Blaise Pascal
Heim

Blaise Pascal

Blaise Pascal (* 19. Juni 1623 in Clermont-Ferrand; † 19. August 1662 in Paris) war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und Philosoph.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Schaffen

Die Jugendjahre

Pascal stammte aus einer alten, in zweiter Generation amtsadeligen Familie der Auvergne. Sein Vater hatte in Paris Jura studiert und etwas später das Amt des zweiten Vorsitzenden Richters am Obersten Steuergerichtshof der Auvergne in Clermont-Ferrand gekauft. Die Mutter, Antoinette Begon, kam aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die ebenfalls in den Amtsadel (Noblesse de robe) strebte. Pascal hatte zwei Schwestern, die drei Jahre ältere Gilberte (die später seine Nachlassverwalterin und erste Biographin wurde) sowie die zwei Jahre jüngere Jacqueline, von deren Geburt sich die Mutter nicht erholte, so dass Pascal mit zwei Jahren Halbwaise wurde. Als er acht war, zog die Familie samt Kinderfrau nach Paris, weil der Vater den Kindern, d. h. vor allem dem sichtlich hochbegabten Jungen, bessere Entfaltungsmöglichkeiten schaffen wollte. Sein Richteramt verkaufte er an einen Bruder und legte sein Vermögen in Staatsanleihen an.

Pascal war von Kindheit an sehr kränklich. Er wurde deshalb von seinem hochgebildeten und naturkundlich interessierten Vater selbst sowie von Hauslehrern unterrichtet. Bereits mit zwölf erwies er sein hervorragendes mathematisches Talent und fand dann über seinen Vater, der in Pariser Gelehrten- und Literatenzirkeln verkehrte, Anschluss an den Kreis von Mathematikern und Naturforschern um den Père Mersenne, wo er als 16-Jähriger mit einer Arbeit über Kegelschnitte beeindruckte.

1639 wurde der Vater verdächtigt, einen Protest von Betroffenen gegen Zinsmanipulationen des Staates mitorganisiert zu haben. Er zog es vor, unterzutauchen und aus Paris zu flüchten. Ende 1639 wurde er jedoch dank der Fürsprache hochstehender Personen von Richelieu begnadigt und durfte diesem sogar seinen Sohn vorstellen.

Rouen

Pascaline aus dem Jahr 1652

1640 wurde der Vater zum königlichen Kommissar und obersten Steuereintreiber für die Normandie in Rouen ernannt. Hier erfand Pascal 1642 für ihn eine Rechenmaschine, die „roue [=Rad] Pascale“ oder Pascaline. Sie ermöglichte zunächst nur Additionen, wurde im Lauf der nächsten zehn Jahre aber ständig verbessert, und konnte schließlich auch subtrahieren (Zweispeziesrechner). Pascal erhielt ein Patent auf sie, doch der Reichtum, den er sich von der Erfindung und einer eigenen kleinen Firma erhoffte, blieb aus. Die mühsam einzeln handgefertigten Maschinen (neun von ca. fünfzig Exemplaren sind noch vorhanden) waren zu teuer, um größeren Absatz zu finden.

In Rouen, einer Stadt mit Universität, hohem Gericht (Parlement) und reicher Kaufmannschaft, zählte die Familie Pascal zur guten Gesellschaft, auch wenn der Vater sich durch die Härte seiner Amtsausübung unbeliebt gemacht hatte. Pascal sowie seine literarisch begabte jüngere Schwester Jacqueline, deren dichterische Versuche von dem Dramatiker Pierre Corneille gefördert wurden, bewegten sich elegant in diesem Milieu. Schwester Gilberte heiratete 1641 einen jungen Verwandten, Florin Périer, den sich Vater Pascal als Privatsekretär aus Clermont-Ferrand geholt hatte.

