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Abbild

Ein Abbild ist die Beziehung eines Bilds zur Außenwelt, d.h. auf das, was im Bild widergespiegelt, „abgebildet“ werden soll, so dass es in ihm (wieder-)erkennbar wird.

Während das Wort im alltäglichen Gebrauch ganz problemlos verwendet wird – Bücher werden mit „Abbildungen“ ausgestattet, „Abbildungsverzeichnisse“ geben über sie Überblick – gehört es im Bereich der philosophischen Erkenntnistheorie zu jenen Begriffen, die in unlösbare Probleme führen (sobald man nämlich die Erkenntnis als eine Form der Abbildung der Wirklichkeit definiert).

Zum unproblematischen Umgang mit Abbildungen siehe die Stichworte Auge, Optische Abbildung, Perspektive, Abbildung (Kartografie) sowie den speziellen Artikel Abbildung (Mathematik).

Inhaltsverzeichnis

Erkenntnistheoretische Problematik

Von Platon bis Kant: Das wirklichkeitsferne Abbild als Metapher für die Unvollkommenheit einer auf Sinneswahrnehmung beschränkten Erkenntnis

Die Verknüpfung der Erkenntnistheorie mit einem Nachdenken über Abbildungen geht weit in die antike Philosophie zurück – die ersten ausführlicheren Belegstellen finden sich bei Heraklit. Mit seinem komplexen Aufbau wurde das „Höhlengleichnis“ aus Platons siebtem Buch des Staats zur zentralen Ausformulierung des Problems: Im Mittelpunkt des Gleichnisses steht ein in einer Höhle gefesselter Mensch. Alles, was er zu sehen bekommt, sind die Schatten von Gegenständen, die sich auf der ihm gegenüberliegenden Wand der Höhle abzeichnen. Dargeboten werden ihm dabei nicht einmal die Schatten realer Dinge – er verfolgt ein inszeniertes Schattenspiel. Welche Haltung, so lautet die philosophische Frage, wird der Gekettete zu den sich an der Wand abzeichnenden Formen entwickeln? Muss er sie nicht für die realen Objekte halten? Der Ausweg aus dem Erkenntnisdilemma ist mit dem Gleichnis gegeben. Die einzige Chance, die der Wahrnehmende hat, mehr zu begreifen, liegt – solange er sich aus seinen Ketten nicht befreien kann – in einem philosophischen Nachdenken. Könnte er eine korrekte Idee des Abbildungsprozesses erlangen, so könnte er durchschauen, was ihm vorgespiegelt wird. Zumindest eines kann er: ermessen, dass seine gegenwärtige Vorstellungen wenig mit der Welt zu tun haben.

Bis in die Neuzeit blieb das Nachdenken über eine Erkenntnis mittels Abbildern ein Eckstein religiöser, idealistischer und transzendentalistischer Philosophie. Es schien plausibel, dass die menschliche Erkenntnis, solange sie sich auf Sinneswahrnehmungen beschränkte, sich Täuschungen auslieferte und zur höheren Erkenntnis – insbesondere der Gottes – nicht vordringt. Das Nachdenken über Abbild und Wirklichkeit stand für die Kluft zwischen unserer Vorstellung und der Wirklichkeit. Die Bibel selbst lieferte die Anknüpfungen an die antike Problemstellung mit Passagen wie jener aus 1. Korinther 13 (Luthers Übersetzung von 1545):

Es müssen aufhören die Weissagungen, und auffhören die Sprachen, und das Erkenntnis selbst wird auffhören. Denn unser Wissen ist stückwerck, und unser Weissagen ist stückwerck [...] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem tunckeln Wort, Denn aber von angesicht zu angesicht.

Der gegenwärtige Zustand fessele den Menschen, Ebenbild Gottes, an eine unvollkommene Erkenntnis. Was er von sich sieht, ist nicht mehr, als was er in einem schlechten Spiegel zu sehen bekommt. Eine ganz andere Situation der Erkenntnis wird eintreten, wenn wir Gott gegenüberstehen.

