Jahrhundert auf breiter Basis ein. Bis dahin dominierte der Löffel als Esswerkzeug, während das Messer vorwiegend zum vorherigen Zerkleinern in mundgerechte Portionen Verwendung fand. So bezeugt die Schilderung des Erasmus von Rotterdam, in städtischen Gasthöfen befinde sich nur das Notwendigste an Geschirr, Messer habe der Gast selbst mitzuführen, [18] das Vorhandensein von persönlich getragenen Messern noch im 16. Jahrhundert.

In einem mittelalterlichen Haushalt fanden sich verschiedene Messertypen – klein und krumm, mit geteilter Klinge zum Schneiden und Aufspießen oder mit einem Haken als Spitze zum Abschaben von Knochen, Festhalten oder Aufspießen von Fleisch. Jedoch brachten Gäste zu einem gemeinsamen Mahl ihre eigenen Tischmesser mit, mit denen sie Fleischstücke aufspießten und zum Mund führten, wenn sie die Finger nicht zum Essen verwendeten. In diesem Punkt unterschieden sich Bauerntisch und königlicher Hof nicht. Beim mittelalterlichen Festessen am Hof wurden die Speisen vor den Gästen von einem Vorschneider, dem so genannten Tranchiermeister, in mundgerechte Häppchen zerlegt, was den Gebrauch eines eigenen Messers überflüssig machte. Die Zeremonie des Tranchierens blieb bis in die Renaissance eine Tischsitte bei Hofe.

Das Aufkommen reiner Tafelmesser – oft unberechtigterweise mit dem Niedergang des Mehrzweckmessers gleichgesetzt – ist von der Wissenschaft nicht abschließend datiert. Haedeke nimmt das Ende des 16. Jahrhunderts an und unterscheidet seither zwischen „vornehmen Häusern“, in denen jedem Gast ein eigenes Tafelmesser bei Tisch vorgelegt wurde und „einfachen Leuten“, die ihr Messer selbst mitbrachten. Wühr[19] hingegen sieht die Verbreitung des Tafelmessers bereits im 15. Jahrhundert. Nach seiner Ansicht wurde es zusammen mit einem größeren Messer in einer Scheide getragen und stets mitgeführt.

Die Form der Tafelmesser wird übereinstimmend beschrieben: Es handelte sich um schlanke, oft spitze Messer, die sich durch eine geringere Klingenlänge und feinere Griffgestaltung auszeichneten.[20]

Neuzeit

Noch im Europa des 14. Jahrhunderts wurden Eisenschmelzungen im Rennfeuer vorgenommen, doch erst gegen Ende des Mittelalters konnten mit der Durchsetzung von Hochöfen gute Stahlqualitäten in größeren Mengen erreicht werden.

Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts formten sich bis zum 18. Jahrhundert umfangreiche Tischsitten aus.[21] Diese Ästhetisierung verlangte neues, kostbares und prunkvolles Tischgerät. Bei Hofe entfaltete sich der Akt des Tranchierens zu seiner vollen Blüte. Das Essgerät wurde weiterhin von jedem Gast zu einem Mahl mitgebracht. Messer, besonders mit Silbergriff und reicher Verzierung, wurden zu einem wichtigen Statussymbol.

Im Barock und Rokoko waren bedeutende Neuerungen in Form, Funktion und Dekoration zu beobachten. Der auffallendste Wandel war die Entwicklung vom „stehenden“ zum „liegenden“ Tischgerät, verbunden mit der Tatsache, dass der Gast sein Besteck – also gleichfalls das Messer – nicht mehr mitbringen musste. Zum ersten Mal trat die gemeinsame Gestaltung von Messer, Löffel und Gabel in den Vordergrund. Es entwickelte sich ein differenzierter Stil des Speisens, mehrtägige Ess- und Trinkgelage wie in der Renaissance wurden zurückgedrängt. Das Schau-Tranchieren verlor im Laufe des 18. Jahrhunderts an Bedeutung. Die damit in Zusammenhang stehenden Aktivitäten verlagerten sich mehr und mehr in die Küche. Die Funktionsänderung bedingte eine Änderung der Form: Das Messer verlor seine Spitze zum Aufspießen, da diese Anforderung vom Pfriem beziehungsweise der sich immer mehr durchsetzenden Gabel übernommen wurde.

