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Waldenser

Die Waldenser sind eine protestantische reformierte Kirche mit starker Verbreitung in Italien. Ursprünglich als Gemeinschaft religiöser Laien Ende des 12. Jahrhunderts durch den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes in Südfrankreich gegründet und von der Inquisition verfolgt, bildeten die Waldenser während des Mittelalters eine der bedeutendsten Gruppen dissidenter Christen in der abendländischen Geschichte.

Weltweit zählen die Waldenser heute etwa 98.000 Mitglieder, davon allein 47.500 in Italien, wo sie in enger Beziehung zur Evangelisch-methodistischen Kirche stehen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Wurzeln der Waldenser sind im Kontext eines gesellschaftlichen Phänomens zu sehen, das eine große Anzahl von Laien im ausgehenden 12. Jahrhundert erfasste: Aufgrund verschiedener Ursachen, insbesondere aber wegen überkommener kirchlicher Strukturen, versuchte eine zunehmende Zahl an Christen in Europa, sich selbst aktiv religiös zu betätigen und in freiwillig gewählter Armut dem Vorbild der Apostel Christi folgend, die Evangelien zu verkünden. Aus dem großen Kreis dieser Laien sollten sowohl die als ketzerisch gebrandmarkten Gemeinschaften der Waldenser, der Katharer oder der Humiliaten als auch kirchlich anerkannte Orden wie die Franziskaner hervorgehen. Aufgrund der theologischen Parallelen zur Reformation werden die Waldenser auch als vorreformatorisch betrachtet – so bezeichnete etwa der lutherische Theologe istrischer Herkunft, Matthias Flacius Illyricus, die Waldenser in seinem Catalogus testium veritatis als „Protestanten vor der Reformation“.

Petrus Valdes

Valdes († vor 1218), ein reicher Kaufmann aus Lyon, gab nach einem Läuterungserlebnis sein Vermögen auf, organisierte um 1176/77 Armenspeisungen und hielt mit seinen Anhängern Wanderpredigten auf Basis volkssprachlicher Evangelienübersetzungen ab. Es kam unausweichlich zum Konflikt mit der Katholischen Kirche, weil diese das Recht auf Predigt ihrem eigenen Klerus vorbehalten sah und weil die Freigabe des Predigtrechts an Laien die Kirche in ihrer Existenz grundlegend in Frage gestellt hätte. Valdes wurde 1182/83, nachdem er dem durch den Lyoner Erzbischof verhängten Predigtverbot nicht Folge leisten wollte, von diesem exkommuniziert und mit seinen Anhängern aus der Umgebung der Stadt vertrieben. Die Waldenser verbreiteten sich danach zunächst in Südfrankreich und von dort aus in viele Gegenden Europas.

Zur ausführlicheren Darstellung dieser Ereignisse siehe Petrus Valdes.

Kennzeichen der frühen Waldenser

Die frühen Anhänger Valdes’, sowohl Männer als auch Frauen, verzichteten auf persönlichen Besitz, lebten vom Betteln, trugen einfache Gewänder und Sandalen und wurden deshalb in Südfrankreich als Arme von Lyon bezeichnet. Sie folgten dem biblischen Auftrag Christi an seine Jünger: Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk. 16,15) und hielten als Wanderprediger Predigten ab, die (im Gegensatz zu den lateinischen der Priester) in der Volkssprache vorgetragen wurden. Zwar wurden Missstände in der katholischen Kirche von den Armen von Lyon stets kritisiert, doch betrachteten sie sich selbst zunächst durchaus noch als Mitglieder dieser Kirche. Dies änderte sich, nachdem die Armen von Lyon trotz Predigtverbot die öffentliche Verkündung der Evangelien nicht aufgeben wollten und von kirchlicher Seite deshalb zunehmend als Ketzer betrachtet wurden. Als solche wurden sie erstmals in der im Jahr 1184 nach dem Konzil von Verona niedergelegten Bulle Ad Abolendam aufgeführt. Die Armen von Lyon beharrten ihrerseits auf bibeltreueren/biblizistischen Lesarten der Evangelien bzw. Anschauungen, die jenen der katholischen Kirche zuwider liefen. Daneben entwickelten die norditalienischen Waldenser, die Lombardischen Armen, die nicht von Spenden sondern (ähnlich wie die Humiliaten) von Handarbeit in Arbeitsgemeinschaften lebten, eigene Vorstellungen.

