Heim

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft

Als Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, LPG, wird der Zusammenschluss von Bauern und Bäuerinnen und deren Produktionsmitteln, sowie anderer Beschäftigten zur gemeinschaftlichen agrarischen Produktion in der DDR bezeichnet. Landwirtschaftliche Genossenschaften waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den sozialistisch genannten Staaten Europas weit verbreitet.

Inhaltsverzeichnis

Zugrundeliegende Ideologie

Die Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft gehört zu den Grundideen des Sozialismus:

Wir werden die Herrschaft der Großgrundbesitzer brechen, werden ihren Grund und Boden entschädigungslos enteignen und den landarmen Bauern übergeben, werden Sowjetgüter mit modernstem Maschinenbetrieb schaffen, die Arbeitsbedingungen des Landproletariats denjenigen der städtischen Arbeiterschaft gleichsetzen und viele Millionen werktätiger Bauern in den Aufbau des Sozialismus einbeziehen.

– Programmerklärung des ZK der KPD zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes vom 24. August 1930

Die Gründung der LPG war zum Teil eine indirekte Notwendigkeit aus der Bodenrefom in der sowjetischen Besatzungszone. Die im Zuge der Bodenreform gebildeten Neubauernstellen waren mit einer Regelgröße von 5 Hektar oft zu klein, um rationell bewirtschaftet werden zu können. Den Neubauern fehlte es auch häufig an landwirtschaftlicher Erfahrung und der technischen Ausstattung.

Zur Landwirtschaft in der DDR siehe dort.

Gründung der LPG

Die SED beschloss auf der 2. Parteikonferenz der SED, in Ost-Berlin vom 9.-12. Juli 1952, die Maßnahmen zur Bildung von Genossenschaften.

Damit wurden landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften zugelassen.

Die LPG wurden in einer Gründungsversammlung errichtet, mussten sich ein Statut nach gesetzlich vorgeschriebenem Musterstatut geben und wurden durch staatliche Organe bestätigt. Mitglied einer LPG konnten nicht nur die Bauern mit eigener Wirtschaft werden, sondern auch Landarbeiter und andere Bürger.

Es wurden zunächst drei verschiedene Typen von LPG gebildet (Typ I, Typ II und Typ III). Je nach Typ wurden von den Bauern dabei ihr Boden (I), dazu ihre Maschinen (II) und dazu ihr Vieh (III) in die Genossenschaft eingebracht. Die Bauern mussten darüber hinaus Bargeld einbringen (Inventarbeitrag). LPG des Typs III waren zunächst selten, weil es an ausreichend großen Stallungen mangelte. Viele LPG wandelten sich erst später, oftmals unter Druck von Partei und Staat vom Typ I oder II in den dann dominierenden Typ III um.

Auf die Bauern wurde erheblicher Druck ausgeübt, sich einer, meist noch unwirtschaftlichen, LPG anzuschließen. Die Bauernwirtschaften wurden bei der Maschinenausleihe durch die Maschinen-Ausleihstationen (MAS, später Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) systematisch benachteiligt, so dass das Abgabensoll, die Verpflichtung zur Lieferung einer bestimmten Menge landwirtschaftlicher Produkte, immer schwerer zu erfüllen war. Zahlreiche Bauern sind nach der 2. Parteikonferenz der SED 1952 bis zum Mauerbau 1961 aus der DDR geflohen, um nicht Mitglied einer LPG werden zu müssen. Ihre Betriebe wurden zunächst von den staatlichen örtlichen Landwirtschaftsbetrieben (ÖLB) verwaltet und später nach Enteignung des Grund und Bodens in die LPG integriert.

Mitglieds- und Wirtschaftverhältnisse

Das Genossenschafts- und Bodenrecht war im speziellen Rechtsgebiet des LPG-Rechts geregelt. Der eingebrachte Grund und Boden der Bauern blieb weiterhin deren Eigentum, allerdings mit weitreichenden Veräußerungsbeschränkungen. Die LPGen hatten ein gesetzlich garantiertes umfassendes Nutzungsrecht an den landwirtschaftlichen Flächen. Landwirtschaftliche Gebäude, das Inventar und Waldflächen wurden Eigentum der LPG.

Die LPG wirtschafteten als rechtlich selbständiger Betrieb. Die LPG-Mitglieder erhielten, soweit sie in der LPG arbeiteten, einen leistungsbezogenen Arbeitslohn und eine Gewinnbeteiligung, die Jahresendprämie. Bauern, die landwirtschaftliche Flächen eingebracht hatten, erhielten darüber hinaus einen flächenbezogenen Gewinnanteil, die sogenannten Bodenanteile.

Die LPG-Mitglieder waren gesetzlich verpflichtet, ihre ganze Arbeitskraft der LPG zu widmen. Der Austritt aus einer LPG oder die Aufnahme einer Beschäftigung außerhalb der LPG war nach dem Musterstatut von der Zustimmung der Mitgliederversammlung der LPG abhängig und galt als politisch unerwünscht. Somit war es für die Mitglieder nicht einfach, aus den LPG auszutreten, wenn diese sich dagegen sperrten.

