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Geschlechtergerechte Sprache

Die geschlechtergerechte Sprache (auch geschlechtsneutrale Sprache) ist das Produkt der feministischen Linguistik und nahm ihre Anfänge in den 1970er Jahren, insbesondere in den Werken von Luise F. Pusch[1] [2] und Senta Trömel-Plötz[3].

Ihr Hauptkritikpunkt an der deutschen Sprache ist das generische Maskulinum, das als Einheitsform gebraucht wird und Frauen „lediglich mitmeint“. Sie wollen Frauen möglichst überall gesondert anführen, unabhängig davon, ob eine Bezeichnung - beispielsweise „viele Lehrer“ - von der Mehrheit der Bevölkerung als rein männlich oder gemischt angesehen wird. Zwar bieten sich immer wieder Gelegenheiten, Frauen dann gesondert zu nennen, wenn sie von der Mehrheit der Leser und Hörer tatsächlich nicht inkludiert werden, die „geschlechtsneutrale Sprache“ stellt aber den Anspruch, Frauen in jedem Falle extra zu benennen, unabhängig von den Geschlechtszuschreibungen der Leser und Hörer. Dabei wird die für das Deutsche übliche Unterscheidung zwischen Genus und Sexus ignoriert.

Inhaltsverzeichnis

Formen

Verschiedene Personenkreise verwenden bevorzugt verschiedene Formen. Obwohl das Binnen-I auch nach der reformierten deutschen Rechtschreibung als falsch gilt, wird es gerade dort häufig verwendet, wo die Rechtschreibung ihre eigentliche Verbindlichkeit besitzt: in den Schulen (von Lehrern und Lehrerinnen). In einigen Bundesländern (in Berlin seit 1991[4]) ist eine geschlechtsneutrale Form vorgeschrieben, etwa ist bei Stellenanzeigen die Doppelform mit der weiblichen Form zuerst anzugeben. Neben Personalpronomen und Personenbezeichnungen werden auch die deklinierten Adjektive und Artikel gelegentlich doppelgeschlechtlich angeführt.

Diesen Formen liegen unterschiedliche Ideen zu Grunde: Bei der Feminisierung, wie in der Doppelform oder mit Schrägstrich, werden Frauen explizit genannt. Bei der Neutralisierung wird jeder Hinweis auf das Geschlecht entfernt (Partizip oder Abstraktion).

Sonderformen

Es gibt Sonderformen die mehr oder weniger gebräuchlich sind, unter anderem:

Einheitsbezeichnungen

Es gibt in wenigen Bereichen die verstärkte Einheitsbezeichnung z. B. Studierende (obwohl dies streng sinngemäß die Studenten und Studentinnen nicht deckt. Das Partizip ist eine Tätigkeitsform, während das Substantiv eine Statusform ist. Nicht alle Studenten studieren momentan, nicht alle Studierenden sind Studenten oder Studentinnen); in der großen Mehrheit gibt es jedoch keine Einheitsform, sondern das strenge Doppelprinzip. Allerdings ist oft nur ein wenig Nachdenken angebracht, um statt „Zuhörerinnen und Zuhörer“ einfach „Publikum“ zu verwenden.

Anwendungen

Oft wird die Anwendung einer geschlechtsneutrale Sprache nicht verstanden, und es werden kabarettreife Stücke produziert, die am Rande der Unlesbarkeit sind:

„Bereits die mildeste und häufigste Form der Trennung einer ‘Rolle des Verantwortungstragens’ (Arzt/Ärztin) von einer ‘Rolle des sich-Anvertrauens und sich-Unterordnens’ (Patient/in) reduziert die Eigenverantwortlichkeit, mit der der/die Patient/in Entscheidungen in Bezug auf seine/ihre Gesundheit trifft. Damit wird der/die ‘beratende Arzt/Ärztin’ zum/zur ‘entscheidenden Arzt/Ärztin’. In bestimmten Situationen haben Patient/in und Arzt/Ärztin natürlich keine andere Wahl (zum Beispiel bei einer Notfallbehandlung eines/ einer Bewusstlosen).“