In Summe lassen sich die frühen Waldenser in religiöser Auffassung und Lebensart in folgender Weise kennzeichnen:

Im Unterschied zu den bettelnden französischen Armen von Lyon lebten die wesentlich sesshafteren italienischen Lombardischen Armen von Handarbeit, die sie in Werkkommunen ausübten. Im Gegensatz zu den Armen von Lyon lehnten sie die Bedeutung der sieben Sakramente ab und vertraten die donatistische Auffassung, dass Wirksamkeit und Gültigkeit der Beichte nur erlangt werden könne, wenn deren Spender selbst ein sünden- bzw. makelloses Leben führt. Noch im Lauf des Mittelalters verwischten sich diese Auffassungsunterschiede innerhalb des Waldensertums, weitgehend zugunsten der Standpunkte der Lombardischen Armen.

Verbreitung

Nach ihrer Vertreibung aus Lyon 1182/83 gewannen die Waldenser vor allem im südfranzösischen Languedoc neue Anhänger, waren aber bereits um 1184 auch in Oberitalien aktiv. In Spanien und Nordostfrankreich tauchten sie in den 1190er Jahren auf. Wenig nach 1200 dürften die Waldenser den süddeutschen Sprachraum erreicht haben. Bis 1250 existierten hier bereits starke Gemeinden, insbesondere im österreichischen Donauraum und in Bayern, aber auch in Schwaben und im oberen Rheinland. Nach Mittel- und Norddeutschland drangen die Waldenser vermutlich erst am Beginn des 14. Jahrhunderts vor, in dessen Verlauf es danach auch Waldenser in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn gab. Vermutlich während des 15. Jahrhunderts verschwanden die Waldenser weitgehend aus dem deutschen Sprachgebiet. Als mögliche Ursachen dafür werden die Hinwendung der Waldenser zum Hussitentum oder ein erfolgreiches Vorgehen der Inquisition gesehen. Die heutigen Waldensergemeinden in Deutschland gehen auf Wiederansiedelungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück.

Gruppen, Organisation und Bezeichnungen

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts existierten zwei waldensische Großgruppen: Die südfranzösischen Armen von Lyon und die oberitalienischen Lombardischen Armen unter ihrem Wortführer Giovanni de Ronco. Der deutsche Sprachraum wurde von beiden Gruppen missioniert. Obwohl 1218 ein Einigungsversuch zwischen Armen von Lyon und Lombardischen Armen bei einer eigens dafür einberufenen Versammlung in Bergamo scheiterte, dürfte die Gruppenunterscheidung im Zuge der späteren Verfolgungen noch während des 13. Jahrhunderts an Bedeutung verloren haben. Zu einer bedeutenden Abspaltung kam es im Jahr 1207, als der waldensische Gelehrte Durandus von Osca mit einer großen Anzahl von italienischen Glaubensbrüdern unter die Schirmherrschaft des Papstes zurückkehrte. Diese abtrünnigen Waldenser erhielten die Bezeichnung Katholische Arme (Pauperes Catholici) und gingen nach 1245 im Augustinerorden auf.

