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Woyzeck

Woyzeck ist ein Dramenfragment des deutschen Dramatikers und Dichters Georg Büchner. Büchner begann vermutlich zwischen Juni und September 1836 mit der Niederschrift. Bei seinem frühen Tod im Jahr 1837 blieb das Werk als Fragment zurück. Das Manuskript ist in mehreren Entwurfsstufen überliefert. Im Druck erschien Woyzeck erstmals 1879 in der stark überarbeiteten und vom Herausgeber veränderten Fassung von Karl Emil Franzos. Woyzeck wurde am 8. November 1913 im Residenztheater München uraufgeführt.

Büchners Werk gehört zu den meistgespielten und einflussreichsten Dramen der deutschen Literatur. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, vielmals neu interpretiert und inspirierte zahlreiche Künstler zu eigenen Werken.

Inhaltsverzeichnis

Entstehungsgeschichte

Quellen, historische Vorbilder

Historisches Vorbild für den Büchnerschen Woyzeck ist der am 3. Januar 1780 in Leipzig als Sohn eines Perückenmachers geborene Johann Christian Woyzeck. Er erstach am 2. Juni 1821 die 46-jährige Witwe Johanna Christiane Woost in einem Hausflur in der Leipziger Sandgasse aus Eifersucht. Im Prozess erstellte der Medizinprofessor Johann Christian August Clarus zwei Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten. Woyzeck wurde nach einem langen Verfahren, in dem sich sogar der sächsische Thronfolger mit einem Gutachten für ihn einsetzte, verurteilt und am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig öffentlich hingerichtet. Diese historische Vorlage ist in jüngerer Zeit editorisch umfangreich bearbeitet worden.[1] So sind heute alle den historischen Woyzeck betreffenden Urteile und Gutachten im Volltext zugänglich und sowohl rechts- als auch psychiatriehistorisch ausgewertet.

Clarus’ Gutachten mit dem Titel Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders J. C. Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen erschien in dem Fachblatt Henkes Zeitschrift für die Staatsarzneikunde. Büchners Vater hatte die Zeitschrift abonniert und veröffentlichte darin selbst Fälle aus seiner Praxis als Arzt.

Aus dieser Zeitschrift hat Georg Büchner wahrscheinlich auch Informationen über den Tabakspinnergesellen Daniel Schmolling, der am 23. September 1817 seine Geliebte Henriette Lehne in der Hasenheide bei Berlin umbrachte, und über den Leinenwebergesellen Johann Dieß, der am 15. August 1830 seine Geliebte Elisabeth Reuter in der Nähe von Darmstadt erstach.

Eine neuere Quelle[2] weist auf eine weitere Vorlage hin: Am 15. April 1816 ermordete der Schustergeselle Johann Philipp Schneider, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, den Druckereigesellen Bernhard Lebrecht vor dem Rheintor in Darmstadt. Anschließend reinigte er Hände und Gesicht am Bessunger Tor in Darmstadt und wusch seine Kleider im Großen Woog, einem in der Innenstadt von Darmstadt gelegenen See. Nach der Tat erholte sich Schneider in einem Wirtshaus. Ein Barbier fand die Leiche und verständigte die Polizei. Schneider wurde anhand der Mordwaffe überführt, im Verlauf verurteilt und hingerichtet. Parallelen zu Büchners Drama sind offensichtlich. Als Separatdruck wurde dieser Fall 1816 vom Stabs-Auditeur Friedrich Schenk veröffentlicht und vom Darmstädter Hofgerichts-Advokat Philipp Bopp 1834 in einen Sammelband ausgewählter Fälle aufgenommen. Es lässt sich nicht nachweisen, dass Büchner die Veröffentlichung kannte, doch könnte er Bopp über gemeinsame Bekannte aus dem Kreis radikaler Demokraten in Darmstadt kennen gelernt haben.

Die Handschriften

Georg Büchner begann im Verlauf des Jahres 1836 in Straßburg mit der Arbeit an Woyzeck. Fertigstellen konnte Büchner das Drama wegen seines frühen Todes nicht.