aus einem Protokoll des Basler Gesundheitsdepartements

„Als Reaktion auf eine Beschwerde darf ein/e Arbeitnehmer/in durch den/die Arbeitgeber/in innerhalb des betreffenden Unternehmens (Betriebes) oder auf die Einleitung eines Verfahrens zur Durchsetzung des Gleichbehandlungsgebotes nicht entlassen, gekündigt oder anders benachteiligt werden. Auch ein/e andere/r Arbeitnehmer/in, der/die als Zeuge/Zeugin oder Auskunftsperson in einem Verfahren auftritt oder eine Beschwerde eines/einer anderen Arbeitnehmers/Arbeitnehmerin unterstützt, darf als Reaktion auf eine solche Beschwerde oder auf die Einleitung eines solchen Verfahrens zur Durchsetzung des Gleichbehandlungsgebotes nicht entlassen, gekündigt oder anders benachteiligt werden. § 12 Abs. 12 gilt sinngemäß.“

§ 13 (österreichisches) Bundesgesetz über die Gleichbehandlung

Oft jedoch reicht ein kurzes Nachdenken um festzustellen, dass durch eine geschickte Umformulierung keine direkte Personenbezeichnungen notwendig sind. Es gibt jedoch Handreichungen, die viele Beispiele für geschlechtsneutrale Formulierungen beinhalten, wie z. B. eine Broschüre[5] vom Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes Schleswig-Holstein.

Gesetzeslage

EU

Das Gleichbehandlungsgesetz (GlbhG) folgt einer EU-Richtlinie und schreibt die Berufsbezeichnungen in Stelleninseraten „geschlechtsneutral“ vor. Bei neutralen englischen Bezeichnungen wie „Controller“ wird „Controller (m/w)“ verwendet.

AGG

Das neue Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz versucht auf einer viel breiteren Basis als nur der Sprache Diskriminierung zu begegnen.

Bundesländer

(Bitte hier weitere Gesetzesquellen aufführen!)

Kritik und Widerstand

Kritiker einer geschlechtsnormalen Schreibweise führen oft Argumente der Leserlichkeit oder Verständlichkeit an, und sagen, dass Frauen immer „mitgemeint“ seien. Für historische Texte hat dies natürlich Relevanz, denn es lässt sich nicht immer rückwirkend feststellen, ob mit „Arbeiter“ wirklich beide Geschlechter gemeint sind, oder nur Männer.

Im Rahmen von aufkommenden Diskriminierungs-Diskussionen wird angeführt, dass man in der Regel auch nicht Weiße und Schwarze, Alte und Junge, Behinderte und Nichtbehinderte aufführt.

Die Widerstände gegen die geschlechtsneutrale Sprache sind recht weit verbreitet, sicherlich weil viele Personen sich nicht gerne sprachliche Gepflogenheiten vorschreiben lassen. Die damit latent verbundene Beschuldigung, alle Anwendungen des generischen Maskulinums wären Diskriminierungen, treibt ebenfalls viele auf die Barrikaden.

Siehe auch

Literatur

  1. Luise F. Pusch (Hrsg): Feminismus: Inspektion der Herrenkultur. Ein Handbuch. edition suhrkamp, 1983. ISBN 3518111922
  2. Luise F. Pusch: Das Deutsche als Männersprache. edition suhrkamp, 1984. ISBN 3518112171.
  3. Senta Trömel-Plötz: Vatersprache, Mutterland - Beobachtungen zu Sprache und Politik. Frauenoffensive, 1992. ISBN 3881042113
  4. Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) Berlin, 31.12.1990, ersetzt durch den Landesgleichstellungsgesetz (LGG) in der Fassung vom 06. September 2002 (GVBl. S. 280), zuletzt geändert durch Achtes Gesetz zur Änderung des Landesgleichstellungsgesetzes vom 19. Juni 2006 (GVBl. S. 575)
  5. Friederike Braun: Mehr Frauen in die Sprache (Pdf, 628Kb), Herausgeber: Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes Schleswig-Holstein, Dezember 2000, ISSN 0935-4646