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Hessen-Kassel

Kurfürstentum Hessen / Landgrafschaft Hessen-Kassel
Wappen Flagge
 
Landeshauptstadt Kassel
Regierungsform Monarchie
Staatsoberhaupt Landgraf (bis 1803)
Kurfürst (ab 1803)
Dynastie Haus Hessen
Bestehen 1567-1866
Fläche 9.370 km²
Einwohner 754.100 (1865) [1]
Bevölkerungsdichte 81 Einw./km² (1865)
Entstanden aus Landgrafschaft Hessen
Aufgegangen in Preußische Provinz Hessen-Nassau
Karte

Hessen-Kassel (alte Schreibweise: Hessen-Cassel) war als Landgrafschaft ein deutsches Reichsfürstentum, von der älteren Linie des Hauses Hessen regiert. Der Landgraf wurde 1803 zum Kurfürst erhoben, ab da wurden die Landesbezeichnungen Kurfürstentum Hessen oder kurz Kurhessen gebraucht. 1866 wurde Kurhessen von Preußen militärisch besetzt und annektiert.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Hessen-Kassel um 1720

Landgrafschaft

Die Landgrafschaft Hessen-Kassel entstand 1567 durch eine Erbteilung der Landgrafschaft Hessen nach dem Tod des Landgrafen Philipp I. von Hessen, des Großmütigen. Der älteste Sohn Philipps, Wilhelm IV., erhielt mit Hessen-Kassel etwa die Hälfte des Territoriums einschließlich der Hauptstadt Kassel. Das Erbe der brüderlichen Linien Hessen-Marburg und Hessen-Rheinfels fiel nach deren Aussterben binnen einer Generation an Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt zurück. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erhielt Hessen-Kassel durch den Westfälischen Frieden das Gebiet der gefürsteten Abtei Hersfeld als Reichslehen. Weiterhin wurde dem Haus Hessen-Kassel ein Teil der ehemaligen Grafschaft Schaumburg zugeschrieben.

1643 gelang es Landgräfin Amalie Elisabeth, einer geborenen Gräfin von Hanau-Münzenberg, einen Erbvertrag mit Graf Friedrich Casimir von Hanau des Inhalts abzuschließen, dass bei einem Aussterben des Hauses Hanau die Grafschaft Hanau-Münzenberg an Hessen-Kassel fallen solle. 1736 starb mit Graf Johann Reinhard III. von Hanau der letzte männliche Vertreter des Hauses Hanau. Hanau-Münzenberg fiel daraufhin an Hessen-Kassel.

Im Siebenjährigen Krieg kämpfte Hessen-Kassel auf alliierter Seite Preußens.

1776 wurde die Stellung von 19.000 Soldaten an die englische Krone zur Niederwerfung der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung zu einem europäischen Skandal hochstilisiert (siehe dazu Soldatenhandel unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel), den auch Friedrich Schiller in seinem Bühnenstück Kabale und Liebe aufgriff. Die Vermietung von Truppen war aber zeitüblich. Die damit verbundenen Geldeinnahmen waren eine Notwendigkeit, da Hessen-Kassel auf die Finanzierung des geo-strategisch erforderlichen großen stehenden Heers angewiesen war. Teile der großen Einnahmen wurde zur Finanzierung repräsentativer Anlagen benutzt und in die wissenschaftliche und künstlerische Entwicklung des Landes investiert. In diesem Zusammenhang sind besonders der Bergpark Wilhelmshöhe, das dortige Schloss Wilhelmshöhe, die Löwenburg und die Kunstsammlungen zu nennen, die den Kernbestand der heutigen Museumslandschaft Kassel bilden. Aber auch die versehrten Soldaten und deren Familien erhielten Zahlungen, die Stiftung Unterneustädter Waisenhaus konnte ihren aus diesen Zahlungen entstandenen Kapitalstock bis in die Inflation der 1920er Jahre nutzen.

Zur gescheiterten Annexion Schaumburg-Lippes 1787 siehe den Beitrag über Wilhelm Graf zu Schaumburg-Lippe.

Kurfürstentum

Gleichzeitig mit dem 1803 vollzogenen Reichsdeputationshauptschluss und der Säkularisierung der geistlichen Herrschaften wurde der Landgraf von Hessen-Kassel zum Kurfürsten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation erhoben. Daher wurde später die Bezeichnung Kurhessen oder Kurfürstentum Hessen für die Landgrafschaft Hessen-Kassel gebräuchlich. Gleichzeitig erwarb es die bis dahin kurkölnische Stadt Volkmarsen sowie das aus den vier kurmainzischen Enklaven Fritzlar, Naumburg, Amöneburg und Neustadt neu geschaffene Fürstentum Fritzlar.

