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Reclams Universal-Bibliothek

Als Reclam-Hefte bezeichnet man die Bücher der Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags. Bei äußerster Sparsamkeit in der Ausstattung werden hier deutsche und internationale Literatur zu einem günstigen Preis angeboten und finden besonders in der schulischen und universitären Bildung häufig Verwendung.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Herausgabe der Universal-Bibliothek durch den Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig begann am 10. November 1867 mit dem 1. Teil der Tragödie Faust von Johann Wolfgang von Goethe (das Werk bildet bis heute Band 1 der inzwischen weit über 2000 Bände umfassenden Sammlung). Der von Anfang an extrem niedrige Preis (2 Silbergroschen je Band) konnte gewährleistet werden, da durch Gesetz des Deutschen Bundes vom 9. November 1867 alle literarischen Werke gemeinfrei wurden, deren Verfasser vor 30 oder mehr Jahren verstorben war. Daher brauchte weder eine Vergütung für die Autoren gezahlt, noch mussten von einem anderen Verlag Nutzungsrechte gekauft werden. Damit entfiel ein wesentlicher Kostenpunkt bei der Herausgabe von Büchern.

Der Verlag achtete von Anfang an darauf, dass in der Sammlung ein gewisses qualitatives Niveau gehalten wurde, so dass Reclam über zahlreiche Konkurrenten auf dem "Billigbuch-Sektor" die Oberhand behielt. So waren neben klassischer und bald auch moderner Literatur auch wissenschaftliche, juristische (Gesetzestexte) und philosophische Werke sowie Opernlibretti im Programm.

Nach Einführung der Mark als Reichswährung belief sich der Preis auf 20 Pfennig.

Ab 1912 gab es zur Absatzförderung neben dem Verkauf über dem Ladentisch auch die sogenannten Automatenbücher, die aus bis zu 2000 (Stand 1917) Verkaufsautomaten, vor allem auf Bahnhöfen als Reiselektüre erworben werden konnten, um jedem Freund guter Bücher den Genuß gehaltvoller Lektüre auf Reisen und für Stunden flüchtiger Unterhaltung bequem und billig [zu] vermitteln, wie der Klappentext anpries.

1947 wurde der Verlag, wie viele, in einen Ost- und einen Westzweig getrennt (bis 1992). Es gab jetzt zwei Reihen: in Leipzig und vom neuen Sitz in Stuttgart aus.

Umschlaggestaltung

Allgemein

Die Umschläge der Universal-Bibliothek waren und sind einheitlich gestaltet, wobei das Design 1917, 1936, 1949, 1957, 1970 und 1988 grundlegend überarbeitet wurde. 1949 nahm man dabei Abschied von der Fraktur, 1970 erfolgte der Wechsel von hellbraun auf das bis heute charakteristische Gelb. Während bis 1988 ein Klappentext gänzlich fehlte oder in früher Zeit nur aus Verlagswerbung bestand, ist man hier inzwischen dazu übergegangen, den "Einband" mit kurzen Werkinformationen (Rückseite) und einer zum Werk passenden Vignette (Vorderseite) zu bedrucken.

Neben den broschierten Heften waren die Veröffentlichungen bis in die 1990er Jahre auch als solide gebundene Bücher in Ganzleinen (bis ca. 1900 reich verziertes Kaliko mit goldener Titelvignette, goldgeprägtem Rückentitel und marmoriertem Kopfschnitt, später Buchbinderleinen, ab ca. 1920 in blauen Bänden ohne Goldverzierung) sowie in Prachtbänden aus geprägtem Ganzleder erhältlich.

Die bereits erwähnten Automatenbücher, die aus heutiger Sicht aber Episode blieben, waren in der ersten Phase des Verkaufes rosa. Später, im Rahmen von Preissteigerungen wurde für die Automatenhefte ein eigenes Design (Tapentenmuster) entwickelt. Dabei wurden vollständige Bücher der UB übernommen, wenn sie eine bestimmte Seitenzahl nicht überstiegen oder es wurden aus Bücher der UB Ausschnitte zu einem weniger seiten umfassenden Bändchen zusamenngestellt. Dieses wurde gerne bei Erzählungen und Gedichten gemacht.

Heutige Farbgebung

Kulturgeschichte

Das Reclam-Heft war und ist aus dem Bildungsbetrieb in Deutschland kaum wegzudenken. Der günstige Preis macht das Buch zu einem Gebrauchsgegenstand, wenn nicht gar zu einem Verbrauchsgut, da es (z.B. im Rahmen der Schullektüre) getrost bemalt, bekritzelt, mit Randbemerkungen und Unterstreichungen versehen und, bei sich abzeichnendem Zerfall, auch weggeworfen werden kann. Ein bibliophiler Wert wird ihm in der Regel nicht beigemessen. Die einfache Aufmachung bringt also mit sich, dass die Bände nicht so dauerhaft sind wie gebundene Bücher. Folglich überdauerten gerade die frühen Ausgaben die Zeitläufte nicht so gut wie gleichalte Bücher herkömmlicher Machart. Gerade in Krisenzeiten (1. Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise, 2. Weltkrieg, Nachkriegszeit nach 1945) wurden minderwertige Papiersorten verwendet. Jedoch konnte dadurch der durchweg niedrige Preis gehalten und auch ärmeren Schichten die Möglichkeit gegeben werden, ihren Bildungshunger zu befriedigen, obgleich die Geldmittel hierfür knapp bemessen waren. Insofern kamen die Reclam-Hefte insbesondere in den genannten Zeitperioden eher dem aktuellen Lesebedarf, nicht aber dem Aufbau einer dauerhaften Bibliothek entgegen.

Literatur