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Friedrich Wilhelm I. (Hessen-Kassel)

Friedrich Wilhelm I. (* 20. August 1802 in Schloss Philippsruhe bei Hanau; † 6. Januar 1875 in Prag) war der letzte Kurfürst und Landesherr von Hessen-Kassel aus dem Haus Hessen.

Inhaltsverzeichnis

Jugend

Friedrich Wilhelm I. war der Sohn von Kurfürst Wilhelm II. (* 1777; † 1847) und der Prinzessin Auguste von Preußen (* 1780; † 1841), Tochter von König Friedrich Wilhelm II. Diese Ehe war politisch zustande gekommen, von Anfang an durch heftige Auseinandersetzungen gekennzeichnet und bald zerrüttet. Nach der Geburt der jüngsten Tochter 1806 lebten die Gatten getrennt, was 1815 durch einen – zunächst geheimen – Trennungsvertrag besiegelt wurde. Der Kurprinz lebte mit seiner Geliebten und späteren zweiten Ehefrau, Gräfin Emilie von Reichenbach-Lessonitz (* 1791; † 1843) zusammen, die Kurfürstin bezog Schloss Schönfeld bei Kassel. Um die Kurfürstin bildete sich ein zum Kurfürsten oppositioneller Zirkel, benannt nach dem Wohnsitz der Kurfürstin als „Schönfelder Kreis“, dem neben Kurfürstin und Kurprinz auch der später führende Minister Ludwig Hassenpflug, die Brüder Grimm und andere Intellektuelle angehörten. Das Verhältnis zwischen Kurprinz Friedrich Wilhelm und Kurfürst Wilhelm II. war so lange Zeit gestört. Dazu trug auch bei, dass der Kurprinz keine standesgemäße Ehe schloss, was aber wohl auch zum Teil durch den Streit der Eltern verhindert wurde. Erst kurz vor der Revolution von 1830 näherten Kurfürst und Prinz Friedrich Wilhelm sich einander wieder an.

Familie

Um die Familienverhältnisse des Kurprinzen stand es nach den Maßstäben des 19. Jahrhunderts nicht zum Besten. In seiner Studienzeit in Bonn hatte er die mit einem preußischen Leutnant verheiratete Gertrude Lehmann kennen gelernt, die Scheidung von ihrem Mann erreicht und heiratete sie im August 1831 morganatisch. Sie war bürgerlich und damit nicht standesgemäß und als Geschiedene als Frau eines Thronfolgers inakzeptabel. Nach seinem Regierungsantritt ernannte er sie zur Gräfin von Schaumburg und später zur Fürstin von Hanau.

Aus dieser Ehe gingen hervor:

  1. Augusta (* 1829; † 1887)
  2. Alexandrine (* 1830; † 1871)
  3. Friedrich Wilhelm (* 1832; † 1889)
  4. Moritz, 1. Fürst von Hanau (* 1834; † 1889)
  5. Wilhelm, 2. Fürst von Hanau (* 1836; † 1902)
  6. Maria (* 1839; † 1917). Sie erhielt später den Titel Prinzessin von Ardeck.
  7. Karl, 3. Fürst von Hanau (* 1840; † 1905)
  8. Heinrich, 4. Fürst von Hanau (* 1842; † 1917)
  9. Philipp (* 29. Dezember 1844 in Kassel; † 28. August 1914 Schloss Oberurf) ∞ Albertine Hubatschek-Stauber, Gräfin in Schaumburg (* 8. Dezember 1845 in Semlin; † 11. April 1912 in Meran). Die Nachkommen trugen den Namen von Schaumburg. Philipp war Rittmeister in österreichischen Diensten und später Gutsbesitzer in Hessen. Seine Beteiligung an der Besetzung Bosniens durch Österreich wurde von Adam Trabert dichterisch "verewigt".

