Heim

Geschichte der Psychiatrie

Psychiatriegeschichte befasst sich mit der historischen Entwicklung des wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und medizinischen Umgangs mit geistig-seelischen Erkrankungen und mit aus anderen Gründen von den psychosozialen Normen der Zeit abweichendem Verhalten und Erleben.

Inhaltsverzeichnis

Psychiatriegeschichte als Wissenschaft

Bei einer Darstellung der Geschichte der Psychiatrie ist immer zu beachten, welche Perspektive diese dominiert, z. B.

Eine Darstellung der Geschichte der Psychiatrie ist gezwungenermaßen stark subjektiv, denn der Psychiatrie liegen bestimmte Menschenbilder und Verhaltenserwartungen zugrunde, die von politischen und gesellschaftlichen Trends geprägt wurden. Auch das gesellschaftliche Verständnis und das Selbstverständnis der Behandler hinsichtlich ihrer Aufgabe schwankte extrem - vom Ziel, Problemfälle zu verwahren, über Versuche, zumindest Krankheitssymptome zu beeinflussen (um belastende Folgen für den Betroffenen und/oder sein Umfeld zu verringern, eine Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen u. ä.) bis hin zum Anspruch auf eine Behandlung der Krankheitsursachen und die Heilung der Betroffenen – oder auch der ganzen Gesellschaft, falls man glaubte, dort die Ursache gefunden zu haben.

Hinzu kommt, dass sich die Zuordnung von Symptomen zu bestimmten Ursachen im Laufe der Zeit ändern kann (und oft geändert hat), z. B. von übernatürlichen Erklärungen (dämonische Besessenheit, Karma) zu somatischer Ursachenzuschreibung (z. B. Ungleichgewicht der Säfte, Störung des Gehirnstoffwechsels), zu individuellen Ansätzen (verdrängte Konflikte, ungünstige Annahmen über die Welt, komplexe Traumatisierung) und zur Erklärung krankmachender Lebensumstände (gestörtes Familiensystem, kranke Gesellschaft). Jeweils populäre Theorien zur Krankheitsursache bestimmten wesentlich, ob, und falls ja, welche Behandlungsmaßnahmen eingesetzt wurden. Die Wissenschaftsdisziplin welche sich mit den Symptomen, Syndromen und Nosologien innerhalb der Psychiatrie befasst ist die Psychopathologie.

Außerdem fallen viele der einst psychiatrisch behandelten Krankheitsbilder heute in andere medizinische Fachgebiete, und nicht alle Phänomene, die zu anderen Zeiten als krank eingestuft wurden, gelten heute als behandlungsbedürftig (und umgekehrt).

Eine differenzierte Geschichte der Psychiatrie verbindet deswegen Medizingeschichte, Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie, analysiert Zuschreibungen und versucht, soziologische und politische Zusammenhänge aufzuklären.

Europäische Psychiatriegeschichte

Die Psychiatriegeschichte kann in drei große Epochen gegliedert werden. Bei der Zeit vom Altertum bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ist es korrekter, von einer Geschichte des Wahnsinns zu sprechen. Psychiatriegeschichte im engeren Sinn beginnt mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert, als Bemühungen zur systematischen Versorgung der Kranken einsetzen.

Ende des 19. Jahrhunderts kam es schließlich zu Bemühungen, psychiatrische Phänomene wissenschaftlich zu untersuchen. Die Psychiatrie entwickelte sich zur akademischen Wissenschaft.

Geschichte des Wahnsinns (Altertum bis Ende des 18. Jahrhunderts)

Aus der Zeit der Römer sind zahlreiche Darstellungen von Krankheitsbildern überliefert, z. B. durch Cicero (Tusculanische Briefe), Aulus Cornelius Celsus (ca. 30 n.Chr.), Soranus von Ephesus (ca. 100 n. Chr.) und Aretäus von Kappadozien (ca. 150 n. Chr.) Zu den römischen Behandlungsmethoden zählten Massagen, mäßige Aderlässe, Diäten, Schröpfen und Ölumschläge am Kopf. Man versuchte den Verstand zu fördern, indem man kritische Texte lesen ließ und befragte, und bemühte sich um Aktivierung der Patienten durch Theaterspiele, Brettspiele oder auch Reisen. Manche Kranke wurden auch isoliert und in Räumen mit hochliegenden Fenstern untergebracht. Psychiatrische Krankenhäuser sind aus der Antike nicht bekannt.

