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Pragmatismus

Der Pragmatismus (von griech. pragma „Handlung“, „Sache“) bezeichnet eine philosophische Grundhaltung, die das Erkennen und die Wahrheitsbildung eng mit den Handlungen, die in der Lebenswelt ausgeführt werden, verbindet und in der gelebten Erfahrung Gründe für Theoriebildungen und deren Veränderungen im Laufe der Zeit findet. Eingeführt wurde der Begriff im Jahr 1898 in einer Vorlesung von William James, der jedoch ausdrücklich Charles Sanders Peirce (1839–1914) als den Begründer dieser Philosophie benannte und auf dessen Veröffentlichungen im Jahr 1878 verwies. Da die Lehre des Pragmatismus jedoch von mehreren anderen Autoren in einer Form verwendet wurde, die mit der ursprünglichen Definition des Erfinders nicht übereinstimmte, benutzte Ch. S. Peirce später das Wort Pragmatizismus, um seine Lehre zu bezeichnen. Weitere Vertreter des Pragmatismus sind Ferdinand Canning Scott Schiller, Josiah Royce, George Herbert Mead und insbesondere John Dewey sowie in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts Willard Van Orman Quine, Hilary Putnam und Richard Rorty.

Wie bei anderen philosophischen Strömungen ergeben sich für die einzelnen Positionen einige grundlegende Gemeinsamkeiten in den Auffassungen, bei der Betrachtung der Einzelheiten zum Teil jedoch erhebliche Unterschiede. So vertraten Peirce und Royce idealistische Positionen, während James, Schiller und Dewey als Empiristen einzustufen sind. Quine vertrat eine stark analytische und zugleich skeptische Position, während Rorty vorwiegend mit einer relativistischen Haltung verbunden wird. Putnam wiederum vertritt eine Philosophie mit größerer Nähe zu Peirce und James, hat aber zugleich ein erhebliches Gewicht in der Diskussion zur neueren Philosophie des Geistes.

Pragmatismus muss von Pragmatik unterschieden werden, die in der Linguistik eine der drei Untergruppen der Semiotik ist. Pragmatismus ist dagegen eine philosophische Einstellung.

Inhaltsverzeichnis

Das pragmatistische Weltbild

Nach den Ansichten der Pragmatisten beziehen sich alle Urteile, Anschauungen, Vorstellungen, Begriffe u. a. auf jeweils handelnde Menschen. Sie erweisen sich bei kritischer Sicht auf diese Handlungen als Aussagen über das Tätigsein und das Verhalten, auch wenn es immer wieder illusionäre Theorien gibt, die aus einer Letztbegründung oder transzendentalen Sphäre heraus Erkennen unabhängig von Handlungen und Lebenswelt zu begründen trachten. Am Pragmatismus gibt es die Kritik, dass er aus der Haltung des Skeptizismus heraus (dass es dem Menschen nie glaubhaft gelungen sei, die Realität wirklich hinreichend so abzubilden, dass es zur Übereinstimmung mit der Realität gekommen sei), die Erkenntnis relativiere. Aber hier ist zu bedenken, dass der Pragmatismus keineswegs eine skeptische, sondern eine vor allem handlungsbezogene und zugleich demokratisch orientierte Theorie ist. Insoweit ist zwar die grundsätzliche Relativität der Wirklichkeitskonstruktionen in Abhängigkeit vom Zeitalter und Kontexten vom Pragmatismus ähnlich wie vom Konstruktivismus zugestanden, aber dies führt keineswegs zu einer relativistischen Weltanschauung. Pragmatisten haben mehr als andere philosophische Theoretiker sich umfassende Gedanken über die Demokratie und notwendige Demokratisierungen gemacht, was insbesondere durch das Werk John Deweys ausgedrückt wird. Dabei wird das Kriterium der Wahrheit auch nicht einseitig zum Kriterium der Nützlichkeit, des Nutzens, des Erfolges, wie immer wieder behauptet wird. Man würde die pragmatistische Theorie entstellen, wenn man sie so ihres Kontextes beraubt. Zwar drückt James seine Auffassung über die Wahrheit so aus:

„Wahr ist das, was sich durch seine praktischen Konsequenzen bewährt.“

Oder mit anderen Worten (James):

„Eine Vorstellung ist wahr, solange es für unser Leben nützlich ist, sie zu glauben!"

Aber diese Aussage bedeutet nicht, dass nun alles auf Nützlichkeit reduziert wird. Bei Dewey wird deshalb besonders die Idee des Wachstums ("growth") benutzt, um auszudrücken, dass Menschen ihre Erfahrungen in der Lebenswelt so gemeinsam gestalten müssten, dass ein Wachstum für alle Gesellschaftsmitglieder erreicht werden kann und nicht bloß ein Nutzen für wenige.

Europäern fällt es nicht leicht, Wahrheit mit Nützlichkeit in Beziehung zu setzen. Der Nützlichkeitsbegriff des Amerikaners ist aber viel weiter als der des Europäers. Es ist nicht falsch, für die Formel, "was nützlich ist, das ist wahr", versuchsweise die Formel, "was gut ist, das ist wahr", einzusetzen. Bewährung meint letztlich Güte der Erkenntnis.