Das 1771 erschienene Werk des Messerschmieds Jean Jacques Perret (1730-1784) : L'Art du Coutelier (Die Kunst des Messerschmieds) beschrieb detailliert die seinerzeit modernsten Arbeitsvorgänge zur Herstellung von Messern und chirurgischen Instrumenten. Es wurde zum Standardwerk des 18. Jahrhunderts und wirkte dabei mit, dass Frankreich bei den Klapp- oder Taschenmessern zum Marktführer aufstieg. Auch die zeitgenössische Mode half: Der perfekt ausgestattete „Herr der guten Gesellschaft“ führte neben einer reich verzierten Schnupftabakdose und einem schmucken Spazierstock stets ein ebenso wertvolles wie hübsches Taschenmesser mit sich. Das Repertoire der Pariser Messerschmiede schloss daneben Spezialgeräte zum medizinischen Gebrauch, zur Kosmetik und für den Friseurberuf ein.

Mit der Französischen Revolution und dem Napoleonischen Kaiserreich bildeten sich neue Lebensweisen heraus, die vor allem auf die beginnende Industrialisierung zurückzuführen waren. Die Industrialisierung wirkte sich auf das Messer aus, das bald nicht mehr nur in kostbaren Unikaten, sondern als billige Massenproduktion erhältlich war. Neue industrielle Techniken wie das Stanzen erlaubten eine gleichbleibende Qualität bei niedrigen Kosten. Diese Entwicklungen lassen die althergebrachten Handwerksberufe des Messerschmieds und des Schneidwerkzeugmechanikers verschwinden.

Der um 1912 entwickelte rostfreie Stahl, der einen erhöhten Gehalt von Chrom (13 bis 15 Prozent) aufweist, somit die Klinge glänzender erscheinen lässt und gegen Umwelteinflüsse wie Feuchtigkeit und schwache Säure resistenter als Kohlenstoffstahl ist, wird seitdem als Klingenmaterial verwendet.

Schneiden

Mit dem Messer ist vorrangig der Vorgang des Schneidens verbunden, wobei das Messer allgemein als ein Schneidwerkzeug mit spanlosem, trennendem Schnitt anzusehen ist. Technisch gesehen handelt es sich dabei um ein nicht zerspanendes Keilschneiden, das hauptsächlich dem Trennen biegeschlaffer Schnittgüter dient, bei dem das Schneidgut auseinandergedrückt wird. Schneidfähigkeit und Schnitthaltigkeit bestimmen dabei die Güte des eingesetzten Messers.

Die Hauptkomponente beim Zerteilen eines Stoffes ist der Druck. Ein gutes Messer ist so beschaffen, dass die Schneide möglichst dünn ist. Je kleiner ihre Fläche, desto größer wird der Druck, den das Messer beim Schneiden ausüben kann. Die Auflagefläche stumpfer Messer ist zu dick, um problemlos durch das Schnittgut gleiten zu können. Bei gleichem Energieaufwand dringen scharfe Messer demgemäß tiefer in das Material ein als stumpfe.

Dringt die harte Klinge des Messers in weicheres Schnittgut ein, zerstört es an der Schnittstelle die molekulare Struktur dieses Schnittgutes. Feste Materie besteht aus eng gepackten Molekülen, die von elektrischen Bindungskräften zusammengehalten werden, die nur auf kurze Distanz wirken. Sobald die keilförmige Schneide die Moleküle weit genug auseinandergedrückt hat, werden diese Bindungskräfte zu schwach und die Moleküle verlieren ihren Zusammenhalt.