Insgesamt liegen dem Drama – Streichungen und verworfene Passagen nicht eingerechnet – 31 Szenen aus der Hand Büchners zugrunde, die wahrscheinlich vier Entwicklungsstadien zugeordnet werden können. Es ist nicht erkennbar, wie Büchner diese Szenen anordnen wollte. Die Manuskriptseiten haben keine Seitenzahlen, die Szenen des nicht in Akte gegliederten Stücks sind nicht nummeriert. Viele Szenen sind sehr kurz und trotzdem eigenständig. Die Tinte des Manuskripts ist so stark verblasst, dass Büchners Bruder Schwierigkeiten hatte, das Werk zu entziffern; auch deshalb nahm er es nicht in die erste Gesamtausgabe von 1850 auf.

Das Woyzeck-Fragment liegt handschriftlich in mehreren Entwurfsfassungen vor, die heute im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv aufbewahrt werden. Eine Faksimileausgabe der Handschriften veröffentlichte 1981 Gerhard Schmid (s. Literatur).

Das Manuskript ist folgendermaßen überliefert:

Editionsgeschichte

Der fragmentarische Charakter des Stücks hatte für seine Veröffentlichung – wie auch für die Inszenierungen – weitreichende Folgen. Die Handschriften mussten wieder lesbar gemacht, transkribiert, die Szenenfolge für die Aufführung auf der Bühne festgelegt werden. Für die Interpreten des Woyzeck wie auch für die Büchner-Gelehrten bot sich reichlich Gelegenheit für Diskussionen.

Vierzehn Jahre nach Georg Büchners Tod brachte sein Bruder Ludwig 1850 die Nachgelassenen Schriften heraus. Woyzeck wurde nicht aufgenommen, da das Manuskript stark verblasst und weitgehend unleserlich war. Der österreichische Schriftsteller Karl Emil Franzos konnte das Manuskript mit chemischer Behandlung wieder lesbar machen (s. Franzos’ Textkritik). Er publizierte 1879 das Fragment in einer stark überarbeiteten Fassung in Georg Büchner: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß (s. Weblinks). Die Hauptperson heißt nach Franzos’ Lesart Wozzeck. An den Anfang des Stückes hat Franzos nicht die Szene auf dem freien Feld vor der Stadt, sondern die Rasierszene gesetzt (s. Szenenfolge: 5. Szene). Entscheidungen, die bis heute nachwirken: Werner Herzogs Woyzeck-Film beispielsweise beginnt mit der Rasierszene, genau so wie die im Gutenberg-Projekt veröffentlichte Fassung[3].

Auf die von Franzos herausgegebene Fassung bezog sich Paul Landau, der 1909 in Georg Büchners gesammelte Schriften eine weitere Fassung herausgab, die sich lediglich in der Szenenanordnung von Franzos’ Ausgabe unterschied. Diese Version benutzte Alban Berg als Grundlage für seine Oper „Wozzeck“.

Fritz Bergemann gab Sämtliche Werke und Briefe heraus. Die nicht abgeschlossene Kritisch-historische Ausgabe von Werner R. Lehmann war auch die Grundlage der Münchner Ausgabe im Carl Hanser Verlag im Jahr 1984.

Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden, herausgegeben von Henri Poschmann, ist die jüngste Edition von Büchners Gesamtwerk (seit 2002 als Taschenbuch im Insel-Verlag). Burghard Dedner ist zusammen mit Thomas Michael Mayer verantwortlich für die Studienausgabe bei Reclam (s. Literatur).

2001 erschien im K.G.Saur Verlag, München, Georg Büchner: Woyzeck. Faksimile, Transkription, Emendation und Lesetext – Buch- und CD-Rom Ausgabe, herausgegeben von Enrico De Angelis. (ISBN 3-598-11457-5)

Im Januar 2006 ist als aktuelle Edition der Woyzeck als Band 7 der Historisch-kritische(n) Ausgabe der Sämtlichen Werke und Schriften Georg Büchners, der Marburger Ausgabe, erschienen. Der Textband (Band 7.1) wurde von Burghard Dedner und Gerald Funk herausgegeben, der Erläuterungsband (Band 7.2) von Burghard Dedner.