Die Kinder aus dieser Ehe waren nach dem hessischen Hausgesetz nicht nachfolgefähig für das Fideikommissvermögen, aber erbberechtigt für das Privatvermögen. Das Streben Friedrich Wilhelms richtete sich deshalb darauf, dieses Privatvermögen um jeden Preis zu vermehren, auch auf Kosten öffentlicher Gelder oder seiner Aufgaben als Landesherr. So kam es z. B. 1852 zu einer Regierungskrise, weil der Kurfürst von der den Ausbau der Frankfurt-Hanauer Eisenbahn in Richtung Aschaffenburg finanzierenden Hanauer Bank Bernus du Fay ein Schmiergeld in Höhe von 100.000 Talern erwartete, bevor er die entsprechende Konzession unterzeichnete. Der leitende Minister, Ludwig Hassenpflug, bot daraufhin seinen Rücktritt an, der Kurfürst verweigerte ihm aber die Demission.[1] So wissen selbst wohlgesonnene Biographen von Friedrich Wilhelm kaum Positives zu berichten. Auch von Zeitgenossen wird er als zögerlicher, egozentrischer Autokrat beschrieben. Das Wohl des Landes oder das seiner Untertanen waren keine Größen, die Einfluss auf sein Handeln ausübten.

Regierung

Friedrich Wilhelm I. neigte zu Arroganz und Selbstüberschätzung, war von seinem Gottesgnadentum und dem monarchischen Prinzip bedingungslos überzeugt und intellektuell, trotz all der dem widersprechenden Ereignisse seiner Regierungszeit, darüber auch nicht zu kritischer Reflexion fähig. An den Aufgaben des Landesherren zeigte er kein Interesse, dafür aber um so mehr hinsichtlich mit dieser Position verbundenen Status und Rechten.

Regentschaft

Im Zuge der Revolution von 1830 fokussierte sich der Zorn des Volkes unter anderem auf die Geliebte des Kurfürsten Wilhelm II., der ein schlechter Einfluss auf den Kurfürsten nachgesagt wurde. Im prüden 19. Jahrhundert verstieß dieses Verhältnis gegen die moralischen Maßstäbe des inzwischen in diesen Fragen führenden Bürgertums, des Trägers der Revolution. Kurfürst Wilhelm II. sah sich letztendlich vor die Wahl gestellt, die Geliebte zu verlassen oder abzudanken. Er wählte die letzte Alternative, wenn auch etwas kaschiert, indem er Kurprinz Friedrich Wilhelm am 30. September 1831 zum Mitregenten ernannte, faktisch jedoch keine Regierungsgeschäfte mehr wahrnahm und sich nach Frankfurt am Main, ins benachbarte Ausland, de facto ins Exil begab.

Friedrich Wilhelm regierte so zunächst von 1831–1847 als Prinzregent und erst nach dem Tod seines Vaters 1847 bis zur preußischen Okkupation Kurhessens 1866 als Kurfürst.

Sein so nach den Maßstäben des 19. Jahrhunderts anstößiges Privatleben und seine reaktionäre politische Haltung schwächten von Anfang an seinen Rückhalt im eigenen Land.

Seit Antritt der Regentschaft versuchte er die nach damaligen Maßstäben sehr liberale Verfassung des Kurfürstentums von 1831 wieder zu beseitigen. Als Regent aber wagte er es nicht, die Verfassung auch rechtlich anzutasten, verfolgte vielmehr eine antiliberale, monarchisch-legitimistische Politik, die dem Geist der Verfassung zuwider lief.

Kurfürst

Als regierender Landesherr trug Friedrich Wilhelm I. den Titel: Kurfürst, Landgraf von Hessen-Kassel, Großherzog von Fulda, Fürst zu Hanau, Fürst zu Hersfeld, Fürst zu Fritzlar, Fürst zu Isenburg, Graf zu Katzenelnbogen, Graf zu Nidda, Graf zu Diez, Graf zu Ziegenhain, Graf zu Schaumburg, etc., etc.

Jetzt, als Kurfürst, ging er auch offensiv gegen die Verfassung von 1831 vor. Er berief den reaktionären Ludwig Hassenpflug als leitenden Minister. Dieser ließ den Konflikt mit den Ständen – insbesondere hinsichtlich der Bewilligung von Steuern – soweit eskalieren, dass die Regierung handlungsunfähig wurde. Als das Regieren über Notverordnungen daran scheiterte, dass diese wegen Verfassungswidrigkeit weder von Verwaltung, noch den Gerichten und sogar noch nicht einmal dem Militär anerkannt wurden, veranlasste er eine Intervention des Deutschen Bunds: Bayrische, österreichische und preußische Truppen besetzten das Land und erzwangen über Einquartierungen den Gehorsam von Verwaltung und Gerichten. Die Maßnahmen gipfelten darin, dass Kurhessen durch den Deutschen Bund 1851 eine neue, sehr viel weniger liberale Verfassung oktroyiert wurde. Erst 1862 wurde die alte Verfassung aufgrund äußeren Druckes wieder in Kraft gesetzt.

