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Palatalisierung

Palatalisierung ist ein Begriff, der sowohl in der synchronischen als auch in der diachronischen Sprachwissenschaft benutzt wird.

Allgemein bezeichnet man mit Palatalisierung die stellungsbedingte Änderung eines Lautes durch Hebung des Zungenrückens in Richtung des harten Gaumens, lat. palatum.

Die Palatisierung wird in der IPA-Lautschrift mit dem Zeichen [ʲ] dargestellt: [, , ] etc. In der Keltologie und in der Slawistik wird üblicherweise eine Umschrift mit den Konsonanten nachgestellten Strichen verwendet: /g’/, /d’/, /f’/ usw. im Gegensatz zu /g/, /d/, /f/ usw.


Inhaltsverzeichnis

Sprachen mit palatalen Phonemen

Den Vorgang der Palatalisierung, bei denen also zur Primärartikulation zusätzlich der Zungenrücken an den harten Gaumen angenähert wird, bezeichnet man in der Phonetik als Sekundärartikulation. Auch im Deutschen, wie auch in den anderen Sprachen der Welt, kommt es zu stellungsbedingter Palatalisierung von Konsonanten. So besteht ein Unterschied zwischen dem /k/ in Kuh und in Kiel. Bei der Aussprache des /k/ im Kiel bewegt sich die Zunge in Vorwegnahme des /i/ in Richtung des harten Gaumens. Jedoch ergibt sich im Deutschen bei („falscher“) Verwendung des jeweils anderen Lautes keinerlei Bedeutungsunterschied. In manchen Sprachen hat dieser Vorgang allerdings eine distinktive, das heißt, unterscheidende Funktion.

Palatalisierung in der russischen Sprache

Die Palatalisierung von Konsonanten hat in der russischen Sprache, im Weißrussischen und im Ukrainischen eine phonematische Funktion. Fast alle Konsonanten werden im Russischen in einer harten oder weichen (palatalisierten) Form gesprochen. Beide Aussprachevarianten der jeweiligen Konsonantenlaute sind bedeutungsunterscheidend, das heißt die Palatalisierung ist hier phonologisiert.

Ein russisches hartes „p“ und ein palatisiertes (weiches) „p“ sind zwei verschiedene Phoneme der russischen Sprache. So unterscheiden sich цеп [ʦɛp] („Dreschflegel“) und цепь [ʦɛpʲ] („Kette“) durch die unterschiedliche Aussprache des п.

Palatalisierung in den goidelischen Sprachen

In den goidelischen Sprachen, d. h. im Irischen und im Schottisch-Gälischen, im Manx jedoch nur noch zum Teil, werden palatalisierte von nicht-palatalisierten Konsonanten immer und in jeder Position phonemisch unterschieden. Das heißt, in diesen Sprachen gibt es vollständig phonemisierte Doppelreihen von Konsonanten. Die einzige Ausnahme bildet in vielen Dialekten das „h“, da eine Palatalisierung des „h“ aufgrund seiner Physiologie als Hauchlaut nicht möglich ist. Ersatzweise wird in den anderen Dialekten der Laut /x’/ (/ç/) verwendet, um keine Leerstelle im Doppelsystem entstehen zu lassen.

Dieses Merkmal der goidelischen Sprachen ist bereits im archaischen Irisch (vor ca. 600 n.Chr.) während komplexer phonologisch-morphologischer Prozesse durch Apokope (Endsilbenwegfall) und Synkope (Binnensilbenwegfall) entstanden. Im 1974 ausgestorbenen, aber wiederbelebten Manx ist die Palatalität nur noch in einigen Fällen phonemisch.

Bemerkenswert ist dabei, dass sich durch das Vorhandensein/die Abwesenheit der Palatalisierung in einem Konsonanten nicht nur lexikalisch auswirkt, sondern auch grammatisch-morphologisch. So werden zum Beispiel in der ersten nominalen Flexionsklasse der Genitiv und der Plural ausschließlich durch Palatalisierung des Auslautes gebildet: amhrán /aura:n/ („Lied“, Nom. Sg.) und amhráin /aura:n’/ („Liedes“ bzw. „Lieder“, Gen. Sg. und Nom. Pl.).

Jedoch muss bei jedem einzelnen Konsonanten jedes Wortes die Palatalität unterschieden werden. Konsonantengruppen werden stets als Ganzes palatalisiert bzw. nicht palatalisiert gesprochen. In der Schreibung wird dies im Irischen und im Schottischen fast immer durch Umgebung von „a“, „o“ und/oder „u“ (nicht palatalisiert) bzw. „e“ und/oder „i“ (palatalisiert) auf beiden Seiten des Konsonanten/der Konsonantengruppe kenntlich gemacht. Diese Buchstaben werden bisweilen nur zu diesem Zweck eingefügt und dann nicht gesprochen. Im Manx ist dies aufgrund der auf dem Englischen beruhenden Orthographie nicht der Fall.