Das Drama

Handlung im Überblick

Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind, die genau wie er am Rande der Gesellschaft leben, zu unterstützen versucht, arbeitet als Laufbursche für seinen Hauptmann. Außerdem lässt er sich von einem skrupellosen Arzt als Versuchsperson auf Erbsendiät setzen, um einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold zu erhalten, den er jedoch restlos an Marie (und sein Kind) abgibt. Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus und demütigen ihn in der Öffentlichkeit. Marie beginnt eine Affäre mit einem Tambourmajor. Woyzecks aufkeimender Verdacht wird durch ihm nicht freundlich gesinnte Mitmenschen geschürt, bis er Marie und den Nebenbuhler beim Tanz im Wirtshaus ertappt. Er hört Stimmen, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Er kauft ein Messer, da das Geld für eine Pistole nicht reicht, und ersticht Marie in einem Wald nahe einem See.

Szenenfolge

Es gibt bis heute mehrere Lese- und Bühnenfassungen von Woyzeck. Werner R. Lehmann (s. Literatur) hat folgende Szenenfolge auf der Grundlage von Büchners Handschriften konstruiert:

Woyzeck und sein Kamerad Andres schneiden Weidenstöcke. Woyzeck sieht sich von übernatürlichen Mächten bedroht. Es geht hinter mir, unter mir – hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer! Sein Freund Andres versucht mit Liedern seine Angst - durch Woyzeck erzeugt - zu vertreiben und singt.
Die Militärkapelle marschiert auf der Straße vorbei. Marie winkt dem Tambourmajor zu. Die Nachbarin Margret bekommt das mit. Woyzeck besucht seine Geliebte und das Kind. Er spricht geheimnisvoll. Marie zeigt kein Verständnis.
Alter Mann singt zum Leierkasten. Marie und Woyzeck hören einem Ausrufer zu, der Kuriositäten präsentiert. Unteroffizier und Tambourmajor schwärmen von Marie.
Marie betrachtet sich im Spiegel. Der Tambourmajor hat ihr Ohrringe geschenkt. Woyzeck überrascht sie und gibt ihr Geld. Eilt wieder davon.
Woyzeck rasiert den Hauptmann. Der verhöhnt ihn. Als der Hauptmann über Moral und über Woyzecks Kind zu reden kommt, das ohne den Segen der Kirche geboren sei, gibt der Soldat seine Wortkargheit auf. Ich glaub’, wenn wir (armen Leute) in den Himmel kämen, müssten wir donnern helfen!
Der Tambourmajor macht Marie Avancen. Sie weist ihn erst zurück, gibt dann jedoch nach.
Woyzeck hat eine Ahnung, dass Marie ihm untreu ist. Er will seine Vermutung von der Untreue Maries bestätigt wissen.
Woyzeck hat sich dem Doktor für Versuche zur Verfügung gestellt, um Geld zu verdienen. Der Doktor verabreicht ihm die tägliche Erbsenration. Woyzeck spricht über seine Visionen. Für den Doktor ist Woyzeck ein interessanter casus.
Der Hauptmann belästigt den Doktor mit seinen Ansichten. Der sagt dem Hauptmann einen Schlaganfall voraus. Als Woyzeck ihren Weg kreuzt, lassen beide ihre Aggressionen an ihm aus und deuten eine Affäre zwischen Marie und dem Tambourmajor an. Woyzeck ist getroffen.
Woyzeck teilt Andres seine innere Unruhe mit.
Soldaten vergnügen sich, Handwerksburschen und junge Frauen tanzen. Unter ihnen auch Marie und der Tambourmajor. Woyzeck sieht das Paar, kann es nicht fassen.
Woyzeck hört Stimmen, die ihm auftragen, Marie zu töten: „… stich die Zickwolfin (Marie) tot.“
In der Nacht versucht sich Woyzeck Andres mitzuteilen und spricht von den Stimmen, die ihm befehlen zu töten, doch Andres will nur schlafen.
Woyzeck und der Tambourmajor treffen aufeinander. Im Zweikampf unterliegt der physisch schwächere Woyzeck.
Woyzeck besorgt sich im Laden eines Juden ein Messer.
Marie empfindet Reue und sucht in der Bibel Trost.
Woyzeck teilt Andres mit, wer seine Habseligkeiten nach seinem Tod bekommen soll, dieser erkennt seine psychische Lage nicht und geht von einer simplen Fiebererkrankung aus, die mit Medizin geheilt werden kann: Franz, du kommst ins Lazarett. Armer, du musst Schnaps trinken und Pulver drin, das töt’ das Fieber.
Studenten nehmen an einer Vorlesung teil. Woyzeck wird vom Doktor als Versuchsobjekt vorgeführt und gedemütigt.
Marie sitzt mit mehreren kleinen Mädchen und der Großmutter vor dem Haus. Die Großmutter erzählt das Märchen vom Sterntaler in abgewandelter Form als Anti-Märchen mit bösem Ende. Woyzeck kommt hinzu und fordert Marie auf, ihm zu folgen. Marie wir wolln geh’n. ’s ist Zeit.
Woyzeck und Marie sind vor der Stadt. Marie folgt ihm unwillig und versucht der Situation zu entkommen. Ich muss fort, das Nachtessen richten. Anstatt sie gehen zu lassen, sticht Woyzeck plötzlich in einem Blutrausch auf Marie ein: Nimm das und das! Kannst du nicht sterben? So! so! Ha sie zuckt noch, noch nicht, noch nicht? Immer noch? (Stößt zu.) Bist du tot? Tot! Tot!
Zwei Personen hören aus der Ferne, was passiert und suchen den Tatort auf.
Woyzeck sucht ein Wirtshaus auf um sich auszuruhen. Eine Frau im Wirtshaus erkennt Blutspuren an Woyzeck, woraufhin dieser die Flucht ergreift.
Woyzeck sucht das Messer am Tatort in der Nähe eines Teiches, um die Indizien für den Mord zu vernichten.
Woyzeck versenkt das Messer im Teich.
Kinder teilen einander mit, dass vor der Stadt eine Leiche gefunden wurde.
Gerichtsdiener, Arzt und Richter. Die gefundene Leiche wird als spektakulär angesehen – Gerichtsdiener: Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen kann, wir haben schon lange so kein gehabt.
Karl (Idiot), Woyzeck und das Kind. Karl hält Woyzecks und Maries Kind auf dem Schoß. Woyzeck verspricht ihm ein Gebäck (Reuter). Karl läuft mit dem Kind weg.