Königreich Westphalen

Dem durch Napoleon dominierten Rheinbund trat Kurhessen nicht bei und versuchte neutral zu bleiben. Daraufhin besetzte Napoléon Bonaparte das Land und schlug es nach dem Frieden von Tilsit 1807 weitestgehend dem neu gebildeten Königreich Westphalen zu. Sein jüngster Bruder Jérôme bezog als dessen König Residenz in Kassel. Während der napoleonischen Besetzung kam es vergleichsweise früh und wiederholt zu verschiedenen Aufständen gegen die französische Regierung im besetzten Kurhessen. Die Grafschaft Hanau dagegen kam zuerst unter französische Militärverwaltung, später wurde sie Bestandteil des Großherzogtums Frankfurt.

Restitution

Jérôme floh 1813, und am 21. November des Jahres kehrte Kurfürst Wilhelm I. unter dem Jubel der Bevölkerung nach Kassel zurück:

Hessen! Mit Eurem Namen nenne ich Euch wieder. Ihr hattet ihn, so wie den Namen der Deutschen, verloren; aber nicht die Treue und Anhänglichkeit an Euren Fürsten. [...]”[1]

Die Kurwürde war bereits 1806 funktionslos geworden. Da Wilhelm I. auf dem Wiener Kongress aber vergeblich versuchte, den nach dem germanischen Stammesname der Urhessen benannten Titel eines „Königs der Chatten” zugestanden zu erhalten, behielt er den Titel „Kurfürst”, mit dem Prädikat „königliche Hoheit”. Das Land blieb weiterhin „Landgrafschaft”.

Ab 1815 kam das Territorium der vormaligen Reichsabtei Fulda als Großherzogtum Fulda zum kurhessischen Staat.

Kurhessen gehörte ab 1815 dem neu geschaffenen Deutschen Bund an. Zum Gesamtstaat Kurhessen gehörten das Großherzogtum Fulda, hervorgegangen aus dem Fürstbistum Fulda, ferner die Fürstentümer Fritzlar, Hersfeld und Hanau. Weiterhin waren mehrere Exklaven Staatsteil von Kurhessen, so die Grafschaft Schaumburg (um Rinteln) an der Weser (seit 1640) und die Herrschaft Schmalkalden (seit 1360/1583) im heutigen Thüringen.

Der Kurfürst betrieb eine Revisionspolitik, die darauf abzielte, vieles von dem, was in napoleonischer Zeit eingeführt worden war, rückgängig zu machen. Äußeres formales Zeichen dafür war, dass beim Militär und bei Hofe die Perücke mit Zopf wieder einführt wurde.

Sowohl Wilhelm I., vor allem aber seine beiden Nachfolger, Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm gerieten mit dem wirtschaftlich erstarkten Bürgertum wiederholt in Auseinandersetzungen. Es kam sowohl 1830 als auch 1848 zu heftigen revolutionären Ausbrüchen – und im Zuge der Julirevolution von 1830 - unter federführender Mitwirkung Sylvester Jordans - zur Kurhessischen Verfassung von 1831: eine der demokratischsten Verfassungen Europas. Beide Male schlugen nach Abklingen der Revolution die Kurfürsten mit einer scharfen Politik der Gegenreaktionen zurück. Die Verfassung wurde gebrochen und außer Kraft gesetzt. 1850 standen sich der Kurfürst, der die Verfassung aushebeln, und das Bürgertum, welches das verhindern wollte, in einer Patt-Situation gegenüber. Die von Bürgerlichen beherrschte Verwaltung und Justiz betrachteten entsprechende landesherrliche Erlasse als verfassungswidrig und setzten sie nicht um. Der Kurfürst verhängte das Kriegsrecht. Auch das zeigte kaum Wirkung. Daraufhin verschärfte der Kurfürst mit einer landesherrlichen Verordnung vom 28. September 1850, gestützt auf einen Beschluss des Deutschen Bundes, das Kriegsrecht, sprach insbesondere den Gerichten die Zuständigkeit ab, landesherrliche Erlasse auf ihre Verfassungsmäßigkeit zu überprüfen. Diese hielten sich aber nicht daran: Das Oberappellationsgericht Kassel erklärte auch die landesherrliche Verordnung vom 28. September 1850 am 3. Oktober 1850 für verfassungswidrig. Der militärische Oberbefehlshaber von Kurhessen, Generalleutnant Carl von Haynau, versuchte mit einer Proklamation an die Soldaten und einer Ansprache an die Offiziere am 4. Oktober 1850 wenigstens das Militär bei der Stange zu halten. Auch dies misslang. Die Offiziere hatten ihren Eid nicht nur auf den Kurfürsten, sondern auch auf die Verfassung geleistet – eine einmalige Konstellation im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Um nicht eidbrüchig zu werden, reichten knapp 80 Prozent der Offiziere zwischen dem 9. und 12. Oktober 1850 Entlassungsgesuche ein. Dieser „Generalstreik“ des Offizierscorps machte das kurhessische Militär handlungsunfähig. Um die Konterrevolution zu retten, rief der Kurfürst die Bundesversammlung um Hilfe an, die insbesondere bayerische Besatzungstruppen nach Kurhessen entsandte, die so genannten „Strafbayern“.