1646, während der Rekonvaleszenz des Vaters nach einem Unfall, kam die bis dahin nur lax religiöse Familie in Kontakt mit den Lehren des holländischen Reformbischofs Jansenius, der eine an Augustinus von Hippo orientierte katholische Gnadenlehre vertrat. Vater, Sohn und Töchter wurden fromm, Jacqueline beschloss sogar Nonne zu werden.

Anfang 1647 demonstrierte Pascal den Eifer seiner neuen Frömmigkeit, als er den Erzbischof von Rouen eher gegen dessen Willen dazu drängte, einen Priesterkandidaten zu maßregeln, der vor Pascal und Freunden eine Sicht der Religion vertreten hatte, die ihnen zu rationalistisch erschienen war.

Seine Frömmigkeit hinderte Pascal selbst allerdings nicht, weiterhin naturwissenschaftlich-mathematische Studien zu treiben. So wiederholte er noch 1646 erfolgreich die schon 1643 von Evangelista Torricelli angestellten Versuche zum Nachweis der Existenz des Vakuums, die er 1647 in seiner Abhandlung vide dans le vide beschrieb, mit der er die Existenz des Vakuums endgültig nachwies.

Die Pariser Zeit

Ab Mai 1647 lebte er mit Jacqueline und wenig später auch dem Vater überwiegend wieder in Paris, wo er führende Jansenisten kontaktierte aber auch seine Forschungen weiterführte. Angesichts des Widerstandes vieler Theologen und Naturforscher, u. a. von Descartes, den er Ende September 1647 mehrfach in Paris traf, diskutierte Pascal die Frage des Vakuums (siehe auch Äther (Physik)) jedoch nur noch indirekt, insbes. in einer Abhandlung über den Luftdruck, dessen Abhängigkeit von der Höhe des jeweiligen Ortes er 1647 nachgewiesen hatte. 1648 begründete er in einer weiteren Abhandlung das Gesetz der kommunizierenden Röhren.

Als im Frühjahr 1649 in und um Paris die Wirren der Fronde unerträglich wurden, wichen die Pascals bis Herbst 1650 zu den Périers in die Auvergne aus.

Im Herbst 1651 starb Vater Pascal. Tochter Jacqueline ging kurz danach, gegen den Wunsch des Verstorbenen und auch Pascals, in das streng jansenistische Kloster Port Royal in Paris.

Pascal war nun zum ersten Mal auf sich allein gestellt. Da er, wenn auch nicht reich, so doch wohlhabend und adelig war, begann er als junger Mann von Welt in der guten Pariser Gesellschaft zu verkehren. Er befreundete sich mit einem philosophisch interessierten jungen Hochadeligen, dem Duc (Herzog) de Roannez, von dem er 1652 zusammen mit einigen von dessen freidenkerischen Freunden, insbes. dem Chevalier (Ritter) de Méré, zu einer längeren Reise mitgenommen wurde, auf der er in die neuere Philosophie, aber auch in die Kunst geselliger Konversation eingeführt wurde. Er frequentierte den schöngeistigen Salon der Madame de Sablé und befasste sich eingehender auch mit der belletristischen Literatur der Zeit. Er dachte kurz sogar an den Kauf eines Amtes und ans Heiraten. Ein ihm lange zugeschriebener, weil gewissermaßen in diese mondäne Lebensphase passender anonymer Discours sur les passions de l'amour („Abhandlung über die Leidenschaften der Liebe“) stammt aber nicht von ihm.

1653 verfasste er eine Abhandlung über den Luftdruck, in der zum ersten Mal in der Wissenschaftsgeschichte die Hydrostatik umfassend behandelt wird.

Die mit den neuen Bekannten, insbes. Méré, geführten Diskussionen über die Gewinnchancen im Glücksspiel, einem typisch adeligen Zeitvertreib, führten Pascal 1653 dazu, sich der Wahrscheinlichkeitsrechnung zuzuwenden, die er 1654 im brieflichen Austausch mit dem Toulouser Richter und großen Mathematiker Pierre de Fermat vorantrieb. Insbesondere untersuchten sie Würfelspiele. 1654 beschäftigte er sich weiter intensiv mit Mathematik und schrieb je eine Abhandlung über das sogenannte Pascalsche Dreieck und die Binomialkoeffizienten (Traité du triangle arithmétique), über Zahlenordnungen (Traité des ordres numériques) und über Zahlenkombinationen (Combinaisons).