Beim täglichen Gebrauch wird auf ganz unterschiedliche Weise mit Handmessern umgegangen, wobei man von drei grundlegenden Schnittarten sprechen kann:

Das moderne Messer

Es gibt eine reiche Vielfalt von Messerarten und verschiedene Ansätze zu Kategorisierung. Hinsichtlich ihres Verwendungszweckes können sie grob eingeteilt werden in

Messer können ebenso nach ihrer Klinge kategorisiert werden: So gibt es lange und kurze, schmale und breite, glatte und gewellte, gerade und gebogene, feste und bewegliche, versenkbare Klingen sowie Messer mit auswechselbaren oder Abbrechklingen (so genannte Cutter).

Die Unterteilungen sind dabei stets fließend; dazu gibt es Spezialmesser, die nicht eindeutig zuordenbar sind. Außer ihrer ursprünglichen Bestimmung als Schneidewerkzeug entwickelten sich einige Messertypen zu Stich- und Hiebwaffen oder Multifunktionswerkzeugen mit mehreren Klingen, Sägen, Zangen und anderen Kleinwerkzeugen (zum Beispiel Schweizer Messer).

Aufbau

Aufbau und Material der Messer haben sich bis heute kaum verändert. Grundsätzlich besteht jedes Messer aus einer Klinge (1) und einem Griff, auch Heft (2) genannt. Jede Klinge hat eine Spitze (3), auch „Ort“ genannt und einen Grat (4), die scharfe Kante, von der letztlich die Schneidwirkung ausgeht. Der Grat ist die Kante der Schneide (5) oder „Wate“, die in einem bestimmten Profil angeschliffen ist. Die der Schneide gegenüberliegende Seite ist der Messerrücken (6). Unterhalb des Messerrückens kann eine Hohlkehle (7) Gewicht sparen und das Messer gleichzeitig stabilisieren. Das Ricasso (8) ist der ungeschliffene Teil zwischen Griff (beziehungsweise Parierstange) und Schneide; es wird „Fehlschärfe“ genannt. Dies ist die Stelle, an der in der Regel die Signatur des Messerschmiedes oder der Manufaktur eingeschlagen wird, die sogenannte „Schmiedemarke“ (8). Zwischen Klinge und Griff verhindert ein Handschutz (9) das Abgleiten der Hand von dem Griff.

Die Klinge wird mit dem Erl (nicht zu sehen) am Griff befestigt. Eine eventuelle Verdickung am Griffende heißt Knauf (10), wobei die genauer beschreibenden Begriffe Beschlag, Griffniet, Klingenspiegel, Pommel oder Stifte verwendet werden. Bei einem Messer ohne Knauf bildet der Erl die Verlängerung der Klinge als Flacheisen. Der Griff besteht dann aus zwei Griffschalen, die (meist) aufgenietet werden. Das Bändsel (11), eine Schnur, dient der leichteren Handhabung des Messers. Form und Gestaltung der Klinge sind nur Nebenmerkmale, die typologische Hauptbedeutung liegt in der Form des Griffes, nach der die historischen Messer unterschieden werden.

Klinge

In der Hauptsache wird für die Klinge des modernen Messers Messerstahl verwendet, der sich je nach Zusammensetzung der Legierung durch spezifische Eigenschaften auszeichnet. Daneben gibt es metallische Klingen aus Titan- oder anderen nicht-eisenhaltigen Legierungen (wie Talonite oder Stellite). Klingen aus Schneidkeramik, meist aus Zirconiumdioxid, stellen keine wirkliche Alternative zu metallischen Klingen dar. Die Klingen sind zwar härter, aber nicht schärfer. Sie behalten diese meist geringe Schärfe zwar länger als Klingen aus Stahlwerkstoffen, jedoch überwiegen meist die Nachteile der geringen Schneidfähigkeit aufgrund extrem derber Schneidengeometrie und der fehlenden Nachschärfbarkeit für den durchschnittlichen Nutzer. Besonders von Nachteil ist die hohe Bruchanfälligkeit aufgrund ihrer extrem spröden Materialstruktur. Selten werden Kunststoffe verwendet, die vergleichsweise wenig schnitthaltig sind, so dass der Einsatz eingeschränkt ist. Ein Beispiel dafür ist Einweg-Partybesteck.