Hinzu kamen bei den hessischen Kurfürsten eine für die Verhältnisse bürgerlicher Moral untragbare „Maitressenwirtschaft“ und scharfe Generationenkonflikte, die das Ansehen der Monarchie beschädigten. Wilhelm I. hatte mit mindestens drei Maitressen zahlreiche Kinder. Wilhelm II. hatte seine Frau, die preußische Prinzessin Auguste, verlassen und lebte mit Emilie Ortlöpp (später zur Gräfin von Reichenbach-Lessonitz erhoben) zusammen. Friedrich Wilhelm hatte eine Gertrude Lehmann geheiratet, die sich seinetwegen hatte scheiden lassen; sie wurde später Gräfin von Schaumburg und Fürstin Hanau von und zu Hořowitz.

Annexion durch Preußen

Kurhessen stand im Deutschen Krieg auf österreichischer Seite und gehörte damit zu den Verlierern. Es wurde von Preußen 1866 besetzt und annektiert. Die Bevölkerung leistete dagegen keinen nennenswerten Widerstand. Im Vorfeld hatte es bereits Bestrebungen und Kontakte seitens des hessischen Bürgertums gegeben, um diesen Vorgang zu betreiben, zu unterstützen und den ungeliebten Kurfürsten los zu werden.

Dieser ging ins Exil nach Böhmen. Preußen annektierte den Kurstaat, das Herzogtum Nassau und die Freie Stadt Frankfurt. Es vereinigte sie nach kleineren Grenzkorrekturen gegenüber dem Königreich Bayern und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt (beide ebenfalls auf der Verliererseite des Krieges) zur preußischen Provinz Hessen-Nassau, in der das bisherige Kurhessen den Regierungsbezirk Kassel bildete. 1944 wurde aus diesem eine Provinz Kurhessen gebildet, jedoch ohne die Kreise Schmalkalden, Hanau, Schlüchtern und Gelnhausen.

Land Hessen

Am 19. September 1945 ging die ehemalige Provinz Hessen-Nassau im neu gegründeten Land Groß-Hessen auf, das 1946 seinen Namen in Hessen änderte.

Verwaltungsgliederung

Am 21. August 1821 wurde Kurhessen zum Zwecke der Verwaltung in vier Provinzen und 22 Kreise eingeteilt:

Die Kreise Schaumburg und Schmalkalden lagen dabei als Exklaven außerhalb des Hauptterritoriums auf heute niedersächsischem bzw. thüringischem Gebiet.

Am 31. Oktober 1848 wurden die kurhessischen Provinzen und Kreise abgeschafft. An ihre Stelle traten neun Bezirke sowie 21 Verwaltungsämter (auf Grundlage der mittlerweile nur noch 21 Kreise):

Zum 15. September 1851 wurde diese Reform rückgängig gemacht und die Verwaltungsgliederung von 1821 wieder hergestellt. Diese Kreiseinteilung blieb auch nach der Annexion durch Preußen erhalten. Die meisten der 1821 geschaffenen Landkreise existierten bis zur Gebietsreform in Hessen in den 1970er Jahren.