Besonderheiten von Büchners Stil

Im Gegensatz zu dem klassischen Drama, in dem die Hauptpersonen in langen, perfekt ausgefeilten Satzgefügen sprechen, ist in Woyzeck die Umgangssprache vorherrschend:

Durch bewusst eingebaute grammatische Fehler, Satzabbrüche und Ausrufe vermittelt Büchner Authentizität. Gleichzeitig dient die Form der Umgangssprache als Spannung steigerndes Mittel. Sie wird verwendet, um Inhalt zu vermitteln. So versinnbildlicht das aneinander Vorbeireden der Menschen, die Einsamkeit Woyzecks und vor allem seine zerfallende Beziehung zu Marie. Darüber hinaus gelingt es Büchner, durch das Niveau der Sprache den gesellschaftlichen Rang des Sprechers zu zeigen. Der Doktor spricht Hochdeutsch, während die Sprache Woyzecks und Maries, die den untersten Gesellschaftsschichten angehören, mit Fehlern gespickt ist.

So sprechen die sozial höher Stehenden zwar grammatikalisch korrekter, ergehen sich aber mitunter in hohlen Phrasen (z. B. der Doktor: … der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit, 8. Szene) oder formulieren vage und unpräzise (z. B. der Hauptmann: Er hat keine Moral! Moral, das ist, wenn man moralisch ist, versteht Er!, 5. Szene). Woyzeck dagegen spricht, wenn er aus sich herausgeht, sehr konkret und anschaulich; manchmal entsteht fast der Eindruck, dass er in Bildern denkt (z. B. Über der Stadt is alles Glut! Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen, 1. Szene; … der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde, 5. Szene; … so ein schöner, fester, grauer Himmel; man könnte Lust bekommen, ein’ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, 9. Szene; Wenn man kalt is, so friert man nicht mehr. Du wirst vom Morgentau nicht frieren, 20. Szene; Nein, keine Schuh, man kann auch ohne Schuh in die Höll gehn, 22. Szene). Und das überaus anschauliche „Märchen“ (19. Szene) wird von der Großmutter erzählt, die ebenfalls der Unterschicht angehört.