Bemerkenswert ist die Rolle der Palatalität in der Lyrik. In der traditionellen irischen Lyrik reimen sich die Wörter entsprechend den in den Traktaten zur Lyrik beschriebenen Konsonantenklassen, die sich von heutigen Klassifizierungsmustern zum Teil deutlich unterscheiden. Palatalisierte und nicht palatalisierte Versionen eines Konsonanten gehören jedoch nicht einer Klasse an und können sich daher nicht reimen. So reimt sich dhamh /ɣav/ zwar mit gar /gar/ (/v/ und /r/ gehörten einer Klasse an), jedoch nicht mit déanaimh /d’eːniv’/.

Sprachgeschichtlicher Lautwandel durch Palatalisierung

In diachronischer Betrachtung wurde festgestellt, dass sich im Laufe der Entwicklung die Laute einer Sprache ändern. Einer der phonetisch bedingten Gründe, die zu Lautveränderungen einer Sprache beitragen, ist die Palatalisierung.

Palatalisierungsprozesse im Altenglischen

Ein Beispiel für diese Art der Palatalisierung ist das Altenglische: aus griechisch kyriakos wurde altenglisch cirice ([tʃɪrɪtʃɛ]). Durch Palatalisierung ist auch der Unterschied zwischen englisch chin und deutsch Kinn zu erklären.

Palatalisierung liegt auch im Falle des Unterschieds zwischen altenglisch dæg und deutsch Tag vor, da infolge der Palatalisierung des /-g/ zu /-gj/ und später /-j/ eine Hebung der Zunge gegen das Palatum erfolgte und das /a/ sich in /æ/ änderte.

Palatalisierungsprozesse im Slawischen

Im Urslawischen gibt es mehrere Palatalisierungsschübe, deren Auswirkungen zu markanten Merkmalen der slawischen Sprachen gegenüber den anderen indoeuropäischen Sprachen wurden. Bei den Palatalisierungen des Urslawischen wurden die Velare /g/, /k/ und /x/ zu /ʒ/, /tʃ/ und /ʃ/ bzw. /z/, /ts/ und /s/, die durch vorangehende bzw. folgende Vokale der vorderen Reihe ausgelöst wurden. Die j-Wirkung betraf neben den Velaren auch andere Konsonanten.

Erste Palatalisierung

Die erste Palatalisierung hat regressive Wirkrichtung, d. h. sie ein Vokal wirkt auf einen vorangehenden Velaren. Auslöser sind die Vokale der vorderen Reihe. Zusätzlich zu den oben genannten Velaren entwickelte sich die Konsonantengruppe sk dabei zu šč (heute durch das russische Graphem щ ausgedrückt) weiter.

Beispiel:

weitere Beispiele im Neurussischen: bog vs. božij, pekar' vs. pečka, ploskij vs. ploščad'

Zweite Palatalisierung

Die zweite Palatalisierung hat ebenfalls regressive Wirkrichtung. Ausgelöst wird sie von den Vokalen ě und i, sofern diese aus den indoeuropäischen Diphthongen ai̯̯ oder oi̯ entstanden sind.

Beispiel:

Die zweite Palatalisierung wurde im Deklinationsparadigma und im Imperativ des Russischen wieder rückgängig gemacht (vgl. na oblakach, na noge), ist jedoch in anderen slawischen Sprachen erhalten geblieben.

Dritte Palatalisierung

Die dritte Palatalisierung hat progressive Wirkrichtung, d. h. ein Vokal (in diesem Falle ь, i und ę) wirkt auf einen nachfolgenden Velaren.

Beispiel:

Vierte Palatalisierung

Die vierte Palatalisierung ist ein Sonderfall der zweiten Palatalisierung, jedoch steht zwischen Velarem und Vokal der Konsonant v. Es handelt sich somit um eine Fernassimilation und nicht, wie bei den anderen Palatalisierungen, um eine Kontaktassimilation.

Für die 4. Palatalisierung gibt es lediglich zwei Beispiele:

j-Wirkung

Bei der so genannten j-Wirkung wird ein Konsonant durch ein nachfolgendes j palatalisiert. Neben den Velaren betrifft dies auch andere Konsonanten. Im heutigen Russisch sind die Produkte dieses Lautprozesses z.B. in den Formen der 1. Person Singular vieler Verben der i-Konjugation sichtbar (Beispiel: platit' vs. plaču). Bei den Labialen erfolgt unter der j-Wirkung der Einschub eines l (Beispiel: ljubit' vs. ljublju). Ein solches, so genanntes L-Epenthetikum liegt auch im Namen der russischen Stadt Jaroslawl vor (Jaroslavjь > Jaroslavlь), die nach ihrem Gründer Jaroslaw dem Weisen benannt ist.

Quellen