Heim

Volksdeutsche

Volksdeutsche war eine in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg durch die Umorganisation von Staatsgrenzen und Bildung neuer Staaten gebräuchliche Bezeichnung vor allem für und von jenen Menschen deutscher Muttersprache, die außerhalb des Deutschen Reiches (vgl. „Reichsdeutsche“) lebten [1] und zumeist die Staatsangehörigkeit eines anderen, oft nicht deutschsprachigen Staates besaßen, etwa die Elsässer und Deutsch-Lothringer in Frankreich, die deutschen Minderheiten in Eupen-Malmedy in Belgien, die deutschen Posener, Westpreußen und Ostpreußen sowie die deutschen Oberschlesier in Polen.
Des Weiteren wurden auch die deutschsprachigen Minderheiten des österreichischen Kaiserreiches sowie später Österreich-Ungarns und den Folgestaaten außerhalb Österreichs – in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei (Sudetendeutsche), in Italien (Südtirol) – als „Volksdeutsche“ bezeichnet. In einem umfassenderen Sinn waren auch die Österreicher, Luxemburger, Deutschschweizer und Liechtensteiner damit gemeint.

Der zahlenmäßig größte Anteil der so Bezeichneten lebte in Ost- und Südosteuropa und stammte von einstigen deutschen Auswanderern ab. Ihre Siedlungsgebiete sind heute größtenteils Geschichte, da sie in Folge des Zweiten Weltkrieges zu einem großen Teil deportiert und ausgesiedelt wurden bzw. flüchteten oder vertrieben wurden und sich mehrheitlich im Gebiet des heutigen deutschen Sprachraums (Deutschland, Österreich) niederließen. Als Folge des Zweiten Weltkrieges wurde das deutsche Siedlungsgebiet in Europa um ein Drittel verkleinert, und die deutsche Kultur verlor wesentlich an Ansehen.

Inhaltsverzeichnis

Völkische Bewegung

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und den revolutionären Phasen in der Weimarer Republik bildeten sich eine Reihe von Vereinen, Zusammenschlüssen, Landsmannschaften und Organisationen, die national wie international sogenannte „Volksgruppenrechte“ für die Deutschen außerhalb des Deutschen Reiches forderten (vgl. Völkische Bewegung). Von Vertretern der deutschen Minderheiten oft als Selbstvertretung verstanden, wurde diese Bewegung im Laufe der 1930er Jahre, beispielsweise in Siebenbürgen, vom Nationalsozialismus vereinnahmt.

Als Teil der Völkischen Bewegung war die Ideologie der Volksgemeinschaft dominierend. Sie zielte auf die Zerschlagung der Weimarer Republik und auf die Auflösung der Nachkriegsabkommen in Europa. Ideologische und personelle Überschneidungen gab es zu den Jungkonservativen, der Konservativen Revolution und der Jugendbewegung sowie zu der Deutschen Gildenschaft. Zu den wichtigsten Institutionen gehörte u.a. die „Deutsche Gesellschaft für Nationalitätenrecht“, geleitet von Max Hildebert Boehm, und die „Nationalitätenkongresse“.

Volksdeutsche Bewegung

Im Zuge der Germanisierungspolitik in Luxemburg nach dem deutsche Überfall auf das Land am 10. Mai 1940 (siehe auch Westfeldzug 1940) wurde aus der bisherigen nationalsozialistisch orientierten Gesellschaft für deutsche Literatur und Kunst die Volksdeutsche Bewegung geschaffen, die sich für den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich stark machte. Ein Referendum am 10. Oktober 1941, das den Anschluss legitimieren sollte, scheiterte am Festhalten der Luxemburger an ihrer eigenen Identität.

Auslandsorganisation der NSDAP

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) verfügte neben den einzelnen Gauen (vgl. Struktur der NSDAP) mit ihrer Auslandsorganisation, der NSDAP/AO, auch über einen eigenen Gau, der sowohl für die Volksdeutschen als auch die „Reichsdeutschen“ im Ausland organisiert wurde.

Siehe auch: SS-Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle

Volksdeutsche in der Waffen-SS

Nachdem die Werbung von Freiwilligen für die Waffen-SS im „arischen“ Ausland (z. B. Norwegen) relativ erfolglos war, sah sich die Führung gezwungen, anderswo nach neuem Personal zu suchen, um die immer höher werdenden Verluste zu decken. Das geschah vor allem bei den Volksdeutschen auf dem Balkan. So kam es u.a. zur Aufstellung der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“, wobei Angehörige der deutschen Minderheit zum Teil zwangsverpflichtet wurden. Außerdem kämpften „Volksdeutsche“ in der nominell kroatisch-bosnischen 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS („Handschar“). Insgesamt dienten über 300.000 Volksdeutsche in der Waffen-SS.

Begriff nach 1945

Heute wird der Begriff „Volksdeutsche“ nur noch vereinzelt zur Bezeichnung deutscher Minderheiten im Ausland benutzt, da er auch in der „völkischen“ Ideologie des Nationalsozialismus vorkommt.

In der Geschichts- und Sozialwissenschaft findet der Begriff heute nur selten Verwendung (z.T. in Anführungszeichen), um die historische Spezifik dieser „ethnischen Deutschen“ vor 1945 im Unterschied zu den „Reichsdeutschen“ zu bezeichnen, beispielsweise in der Forschung zur Integration von Aussiedlern und Spätaussiedlern. So auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Weiterhin in Gebrauch ist er unter anderem auch beim deutschen Bund der Vertriebenen und dem Verband der Volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs.

Der Begriff des Volksdeutschen wird heute außerdem – etwa in der Rechtsprechung – als Rechtsbegriff verwendet, nämlich als Synonym für deutscher Volkszugehöriger. Dies ist insbesondere eine Person, die sich in ihrer (außerdeutschen) Heimat „zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird“, wie sich aus der gesetzlichen Definition des § 6 des Bundesvertriebenengesetzes ergibt. Auch das Grundgesetz verwendet den Begriff der deutschen Volkszugehörigkeit (Art. 116).

Siehe auch: Deutsche Staatsbürgerschaft

Siehe auch

Quellen

  1. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Die Bevölkerungsverschiebungen des 20. Jahrhunderts

Literatur