Empirismus und eine Zurückbindung der Wissenschaft auf Abbildungsfunktionen

Noch im Lauf der scholastischen Debatte wagten es Philosophen, das bekannte Nachdenken über die Unzulänglichkeit der Abbilder umzuwenden. Mit dem Aufkommen der mit Mathematik betriebenen perspektivischen Malerei wie mit dem Ausbau der Naturwissenschaften, wurde es in einer Wendung und Aneignung der bestehenden Debatte interessant, gerade eine Welterkenntnis zu propagieren, die mit der Sicherheit von Abbildungsprozessen hantierte. Sinnesorgane wurden seziert, man experimentierte mit optischen Linsen und Kameras, die perfekte Bilder der Außenwelt in Innenräume hineinprojizierten und baute die gesamte empiristische, mit den modernen Naturwissenschaften einhergehende Philosophie auf einem – gegenüber dem platonischen radikal gestrafften – Abbildungsmodell auf:

Es gibt diesem Modell nach eine Außenwelt. Wir verfügen über Sinnesorgane, um sie wahrzunehmen. Unsere Organe erzeugen Sinneseindrücke, Bilder der Welt in unserem Bewusstsein. Wir müssen demnach Instrumente entwickeln, mit denen wir weit perfektere Abbildungen der Welt zustande bringen: Thermometer, Barometer, Teleskope, Mikroskope – ein Instrumentarium, mit dem wir unsere Sinneswahrnehmungen auf den Makro- und Mikrokosmos ausdehnen.

Heikel wird der Erkenntnisprozess, so die Empiristen des 18. Jahrhunderts, wenn er verunreinigt wird, und wenn „irrige Vorstellungen“ in ihn eindringen. Unsere Fähigkeit, neue Dinge zu erfinden, beruht darauf, dass wir aus Sinneseindrücken Ideen formen und diese – so John Locke im Essay concerning Humane Understanding (1690) – zu neuen Gegenständen zusammensetzen, die wir sodann in der Realität nach unseren Vorstellungen bauen können. Unser gesamtes Denken geschehe in einer „association of Ideas“, einer fortlaufenden Verknüpfung von Ideen. Gelangten wir dabei zu irrigen Vorstellungen, so könnten wir alle möglichen abergläubischen Vorstellungen entwickeln.

Unsere Vorstellungen von Gott und dem Leben nach dem Tode müssten mit größter Sorgfalt gelichtet werden. Am Ende sollten wir zu gänzlich mit der Vernunft vereinbaren Vorstellungen der Glaubensgegenstände kommen, so die Kritik, die im selben Moment ausschritt, das Christentum auf einen neuen Deismus zu reduzieren.

Gegenüber dem Empirismus baute sich im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts eine neue Position idealistischer Philosophie auf, die sich auf das empiristische Erkenntnismodell durchaus einließ: Wenn das, womit wir umgingen, Sinnesdaten sein sollten, und wenn wir, wie die Empiristen behaupteten, unsere Ideen aus einer Kombination von Sinnesdaten schüfen, so mussten die Vertreter des Empirismus selbst zugeben, dass sie von dem, wovon ihre Erkenntnis ausging, der Außenwelt, letztlich keine Erkenntnis erlangten. Sie verarbeiteten Sinnesdaten. Die Dinge, die wir sehen sind nicht die „Dinge an sich“ und das, was wir mit den Konzepten tun, unser Verknüpfen und Kombinieren, ist selbst nicht Teil der auf Wahrnehmungen reduzierbaren Welt.

Eine Hinwendung auf das erkennende Subjekt war die Folge; bei Locke hatte sie sich bereits angebahnt, wenn er von der „Verknüpfung von Ideen“ als dem letztendlichen Erkenntnisprozess ausging, und sein Hauptwerk durchaus nicht über die Außenwelt, sondern eben über das „menschliche Verstehen“ schrieb.

Die Optionen des 19. und 20. Jahrhunderts: Transzendentalphilosophie, Materialismus und Positivismus

Das philosophische Spektrum spaltete sich im 19. Jahrhundert in drei Positionen auf: die transzendentalphilosophische/idealistische, die empiristische/materialistische und die positivistische, von denen eine jede ihren beiden Gegnern vorwerfen kann, ineinander überführbar zu sein. Der Neuling in diesem Spektrum war der Positivismus.

Der Positivismus verabschiedete sich Mitte des 19. Jahrhunderts von der Abbildungstheorie. Gemeinsam mit dem Empirismus ging er davon aus, dass wir Wahrnehmungen zu interpretieren haben, er wechselt jedoch gemeinsam mit der Transzendentalphilosophie dabei die Perspektive. Das Bild, das unserer Erkenntnis vorangeht, ist nicht (Abb. 2) das der Außenwelt mitsamt einer camera obscura, in der sich die Außenwelt widerspiegelt. Wir sehen auch nicht, wie sich im Auge die Welt abbildet. Das Bild, mit dem wir in erster Linie hantieren, ähnelt eher dem, das Ernst Mach in seiner Analyse der Empfindungen (der Einfachheit halber für nur ein Auge – Abb. 3) skizziert. Eine Trennung in Außenwelt und uns selbst führen wir auch im Umgang mit diesem Bild durch. Wir haben etwa die Empfindung einer willentlichen Anstrengung, mit der wir unseren Arm heben, sehen im selben Moment Teile des Bildes, die wir als unseren Arm identifizieren in Bewegung, notieren andere Empfindungen, die wir als taktile zusammenordnen. Wir ordnen und verbinden Empfindungen und entscheiden uns dabei, einige zu „unserem Körper“ zu rechnen und andere etwa zum „Zimmer“ das uns umgibt. Dieselben Empfindungen können genauso gut gerade einem Traum entspringen. Wir tun im Traum jedoch letztlich das nämliche, und ordnen einige Empfindungen unserem Körper zu und andere einer Außenwelt.