Auch die Betitelung der Rollen ist hervorzuheben. Die fünf Personen, die den niedrigsten Gesellschaftsschichten entstammen, Woyzeck, sein Stubenkamerad Andres, Marie, das Mädchen Käthe und Maries Nachbarin Margret, werden vom Autor mit ihren Namen bezeichnet und erscheinen auch sonst als Identifikationsfiguren, als Charaktere. Die übrigen Rollen werden lediglich mit ihren gesellschaftlichen Funktionen bezeichnet, ohne jemals einen Namen zu haben. Es gibt den „Tambourmajor“, den „Hauptmann“, den „Doktor“, aber auch den „Juden“, die „Großmutter“ oder den „Budenbesitzer“. Diese Rollen erscheinen nicht menschlich, sie sind nur eine Art Schema, das man als typisch für Personen dieser Art ansehen würde. Es handelt sich also um eine Mischung aus Charakteren und Typen.

Interpretation

Woyzecks Motive

Bemerkenswert ist, dass das Drama verschiedene Mordmotive Woyzecks anbietet, die je nach Ausgabe und Abfolge der Szenen unterschiedlich gewichtet werden:

Die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten und -ansätze stellen zusammen mit der Vielschichtigkeit der Beweggründe Woyzecks ein Merkmal für die Gattung des offenen Dramas dar.

Der Kern des Dramas

Um den Kernpunkt des Dramas Woyzeck zu erfassen, ist es wichtig, auf das Mordmotiv einzugehen. Es reicht jedoch nicht, sich auf Woyzecks Eifersucht gegenüber dem Tambourmajor zu beschränken. Eine große Rolle spielen ebenfalls die gesellschaftlichen Hintergründe, ganz besonders die ständische Gliederung der Gesellschaft. Deutlich wird dies vor allem mit einem Blick auf die Personenkonstellation und die Sprache von Büchners Figuren.

Woyzeck wird in dieser Gesellschaft unterdrückt und gedemütigt, was sich in den Beziehungen zu dem Hauptmann, dem Doktor, aber auch dem Tambourmajor widerspiegelt: Der Hauptmann, der Woyzeck aufgrund seiner ärmlichen Herkunft als unmoralisch bezeichnet und ihn sogar nur in der dritten Person anspricht, der Doktor, der ihn als Versuchsobjekt ansieht und Woyzeck zur einseitigen Ernährung mit Erbsen zwingt und der Tambourmajor, der Woyzeck gegenüber keinen Respekt erweist und ihn sowohl öffentlich als auch privat lächerlich macht. Der Protagonist sieht keine Möglichkeit, die Versuche des Doktors zu umgehen, da er auf Nebeneinkünfte angewiesen ist, um seine Familie zu ernähren.

Woyzeck ist zudem nicht nur physisch, sondern auch psychisch labil. Das hat zur Folge, dass er sich der Willkür anderer Menschen unterordnet. Unterdrückung und Unterordnung lösen in ihm Wut und Verzweiflung aus. Allein die Beziehung zu Marie gibt ihm Halt und vermittelt ihm das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein. Maries Untreue ist demnach als Auslöser für den Mord zu betrachten, nicht aber als Ursache: Durch den Verlust ihrer Treue kann Woyzeck dem gesellschaftlichen Druck, der auf ihm lastet, nicht länger standhalten. Der Mord an Marie kann als ein Akt der Selbstzerstörung Woyzecks und als eine Befreiung von der Gesellschaft interpretiert werden.

Rezeption des Woyzeck

Auf Künstler, Regisseure, Maler, Musiker und Filmemacher in der ganzen Welt hatte Woyzeck erheblichen Einfluss.