Die LPG wurden formal demokratisch geleitet. Das Musterstatut sah vor, dass über den Vorstand und wichtige Angelegenheiten der LPG in einer Mitgliederversammlung entschieden wird. Die SED- und Staatsorgane übten jedoch großen Einfluss auf die Entscheidungen aus, so wurden die sehr einflussreichen Vorsitzenden oft per SED-Parteiauftrag von außerhalb eingesetzt.

Die Arbeit in den LPG wurden über Brigaden und Abteilungen organisiert.

Die meisten LPG-Statuten sahen vor, dass die Genossenschaftsbauern neben ihrer Tätigkeit in der LPG in geringem Umfang eine "individuelle Hauswirtschaft" betreiben konnten. Diese beschränkte sich auf eine profitable Nutztierhaltung. Jedem Mitglied standen meist 0,5 Hektar Land zu, im Laufe der Entwicklung wurden diese Flächen aber größtenteils durch die LPG bewirtschaftet und die Genossenschaftsmitglieder erhielten daraus ein Deputat in Form von Futter und ähnlichem oder wahlweise eine jährliche Zusatzvergütung, gerichtet nach den Erträgen.

Weitere Entwicklung der LPG

Die LPG waren zunächst in der Regel auf Basis der Dörfer bzw. Gemeinden organisiert. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde im Frühjahr 1960 zwangsweise durch eine Kampagne der SED abgeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt existierten kaum mehr Einzelbauern.

Ab Mitte der 1960er Jahre wurde die Kooperation zwischen den LPG mit dem Ziel vorangetrieben, zu einer höheren Konzentration und Spezialisierung der Produktion zu kommen. Während dieses Prozesses und darüber hinaus fusionierten viele LPG, deren Anzahl somit von 1960 zu 1970 von 19313 auf 9009 sank. Am Ende dieser Umwälzungen standen die Kooperativen Abteilungen Pflanzenproduktion. In diesen wurde die Feldwirtschaft mehrerer LPG gemeinsam betrieben, sodass den "Restbetrieben", wie sie teilweise auch genannt wurden, weitestgehend nur die Viehwirtschaft blieb. Mitte der 1970er Jahre forcierte die SED die Umwandlung der KAP Pflanzenproduktion in LPG Pflanzenproduktion (LPG (P)) bzw. VEG (P). Die administrative Trennung von Tierhaltung ( (T) = Tierproduktion) und Feldbau, die mit der Bildung der Pflanzenproduktionsbetriebe manifestiert wurde, war unter den Bauern höchst umstritten, da sie zahlreiche negative Auswirkungen nach sich zog. Beispielsweise erhöhte sich der Transport- und Verwaltungsaufwand. Die Spezialisierung entsprach zwar allgemeinen Trends in den westlichen Ländern, erfolgte allerdings überspitzt. Hinsichtlich dessen erfolgten zu Beginn der 1980er Jahre zaghafte agrarpolitische Kurskorrekturen der SED.

Nach der Wende 1989/1990 mussten sich die LPG den neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Einige lösten sich auf und das Land wurde wieder an die genossenschaftlichen Eigentümer übergeben, die ihrerseits teilweise wieder als Landwirte (Wiedereinrichter) begannen, viele andere bestehen bis heute als GmbH oder Agrargenossenschaft weiter und dominieren in weiten Teilen die Landwirtschaft im Osten Deutschlands.

Gemäß dem Landwirtschaftsanpassungsgesetz, das die Auflösung der LPG bzw. deren Übergang in andere Rechtsformen regelt, waren auch die Inventarbeiträge zurückzuzahlen, soweit die LPG dies wirtschaftlich leisten konnte. Insbesondere dieser Punkt war Gegenstand zahlreicher Rechtsstreitigkeiten.

Akzeptanz der LPG

Die Produktivität im Bereich der Landwirtschaft nahm nach der Zwangsvergenossenschaftlichung zunächst ab. Sie konnte zwar in den 1960er Jahren gesteigert werden, erreichte aber nie die Produktivität der familienbetrieblich dominierten Agrarwirtschaft im Westen Deutschlands.

Dessen ungeachtet arrangierten sich die Bauern mit der Zeit mit den LPG. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Arbeit in einer LPG eine Erleichterung gegenüber der des Einzelbauern darstellte, beispielsweise durch die Urlaubsmöglichkeiten sowie die besser geregelte Arbeitszeit. Auch ergaben sich in vielen LPG durch die Jahresendprämie und die Hauswirtschaften überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten. Die LPG förderten ihre Mitglieder darüber hinaus durch Hilfen beim Eigenheimbau oder Delegierung zu einem (landwirtschaftlich orientierten) Studium, und betrieben zum Teil Kindergärten und Erholungseinrichtungen und anderes mehr.

Die Akzeptanz der LPG beruhte auch auf dem gesetzlichen Auftrag, für die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land zu sorgen.

Andere Formen der industriellen Landwirtschaft

Neben den LPG gab es, wenn auch in wesentlicher geringerer Anzahl, staatliche landwirtschaftliche Produktionsbetriebe, die Volkseigenen Güter. Außerdem gab es im geringeren Umfang Gärtnerische Produktionsgenossenschaften (GPG).

Die LPG ähnelt stark dem sowjetischen Kolchos, bei dem der Boden jedoch Staatseigentum war. Ähnlich organisierte Landwirtschaftsbetriebe gab es in allen Ostblock-Staaten, wenn auch in unterschiedlich starker Ausprägung.

Literatur

Siehe auch