Die Analyse der Empfindungen, unsere Arbeit im Ordnen und Interpretieren, geschieht pragmatisch. Wir schaffen Interpretationen der Datenlage, die uns Voraussagen erlauben. Unser Vorstellung davon, wie die Welt beschaffen ist, hat dabei nur Modellcharakter. „Die Datenlage verhält sich so, als wenn die Dinge die folgende Beschaffenheit hätten...“ Der Wissenschaftler ordnet die Befunde letztlich nur „ökonomisch“: Wirkungsmechanismen, die er nicht benötigt, um eine Voraussage zu treffen, lässt er in seinem Modell außen vor. Viele Probleme der vorangegangenen philosophischen Debatte stellen sich im selben Moment nicht mehr. Wenn es Bereiche gibt, in denen sich die Dinge nicht so verhalten, als ob sie aus Partikeln bestehen, wenn es Untersuchungen gibt, in denen sie sich eher wie Wellen verhalten, so sieht sich der Positivist nicht daran gebunden, das eine oder andere anzunehmen; im einen Kontext wird mit ihnen so und im anderen anders umgegangen. Es mag zweckmäßig sein, auf Baustellen in einem dreidimensionalen Raum zu rechnen. Vielleicht berechnet man die Daten aus Weltraumteleskopen im selben Moment unter Maßgaben eines vierdimensionalen Raums.

Aus Sicht der Materialisten ist der Positivismus eine bürgerlich subjektivistische Philosophie. Über die Welt wird hier in Modellannahmen gesprochen; es will den Positivisten gleich sein, wie sie beschaffen ist, sie wollen nur praktisch rechnen können. Aus Sicht der Positivisten besteht ein ganz anderes Problem auf Seiten der Materialisten: Sie bestehen darauf, beim Beweisbaren zu bleiben und wollen das Modell einer Abbildung der materiellen Welt zum Eckpfeiler ihrer gesamten Kultur machen, doch wagen sie sich dabei in eine zutiefst idealistische Gedankenwelt vor:

Abbild – Grundbegriff jeder materialistischen, insbesondere der marxistisch leninistischen Erkenntnistheorie. Abbilder sind ideelle Resultate des Widerspiegelungsprozesses, in dem sich die Menschen auf der Grundlage der gesellschaftlichen Praxis die objektive Realität vermittels des gesellschaftlichen Bewusstseins in verschiedenen Formen, wie Wissenschaft, Ideologie, Moral, Kunst, Religion, geistig aneignen. Sie entstehen in einem komplizierten Prozess der Übersetzung und Umsetzung des Materiellen in Ideelles (Marx/Engels 23, 27)  [...]. Ein Abbild ist dadurch charakterisiert, dass es von dem Abgebildeten verschieden ist, von ihm abhängig ist und mit ihm übereinstimmt. [1]

Wie beweist man, dass es eine Materie gibt? Wie beweist man, dass es den „Geist“ gibt? Im Wörterbuch der materialistischen marxistischen Philosophie wird dem „Geist“ durchaus kein Artikel zugestanden. Da wird Materie über den Abbildungsprozess in das „Ideelle“ „übersetzt“. Und auch das blieb am Ende gänzlich unklar formuliert: „Ein Abbild ist dadurch charakterisiert, dass es von dem Abgebildeten verschieden ist, von ihm abhängig ist und mit ihm übereinstimmt.“

Die sprachanalytischen Philosophien und aus ganz anderer Richtung die Frage danach, wie Abbildungen funktionieren