Weitere Strömungen

Der Instrumentalismus ist eine aus den USA stammende Ausprägung des Pragmatismus, deren Ursprünge auf John Dewey zurückgehen. Nach dem Instrumentalismus ist aber keineswegs, wie oft fälschlich dargestellt wird, alles menschliche Denken und jegliche Begriffsbildung nur eine Anpassung an die Realität. Die Gedanken sind auch nicht nur Werkzeuge zur Beherrschung von Natur und Menschen. Dewey weist vielmehr in seinen sehr umfassenden Schriften darauf hin, dass die Menschen die Realität zunächst immer erzeugen, bevor sie wieder in den Kreislauf einer Nachahmung oder Anpassung zurückfällt. Seine Vision richtet sich darauf, die Realität grundsätzlich zu demokratisieren und die Welt kritisch zu betrachten, um nicht auf bloße Übernahme von Konventionen zu verfallen. In dieser Hinsicht ist Dewey deshalb heute auch für viele kritische Philosophen wie z. B. Jürgen Habermas wieder interessant geworden.

Die Entwicklung des Pragmatismus ist vielgestaltig. Richard Rorty z. B. ist einen sehr eigenen Weg gegangen, um den Pragmatismus als eine eher relativierende Weltsicht zu begründen. Andere Richtungen bemühen sich stärker, an die klassischen Werke der Pragmatisten anzuknüpfen. Schwierig für die deutschsprachige Rezeption ist es, dass die Klassiker sehr schlecht übersetzt wurden, was die Rezeption erschwert.

Kritik

Die Reduzierung der Wahrheit und die Ausklammerung der Moral auf den vom Interesse des einzelnen oder einer Gruppe von Menschen her bestimmten Nutzen und Erfolg ist der entscheidende Moment der Lebensphilosophie des Pragmatismus. Bei konsequenter Anwendung des Pragmatismus in der täglichen Praxis würde sich ein völliger Relativismus einstellen, der geeignet ist, alle Handlungen zu rechtfertigen, solange sich diese als nutzbringend, erfolgreich oder bewährt herausstellen.

Die Frage der sittlichen Bindung und Gestaltung für die staatlichen Prozesse wird ebenfalls nicht in Betracht gezogen. Würde zum Beispiel eine Rechtsprechung an die Prinzipien des Pragmatismus gebunden, so könnten sich erhebliche Brüche der angelsächsischen Rechtstradition bezüglich der Bestandsnormen des Eigentums ergeben. Insofern kann auch ein Element des Irrationalismus im Pragmatismus enthalten sein, unter der Bedingung, dass Eigentum als rationales Element wahrgenommen wird.

Gegenkritik

Dem Pragmatismus wird Unrecht getan, wenn er auf die alltägliche Bedeutung des Begriffes "pragmatisch" reduziert wird. Pragmatisches Denken als Mittel zur zweckgerichteten Wahrheitsfindung muss sorgfältig abgegrenzt werden von nur als "pragmatisch" bezeichneten Denkweisen, die vorwiegend der Minderung kognitiver Dissonanz und der Vermeidung von Verantwortung dienen.

Ausklammerung der Moral bedeutet nicht, dass der „Unmoral“ der Weg bereitet werde, sondern ermöglicht die Klärung von Sachverhalten zunächst erst einmal frei von umstrittenen normativen Kriterien. „Pragmatisch“ an diesem Ansatz ist, dass im Gespräch dann oft schon durch gemeinsame logische Schlüsse, Priorisierung von Interessen und Abklärung von Grenzbedingungen Lösungen gefunden werden, ohne dass zuvor eine Übereinkunft im normativen Bereich erreicht werden muss. In diesem Sinn kann gerade der Pragmatismus dann auch als Vorbereitung zu normativen Debatten über moralische Fragen dienen, denn solche Debatten können nach Vorabklärung nicht-normativer Fragen ehrlicher und effizienter geführt werden.

Gerade John Dewey hat sich sehr umfassend mit Fragen der Moral und der politischen Verfassung der modernen Gesellschaft befasst. Die Reduzierung des Pragmatismus auf eine Nützlichkeitsideologie ist eine unzulässige Vereinfachung. Im Kontext der sozialen Dimension von Erziehung und Bildung tritt John Dewey ein für eine Stärkung der sozial-ethischen Verpflichtungen des Menschen, die eine stets neu zu erprobende Balance von individuellen und sozialen Ansprüchen erfordern. John Deweys Werk wird heute in großen Teilen der englischsprachigen Gesellschaftswissenschaften und zunehmend in den europäischen und deutschen Sozial- und Erziehungswissenschaften wieder breit rezipiert. Dabei gibt es eine rege Debatte zwischen dem Pragmatismus und dem Kommunitarismus.

Literatur

Zu umfassenderen Literaturlisten siehe Weblinks