Ganz besonders hängt die Qualität einer Klinge von den Eigenschaften des verwendeten Stahls ab. Im Wesentlichen bestimmt bei traditionellen (vorindustriellen) Klingen der Kohlenstoffgehalt die erreichbare Härte des Stahls. Es gibt unterschiedliche Herstellungstechniken: das Raffinieren, wobei ein Material mit sich selbst verschweißt wird, um besondere Reinheit und Homogenität zu erreichen, und das Damaszieren. Die Damaszenerklinge besteht aus verschiedenen Stählen mit leicht unterschiedlichen Legierungsbestandteilen, was zu vielfältigen Mustern auf der Klingenoberfläche führt. Damaszener-Stahl war seinerzeit der Waffenherstellung vorbehalten und zunächst nur bei Schwert-, Säbel- und Messerklingen zu finden, die den Blankwaffen zuzurechnen sind. Dieser Stahl wurde zur Waffenherstellung verwendet weil er die guten Eigenschaften von weichen und harten Stahlsorten verband: Elastizität und Schnitthaltigkeit. Heutzutage gibt es Stahlsorten, welche die Vorteile des Damaszener Stahls ohne dessen Nachteile (ungleichmäßige Abnutzung) besitzen, so wird dieser nur noch aus künstlerischen und ästhetischen Gründen verwendet.

Bei besonderen Klingen wird zwei– oder mehrlagiger Stahl verwendet, der aus Schichten von zähem Eisen, Federstahl oder Werkzeugstahl bestehen kann. Bei manchen Klingen können die Muster, die bei der Fertigung entstehen, ein typisches Erkennungsmerkmal für eine bestimmte Technik sein.

Die Härte einer Klinge wird mit der Rockwellhärte (HRC) angegeben.

Feststehende Messer

Feststehende Messer verfügen über eine feste, meist durchgehende Klinge, die in der Regel mit einem Griff verbunden ist, etwa bei den meisten Küchenmessern. Kampfmesser und Dolche für die militärische Verwendung gehören ebenso dazu. Zu feststehenden Messern zählen die längsten Messertypen, wie zum Beispiel Bajonette von über 50 Zentimetern Länge. Durch die stabile Verankerung der feststehenden Klinge können diese Messer stärkere Querkräfte vertragen. Außerdem ist bei einem feststehenden Messer nicht die Gefahr gegeben, dass die Klinge, wie bei einem Klappmesser, bei extremen Belastungen aus dem Schloss bricht. Daher werden feststehende Messer aus Gründen von Stabilität, Sicherheit und leichterer Reinigung für viele Einsatzzwecke bevorzugt. Am stabilsten sind Integralmesser, bei denen der gesamte Messerkörper aus einem Stück Stahl geschmiedet wird.

Eine besonderere Form hat das Faustmesser bei dem die Klinge parallel oder rechtwinklig zum Griff angebracht ist.

Klappmesser

Bei Klappmessern –  einer Art Taschenmesser  – ist die Klinge beweglich, liegt zwischen zwei Wangen und kann mittels Daumendreh oder Fingerzug in den Griff eingeklappt beziehungsweise aktiviert werden. Manche Klappmesser sind besonders für den Gebrauch mit nur einer Hand konzipiert und werden Einhandmesser genannt. Gebrauchsklappmesser verfügen zum Schutz gegen ein unbeabsichtigtes Zuklappen oft über eine feststellbare Klinge, auch kann auf dem Messerrücken eine Sperre zur Messerverriegelung gelöst werden. Da der Schwachpunkt in der Drehachse der Klinge liegt, sind Klingenlängen bis maximal zehn Zentimeter üblich, wenn auch immer wieder vereinzelt große Klappmesser auf den Markt kommen. Zum Transport wird die Klinge in den Griff eingeklappt.

