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Ragtime (Musik)

Ragtime (rag = zerrissen, synkopiert; time = Zeit) ist eine Musikrichtung, die um 1890 in den USA entstand und im Wesentlichen ein Klavierstil war, später aber auch von Bands und Orchestern sowie für Gitarre übernommen wurde.

Inhaltsverzeichnis

Musikalische Charakteristik

Spielweise

Die übliche etymologische Deutung leitet den Namen Ragtime aus "ragged time" ("zerrissene Zeit") ab, was sich auf die synkopierte Melodieführung und ihren Kontrast zum starren Rhythmus der Begleitung bezieht. Eine andere Deutung legt ein Hinweis im Musical Record von 1899 nahe, in dem es heißt: "The negroes call their clog-dancing "ragging" and the dance a "rag"." Während um 1900 mit Ragtime die verschiedensten Sparten des afro-amerikanischen Musik-Entertainments bezeichnet wurden, versteht man heute darunter den auf dem Klavier gespielten "City-Ragtime". Für diesen charakteristisch ist die "stride-Technik" der linken Hand, bei der auf die Achtelschläge 1 und 3 des ragtimetypischen 2/4 Taktes der Bass (meist in Oktavschlägen), und auf den 2. und 4. Achtelschlag die Akkorde gespielt werden. Die "Zerrissenheit" ergibt sich aus der Tatsache, dass die von der rechten Hand dazu vor allem in Sechzehntel- und Achtelnoten notierte Melodie zeitliche Verschiebungen zum von der linken Hand stetig gespielten Takt aufweist, oft Sechzehntel-Notenüberbindungen über die Taktmitte oder den Taktstrich hinweg. Einigen Ragtime-Komponisten ist es bei einzelnen ihrer Werke gelungen, die afroamerikanischen Ursprünge der Ragtime-Synkopierung heraushörbar zu machen.

Ragtime ist komponierte Musik und daher kein Jazz, da das Element der Improvisation keine notwendige Zutat des Ragtimespiels ist, bei vielen Interpreten sogar tabu war. Die Interpretation eines Rags ist jedoch durchaus individuell, man nehme nur die Joplin-Interpretationen von Marcus Roberts im Stile des Chicago Jazz. Viele der ersten Jazz-Pianisten kamen allerdings vom Ragtime her und einige der ersten Jazz-Standards waren Rag-Kompositionen.

Form

Die formelle Gliederung eines Rags folgt dem Aufbau eines Marsches (einige Rags tragen noch die Bezeichnung „March“ im Titel, der Abschnitt C wird gelegentlich als „Trio“ bezeichnet). Jeweils 16-taktige Abschnitte - sogenannte „Strains“ - sind nach dem Schema AA-BB-A-CC-DD angeordnet, wobei die Strains C und D in der Regel in einer anderen Tonart - meist der Subdominante - stehen. Am Anfang steht oft eine kurze Einleitung, vor dem Abschnitt C gelegentlich eine kurze Überleitung. Alle Abschnitte werden in der Regel zweimal gespielt, Ausnahme ist meist die Wiederholung des Abschnitts A nach dem Abschnitt B. Eine Coda ist eher selten (Beispiel: Magnetic Rag von Scott Joplin).

Beispiele:

Geschichte

Mit dem Cakewalk kam in den 1890ern eine Tanzmode auf, zu der synkopierte Musik gespielt wurde. Die Synkopierung der Melodien leitete sich aus der afroamerikanischen Rhythmik derjenigen Volksmusik ab, von der letztlich diese neue Tanzmusik herkam.

1897 erschienen die ersten Ragtime-Kompositionen, zuerst der Louisiana Rag von Theodore Northrup. Der erste bedeutende Ragtime-Musiker und -Pianist war Tom Turpin, dessen Harlem Rag ebenfalls 1897 erschien. Eubie Blake überlieferte später einen Rag des reisenden Pianisten Jesse Pickett von 1897, ein Stück, das noch etwas essayistisch wirkte. Ebenso erschien im selben Jahr 1897 Ben Harney's Ragtime Instructor, mit von Theodore Northrup geschriebenen Ragtime-Arrangements populärer Melodien.