Dichter, Kritiker, Dramatiker über „Woyzeck“

„… der Woyzeck Georg Büchners … Eine ungeheure Sache, vor mehr als achtzig Jahren geschrieben … nichts als das Schicksal eines gemeinen Soldaten (um 1848 etwa), der seine ungetreue Geliebte ersticht, aber gewaltig darstellend, wie um die mindeste Existenz, für die selbst die Uniform eines gewöhnlichen Infanteristen zu weit und zu betont erscheint, wie selbst um den Rekruten Woyzeck, alle Größe des Daseins steht, wie er’s nicht hindern kann, dass bald da, bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltall steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein.“

Rainer Maria Rilke, Brief an Maria von Thurn und Taxis, 9. Juli 1915

„Woyzeck ist der Mensch, auf dem alle rumtrampeln. Somit ein Behandelter, nicht ein Handelnder. Somit ein Kreisel nicht eine Peitsche. Somit ein Opfer nicht ein Täter. Dramengestalt wird sozusagen die Mitwelt – nicht Woyzeck. Kernpunkt wird sozusagen die quälende Menschheit – nicht ihr gequälter Mensch. Bei alle dem bleibt wahr, dass Woyzeck durch seine Machtlosigkeit justament furchtbarsten Einspruch erhebt. Dass er am tiefsten angreift – weil er halt nicht angreifen kann.“

Alfred Kerr, Theater-Kritik, 15. Dezember 1927

„Letztlich – und das ist das Entscheidende – geht es im „Woyzeck“ wie zuvor im „Landboten“ und im „Danton“ um die stets gleiche Frage: um die Abhängigkeit menschlicher Existenz von Umständen, die ‚außer uns liegen‘. Den „grässlichen Fatalismus der Geschichte“ und seine „zernichtende“ Gewalt hatte Büchner schon in seiner frühesten Gießener Zeit empfunden. Das Studium der Geschichte, vor allem der großen politischen Umwälzungen, hatte ihm die Frage gestellt, die er als Schicksalsfrage menschlicher Existenz empfand: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“. Das aber war nichts anderes als die Frage nach den bestimmenden und verursachenden Faktoren des menschlichen Schicksals; es war die Frage nach Freiheit oder Vorherbestimmtheit menschlicher Willensentscheidungen, nach der Möglichkeit oder auch nur Sinnhaftigkeit, durch Handeln und Planen in den Geschichtsverlauf und den Verlauf des Einzellebens eingreifen zu können.“

Hans Mayer, Theater-Kritik, 15. Dezember 1927[4]

„Ein vielmal vom Theater geschundener Text, der einem Dreiundzwanzigjährigen passiert ist, dem die Parzen bei der Geburt die Augenlider weggeschnitten haben, vom Fieber zersprengt bis in die Orthografie, eine Struktur, wie sie beim Bleigießen entstehen mag, wenn die Hand mit dem Löffel vor dem Blick in die Zukunft zittert, blockiert als schlafloser Engel den Eingang zum Paradies, in dem die Unschuld des Stückeschreibers zu Hause war. Wie harmlos der Pillenknick der neueren Dramatik, Becketts Warten auf Godot, vor diesem schnellen Gewitter, das mit der Geschwindigkeit einer anderen Zeit kommt, Lenz im Gepäck, den erloschenen Blitz aus Livland, Zeit Georg Heyms im utopielosen Raum unter dem Eis der Havel, Konrad Bayers im ausgeweiteten Schädel des Vitus Bering, Rolf Dieter Brinkmanns im Rechtsverkehr vor SHAKESPEARES PUB, wie schamlos die Lüge vom POSTHISTOIRE der barbarischen Wirklichkeit unserer Vorgeschichte.“

Heiner Müller[5]

Woyzeck auf dem Theater

Der Regisseur der Uraufführung des Woyzeck (unter diesem von Karl Emil Franzos so eingeführten Titel), am Münchner Residenztheater (1913), die auf beharrliche Anregung Hugo von Hofmannsthals zustande kam, war Dr. Eugen Kilian. Die Bühnenbilder und die Kostüme schuf Alfred Roller. Den Woyzeck spielte Albert Steinrück. Die Inszenierung brachte es auf 20 nachweisbare Vorstellungen. Dernière war am 21. August 1919. Bis zum Juni 1915 erschien es in vier Inszenierungen. In dreien von ihnen spielte Albert Steinrück den Wozzeck, außer in der Uraufführung in München, in Berlin am Lessingtheater (Premiere am 16. Februar 1913) und in Wien an der Residenzbühne (Premiere am 5. Mai 1914).

Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Stück zu einem vielbeachteten, geradezu modisch sensationellen Spieltext für die deutschsprachigen Theater, mit dem man sich vielfach an ein speziell literatur- und theaterinteressiertes Publikum wandte und der in den Feuilletons im Pro und Contra eine wahre Büchnereuphorie weckte.