Viele Klappmesser schweizer Art beziehungsweise Nachahmungen enthalten neben der eigentlichen Messerklinge noch diverse Werkzeug-Klingen, wie etwa Korkenzieher (schweizerisch: Zapfenheber), Ahle, Lupe, Kombizange, Schraubendreher etc.

Fallmesser sind eine spezielle Art von Klappmessern. Bei ihnen fällt die senkrecht verborgene Klinge durch Schwerkraft oder Schleuderbewegung aus dem Griff.

Eine weitere Varietät sind Springmesser, bei denen die Klinge mittels Feder- oder Wurfkraft aus dem Heft in einem Bogen nach vorne geschleudert und dort verriegelt wird.

Das Balisong ist eine spezielle Art von Klappmesser bei dem zwei hohle Griffhälften, die jeweils um 180° geschwenkt werden können, die Klinge bei geschlossenem Zustand in sich aufnehmen.

Kulturelle Bedeutung

Das frühgeschichtliche Messer hatte Waffencharakter, und bis zur Trennung von Messern und messerartigen Waffen wurden Messer an der Speisetafel als Bedrohung angesehen.

Die westliche Welt

Dieses gewalttätigen Anscheins war sich die Kultur der westlichen Welt lange bewusst und hat das Tischmesser folglich mit einer Vielzahl von Tabus belegt: Es sei nicht zum Mund zu führen, also nicht auf sich selbst zu richten, es dürfe damit nicht auf jemand anderen gedeutet werden und das Messer solle nicht mit der Spitze voran gereicht werden. Hierzu gehört weiterhin das Tabu, Fisch mit dem Messer zu zerteilen, das durch spezielle – stumpfe – Fischmesser umgangen wurde, genauso wie es als unschicklich galt, Kartoffeln und Knödel zu zerschneiden oder Frühstückseier mit dem Messer zu kappen.

Das so genannte Reformbesteck, eine von dem österreichischen Architekten Otto Wagner für die Wiener Werkstätte entworfene Gabel mit einer Vertiefung und drei Zinken, von denen die linke verbreitert und leicht angeschliffen war, mit der man also nicht nur aufspießen, sondern gleichzeitig schöpfen und schneiden konnte, konnte sich nicht durchsetzen, obwohl sie als „Kaisergabel“ bekannt wurde, nachdem Kaiser Wilhelm II. sie wegen seiner Körperbehinderung benutzte [22]. Auch Kaiser Franz Joseph bediente sich bei Tisch nur ungern des Messers. Das Fleisch musste so zart und weich sein, dass es sich leicht mit der Gabel zerteilen ließ. Dem entspricht die amerikanische Angewohnheit, Messer möglichst nur zur Beginn der Mahlzeit zum Zerteilen des Fleisches zu verwenden und sie dann beiseite zu legen.

Ostasien

Der gesamte ostasiatische Raum bildete hinsichtlich des Essbestecks von denen des Westens unterschiedliche Gewohnheiten aus: Fleisch und Gemüse werden bis heute zugeschnitten, bevor sie zubereitet beziehungsweise auf den Tisch gebracht werden. Zum Essen werden hölzerne Stäbchen benutzt. Gräberfunde belegen, dass diese Form des Tischbestecks in China bereits um 1500 v. Chr. Verwendung fand. Im 7. Jahrhundert gelangten die Essstäbchen durch buddhistische Priester und Missionare aus China nach Korea und Japan. Insbesondere für Chinesen und Japaner wirkte das europäische Tischbesteck gewalttätig und bedrohlich, sie spöttelten gar, die Europäer seien Barbaren, äßen sie doch mit Schwertern.

China

In China wurde das Messer sogar zum Zahlungsmittel (Dao, „Messer-Münzen“). Die Tang-Periode gilt hinsichtlich Silberbearbeitung und Ausführung künstlerischer Messergriffe der Messer wichtig, die als Statussymbol oder für Zeremonien dienten. Aus der Shang-Periode wurden eine Reihe von Ritualmessern mit Jade-Griffen aus Turkestan gefunden, deren genaue Verwendungsweise noch unbekannt ist. Es könnte sich um Grabbeigaben oder Zeichen der Macht oder des Standes gehandelt haben.