Die österreichorientierte Politik des Kurfürsten und die extreme Unbeliebtheit bei den Untertanen führten dazu, dass die Annexion des Kurfürstentums durch Preußen nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg in Hessen allgemein begrüßt und der ins böhmisch-österreichische Exil entschwundene ehemalige Landesherr kaum vermisst wurde.

Exil und Tod

Friedrich Wilhelm lebte bis zu seinem Tod auf seinen böhmischen Gütern, Schloss Horowitz und seinem Stadtpalais in Prag. Er verfasste im Exil eine Denkschrift zu den Ereignissen von 1866. Sie beginnt mit den Worten:

Zwei Jahre sind verstrichen, seitdem eine blutige Katastrophe die Umwälzung der deutschen Verhältnisse herbeigeführt hat, welche, über die Rechte von Kronen und Völkerschaften gleichmäßig hinwegschreitend, im Dienste dynastischer Selbstsucht das gemeinsame Vaterland zerriß, die organischen Triebe einer tausendjährigen Entwicklung abschnitt und Gebilde an ihre Stelle setzte, deren Lebensfähigkeit und Uebereinstimmung mit den Wünschen und Interessen der Nation wohl am allerwenigsten von den eigenen Schöpfern wird behauptet werden wollen. Noch liegt die Zukunft hinter dunklem Schleier, und nur dessen ist jeder Denkende sich bewußt, daß noch unsägliches Elend, noch heillose Wirrniß Deutschland, ja ganz Europa bevorsteht, ehe die Saat von 1866 beseitigt, oder was Gott verhüten wolle, zu Blüthe und Frucht gediehen sein wird.[2]

Friedrich Wilhelm starb am 6. Januar 1875 in Prag. Er wurde in seiner ehemaligen Residenzstadt Kassel auf der hessischen Erbbegräbnisstätte neben der Lutherkirche beigesetzt.

Fideikommiss und Anwartschaft auf den Thron fielen an die Nebenlinie Hessen-Rumpenheim, da die Kinder von Friedrich Wilhelm nicht standesgemäß und damit nach dem Hausgesetz nicht nachfolgeberechtigt waren.

Abstammung

Stammtafel des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Kassel
Urgroßeltern

Landgraf Friedrich II. (* 1720; † 1785)

Prinzessin Maria von Großbritannien (* 1722; † 1772)

König Friedrich V. von Dänemark und Norwegen (* 1723; † 1766)

Königin Louise von Dänemark und Norwegen (* 1724; † 1751)

Prinz August Wilhelm von Preußen (* 1722; † 1758)

Prinzessin Luise Amalie von Braunschweig-Wolfenbüttel (* 1722; † 1780)

Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt (* 1719; † 1790)

Pfalzgräfin Henriette Karoline von Pfalz-Zweibrücken (* 1721; † 1774)

Großeltern

Kurfürst Wilhelm I. (* 1743; † 1821)

Prinzessin Wilhelmine Karoline von Dänemark und Norwegen (* 1747; † 1820)

König Friedrich Wilhelm II. von Preußen (* 1744; † 1797)

Königin Friederike von Preußen (* 1751; † 1805)

Eltern

Kurfürst Wilhelm II. (* 1777; † 1847)

Prinzessin Auguste von Preußen (* 1780; † 1841)]]

Friedrich Wilhelm I.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Ham, S. 435f
  2. Friedrich Wilhelm von Hessen, Denkschrift.



Personendaten
Friedrich Wilhelm I.
letzter Kurfürst und souveräner Landgraf von Hessen-Kassel
20. August 1802
Schloss Philippsruhe bei Hanau
6. Januar 1875
Prag