Im Umfeld von Port-Royal

Im Herbst 1654 wurde Pascal offenbar von einer depressiven Verstimmung erfasst. Er näherte sich Jacqueline wieder an, die er häufig im Kloster besuchte, und er zog in ein anderes Viertel, um sich seinen mondänen Freunden zu entziehen, arbeitete aber weiter an mathematischen und anderen wissenschaftlichen Fragestellungen. Am 23. November (möglicherweise nach einem Unfall mit seiner Kutsche, der aber nicht verlässlich bezeugt ist) hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis, das er noch nachts auf einem erhaltenen Blatt Papier als sog. Mémorial aufzuzeichnen versuchte. Er zog sich aus der Pariser Gesellschaft zurück, um völlig seine Frömmigkeit leben zu können. Seinen einzigen Umgang stellten nunmehr die jansenistischen „Einsiedler“ (solitaires) dar, Gelehrte und Theologen, die sich im Umkreis des Klosters Port-Royal des Champs niedergelassen hatten und die er häufig besuchte. Um 1655 führte er hier das legendäre Gespräch mit seinem neuen Beichtvater A. Le Maître de Sacy (Conversation avec M. de Saci sur Épictète et Montaigne), worin er zwischen den beiden Polen der montaigneschen Skepsis und der stoischen Ethik Epiktets schon eine Skizze der Anthropologie bietet, die er später in den Pensées entwickeln sollte.

Zugleich begann Pascal, im gelehrten Dialog mit den solitaires, insbes. Antoine Arnauld oder Pierre Nicole, religiös und theologisch motivierte Schriften zu verfassen. Nebenher befasste er sich, wie immer, auch mit praktischen Fragen, so 1655 mit der Didaktik des Erstlesens für die Schule, die die solitaires betrieben.

Bei seiner Bekehrung (vgl. das Mémorial) war er in eine Situation gekommen, in der die orthodox frommen und rigoros moralischen Jansenisten den laxeren und konzilianteren, aber auch machtbewussten Jesuiten ein Ärgernis geworden waren. Als es 1655 zum offenen Streit kam, weil Arnauld als Jansenist aus der Pariser theologischen Fakultät der Sorbonne ausgeschlossen wurde, mischte Pascal sich ein und verfasste 1656/57 eine Serie anonymer satirisch-polemischer Broschüren, die wie eine Bombe einschlugen und 1657 in Holland als Buch gedruckt wurden unter dem Titel Provinciales, ou Lettres de Louis de Montalte à un provincial de ses amis et aux R. R. PP. Jésuites sur la morale et la politique de ces pères („Provinzler[briefe], oder Briefe von L. de M. an einen befreundeten Provinzler sowie an die Jesuiten über die Moral und die Politik dieser Patres“). Es sind 18 Briefe eines fiktiven Paris-Reisenden namens Montalte, von denen die ersten zehn an einen fiktiven Freund in der heimatlichen Provinz gerichtet sind, die nächsten sechs an die Pariser Jesuitenpatres insgesamt und die letzten beiden speziell an den Beichtvater des Königs. In diesen Briefen beschreibt Montalte in der Rolle eines zunächst theologisch unbeschlagenen und naiven jungen Adeligen, wie Jesuiten ihm altklug und herablassend ihre Theologie erklären; später, nachdem er quasi seine Lektion gelernt hat, beginnt er mit ihnen zu diskutieren und so scharfsinnig wie witzig ihre Lehren ad absurdum zu führen. Pascal persiflierte und attackierte so die zwar gewissermaßen verbraucherfreundliche, aber tendenziell opportunistische und oft spitzfindige Theologie – die berühmte Kasuistik – der Jesuiten und entlarvte ihren sehr weltlichen Machthunger. Die Lettres provinciales hatten, obwohl sie nach der Nr. 5 verboten wurden, bei Erscheinen der Buchausgabe auf den Index kamen und 1660 sogar vom Henker verbrannt wurden, großen und langandauernden Erfolg und bedeuteten längerfristig den Anfang vom Ende der Allmacht der Jesuiten, zumindest in Frankreich. Wegen ihrer Klarheit und Präzision gelten sie als ein Meisterwerk der französischen Prosa, das ihrem Autor einen Platz unter den Klassikern der französischen Literaturgeschichte verschaffte.

