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Kastrat

Als Kastraten bezeichnete man einen Sänger, der vor der Pubertät der Kastration unterzogen worden war, damit der Stimmwechsel unterblieb und seine Knabenstimme (Sopran oder Alt) erhalten blieb. So erlangte der junge Mensch die Größe eines Erwachsenen, behielt aber die hohe Stimme und konnte mit ihr so kräftig singen wie ein Mann.

Inhaltsverzeichnis

Problematische Praxis

Schon von der Spätantike an wurden vor allem in Italien viele Knaben kastriert, mit dem Ziel, ihnen eine Laufbahn als erfolgreicher Sänger zu ermöglichen. Dafür bot die Kastration freilich nicht die geringste Gewähr. Da der Eingriff vor Einsetzen der Pubertät vorgenommen werden musste, war nicht abzusehen, wie sich Stimme und das musikalische Talent des betroffenen Knaben entwickeln würden.

Nur die wenigsten der vielen Tausend Kastraten fanden den Weg auf die Bühne. Diese begeisterten jedoch mit „überirdischer Stimme“ ihr Publikum über die Maße. Wie die außergewöhnlichen Zwitterwesen sich menschlich und emotional fühlten, darüber kann man heute nur spekulieren.

Den weitaus meisten Kastrierten gelang die erhoffte Sängerkarriere nicht, und die verstümmelten Männer hatten ein schweres Leben. Selbstverständlich waren es nach einer Kastration nicht allein die Stimmbänder, deren Wachstum anders verlief. Dem männlichen Körper fehlten in der entscheidenden Wachstumsphase wichtige Hormone: Viele Kastrierte wurden übermäßig groß und dick, waren Riesen mit einer mächtigen Kinderstimme.

Geschichte

Kastraten in der Kirchenmusik

Im Christentum lehnte die Mehrzahl der Gelehrten die Kastration ab, es gab aber auch Befürworter (siehe Eunuchen für das Himmelreich). Erst Papst Sixtus V. hat am 7. Juni 1587 ein eindeutiges Verbot erlassen. Doch schon 1588 war ein Kastrat päpstlicher Sänger, und noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Knaben kastriert. Den Opfern der verbotswidrig fortgesetzten Praxis boten von Clemens VIII. an die Päpste eine Existenz in der päpstlichen Kapelle als Sänger für hohe Stimmen. 1922 starb Alessandro Moreschi, der letzte Kastrat der päpstlichen Kapelle und der einzige, von dem Tondokumente erhalten sind.

Kastraten seit dem Barock

Kastraten waren im europäischen Musikleben des 17. und 18. Jahrhunderts beliebt und genossen oft hohes Ansehen. Zu den berühmtesten Kastraten des 18. Jahrhunderts zählen Senesino, Farinelli, Caffarelli und Antonio Bernacchi. Sie gehörten zu den ersten Superstars der Musik, ihr Genre war vorzugsweise die Oper.

Ersatz im 20. Jahrhundert

Seit der Abschaffung der Kastrationspraxis stellt die Besetzung von Männerrollen in Sopran- oder Altlage ein besonderes Problem für die Aufführung Alter Musik dar. Im 20. Jahrhundert war es lange üblich, solche Rollen in typische Männerlagen zu transponieren, um den von Werken des 19. Jahrhunderts geprägten Hörerwartungen zu entsprechen (→ Heldentenor). Mit der Entwicklung der Historischen Aufführungspraxis hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass eine Änderung der Stimmlage die Struktur der Musik beeinträchtigt – insbesondere etwa bei Liebesduetten in Barockopern, bei denen die beiden Stimmen oft in der gleichen Lage miteinander verwoben sind. Deshalb behilft man sich mit Frauenstimmen oder Countertenören, deren Falsett aber deutlich anders klingt als eine Knabenstimme, wie Kastraten sie hatten.

Die Möglichkeiten digitaler Klangmanipulation wurden im Film über den Kastraten Farinelli (1994) angewandt, um aus den Stimmen einer Sopranistin und eines Countertenors eine synthetische Kastratenstimme zu mischen. Grundlage dafür waren Tondokumente des letzten Kastraten Moreschi und zeitgenössische Beschreibungen. Eine grundliegende Idee der Kastratenstimme im 17. Jahrhunderts war es, eine Stimme zu schaffen, die alles Menschenmögliche übersteigt. Insofern kommt die Idee, für den Film technisch eine Stimme zu kreieren, die es in der Realität nicht gibt, nämlich die Mischung von weiblicher Sopran- und männlicher Altus-Stimme, der historischen Kastraten-Stimme nicht nur auf eine sehr originelle, sondern auch technisch sehr aufwändig realisierte Art nahe.

Kastraten als Thema in der Literatur

Siehe auch

Literatur