In einem Raum sind verschiedene Schachspiele aufgebaut. Wir bitten jemanden, nachzusehen, ob auch die mit Abb. 4 dargestellte Situation des Jahres 1921 darunter ist. Das ist keine unmögliche Aufgabe – in dem Raum muss sich ein Schachspiel befinden, bei dem ein schwarzer Läufer auf a8 steht, ein weißer König auf h8, ein schwarzer Bauer auf h7...; man kann vor ein beliebiges Schachbrett treten und überprüfen, ob das alles der Fall ist. Das Bild bildet mit Aussagen zu einzelnen Sachverhalten einen komplexen Sachverhalt ab. Jede einzelne zitierte Aussage war sinnvoll, da wir wussten, was der Fall sein sollte, wenn sie wahr ist. (Dann nämlich steht auf dem ersten bezeichneten Feld tatsächlich ein schwarzer Läufer etc.) Sinnvolle Aussagen müssen dabei weder den Naturgesetzen gehorchen noch irgend eine tatsächliche Situation abbilden. Auch der Satz: „Auf dem Schachbrett steht auf jedem Feld ein weißer Bauer,“ ist sinnvoll. Das müssen demnach 64 weiße Bauern sein, und da mögen Schachspieler einwenden, dass ein Spiel nur acht weiße Bauern hat, die nicht überall hin gelangen können; dennoch ist eben das denkbar, dass etwa ein Künstler 64 weiße Bauern auf die einzelnen Felder eines Brettes verteilt. Die Aussage ist sinnvoll, gleichgültig, ob ein Schachbrett irgendwo so bestellt ist, da wir wissen, was der Fall sein soll, wenn sie wahr ist.

Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico Philosophicus (1922) wurde das Buch, das die Frage, wie Abbildungen funktionieren, neu stellte und dabei auf diese banalen Befunde reduzierte. Im Tractatus ging es damit nicht mehr darum, wie Abbildungen in unser Bewusstsein gelangen, wo die Welt ist und wo unser Bewusstsein. Wittgenstein blieb bei der ganz anderen Frage, wieso uns ein Bild im Alltag dienen kann, eine Sachlage abzubilden. Die Antwort war: Das beliebige Bild lässt sich in Aussagen davon überführen, was nach dem Bild der Fall sein soll.

Wittgensteins Tractatus wartete im selben Moment mit zwei Überraschungen auf: Alle Abbildungen, ob bildliche oder sprachliche funktionieren, in dem Maße, in dem sie sinnvoll werden, gleich. Bietet das Foto, das den Artikel Kölner Dom eröffnet, ein Abbild des Kölner Doms? Ja, da es uns erlaubt, Aussagen zu demnach bestehenden Sachverhalten zu machen. Ist das Bild, das sich unter folgendem Link befindet, ein Bild des Kölner Doms? Nein, da der Kölner Dom zwei Türme hat, dieses Bauwerk aber nur einen – und dann können wir noch auf zahllose andere Abweichungen verweisen, die es dem Kenner erlauben, zu erkennen, dass es sich bei dem in Frage stehenden zweiten Bild um eines des Straßburger Münsters handelt.

Das beliebige photographische Bild taugt als Abbild, da es sich von uns in Aussagen zu angeblichen Tatsachen zerlegen lässt. Es notiert Sachverhalte und wir können vor das Abgebildete treten und sagen, ob diese Sachverhalte der Reihe nach mit einem Vermerk „der Fall“ abgehakt werden können.

Die größere Überraschung ist, dass wir demnach die gesamte Welt und zwar genau soweit, wie wir sie wahrnehmen und als diese Welt identifizieren können, mit genau solchen Aussagen zu Sachverhalten abbilden können.

Was an Wittgensteins Ausführungen verblüffen musste, war, dass sie beliebige Abbildungen auf die Ebene von Aussagen zurückbrachten, und dass sie gleichzeitig ohne eine Theorie zu „Geist“, „Ideen“ und ohne „Dinge an sich“ auskamen und dennoch erklärten, wieso sprachliche Aussagen, Bilder, Tondokumente für uns als Abbilder verwendbar werden und was geschieht, wenn wir Abbilder auswerten – etwa nach einer Person aus einer Videoüberwachung fahnden. Alle übrigen philosophischen Probleme, die sich um die Abbild-Debatte ranken, florieren, so Wittgenstein in der Vorrede des Tractatus, nur, da Ansprüche und Behauptungen in das Thema hineingezogen werden, die darin nichts zu suchen haben.