Weniger bekannt wurden die vier bissigen Streitschriften, mit denen sich Pascal 1658 (neben Arnauld und Nicole) in eine Fehde zwischen jansenistisch orientierten Pariser Pfarrern und den Jesuiten einschaltete.

Blaise Pascal

Kurzfristig behielten allerdings die Jesuiten mit Hilfe von König und Papst die Oberhand, was die nächsten Jahre Pascals verdüsterte. Denn während viele seiner Gesinnungsfreunde unter dem Druck der obrigkeitlichen Schikanen einknickten oder taktierten, blieb er unbeugsam.

In dieser Situation begann er 1658, systematischer an einer großen Apologie der christlichen Religion zu arbeiten, für die er sich 1656 erste Notizen gemacht hatte und deren Grundlinien in den 1657 verfassten, aber unvollendeten Écrits sur la grâce („Schriften über die Gnade“) zu finden sind, wo er die von den Jansenisten vertretene Form der augustinischen Gnadenlehre als Mitte zwischen der fast fatalistischen calvinistischen Prädestinationslehre und der optimistischen jesuitischen Gnadenlehre darstellt und dem freien Willen des Menschen die Entscheidung über sein Heil zugesteht. Denn für Pascal gilt: „Jener, der uns ohne uns geschaffen hat, kann uns nicht ohne uns retten“.

Neben seiner Arbeit an den Pensées betrieb er immer wieder auch praktische Dinge. So beschäftigte er sich 1658 mit Mathematik und berechnete die Fläche unter der Zykloide mit den Methoden von Cavalieri, sowie das Volumen des Rotationskörpers, der bei Drehung der Zykloide um die x-Achse entsteht. Nachdem er selbst die Lösung gefunden hatte, veranstaltete er ein Preisausschreiben zu dem Problem, was ihm viele (unzureichende) Vorschläge und eine heftige Polemik mit einem Unzufriedenen eintrug.

1659 erschienen seine Schrift Traité des sinus des quarts de cercle (Abhandlung über den Sinus des Viertelkreises). Als 1673 Gottfried Wilhelm Leibniz diese Arbeit in Paris las, empfing er eine entscheidende Anregung zur Entwicklung der Differential- und Integralrechnung durch die Betrachtung der speziellen Gedanken Pascals darin, die er allgemeiner verwendete, indem er Pascals Kreis als Krümmungskreis an die einzelnen Punkte einer beliebigen Funktion oder Funktionskurve auffasste. Leibniz sagt, er habe darin ein Licht gesehen, das der Autor nicht bemerkt habe[1]. Daher stammt der Begriff charakteristisches Dreieck.

Mit seiner ohnehin schlechten Gesundheit ging es in diesen Jahren immer rascher bergab, sicher auch aufgrund seiner äußerst asketischen, ihn zusätzlich schwächenden Lebensweise. So konnte er 1659 lange Wochen nicht arbeiten. Trotzdem war er im selben Jahr Mitglied eines Komitees, das eine neue Bibelübersetzung zu initiieren versuchte. 1660 verbrachte er mehrere Monate als Rekonvaleszent auf einem Schlösschen seiner älteren Schwester und seines Schwagers bei Clermont.