Innerhalb der waldensischen Gemeinschaften standen über den einfachen Gläubigen die waldensischen Prediger, die im deutschen Sprachraum auch Meister, Kunden oder Beichtiger genannt wurden. Im französischen Sprachraum wurden sie aufgrund ihrer Bärte oft als Barben bezeichnet. Das Predigeramt konnte erst nach einer längeren Ausbildung erworben werden. Die Hauptaufgabe der Prediger bestand in der Predigt, der Missionierung und der Lukrierung von Spendengeldern bzw. der Verteilung von Einkünften. Gepredigt wurde sowohl auf Wanderschaft, die üblicherweise von zwei Predigern gemeinsam angetreten wurde, als auch in eigens eingerichteten Hausgemeinschaften bzw. Versammlungszentren, die als Schulen bezeichnet wurden. Obwohl das mittelalterliche Waldensertum eher flach organisiert war, bildete es trotz Verfolgung immer wieder regional übergeordnete Leitungsgremien aus. Leiter- bzw. Bischofsämter existieren im 13. Jahrhundert in Oberitalien und Österreich, im 14. Jahrhundert in Südfrankreich. Zudem wurden periodisch in der Provence bzw. der Lombardei auch größere Versammlungen einberufen, die der internationalen Koordination dienten. Im deutschen Sprachraum wurden die Waldenser in Ableitung des Namens Giovanni de Roncos oft als Rünkler bezeichnet. Ein besonders dichtes Netz an Versammlungszentren bestand im 13. Jahrhundert im österreichischen Donauraum. Der Begriff Waldenser (als Ableitung von Valdes) stellte ursprünglich eine Fremdbezeichnung dar und wurde von den Nachfahren des Valdes erst Anfang des 16. Jahrhunderts übernommen.

Verurteilung und Verfolgung der mittelalterlichen Waldenser

Nach der Exkommunikation Valdes’ durch den Erzbischof von Lyon aufgrund des Streits um die Laienpredigt, wurden die „Armen von Lyon“ 1184 erstmals in dem von Papst Lucius III. nach dem Konzil von Verona verfassten Edikt Ad Abolendam als Häretiker aufgeführt, mit dauernder Exkommunikation belegt und mit schweren Strafsanktionen bedroht. Eine weitere Verurteilung erfolgte 1215 im Zuge des IV. Laterankonzils unter Papst Innozenz III. 1252 wurden die Waldenser in der von Papst Innozenz IV. verfassten Bulle Ad Extirpanda neuerlich namentlich verurteilt: „Cataros, … Valdenses, … et omnes Hereticos … perpetue damnamus infamia“ („für immer verurteilen wir die Katharer, Waldenser und alle Häretiker zur Infamie“). Ab den 1230/40er Jahren begann die Verfolgung durch die Inquisition. Diese Verfolgungen waren meist regional und für kürzere Zeiträume organisiert. Aber auch außerhalb der inquisitorischen Nachstellungen wurden Waldenser von lokalen Machthabern verfolgt. Bis in die Neuzeit kam es immer wieder zu zahlreichen Versuchen, das Waldensertum auszurotten, insbesondere in Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich und Böhmen.

Spätere Entwicklungen

Im Zuge der Verfolgungen wurde die Missionstätigkeit der Waldenser schwer gestört. Hatten die Waldenser bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts in Südfrankreich, Norditalien und Österreich zunächst Bibelschulen bzw. Versammlungszentren in eigenen Häusern eingerichtet, so mussten diese unter dem Verfolgungsdruck wieder aufgegeben werden. Die waldensischen Prediger mussten vermehrt im Geheimen wirken und widmeten sich nun kaum mehr der Mission, sondern verstärkt der Betreuung der verbliebenen Gemeinden. Im deutschsprachigen Raum gewann unter den Waldensern im 14. Jahrhundert die Beichte gesteigerte Bedeutung. Große Anziehungskraft für die deutschsprachigen Waldenser übte Anfang des 15. Jahrhunderts die Lehre des Jan Hus aus. Viele von ihnen schlossen sich deshalb den Hussiten an, insbesondere der hussitischen Gemeinschaft der Böhmischen Brüder (siehe auch: Friedrich Reiser). Danach existieren bis zur Wiederansiedelung der Waldenser im 17. Jahrhundert kaum mehr Hinweise auf Waldenser im deutschsprachigen Raum. In Europa hielten sich waldensische Gemeinschaften vor allem in unzugänglichen Gebirgstälern der französisch-italienischen Alpen, bis sie sich Anfang des 16. Jahrhunderts der Reformation anschlossen. 1532 gründeten die Waldenser in den Cottischen Alpen eine eigene reformierte Kirche. Schließlich wurde am 17. Februar 1848 den italienischen Waldensern in einem Patent von Karl Albert I., dem König von Piemont-Sardinien, die Glaubensfreiheit zugestanden.