Chinesische Schneidewaren haben eine lange Tradition, die heutzutage indes teilweise in Verruf geraten ist, weil der Markt weltweit mit Billigmessern fragwürdiger chinesischer Herkunft überschwemmt wird. China ist heute der Dreh- und Angelpunkt der internationalen Markenpiraterie. Chinesische Plagiatoren gehören zu den professionellsten der Welt, und nahezu sämtliche Markenmesser stehen in der Gefahr, kopiert zu werden. Davon betroffen sind Traditionsmarken des eigenen Landes: Im August 2004 musste Wangmazi Scissors, ein mehr als 350 Jahre altes chinesisches Traditionsunternehmen für Schneidewerkzeuge Konkurs anmelden.[23] Das Unternehmen war 1651 in der Qing-Dynastie gegründet worden und stand als Inbegriff für chinesischer Messer und Scheren höchster Qualität. Immer mehr Kopien, die sich „Old Wangmazi“ oder „True Wangmazi“ nannten, machten der Originalmarke Konkurrenz. Zum Schluss waren es Dutzende von Fälscherfirmen, die jährlich mehr als fünf Millionen Imitate allein auf den chinesischen Markt brachten.[24]

Das klassische chinesische Kochmesser hat die Form eines Hackbeils, ist zur Zertrümmerung harter Knochen und Knorpel nicht geeignet, sondern wird für das Schneiden und Hacken von Kräutern und Gemüse verwendet. Die Klinge ist traditionell aus nicht rostfreiem Stahl gefertigt und muss daher sorgfältig gepflegt werden, wenn sie nicht rosten und vorzeitig unbrauchbar werden soll.

Japan

In Japan erreichte die Kunst der Schwert- und Messerherstellung einen anderswo kaum zu findenden Standard, obwohl die Metallverarbeitung erst im 3.  Jahrhundert v.  Chr. einsetzte. Es wurde Bronze wie Eisen verarbeitet, Stahl erreichte beachtenswerte technische Qualitäten. Daher sind japanische Messer hoch begehrt. Bis heute werden Küchenmesser – Hōchō – auf Schärfe geeicht. Traditionell gefertigte japanische Messer besitzen einen runden Holzgriff, der gut in der Hand liegt. Bei manchen Messern ist der Griff in Kastanienform gefertigt, wodurch die Messer zusätzlich in der Hand fixiert werden. Ab der Muromachi-Zeit wurde das Schwert nicht mehr am Gürtel befestigt, sondern in ihn gesteckt, was zu einer Veränderung der Accessoires führte: In die feste, lackierte Holzhülle des Schwertes wurde ein schmales, kurzes, fast zerbrechliches Beimesser gesteckt, das die Form eines kleinen Dolches hatte. Es gehörte zu jedem mittleren Schwert.

Südasien

In Südasien und insbesondere Indien konnten sich jahrtausendelang weder Essstäbchen noch Messer und Gabel als Essbesteck durchsetzen, vielleicht auch deswegen, weil Fleisch traditionell selten auf der Speisekarte steht. Hier wird unter alleiniger Verwendung der (reinen) rechten Hand gemeinsam von großen Tellern gegessen.

Zu dem weist Indien die Besonderheit einer eigenen Herstellungsweise des Damaszenerstahls auf, die Bidri genannt wird. Hierbei wird Silber mit einer Legierung aus Blei, Zink und Zinn überzogen und dann chemisch geschwärzt. Daneben hat das Messer in Indien – wie andere Gebrauchsgegenstände – aufgrund von Gestaltungsbesonderheiten und kostbaren Materialien künstlerischen Wert. So finden sich viele mit Edelsteinen, Gravuren oder Ziselierungen reich verzierte Griffe aus Jade, Silber oder Gold. Gewöhnlicher, oft nicht weniger kunstvoll sind Griffe aus Elfenbein oder Knochen, geschnitzt oder mit Intarsien versehen. Besonders in Kaschmir wird noch heute Sandelholz verarbeitet.