Anfang 1662 gründete er zusammen mit seinem Freund Roannez ein Droschkenunternehmen („Les carosses à cinq sous“ – „Fünfgroschenkutschen“), das den Beginn des öffentlichen Nahverkehrs in Paris markierte.

Im August erkrankte er schwer, ließ seinen (immer noch recht ansehnlichen) Hausstand zugunsten mildtätiger Zwecke verkaufen und starb, mit eben 39, im Pariser Haus der Périers, nachdem seine Schwester Jacqueline schon ein Jahr zuvor verstorben war.

Die Pensées

Bekanntlich konnte Pascal aufgrund seines frühen Todes die geplante große Apologie nicht fertigstellen. Er hinterließ nur Notizen und Fragmente, rd. 1000 Zettel in rd. 60 Bündeln, auf deren Grundlage 1670 von jansenistischen Freunden eine Ausgabe unter dem Titel Pensées sur la religion et autres sujets („Gedanken über die Religion und andere Themen“) besorgt wurde. Diese Erstausgabe ist verdienstvoll, weil sie - ungewöhnlich für die Epoche - ein unfertiges Werk gleichwohl zu publizieren und so zugänglich zu machen versuchte. Sie ist aber problematisch insofern, als sie sich nicht am Originaltext orientierte, obwohl er als Autograph, wenn auch nur in Zettelform, erhalten war, sondern eine der beiden Abschriften benutzte, die die Périers kurz nach Pascals Tod von den Zettelbündeln anfertigen ließen. Sie ist noch problematischer dadurch, dass sie das erhaltene Textmaterial nach unterschiedlichen Kriterien kürzte und, anders als die benutzte Abschrift, die die Anordnung der Zettel und Bündel weitgehend beibehalten hatte, eine neue eigene, vermeintlich plausiblere Ordnung der Fragmente einführte.

Die modernen Ausgaben sind Resultat einer philologischen Erfolgsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese beginnt damit, dass der Philosoph Victor Cousin 1842 in einem Bericht an die Académie française auf die Notwendigkeit einer neuen Edition der Pensées hinwies angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeit der Erstausgabe, der bis dahin alle Herausgeber gefolgt waren, wenn auch meist unter nochmaligen Kürzungen und/oder weiteren Umstellungen. Tatsächlich versuchte noch 1844 Prosper Faugère erstmals eine komplette Edition nach den originalen Zetteln Pascals, die er jedoch weitgehend frei nach inhaltlichen Kriterien zu Abschnitten und Unterabschnitten neu ordnete. Dieses Prinzip wurde fortgesetzt und vermeintlich jeweils perfektioniert von weiteren Herausgebern, deren bekanntester Léon Brunschvicg mit seiner Ausgabe von 1897-1904 wurde.

Um 1930 trennte sich die Forschung von dem etablierten Vorurteil, dass Pascals Zettel letztlich nicht geordnet gewesen seien. Vielmehr erkannte man, dass zumindest 27 Bündel (d. h. rd. 400 Zettel) ebensovielen von Pascal intendierten Kapiteln entsprachen und durchaus eine interne Ordnung aufweisen. Auch andere Bündel stellten sich als homogener und geordneter heraus als bis dahin gedacht, so dass man (insbes. Louis Lafuma, 1952 u.ö.) zu Editionen überging, die im Text den Autographen entsprechen und in der Anordnung weitgehend den beiden Abschriften, bzw. der besseren von ihnen, folgen (denn 1710/11 hatte Pascals Neffe Louis Périer in bester Absicht alle Zettel umsortiert und auf große Bögen geklebt).

Gleichwohl sind auch die neueren Editionen nur hypothetische Annäherungen. Die Frage, wie das Werk aussähe, wenn Pascal es hätte vollenden können (und ob er es je hätte fertigstellen können), bleibt notwendig offen.