Der Weltausstellung in St. Louis im Jahre 1904 (Louisiana Purchase Exposition), zu der Tom Turpin einen großen Ragtime-Wettbewerb veranstaltet hatte, wurden etliche Ragtimes gewidmet, unter anderem der St. Louis Rag von Tom Turpin, der St. Louis Tickle von Theron Catlen Bennet, und The Cascades in Erinnerung an die Weltausstellungswasserspiele von Scott Joplin. Der Ragtime hatte damit, also fünf Jahre nach Erscheinen von Joplins Maple Leaf Rag (Auflage 1/2 Mio.), den ersten emotionalen Höhepunkt für seine Musiker. Ein Hauptort des Ragtime wurde Joplins Wohnort Sedalia, Missouri, wo auch sein Verleger John Stark seit 1885 ansässig war. Ein weiteres Zentrum des Ragtime wurde Atlantic City.

Von 1906 bis zum Ersten Weltkrieg war Ragtime die populäre Musik in den USA. Nicht mehr streng der Form der Ragtimekomposition entsprechend, sondern nur noch Stilelemente des Rag benutzend, waren zu dieser Zeit die sogenannten Ragtime-Songs - Schlager im Stil der Zeit - weit verbreitet. Von den größeren Ragtime-Bands wurde die von James Reese Europe in New York besonders populär. Reine Saxophon-Ensembles präsentierten Ragtime auf neuartige Weise.

Mit dem Tode Scott Joplins im Jahre 1917 endete die Ragtime-Ära und wurde durch die Jazz-Ära abgelöst. Aber auch in dieser Zeit entstanden noch neue Rags, vorwiegend pianistisch verwegene Kompositionen, die man auch Novelty oder Novelty Ragtime nannte. Eubie Blake hatte zusammen mit Noble Sissle 1921 großen Erfolg mit der Broadway-Show "Shuffle Along", die Musik, die sein Shuffle Along Orchestra dazu spielte, war geprägt vom Ragtime, aber auch schon vom Jazz.

Bedeutende Komponisten und Interpreten

Die bekanntesten Rags sind Scott Joplins The Entertainer von 1902, der durch seine Verwendung im Film Der Clou 1973 großen Erfolg hatte, und die als Notenausgabe und als Schallplattenaufnahme meistverkaufte Ragtime-Komposition Twelfth Street Rag von Euday Bowman aus dem Jahr 1914, als das Ende der Ragtime-Ära begann. Zu den Hauptvertretern des klassischen auskomponierten Ragtime gehören neben Scott Joplin Tom Turpin, James Scott und Joseph Lamb. Bereits weniger notengebunden und damit jazzmäßiger spielte Jelly Roll Morton in New Orleans, der von sich selbst behauptete, im Jahre 1902 den Jazz erfunden zu haben. Seine Jazzkompositionen stehen dem Ragtime entweder sehr nah oder sind ausgewiesene Rags wie sein Perfect Rag.

Bedeutend als Vorbild für einige der ersten Jazz-Pianisten war Eubie Blake, der in Baltimore, Atlantic City und New York aktiv war, und ab 1899 Rags komponierte. Seine Rags sind ein Beispiel dafür, daß es sich bei diesen Werken durchaus um anspruchsvolle Klavierliteratur handelt. Das gilt für die Rags sowohl von afro-amerikanischen (z.B. Joplin und Blake) als auch euro-amerikanischen Komponisten (z.B. der junge George Gershwin). Einer der schönsten Rags ist der von Louis Chauvin, dem Gewinner des Wettbewerbs von St. Louis, und Scott Joplin gemeinsam komponierte Heliotrope Bouquet.

Bekannte moderne Interpreten des Ragtime sind der klassische Pianist William Bolcom und der Jazzpianist Marcus Roberts. Ein Pianist, der sich auf seinen Aufnahmen ausschließlich dem Ragtime widmet, ist Reginald R. Robinson. Auf den Alben des norwegischen Pianisten Morten Gunnar Larsen finden sich neben Titeln aus dem frühen Jazz ebenfalls Rags. Ein Orchester, das sich intensiv mit Ragtime beschäftigt, ist das amerikanische Paragon Ragtime Orchestra unter der Leitung von Rick Benjamin. Als in heutiger Zeit besonders authentischer Interpret gilt John Arpin.

Der Ragtime fand auch Eingang in die europäische Kunstmusik, so komponierte Claude Debussy die Rag-Miniatur The Little Negro und mit Golliwogg's Cakewalk (aus Children's Corner) und Général Lavine - eccentric zwei Ragtime- und Cakewalk-Parodien. Auch Igor Strawinsky (etwa in seiner "Histoire du soldat") und Paul Hindemith komponierten neoklassizistisch verfremdete Rags.

Hörbeispiele

Literatur