Regionale Entwicklungen

Waldenser in Deutschland

Nach 1698 bildeten sich nach der Vertreibung von Waldensern und Hugenotten aus dem Piemont in Hessen unter anderem in Walldorf, Dornholzhausen (heute zu Bad Homburg vor der Höhe), Karlsruhe-Neureut, Württemberg und Charlottenberg in Deutschland neuerlich waldensische Gemeinden. Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg erlaubte den vertriebenen Waldensern die Ansiedelung in seinem Herzogtum. Unter der Leitung des Pfarrers Henri Arnaud besiedelten die Vertriebenen eine abgelegene, menschenarme Gegend im Nordwesten des Herzogtums, nahe dem Ort Ötisheim im jetzigen Ortsteil Schönenberg, in dem heute im ehemaligen Wohnhaus von Henri Arnaud ein Waldensermuseum beherbergt ist.

Die Waldenser pflanzten dort bei ihrer Ankunft unter anderem Kartoffeln an, die bis dahin von den Einheimischen nicht genutzt wurden. Somit hängt die Niederlassung der Waldenser in Süddeutschland unmittelbar mit der Verbreitung der Kartoffel zusammen. Der Einführung der Kartoffel wurde sogar eine Erinnerungstafel gewidmet, die in Schönenberg am Haus von Henri Arnaud angebracht ist.

Das Recht der freien Religionsausübung wurde den reformierten Waldensern ausdrücklich zugesichert. Die Gottesdienste wurden bis ins frühe 19. Jahrhundert in französischem Dialekt gehalten. Obwohl sich die württembergische Siedlung als die dauerhaftere erwies, ging auch sie im 19. Jahrhundert in der evangelisch-lutherischen Landeskirche auf. Zwischen Pforzheim und Stuttgart erinnern heute jedoch noch Ortsnamen wie Pinache, Perouse, Corres, Sengach, Serres, Groß- und Kleinvillars an die alten Waldenseransiedlungen. Auch im Großraum Karlsruhe findet sich eine Waldensersiedlung, Palmbach. Schon im Ortsbild mit seinen straßenseitigen Giebeln lässt sich die besondere Siedlungsstruktur der Waldenserdörfer noch heute in diesen Orten erkennen. Auch die französischen Familiennamen vieler Bewohner, wie Gille, Roux, Granget, Conle, Common, Jourdan, Piston, Richardon erinnern noch an die Herkunft aus Savoyen. In Stuttgart existiert zudem eine von der Landeskirche unabhängige italienischsprachige Waldensergemeinde mit 90 Mitgliedern.

Waldenser in Österreich

Auch in Österreich gab es im 13. und 14. Jahrhundert waldensische Gemeinschaften. Nachweisbar sind sie hier seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ihr Hauptverbreitungsgebiet lag im südlichen Donauraum vom Salzkammergut bis zum Wienerwald. In diesem Gebiet fand die Inquisition erstmals um ca. 1260 in über vierzig Pfarren waldensische Gemeinschaften vor, wovon viele mit halböffentlichen Versammlungszentren („Schulen“) ausgestattet waren.