Die ersten Spezialanstalten für Geisteskranke entstanden im 12. Jahrhundert, z. B. in Damaskus, Kairo und Granada. Häufig wird von guter Pflege und Wohlwollen gegenüber den Patienten berichtet, es existierten aber auch reine Verwahrunghäuser, z. B. das Frankfurter „Stocke“ oder die Lübecker „Dorenkisten“. Das berüchtigte Bethlehem Hospital in London („Bedlam“) wurde 1377 gegründet. Unruhige oder aggressive Irre wurden mitunter auch vor der Stadt in Holzkisten gesteckt oder in die Stadttore gesperrt.

Im späten Mittelalter änderte sich die Situation dramatisch. Krankheitssymptome wurden als Teufelswerk interpretiert und die Betroffenen deswegen als Hexen oder Zauberer von der Inquisition verfolgt. Vom 15. bis 17. Jahrhundert wurden tausende von Erkrankten gefoltert und verbrannt.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Spitäler üblich, z. B. in Paris das „Hôpital général“, in England die „Workhouses“, in Deutschland die „Zuchthäuser“. Sie ähnelten eher Gefängnissen als Krankenhäusern. Die Patienten vegetierten dort angekettet zusammen mit Armen, Prostituierten, Landstreichern, Krüppeln und Straftätern (auch Gewaltverbrechern). Ärzte gab es nicht. Die Wärter zwangen die Patienten mit harten Strafen zu jeder ihnen irgendwie möglichen körperlichen Arbeit und ließen sie ansonsten psychisch verwahrlosen. Auch Misshandlungen durch Mitpatienten waren die Regel. An manchen Orten wurden psychisch Kranke einem zahlenden Publikum vorgeführt, z. B. im 1784 gebauten „Narrenturm“ in Wien. Allerdings war dieser Bau, der mit einem Allgemeinkrankenhaus verbunden war, schon ein Schritt in Richtung der zunehmenden Humanisierung der Behandlung.

Geschichte der Anstaltspsychiatrie (Ende des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts)

Schon im 17. Jahrhundert sahen immer mehr Ärzte Verhaltensstörungen als medizinisches Problem an und lieferten präzise Beschreibungen psychiatrischer Krankheitsbilder. Der schottische Arzt George Cheyne (1671–1743) stellte fest, dass etwa ein Drittel aller ärztlichen Patienten unter hysterischen, neurasthenischen und hypochondrischen Syndromen litten, welche er „Englische Krankheit“ (The English Malady) nannte. Georg Ernst Stahl (1660–1734) hob die Bedeutung der Seele bei somatischen Leiden hervor und unterschied bereits zwischen sympathischen (= organischen) und pathischen (= funktionellen) Erkrankungen. Es dauerte aber noch bis Ende des Jahrhunderts, bis sich eine klinische Psychiatrie entwickelte, die mit einer Versorgung in Anstalten verbunden war. Zur Legende wurde dabei Philippe Pinel, der 1793 in der „Bicêtre“ die Kranken von ihren Ketten befreite.

Die Mediziner rechtfertigen ihre Bemühungen um die vorher nur weggesperrten Geisteskranken mit der Überzeugung, dass die Symptome somatisch bedingt (z. B. durch Verletzung oder organische Erkrankung) und deswegen heilbar seien. Pinel entwickelte eine Systematik der Krankheiten und vertrat einen therapeutischen Optimismus. Er rechnete bei Manien und Melancholien mit einer Heilungsrate von über 50 % innerhalb von 18 Monaten nach Behandlungsbeginn.