Reflexion

2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zueinander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
2.1511 Das Bild ist  s o  mit der Wirklichkeit verknüpft; es reicht bis zu ihr.
2.1512 Es ist wie ein Masstab an die Wirklichkeit angelegt.
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche  b e r ü h r e n  den zu messenden Gegenstand. [2]

Weshalb wir Bildern ansehen, dass sie Abbilder sind, darüber zu sprechen war einfach. Die schwierigere Frage war, wie wir die Sprache der Aussagen erlernten, mit der wir uns darüber austauschen können, inwiefern ein Bild etwas abbildet; sie sollte im Zentrum der späteren Arbeiten Wittgensteins rund um die Philosophischen Untersuchungen (postum erstveröffentlicht 1953) stehen: Wie finden wir in die Sprache hinein? Die Überlegungen, die sich an diese Frage anknüpften, blieben pragmatisch und davon fasziniert, dass unsere Kommunikation durchaus funktioniert. Probleme der Philosophie müssen einen ganz anderen Status haben, erwog Wittgenstein in seinen letzten Überlegungen Über Gewissheit (postum erstveröffentlicht 1969). Sie entfalten ihre unabweisbare Problematik nur unter sehr ausgesuchten Bedingungen in philosophischen Seminaren und Fachzeitschriften – durchaus sollte man sie nicht bereits darum schon für die fundamentalen Probleme der Menschheit erachten, sondern eben für Probleme, die genau in diesen Diskussionen folgenreich werden.

Die Probleme, die Abbildungen im Alltag aufwerfen, sind anderer Natur als die philosophischen. Gesucht sind im alltäglichen Umgang mit Abbildungen eindeutige Abbildungsverfahren, datensparenden Reduktionen auf die zu machenden Aussagen, bequem durchsuchbare Abbildungsformate, biometrische Kennzeichen, genetische Fingerabdrücke, Instrumentarien, die es erlauben, mit Abbildungen in den atomaren Bereich vorzudringen, Großteleskope, die es ermöglichen, präzisere Bilder des Weltalls zu liefern.

Die Problemstellungen, auf die die Philosophie verwies, haben einen benennbaren Kern: Sobald wir über Abbilder erkenntnistheoretisch nachdenken und sobald wir das Abbild und den Abbildungsprozess zu einem Abbild des Erkenntnisprozesses erheben, bringen wir in aller Regel Instanzen in unser Nachdenken hinein, die außerhalb derselben Abbilder und unserer Erkenntnis stehen: Die „Außenwelt“, das „Bewusstsein“, den „Geist“, die „Dinge an sich“, die „Ideen“, die wir von ihnen entwickeln. Das Wort Abbildung sorgt für diese heimlichen Einladungen durch den mit dem Wort einhergehenden Bezug auf das, was außerhalb des Abbilds liegt, das Abgebildete, wie durch den heimlichen Blick auf den Betrachter, der erst (bei einem Vergleich des Bildes mit der Wirklichkeit) erkennt, dass es sich bei dem Bild um ein Abbild handelt. Man wird in einer historischen Perspektive sagen können, dass dies nicht der Haken der Debatte ist, sondern der Grund, warum sie geführt wird. Es ging mit den idealistischen Philosophien, die in Reflexion der platonischen Philosophie argumentierten, gerade darum, einen Bereich jenseits der sinnlichen Wahrnehmung zu postulieren. Der Staat, der im 20. Jahrhundert sein eigenes Philosophisches Wörterbuch herausgab, und mit dem Artikel „Abbild“ die Grundlagen der marxistisch materialistischen Philosophie eröffnete, riskierte die Probleme seiner Ausführungen in derselben Manier durchaus gezielt. Die Folgeprobleme waren bewusst aufgeworfen: Die Darlegung ging in den Bereich der idealistischen Philosophie und konnte die Leser im selben Moment umso klarer vor die Entscheidung stellen, es mit den gegnerischen Idealisten zu halten oder die materialistische Sicht einzunehmen, nach der sowohl das Wahrgenommene wie der Wahrnehmungsapparat sich bei der eingehenderen Untersuchung als rein materiell erweisen würden (wenn wir denn mit unserer Untersuchung durch das sich uns bietende Bild hindurch auf die Materie und das Bewusstsein als den Ort ihrer Abbildung zugreifen könnten). Der Artikel, der gänzlich uninteressant hätte sein können, da wir im Alltag durchaus problemlos mit Abbildungen umgehen, wurde zum Eckstein, von dem aus sich Forderungen an die Gesellschaft, die Kunst und die Religion erheben ließen, im materialistischen Abbildungsprozess tätig zu werden. Er entfaltete seine Tragkraft als dieser Eckstein nicht trotz des heiklen Problems, das er auftat, sondern gerade, da er es erzeugte und eine feste Grundsatzentscheidung damit einforderte.

Im Moment dürften die philosophischen Probleme von Abbildungsprozessen diese Tragweite und Verwendbarkeit in Diskussionen nicht mehr aufweisen.

Quellenangaben

  1. Philosophisches Wörterbuch der DDR „Abbild“
  2. Wittgenstein Tractatus (1922)

Literatur

Primärliteratur

Weiterführende Literatur

 Wiktionary: Abbild – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
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