Bis zum Einsetzen der Inquisition kann von einer Duldung der Nachbarn waldensischen Glaubens durch die katholische Mitbevölkerung ausgegangen werden. Die Inquisition von ca. 1260 drängte die Waldenser in den Untergrund, es kam zu zahlreichen Hinrichtungen. Neuerlich verfolgt wurden die Waldenser 1311–15 in den Gebieten um Steyr, St. Pölten, Wien und Krems sowie um etwa 1370 im Gebiet von Steyr, das in der österreichischen Ketzergeschichte als Hochburg des Waldensertums gesehen wird. Im Zuge der letztgenannten Verfolgungswelle kehrten einige hochrangige Mitglieder der Waldensergemeinde zum Katholizismus zurück und griffen ihre ehemaligen Mitbrüder in Pamphleten an. Unter dem Inquisitor Petrus Zwicker kam es von 1391 bis 1402 neuerlich zu schweren Verfolgungen, u.a. in Steyr, Enns, Hartberg (Steiermark), Ödenburg und Wien. 1397 wurden in Steyr zwischen 80 und 100 Waldenser verbrannt, woran dort ein 1997 errichtetes Denkmal erinnert. Im 15. Jahrhundert verlieren sich die Spuren der österreichischen Waldenser. Die Ursachen hierfür sind nicht geklärt. Vermutet wurde u.a. ein Aufgehen der österreichischen Waldenser im Hussitentum oder der durchschlagende Erfolg der Ketzerinquisition durch Petrus Zwicker.

Gegenwart

Weltweite Diaspora

In Folge der italienischen Auswanderungswelle 1880–1914 leben heute rund 13.300 Waldenser in Argentinien und Uruguay. Außerhalb Italien leben weltweit heute etwa 50.000 Mitglieder der Waldenser-Kirche, darunter 400 in sechs Gemeinden der Chiesa Evangelica di lingua italiana in der Schweiz. Hinzu kommen einige Waldenser, die sich, wie in Deutschland (ca. 4.000), Frankreich und in den US-Bundesstaaten New York und North Carolina dortigen evangelischen Kirchen angeschlossen haben.

Waldenser in Deutschland

Deutsche Waldensergemeinden befinden sich u.a. in Neuhengstett, Karlsruhe-Neureut, Charlottenberg, Schwabendorf, Todenhausen, Mörfelden-Walldorf, Dornholzhausen, Ötisheim-Schönenberg mit Sitz der Deutschen Waldenservereinigung, Ober-Ramstadt-Rohrbach, -Wembach und -Hahn, Waldensberg, Palmbach, Großvillars, Kleinvillars, Nordheim-Nordhausen, Perouse, Pinache, Sengach, Serres, Wurmberg mit ehemaligem Waldenser-Ortsteil Lucerne, Gewissenruh und Gottstreu, wo seit 1991 auch ein Waldensermuseum besteht.

Die italienischen Waldenser heute

Nach der Zuerkennung ihrer religiösen Rechte im Jahre 1848 gründeten die Waldenser in ganz Italien verschiedene soziale Einrichtungen, darunter Altenheime, Kinderheime, Schulen und Begegnungszentren wie zum Beispiel Agape bei Turin. Um diese herum entstanden die heutigen Gemeinden der waldensischen Diaspora, die in ganz Italien verstreut sind. Geographisches Zentrum der Waldenser bilden nach wie vor die sogenannten waldenser Täler in den Cottischen Alpen westlich von Turin, wo sich die meisten und größten Gemeinden finden. Das theologische Zentrum in Form einer theologischen Fakultät liegt dagegen in Rom, wo auch die tavola – die demokratisch gewählte Kirchenverwaltung und der gewählte Repräsentant, der moderatore, ihren Sitz haben.