Die sogenannten „Psychiker“ sahen dagegen Geisteskrankheiten als Erkrankung der körperlosen Seele an, also als Folge von Sünden. Therapiert wurde mit brutalen körperlichen Methoden, deren Zweck war, die Seele zu erschüttern. Übliche Maßnahmen in diesen Anstalten waren die körperliche Behandlung mit Ruten, Stöcken und Peitschen und Foltermethoden wie dem Drehstuhl (auf ihm wurde der Patient so lange gedreht, bis ihm Blut aus Mund und Nase lief oder er das Bewusstsein verlor), Schockkuren (z. B. Schneebad oder Sturzbad, d. h. Eintauchen in eiskaltes Wasser), Erzeugung körperlicher Erschöpfung (Zwangsstehen, Brechmittel, Abführmittel, Hungerkuren), Peitschung mit Nesseln oder die Einreibung der Kopfhaut mit Substanzen wie z. B. Brechweinstein, welche schmerzhafte eitrige Geschwüre hervorriefen. Auch Senfpflaster, Ameisen, Elektrizität und glühende Eisen kamen zum Einsatz.

Zunehmend kam es mit 19. Jahrhundert aber auch, von England ausgehend, zu sozialpsychiatrischen Bewegungen. Die Non-restraint-Bewegung entstand, als ein Patient in einer Zwangsjacke zu Tode kam. Sie setzte sich schnell durch: während 1830 noch 39 von insgesamt 92 Patienten gefesselt wurden, waren es 1837 nur noch 2 von 120 Patienten. Die Bewegung wurde entscheidend von John Conolly (1794-1866) gefördert.

Kaiser Joseph II. ließ den urtümlich wirkenden Rundbau des „Narrenturm“ auf dem Gelände des ehemaligen Allgemeinen Krankenhauses in Wien 1784 als erste „Irrenanstalt“ Europas errichten.

Am 11. Mai 1796 gründete der Quäker William Tuke (1732–1822) in York eine private Irrenanstalt namens „The Retreat“. Das idyllisch gelegende Haus zeichnete sich durch seine ruhige Atmosphäre und den Verzicht auf Zwang und Gewalt aus. In Deutschland beklagte 1803 Johann Christian Reil die unwürdigen Zustände in Zucht- und Tollhäusern. Seine Reformvorschläge erinnern an das Konzept des „Retreat“.

Es wurde auch mit weiteren humaneren Behandlungsprinzipien experimentiert, z. B. soziale Veranstaltungen und Betätigung in Handwerk und Landwirtschaft, z. T. in den Häusern direkt angeschlossenen Höfen. In vielen Anstalten wurde eine tägliche Visite durch die Ärzte eingeführt.

Pioniere der Anstaltspsychiatrie

Entwicklung der wissenschaftlichen Psychiatrie ab Ende des 18. Jahrhunderts

Der Anfang einer wissenschaftlichen Psychiatrie wird häufig mit Pinel in Verbindung gebracht, als dessen plakative Leistung ja zunächst die Befreiung der „Irren“ von den Ketten in den französischen Revolutionszeiten gesehen wird. Geistesgeschichtlich wird die französische Revolution als Höhe- und Endpunkt der Aufklärung angesehen (des „Zeitalters der Vernunft“). Bis in diese Zeit hinein schienen psychische Störungen vorwiegend als Störungen der Verstandestätigkeit aufgefasst worden zu sein (das Instrumentarium zur detaillierten Beschreibung der Verstandesfunktionen wurde z. B. von Locke und Bonnot de Condillac erarbeitet). Mit Pinels Konzeption der „manie sans délire“ scheint ein Paradigmenwechsel eingeleitet worden zu sein: Man nahm staunend zur Kenntnis, dass es offenbar psychische Störungen gab, die die Verstandesfunktionen nicht oder nur am Rande beeinträchtigen. Pinels eher anekdotische Erwähnung der „manie sans délire“, führte über André Mattheys Konzept der „Pathomanie“ schließlich zur Entwicklung der Monomanielehre Esquirols, die aufgrund ihrer extremen konzeptionellen Unschärfe aber schon bis Ende des 19. Jahrhunderts auf massive Ablehnung stieß (deren Begriffe „Kleptomanie“ und „Pyromanie“ sich aber bis heute erhalten haben).

Die mit Pinels „manie sans délire“ eingeleitete Entwicklung bereitete aber den Boden für die Beschäftigung mit Störungen, die weniger ins Auge sprangen als die klassischen „Geisteskrankheiten“ (etwa Störungen, die in heutiger psychiatrischer Terminologie als affektive Störungen, neurotische Störungen [Zwänge, Phobien, etc.] und Persönlichkeitsstörungen bezeichnet werden) und die z. B. von Sigmund Freud in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt wurden. Wesentlich ist auch James Cowles Prichards Konzept der „moral insanity“ und Kochs „Die psychopathischen Minderwertigkeiten“ (1899), die letztlich maßgeben zum Konzept der Persönlichkeitsstörungen beitrugen.