Den eigentlichen Durchbruch als Bühnentext brachte dem Werk dessen 14. Inszenierung, die Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin (Premiere am 5. April 1921) mit Eugen Klöpfer als Woyzeck herausbrachte.

In der dichten Folge der Woyzeck-Inszenierungen während der 1920er Jahre schälten sich als Regiekonzeptionen vier szenische Lesarten heraus:

So begeistert der Woyzeck von der Theaterpublizistik bejubelt wurde, ein Publikumserfolg wurden die Inszenierungen der Zwischenkriegszeit nur selten, und dann als ein Erfolg für die Schauspieler als Träger ergiebiger Rollen. Hingegen gab es oft massive, teils turbulente Proteste im Publikum.

Die dichte Folge der Woyzeck-Inszenierungen in den 1920er Jahre wurde nicht, wie vielfach angenommen, durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten gewaltsam beendet, sondern sie endete bereits mit der 63. ihrer Inszenierungen zwischen 1918 und 1930, in Erfurt am 21. März 1930. Ihr folgte am 15. Oktober 1932 noch eine einzige Vorstellung an einem Studio 33 in Berlin. In den weitaus meisten Städten, deren Theater sich das nach ihrer Struktur und nach ihrem Publikumsumfeld erlauben konnten, hatte man das Stück gesehen. Dort galt es als abgespielt. Zudem konnten sich die Theater in wirtschaftlich katastrophalen Krisenzeiten kein Stück mehr leisten, das nach aller Erfahrung als Publikumsrisiko gelten musste.

Das häufig erwähnte Verbot des Stückes durch die Nationalsozialisten hat es nicht gegeben. Es erschien vor dem Zweiten Weltkrieg im Reichsgebiet nochmals an zwei Gauhauptstädten, in Frankfurt am Main zum 100. Todestag Büchners (1937) und in Hannover (1939).

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien der Woyzeck sehr bald wieder auf den Spielplänen deutscher Theater. So schon am 27. September 1945 in einem Nottheater im Weißen Saal des Zoos in Leipzig unter der Regie von Hans Schüler mit Peter Lühr als Woyzeck und am 6. Oktober 1945 unter Fred Schroer an den Kammerspielen des Neuen Theaters in Stuttgart mit Kunibert Gensichen als Woyzeck.

In den folgenden Jahren wurde der Woyzeck zu einer beliebten Spielvorlage des autonomen Regietheaters. (Prägnante Beispiele: Die Inszenierung einer eigenen Kroetz’schen Fassung durch Franz Xaver Kroetz in Hamburg am Schauspielhaus 1996 und die Michael Thalheimers in Salzburg 2003. Alle Theater, die ihn bis dahin gespielt hatten, brachten – teils mehrfach – Neuinszenierungen. Auch in kleineren Theaterstädten, an den gastierenden Landesbühnen, auf Freilichtbühnen brachte man das Stück und mit Vorliebe an den Studentenbühnen und an den Bühnen der vielschichtigen alternativen Szene (Prägnantes Beispiel: Das Obdachlosentheater Die Ratten in der Volksbühne, Berlin 1995). Der Woyzeck, der seine Bühnenlaufbahn als Text für ein Elitepublikum begonnen hatte, gehörte nun zum Repertoire.

Bis zum Ende der Spielzeit 1999/2000 sind 420 Inszenierungen nachweisbar.

Woyzeck in der Musik

Ein Meilenstein in der Auseinandersetzung mit Büchners Fragment war Alban Bergs Oper Wozzeck von 1921. Eine Aufführung dreier Ausschnitte im Jahr 1924 brachte Berg den ersten öffentlichen Erfolg. Doch erst Erich Kleiber, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, erkannte die Genialität der Partitur und brachte den Wozzeck am 14. Dezember 1925 zur Uraufführung. Eine weitere Opernfassung unter demselben Titel schuf Manfred Gurlitt. Sie wurde 1925 in Berlin uraufgeführt.

Im November 2000 brachte Robert Wilson das Stück am Betty Nansen Theater in Kopenhagen mit Musik von Tom Waits auf die Bühne. Blood Money heißt das Album mit den Songs aus dieser Inszenierung.