Die erwähnten 27 Kapitel zeigen den Weg, den Pascal in der Argumentation seiner Apologie des Christentums verfolgen wollte. Die Apologie ist zweigeteilt: „Erster Teil: Elend des Menschen ohne Gott. Zweiter Teil. Glückseligkeit des Menschen mit Gott“ (Laf. 6). Die Kapitel zeichnen zuerst unter den Überschriften „Eitelkeit - Elend – Langeweile – Gegensätze - Zerstreuung“ usw. ein dramatisches Bild der menschlichen Lage, mit brillanten paradoxen, ironischen Formulierungen ausgeführt, wenden sich dann den Philosophen auf der Suche nach dem „höchsten Gut“ zu und finden die Auflösung der Aporien der menschlichen Existenz im Christentum. Der Beweis nutzt in diesem Teil ausführlich die Elemente der Exegese der Kirchenväter, wie sie Port-Royal - allerdings in einer „modernen“, sehr historisierenden Form - übermittelte, und steht damit nicht auf dem Boden neuzeitlich historisch-kritischer Forschung. Ziel der Apologie Pascal ist die Bekehrung von Atheisten oder Zweiflern.

Im annexen Material der Pensées, d. h. den übrigen Zettelbündeln, finden sich die großen ausgearbeiteten anthropologischen Texte „Mißverhältnis des Menschen“ (Laf. 199) über die Lage des Menschen zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen, „Zerstreuung“ (Laf. 136) über die Umgehung des Nachdenkens über die wirkliche, durch Elend und Tod geprägte Lage u. a. Die Einheit des Pascalschen Denkens von seinen mathematischen bis zu seinen theologischen Schriften macht das berühmte Fragment über die drei Ordnungen der Körper, des Geistes und der Liebe bzw. Heiligkeit (Laf. 308) deutlich. Nicht in eines der 27 Kapitel eingeordnet findet sich auch die sog. Pascalsche Wette, gemäß der der Glaube an Gott nicht nur richtig, sondern auch vernünftig ist, denn: „Wenn Ihr gewinnt, so gewinnt Ihr alles, und wenn Ihr verliert, so verliert Ihr nichts“ (Laf. 418).

Kritik

Pascal vertrat in seinem Leben und Werk, während einer Epoche, die bereits äußerst klar auf der Trennung von Glauben und Wissen bestand, das Prinzip der Einheit allen Seins. Für ihn bedeutete die Beschäftigung sowohl mit naturwissenschaftlichen Problemen als auch mit philosophischen und theologischen Fragen keinerlei Widerspruch; alles das diente ihm zur unmittelbaren Vertiefung seiner Kenntnisse. Seine Wahrnehmung der „intelligence/raison du coeur“ - nur das Zusammenspiel von Verstand und Herz könne Grundlage menschlichen Erkennens sein - als wesentlichste Form der umfassenden Erkenntnis wird von seinen Anhängern als visionär und über die Zeiten hinweg beispielgebend erfasst.

Bis heute gilt Pascal als wortgewaltiger Apologet des Christentums und Verfechter einer tiefen christlichen Ethik. Kritiker des Christentums wie der Abbé Meslier oder Voltaire haben ihn daher früh als hochrangigen Gegner attackiert. Friedrich Nietzsche setzte sich zeitlebens mit Pascal auseinander. Für ihn ist er „der bewunderungswürdige Logiker des Christentums“ [2]; „Pascal, den ich beinahe liebe, weil er mich unendlich belehrt hat; einzige logische Christ“ [3]. Es finden sich Urteile, die von der Bewunderung bis zur Ablehnung reichen: „»Ohne den christlichen Glauben«, meinte Pascal, »werdet ihr euch selbst, ebenso wie die Natur und die Geschichte, un monstre et un chaos.« Diese Prophezeiung haben wir erfüllt: nachdem das schwächlich- optimistische achtzehnte Jahrhundert den Menschen verhübscht und verrationalisiert hatte.“ [4]. In Pascal kann er seine Kritik des Christentums lokalisieren: „Man soll es dem Christentum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat“ [5] und - mit Bezug auf Pascal „Was wir am Christentum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will ...“ [6].