Geschichte der wissenschaftlichen Psychiatrie (Ab Ende des 19. Jahrhunderts)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hoffte man, bald psychische Krankheiten ursächlich auf anatomische Veränderungen im Gehirn zurückführen zu können. Gestützt wurde diese Hoffnung z. B. von der Entdeckung des Sprachzentrums durch den Neurologen Broca. Die Verbindung zu anderen medizinischen Disziplinen, vor allem der Neurologie, wurde stärker. Es kam auch zu einer zunehmenden Klinifizierung der Psychiatrie, d. h. Patienten wurden in Betten behandelt.

Gegen Ende des Jahrhunderts rückten „nervöse Störungen“ (Neurosen) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wobei die Technik der Hypnose eine wichtige Rolle spielte. Anfang des 20. Jahrhunderts zeigte sich die deutsche Psychiatrie allerdings skeptisch bis ablehnend gegenüber solchen Ansätzen, besonders gegenüber der Psychoanalyse. Zur Integration psychotherapeutischer Methoden in die Psychiatrie kam es erst in den folgenden Jahrzehnten.

Eine dunkle Zeit stellte die Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) dar. Dessen Gedankengut führte zur Einführung von Gesetzen zur Zwangssterilisation Betroffener oder auch nur erblich belasteter Personen. Während des zweiten Weltkriegs wurden ca. 100.000 psychisch Erkrankte (insbesondere chronisch Kranke) in deutschen Anstalten ermordet. Hierbei war die Aktion T4 maßgeblich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ war von dem Psychiater Alfred Hoche bereits 1920 propagiert worden. In anderen Ländern wurde mit somatischen Behandlungsmethoden experimentiert, z. B. Cardiazolschocktherapie (künstliches Hervorrufen epileptischer Anfälle durch toxische Substanzen) der Elektrokrampftherapie, die von Cerletti und Bini 1937 erstmals in Rom einsetzen, und der Psychochirurgie, zu der die präfrontale Lobotomie zählt, die Egas Moniz (er erhielt später dafür den Nobelpreis) und Almeida Lima in Portugal durchführten.

Nach Kriegsende entwickelte sich die Psychiatrie nur in Deutschland langsam – noch 1975 berichtete eine Enquete-Kommission zur Situation der Psychiatrie in der BRD von Brutalität in psychiatrischen Krankenhäusern und einem eklatanten Mangel an ambulanter Versorgungsmöglichkeiten und ergänzenden Behandlungsformen (z. B. Kunsttherapie). Insgesamt seien über 70 Prozent der Patienten gegen ihren Willen behandelt worden. Dies führte in Folge zu einer Reihe von Reformen.

Fortschritte gab es dagegen bei den somatischen Ansätzen: die Entwicklung von Psychopharmaka ab 1952 ermöglichte die Beeinflussung seelischer Vorgänge durch Medikamente. Dieser eindeutige wissenschaftliche Fortschritt wird jedoch von den durch ärztliche Verordnung von Psychopharmaka Betroffenen vielfach als zwiespältig empfunden, da z. T. erhebliche Nebenwirkungen mit irreversiblen Folgeschäden (z. B. Spätdyskinesien) in Kauf genommen werden müssen. Andererseits muss das allgemein beobachtete Phänomen der Medikalisierung besonders in der Psychiatrie als antiherapeutisch angesehen werden, da die technisch einfach handhabbare Verordnung von Medikamenten sich scheinbar als die Methode der Wahl anbietet (Gegensatz von Pragmatismus und Selbstreflexion - oder „Sind wir der Perfektion unserer Produkte gewachsen?“ - Anders 1956).

Wegbereiter der wissenschaftlichen Psychiatrie

Literatur

Nachweise

  1. vgl die "Stellungnahmen zum Buch «History of Psychiatry» von E. Shorter" http://www.sanp.ch/pdf/2000/2000-03/2000-03-027.PDF

Siehe auch