Im Jahre 2003 veröffentlichte die italienische Neofolk-Band Rose Rovine e Amanti ein Woyzeck betiteltes Album, dessen Titelsong auf dem Büchner’schen Drama basiert.

Woyzeck im Film

Georg Klaren war der erste Filmregisseur, der „Woyzeck“ in die Kinos brachte (Titel: „Wozzeck“). Klaren hatte schon 1930 die Idee für den Film, konnte sie aber erst nach dem 2. Weltkrieg umsetzen. Die Rahmenhandlung des Filmes spielt in einem Anatomiesaal einer deutschen Universität. Dort ist der Körper des Füsiliers Woyzeck aufgebahrt, der gehängt wurde. Dem Professor gilt er als Mörder, der Student Büchner antwortet: … den wir ermordet haben. Im weiteren Verlauf der Handlung erzählt er dann seinen Kommilitonen die Geschichte, die dem Drama zu Grunde liegt. Kurt Meisel spielte den Woyzeck, Paul Henckels den Doktor und Helga Zülch die Marie. In weiteren Rollen: Max Eckard, Paul Henckels, Karl Hellmer, Rotraut Richter und Willi Rose.

Bei dieser Arbeit, so Klaren in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung am 18. Mai 1947, sehe ich wiederum meine Auffassung über die Verfilmung literarischer Themen bestätigt: Fragmente wie Woyzeck oder Novellen eignen sich viel besser für die Verfilmung als Theaterstücke oder Romane. Fragmente deshalb, weil sie der optischen Phantasie jeden Spielraum lassen, weil ihre Zuspitzung auf eine einzige Pointe der Wesensform des Films ganz besonders entspricht.

Nach der Fertigstellung galt der Film als künstlerisch sehr beachtenswert, da er ein an den Expressionismus angelegtes Filmwerk darstellt. Doch er wurde wegen Bedenken an der marxistischen Grundhaltung bald nach der Premiere zurückgezogen und kam erst 1958 (andere Quellen nennen 1964) in die bundesrepublikanischen Lichtspieltheater. Dort hieß er Der Fall Wozzeck.

Seit Klarens Woyzeck haben eine ganze Reihe von Regisseuren das Fragment verfilmt. Die bekannteste Verfilmung ist Werner Herzogs Woyzeck aus dem Jahr 1979, in der Woyzeck von Klaus Kinski gespielt wird.

Literatur

Werkausgaben

Sekundärliteratur

Einzelnachweise

  1. Holger Steinberg, Adrian Schmidt-Recla, Sebastian Schmideler: Forensic Psychiatry in Nineteenth-Century Saxony. The Case of Woyzeck, in Harvard Review of Psychiatry 15 (2007), p. 169–180; Adrian Schmidt-Recla: Daß ein solcher Zustand jede Zurechnung ausschließe, ist an sich klar … Ein Beitrag zur Monomanielehre und eine Quellenlese zu Georg Büchners Fragment „Woyzeck“, in Michael Kilian (Hrsg.), Jenseits von Bologna – Jurisprudentia literarisch, Berlin 2006, S. 305–357; Holger Steinberg, Sebastian Schmideler: Die Todesurteile des Leipziger Schöppenstuhls im Fall Woyzeck: Zwei bedeutende gerichtspsychiatrische Quellen erstmals vorgestellt, in Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie 74 (2006), S. 575–581; Holger Steinberg, Sebastian Schmideler: Nach 180 Jahren wieder entdeckt: Das Gutachten der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zum Fall Woyzeck in Der Nervenarzt 76 (2005), S. 626–632
  2. Burghard Dedner, Eva-Maria Vering: Es geschah in Darmstadt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Freitag, 23. Dezember 2005, Nr. 299, Seite 35
  3. Woyzeck im Gutenberg-Projekt
  4. Georg Büchner und seine Zeit, Hans Mayer, Suhrkamp; Auflage: 9., Aufl. (1972), ISBN 3518365584
  5. Die Wunde Woyzeck, Heiner Müller, 1985
 Wikisource: Wozzeck – Quellentexte
 Wikisource: Clarus-Gutachten – Quellentexte