Schwarzafrika

Auch in Schwarzafrika entwickelte sich das Messer zum Zahlungsmittel, wo es neben Muschelgeld gebräuchlich war. Typische Geldfunktion hatten die Wurfmesser im Gabun und in Angola oder die zeremoniellen Messer als Zeichen der Macht in Benin und Nigeria.

Bedeutung als Waffe

Die militärische Bedeutung des Messers als Waffe war schon immer gering, obwohl es oft zur Ausrüstung gehört. In der Regel ist es ein Werkzeug und erst in zweiter Linie eine Waffe. Als Waffe wurden vor der Entwicklung der Feuerwaffen hauptsächlich längere Hieb- und Stichwaffen, wie Schwert oder Säbel, die eine größere Reichweite ermöglichten, eingesetzt. Mit der Einführung der Gewehre wurde für den Nahkampf das meist aufsteckbare Bajonett entwickelt, das aber keine Schneide hatte, weil es ausschließlich zum Stechen verwendet wurde. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich Messerbajonette, die auch vollwertige Messer waren. Bei den beengten Raumverhältnissen im Grabenkrieg des ersten und des zweiten Weltkrieges erlangte das Messer als Waffe eine gewisse Bedeutung.

Eine weitaus größere Bedeutung hat das Messer als Waffe im zivilen Bereich. Es ist problemlos zu beschaffen, kann jederzeit mitgeführt und unauffällig am Körper getragen werden. In Ländern, in denen der Schusswaffenbesitz eingeschränkt ist, stellen messerartige Gegenstände die bei Gewaltstraftaten am häufigsten eingesetzten Waffen dar; in Europa überwiegen Angriffe mit Hieb- und Stichwaffen, vor allem mit Messern (siehe Messerstecherei und Waffenmissbrauch). Aus diesem Grund sind Messerarten, die einen besonderen Waffencharakter haben, in vielen Ländern rechtlich reglementiert. Das betrifft vor allem einen Teil der Klappmesser. Viele Taten werden aber mit normalen Küchenmessern verübt. In Großbritannien, wo eine anscheinend dramatische Zunahme von Messerstechereien gerade unter Jugendlichen zu verzeichnen sein soll [25] hat Scotland Yard Mitte 2008 mit einer breit angelegten Öffentlichkeitskampagne gegen Messer versucht, die blutige Gewalt unter Jugendlichen einzudämmen.[26] In Deutschland dürfen seit dem 1. April 2008 Messer mit einer feststehenden und mehr als zwölf Zentimeter langen Klinge sowie sogenannte Einhandmesser in der Öffentlichkeit nicht mehr mit sich geführt werden.[27]

Traditionelle Messer

Wichtige Museen

Die Bedeutung des Messers in der Menschheitsgeschichte vielerorts in Museen gewürdigt. Hierzu gehört das Deutsches Klingenmuseum in Solingen[28], dessen Sammlungen vor nahezu 100 Jahren begonnen wurden und das sich der regionalen und internationalen Geschichte der Herstellung von Klingen für Schwerter und Degen ebenso wie Messer für den täglichen Bedarf und Bestecke von Weltruf widmet. Es hat die weltweit größte Bestecksammlung vorzuweisen. Weiterhin gibt es ein Messermuseum in Steinbach an der Steyr, Österreich[29] und das Musée de la coutellerie in Nogent, Frankreich [30] mit dem Schwerpunkt zu Arbeiten von Nicolas Pelletier (1828-1921). Das Musée de la coutellier in Thiers, Frankreich[31] zeigt als Schwerpunkt Gebrauchsmesser des 16. Jahrhunderts bis zur Neuzeit, das Museo dell'Arte fabbrile e delle Coltellerie in Maniago (Provinz Pordenone)[32] widmet sich der regionalen traditionellen und modernen Messerherstellung und das Museo del Coltello Sardo in Sardinien (Provinz Cagliari), Sardisches Messermuseum in Arbus[33] beherbergt unter anderem das weltgrößte Klappmesser.

Einzelnachweise

  1. Adolf Bach: Die Geschichte der deutschen Sprache, S. 37
  2. Kluge, Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, S. 778
  3. Heinrich Beck (Hsg.): Lexikon der germanischen Altertumskunde, S. 539
  4. Heinz Knorr: Messer und Dolch. Eine Untersuchung zur mittelalterlichen Waffenkunde in gesellschaftskritischer Sicht. Museum für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 1971 Bd. 6, S. 129-132
  5. Gerhard F. W. Holtmann: Untersuchung zu mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Messern. S. 541
  6. Hanns-Ulrich Haedeke: Schmuck aus drei Jahrtausenden. 1981, S. 28
  7. Ernst Probst: Rekorde der Urzeit. Goldmann-Verlag 1996. ISBN 3442126991.
  8. Gabriella Brusa-Zappellini: Lo stregone danzante. Coopli, Mailand 1996, zitiert in Gabriele Mandel (Hsg.): Das Messer. Geschichte, Kunst und Kultur.
  9. u.a. Martin Kuckenburg: Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers. Klett-Cotta 2005. ISBN 3608941371.
  10. Gabriele Mandel (Hsg.): Das Messer. Geschichte, Kunst und Kultur. GLB Parkland Vlgsges. Mbh (1996). ISBN 3880598606. S. 13
  11. Die Heilkunst der Pharaonen, in:National Geographic Deutschland 2003, S. 62-86.
  12. Luboš Jiráň: Die Messer in Böhmen. S. 14
  13. Jörg Klinger: Die Hethiter. Geschichte – Gesellschaft – Kultur. Beck 2007. ISBN3406536255.
  14. Manfred Dietrich, Oswald Loretz: Der Untergang am 21.1.1192 v. Chr. von Ugarit in: Ugarit-Forschungen – Internationales Jahrbuch für Altertumskunde im Syrien Palästinas – Bd. 34/2002, Ugarit-Verlag 2003, S. 53
  15. Georg Luck: Magie und andere Geheimlehren in der Antike. ISBN 3520489015.
  16. Jutta Kollesch: Antike Heilkunst. Reclam 1994. ISBN 3150093058.
  17. Konrad Spindler: Die frühen Kelten. Reclam 1983. ISBN 3150103231.
  18. Günter Schiedlausky: Essen und Trinken. 1959, S. 38
  19. H. Wühr: Altes Eßgerät. 1961, S. 32
  20. Gerhard F. W. Holtmann: Untersuchung zu mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Messern., S. 543
  21. Norbert Elias beschreibt dies in seinem „Prozeß der Zivilisation“ von 1932 am Beispiel des französischen Hofes Ludwigs XIV..
  22. Gerta Walsh: Victoria Kaiserin Friedrich
  23. Dunlap Codding & Rogers, P.C., Analyse vom 10.8.2004
  24. Jörg Kammerer (Hsg): Piraten, Fälscher und Kopierer. Strategien und Instrumente zum Schutz geistigen Eigentums in der Volksrepublik China. Gabler Verlag 2006. ISBN 3834901598
  25. Königreich der Furcht Süddeutsche.de vom 29.5.08
  26. Scotland Yard: Blutrünstige Bilder gegen Gewalt Netzeitung vom 29.5.08]
  27. Stichhaltiges gegen lange Messer Neues Deutschland, 13.5.2008
  28. Deutsches Klingenmuseum, Solingen
  29. Messermuseum, Steinbach an der Steyr
  30. Musée de la coutellerie, Nogent
  31. Musée de la coutellier, Thiers
  32. Museo dell'Arte fabbrile e delle Coltellerie, Maniago
  33. Messermuseum, Arbus

Literatur

 Commons: Messer – Bilder, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Messer – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

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