Moderne Kritiker wie der sonst vergleichsweise zurückhaltende Aldous Huxley gingen in ihrer Kritik weiter, allerdings in psychologisierender Weise. Pascal habe aus seiner Not - seinen körperlichen Gebrechen sowie seiner Unfähigkeit, echte Leidenschaft zu empfinden - eine Tugend gemacht und dies mit heiligen Worten getarnt. Schlimmer noch: er habe seinen beachtlichen Verstand dazu benutzt, um andere dazu zu ermuntern, eine gleichermaßen diesseits-feindliche Weltanschauung einzunehmen. Zitate von Pascal wie: „Vom Mittelweg abweichen heißt von der Menschheit abweichen“ und andere mehr verleiteten lediglich dazu, ihn als gemäßigten Denker im aristotelischen Sinne zu verstehen. Huxley vertritt die Auffassung, dass dies nur eine theoretische Seite Pascals gewesen sei. Im eigentlichen Leben, also so, wie es sich in dessen Lebensalltag auch nachweislich darstellte, sei Pascal sehr konsequent gewesen - heute würde man sagen: fundamentalistisch. Worte aus der Feder Pascals wie: „Siechtum ist der Naturzustand eines Christen; denn erst im Siechtum ist der Mensch so, wie er immer sein sollte“ würden die düstere Haltung des Philosophen wiedergeben. Pascal würde aufgrund seiner brillanten Formulierungen und den beeindruckend geschilderten spirituellen Erlebnissen als „Vorkämpfer einer hehren Sache“ gelten, während er - was seine christlich-philosophische Seite anbelangt - nur ein kranker Asket gewesen sei. Im Gegensatz zu Nietzsche habe er sich nicht gegen seine Gebrechen gestemmt, sondern sie als willkommene Indizien für ein wertloses irdisches Leben benutzt, so Huxley.

Philosophiebezogen ist Karl Löwiths Wiederaufnahme der Kritik Voltaires und seine Beschäftigung mit der „Apologie“ oder die Pascal kritisch interpretierende Einstellung seines Werks in die Geschichte der modernen Funktionsontologie durch Heinrich Rombach (Substanz - System - Struktur. Bd. 2. Freiburg 1966). Theologischerseits gewichtig ist etwa die große Interpretation Hans Urs von Balthasars im zweiten Band seines Werkes „Herrlichkeit“ (Einsiedeln 1962). Die letztgenannten Interpreten machen keine punktuellen Bemerkungen zu ausgewählten Fragestellungen von Person und Werk, sondern beschäftigen sich mit dem gesamten hinterlassenen Oeuvre. Eine umfangreiche Pascal-Forschung gibt es nicht nur in Frankreich, sondern etwa auch in den Vereinigten Staaten oder in Japan.

Siehe auch

Übersetzungen

Eine Gesamtübersetzung des literarischen Werkes (ohne die naturwissenschaftlichen Schriften) existiert nur in elektronischer Form:

Die derzeit maßgeblichen Buchausgaben des literarischen Werks auf Deutsch:

Wirkung

Nach Pascal oder seinem Vater sind benannt:

 Wikiquote: Blaise Pascal – Zitate
 Commons: Blaise Pascal – Bilder, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Oskar Becker, Grundlagen der Mathematik, suhrkamp
  2. Friedrich Nietzsche: Werke. München 1958, Bd. 3, S. 589
  3. Friedrich Nietzsche: Werke. München 1958, Bd. 3, S. 1335
  4. Friedrich Nietzsche: Werke. München 1958, Bd. 3, S. 509
  5. Friedrich Nietzsche: Werke. München 1958, Bd. 3, S. 686
  6. Friedrich Nietzsche: Werke. München 1958, Bd. 3, S. 687
Personendaten
Pascal, Blaise
französischer Philosoph, Physiker und Mathematiker
19. Juni 1623
Clermont-Ferrand
19. August 1662
Paris