Regenten

Tabelle der Landgrafen von Hessen-Kassel (seit 1803 Kurfürsten)
Regierungszeit Herrscher Bemerkung
1568–1592 Wilhelm IV. der Weise Nach dem Tod Philipps I. von Hessen entsteht durch Erbteilung
die Landgrafschaft Hessen-Kassel.
1592–1627 Moritz der Gelehrte Übertrug ein Viertel (Rotenburger Quart) des Landes an die Söhne seiner zweiten Frau, die damit die landgräflichen Nebenlinien Hessen-Rotenburg, Hessen-Wanfried und Hessen-Rheinfels (jüngere Linie) begründeten.
1627–1637 Wilhelm V. der Beständige Starb als Reichsfeind von Kaiser und Reich geächtet.
1637–1663 Wilhelm VI. Nach dem Tod von Wilhelm V. übernahm die Regentschaft seine Mutter Amalie Elisabeth vormundschaftlich. Am 25. September 1650 übergab die Landgräfin das Amt dem volljährigen Sohn.  
1663–1670 Wilhelm VII. Nach dem Tode von Wilhelm VI regiert seine Witwe Hedwig Sophie das Land bis zur Volljährigkeit ihrer Söhne Karl Wilhelm VII.. Er starb vor der Übernahme der Regierungsgeschäfte.  
1670–1730 Karl Zunächst regierte 5 Jahre lang seine Mutter vormundschaftlich.
1730–1751 Friedrich I. Seit 1720 König von Schweden, de facto regiert deshalb sein jüngerer Bruder, Wilhelm VIII.
1751–1760 Wilhelm VIII. Regiert seit 1730 als Statthalter seines Bruders.
1760–1785 Friedrich II. Vergrößerte das Heer beträchtlich und ließ 1776-84 auf Seiten
Englands 12.000 Mann gegen Nordamerika kämpfen.
1785–1821 Wilhelm IX./I. Regierte bereits seit 1760 in der Grafschaft Hanau, bis 1764 durch seine Mutter, Landgräfin Maria als Vormünderin. Er erhielt 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss die Kurfürstenwürde und wurde Kurfürst Wilhelm I.
1821–1847 Wilhelm II. Floh 1831 aus Kassel und überließ seinem Sohn die Regierungsgeschäfte. 
1847–1866 Friedrich Wilhelm Er regierte bereits für seinen Vater ab 1831 und ging nach der preußischen Annexion 1866 ins Exil. Dort starb er 1875 ohne einen thronberechtigten Sohn zu hinterlassen.

Wappen

Das Große Wappen des Kurfürstentums Hessen zeigt einen zweimal gespaltenen und zweimal geteilten Schild, dessen zweites und achtes Feld nochmals quergeteilt ist. Die Felder enthalten folgende Wappen:

1. Großherzogtum Fulda (1815 von Preußen erhalten): in Silber ein facettiertes, schwarzes Kreuz

2a. oben - Fürstentum Hanau (1736 erhalten nach Aussterben der Grafen von Hanau): das Feld ist geviert und mit einem Mittelschild belegt. Der Mittelschild, von Rot über Gold geteilt, ist das Wappen der Herrschaft Münzenberg. Das erste und vierte Quartier zeigt das Wappen der Grafschaft Hanau: in Gold drei rote Sparren übereinander. Das zweite und dritte Quartier zeigt das Wappen der Grafschaft Reineck: achtfach von Rot und Gold quer gestreift.

2b. unten - Grafschaft Katzenelnbogen (1479 an Hessen): in Gold ein blau gekrönter, roter Löwe.

3. Fürstentum Hersfeld (ehemalige Abtei, 1648 an Hessen): in Silber ein rotes Patriarchenkreuz.

4. Grafschaft Ziegenhain (1450 an Hessen): von Schwarz über Gold geteilt, oben ein sechsstrahliger, facettierter silberner Stern.

5. Landgrafschaft Hessen: in Blau ein von Silber und Rot zehnfach quergestreifter, gekrönter, goldbewehrter Löwe.

6. Grafschaft Nidda (1450 an Hessen): von Schwarz über Gold geteilt, oben zwei achtstrahlige, facettierte silberne Sterne.

7. Fürstentum Fritzlar (vormals zu Kurmainz, 1803 an Hessen): in Blau ein schwebendes goldenes Hochkreuz.

8a. oben - Grafschaft Dietz (1479 an Hessen): in Rot zwei goldene Leoparden übereinander.

8b. unten - Grafschaft Schaumburg (1648 an Hessen): In Rot ein von Silber über Rot quergeteiltes Schildchen umgeben von einem silbernen Zackenrand (Nesselblatt).

9. Fürstentum Isenburg (1816 an Hessen): in Silber zwei schwarze Querbalken.

Auf dem von zwei königlich gekrönten, vorwärtssehenden, einschwänzigen, goldenen Löwen gehaltenen Schild ruht eine Königskrone (seit 1815). Den Schild umzieht die Kette des goldenen Löwenordens (seit 1821).

Orden

Der Orden vom Eisernen Helm war ein kurhessischer Militärverdienstorden.

Fortbestand der Bezeichnung Kurhessen

Die Bezeichnung Kurhessen wird bis heute als regionale Bezeichnung weiter verwandt. So ist beispielsweise das alte Territorium Kurhessen einschließlich der Exklave Schmalkalden Bestandteil des Gebietes der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und des Diakonischen Werkes in Kurhessen-Waldeck e.V..

Literatur

Einzelnachweise

  1. Beginn der Proklamation des Kurprinzen vom 5. November 1813, zitiert nach: C. Renouard.