1855 entstand in Torre Pellice eine theologische Fakultät, welche schließlich 1922 nach Rom verlegt wurde. Während des Faschismus (1922–1945) wurden die Waldensergemeinden unter staatliche Beobachtung gestellt; Protestanten durften auf Grund der privilegierten Beziehung des Regimes zur katholischen Kirche keine öffentlichen Ämter bekleiden, die französische Sprache wurde auch im Gottesdienst und die Kirchenpresse wurde verboten. Viele piemontesische Waldenser schlossen sich daher während des Zweiten Weltkrieges der Resistenza gegen das Regime Mussolinis und die deutsche Besatzung Norditaliens an, dort vor allem den Partisanengruppen der Partito d'Azione, was bei den faschistischen Behörden zu der Ansicht „I valdesi sono tutti ribelli – Die Waldenser sind alle Rebellen“ führte. Die volle Freiheit der Religionsausübung erhielten die Waldenser erst 1984. Damit ging eine mehr als 800-jährige Zeit der Verfolgung, Vertreibung und Unterdrückung zu Ende.

Im Januar 2005 wurde in der norditalienischen Stadt Pinerolo bei Turin ein Denkmal zur Erinnerung an die Verfolgung der Waldenser durch die katholische Inquisition enthüllt. Es ist das erste ökumenische Monument in Italien überhaupt und wurde von der Waldenserkirche und dem römisch-katholischen Bischof von Pinerolo in Auftrag gegeben. Die vom österreichischen Bildhauer Gerald Brandstötter in Bronze gestaltete Rundplastik hat die Form einer großen Flamme und soll die Verbrennung der Waldenser durch die Inquisition darstellen. Hoffnung und Versöhnung symbolisiert eine Mädchengestalt mit erhobenen Händen und mit Blick zum Himmel.

Zeittafel zur Geschichte der Waldenser

Jahr Ereignis
1177 Valdes wird Wanderprediger und begründet die Glaubensgemeinschaft in Lyon.
1179 Die Waldenser ersuchen Papst Alexander III. um die Genehmigung ihrer Predigttätigkeit.
1182 –1183 Vertreibung der Waldenser aus Lyon. Beginn der Ausbreitung der Gemeinschaft.
1184 Papst Lucius III. verurteilt auf der Synode von Verona die Waldenser erstmalig als Ketzer.
1218 Valdes stirbt vor diesem Datum. Die Waldenser halten in diesem Jahr in Bergamo eine Konferenz über Glaubens- und Organisationsfragen ab.
1231 Waldenser sind in Trier. Erste sichere Nachricht über Waldenser in Deutschland.
1335 –1353 Verfolgung der Waldenser in Südböhmen unter Inquisitor Gallus von Neuhaus
1391 –1398 Schwere Verfolgungen in Deutschland und Österreich durch die Inquisition unter Petrus Zwicker
1532 Die Waldenser der Cottischen Alpen, des Luberon und Kalabriens schließen sich der Reformation an.
1545 Verfolgung der Waldenser im Luberon
1561 Die waldensischen Gemeinden in Kalabarien werden ausgelöscht.
1655 Viele Waldenser des Piemont fallen einem Massaker zum Opfer.
1685 Der französische König Ludwig XIV. (Louis XIV.) verbietet die Evangelisch-reformierte Kirche im Chisonetal. Die dort ansässigen Waldenser fliehen in die Schweiz und nach Deutschland.
1687 Die piemontesischen Waldenser werden durch den Herzog von Savoyen vertrieben.
1689 Glorreiche Rückkehr – Die piemontesischen Waldenser verlassen ihr Schweizer Exil und kehren zurück.
1698 Die französischen Waldenser werden wieder aus dem Piemont vertrieben. Sie finden Aufnahme in Deutschland.
1699 – 1701 In Südhessen, Württemberg und Baden kommt es zur Gründung von Waldenserkolonien.
1805 –1830 Ende der deutschen Waldensergemeinden; sie werden in die bestehenden evangelischen Landeskirchen integriert.
1848 Die Waldenser werden im Piemont den anderen Bürgern gleich gestellt.
1984 Nach über 800 Jahren wird den Waldensern in Italien aufgrund der Intesa, eines Abkommens mit dem italienischen Staat, die freie Religionsausübung gestattet.

Literatur

 Wiktionary: Waldenser – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik